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AFFÄREN Bares fürs Amt

Der Strabag-Konzern steht unter Korruptionsverdacht. Beim Autobahnbau sollen Beamte bestochen worden sein - womöglich mit Wissen von Vorständen.
aus DER SPIEGEL 6/2007

Alles sah nach einer richtig guten Woche aus für Hans Peter Haselsteiner und seine Wiener Strabag-Holding. Der Kauf einer polnischen Baufirma war unter Dach und Fach, bei einem Millionen-Projekt im arabischen Dubai begannen die Kräne sich zu drehen, die Aktie der deutschen Strabag AG schoss nach oben.

Doch Nachrichten aus Deutschland vermiesten die Stimmung des Kärntner Bauunternehmers gründlich. Die erste dieser Hiobsbotschaften erreichte Haselsteiner am vorigen Dienstag, es war die vorübergehende Verhaftung zweier langjähriger Strabag-Manager wegen Korruptionsverdachts. Die nächste Meldung kam zwei Tage später aus der Kölner Deutschland-Zentrale: Staatsanwälte und Polizisten krempelten die Büros eines Vorstands und der Revisionsabteilung um und sackten die Abrechnungsunterlagen zu zwei Autobahnprojekten in Sachsen ein.

Und das war noch nicht alles: Auch in der Berliner Zentrale der Deges, einer Projektmanagementgesellschaft des Bundes und der ostdeutschen Länder, wurden die Beamten vorstellig; ins Dresdner Autobahnamt Sachsen kamen die Fahnder gleich mit zwei Haftbefehlen. Kurzzeitig wurden wegen des Verdachts der Bestechlichkeit zwei leitende Mitarbeiter festgenommen.

Die Aktionen der vorigen Woche waren der bisherige Höhepunkt eines Ermittlungsverfahrens, das inzwischen auch Einrichtungen des Bundes und der Länder erreicht, Bau- und Autobahnämter, die Millionenaufträge immer wieder an die Strabag vergeben. Allein in Deutschland macht die Strabag jährlich über vier Milliarden Euro Umsatz.

Seit Jahren ermittelt die Staatsanwaltschaft Chemnitz wegen des Verdachts auf Betrügereien in Millionenhöhe beim Ausbau der Autobahn 72 Chemnitz-Hof; der Chemnitzer Ex-Strabag-Projektmanager Günter Ibler sitzt seit über einem Jahr in Haft (SPIEGEL 27/2006). Dabei geht es nicht nur um die klassischen Wirtschaftsstraftaten Untreue, Betrug und Steuerhinterziehung - sondern auch um die Bildung einer kriminellen Vereinigung.

Wie eine Mafia-Bande sollen - so der Verdacht der Ermittler - Strabag-Manager in Ostdeutschland mit ihren Subunternehmern ein System ausgeheckt haben, mit dem der Staat um mindestens 27 Millionen Euro abgezockt worden sein soll: mit fingierten Rechnungen, Tarnfirmen, schwarzen Kassen und Schmiergeldzahlungen in Millionenhöhe an Bauaufsicht und staatliche Auftraggeber. Inzwischen geht es auch um die Frage, ob und wer in der Kölner Strabag-Chefetage was vom mutmaßlich kriminellen Treiben in den Niederlassungen gewusst hat.

Vor allem ein Vorgang macht die Ermittler hellhörig. In der Leipziger Strabag-Direktion fanden sie mehrere Rechnungen eines Wiesbadener Elektroanlagen-Unternehmens über die Lieferung von »Flutlichtanlagen« für den Autobahnbau. Rechnungssumme: 1,4 Millionen Euro. Die Anlagen wurden bezahlt, aber nie geliefert. Das Geld soll weitgehend in eine schwarze Kasse geflossen sein, die der damalige Leiter der Strabag-Direktion Manfred Z. verwaltet haben soll. Auf derartige Luftgeschäfte stießen die Fahnder mehrmals.

Insgesamt sollen dem inzwischen in den Ruhestand verabschiedeten Strabag-Mann allein in den letzten vier Jahren fast drei Millionen Euro zur Verfügung gestanden haben, um, so der Leiter der Chemnitzer Staatsanwaltschaft Gerd Schmidt, »Probleme mit den Behörden zu beseitigen«. Solche Probleme gab es offenbar reichlich. Leistungen, die nicht über das Projektvolumen abgedeckt waren, wollte die Strabag über Nachträge finanziert haben. Allein für ein 13 Kilometer langes Autobahnteilstück bei Chemnitz, das vertragsgemäß 25 Millionen Euro kosten sollte, stellte der Baukonzern 500 Nachträge. Weit über 10 Millionen Euro bewilligte das Autobahnamt in Dresden zusätzlich.

Da waren offenbar wohlwollende Prüfer hilfreich, denn nicht immer sollen, so fanden die Ermittler heraus, reale Leistungen hinter den Forderungen gestanden haben. Wie Prüfer und Beamte angeblich milde gestimmt wurden, enthüllte den Staatsanwälten ein Insider, ein ehemaliger Strabag-Manager, der selbst in die Affäre verwickelt sein soll. Z. habe, so gab er zu Protokoll, Mitarbeiter des Autobahnamtes geschmiert - teils in bar, teils über fingierte Rechnungen von Ingenieurbüros.

Auch Namen nannte der Mann. Bestätigt wurden die Aussagen zumindest teilweise von einem weiteren Insider, der mit den Usancen der ostdeutschen Strabag-Niederlassungen bestens vertraut war. Er sprach auch von Zahlungen ("10 000 Euro in bar") an einen Bauleiter, der im Auftrag der staatlichen Straßenprojekt-Gesellschaft Deges den Bau an einem ostdeutschen Strabag-Projekt überwachen sollte. Z.s Anwalt will sich zu den Vorwürfen nicht äußern, auch die Rechtsbeistände der beschuldigten Autobahnamt-Bediensteten lehnen jegliche Stellungnahme ab.

Doch der Ex-Strabag-Mann informierte die Fahnder nicht nur über Schmiergelder, sondern auch über angebliche Mitwisser im Kölner Unternehmensvorstand. Holding-Sprecher Christian Ebner schließt jedoch eine Beteiligung an derart kriminellen Praktiken aus und verspricht »lückenlose Aufklärung«.

Was darunter zu verstehen ist, wurde am vorigen Freitag deutlich. Nach einer Krisensitzung der Unternehmensleitung verkündete die Kölner Strabag »die komplette Auflösung des Bereichs Chemnitz« und die Entlassung von »zehn involvierten Mitarbeitern«. Der für den Straßenbau zuständige Vorstand Ralf Jansen verließ schon im Oktober in aller Stille das Unternehmen. Er habe mit den Machenschaften nichts zu tun, versicherte Jansens Holding-Chef Haselsteiner, aber »um Schaden vom Unternehmen abzuwenden«, stelle er seinen Posten zur Verfügung. ANDREAS WASSERMANN

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