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NICARAGUA Barmherzig im Sieg

Die Revolution hat kein Blutbad gebrecht. Die neuen Machthaber wollen auf Rache verzichten und auch Kriegsverbrecher nach gewöhnlichem Strafrecht aburteilen.
aus DER SPIEGEL 34/1979

In Washington stellte der US-Abgeordnete John Murphy der Presse sechs ehemalige Offiziere der Nationalgarde Nicaraguas vor: »Diese Offiziere schätzen, daß über 3000 Männer der Garde liquidiert worden sind und daß das Morden täglich weitergeht.«

In Managua konterte der Innenminister der revolutionären Regierung, der langjährige Guerilla-Chef Tomás Borge, mit drei gefangenen Offizieren der vor einem Monat besiegten Armee des Diktators Anastasio Somoza; sie bestätigten öffentlich, daß sie und ihre Mitgefangenen noch am Leben seien und daß die Behandlung im Gefängnis korrekt sei. Borge spöttisch dazu: »Noch sind wir unfähig, Tote wieder lebendig zu machen.«

Tatsächlich konnten für die Behauptungen des Somoza-Lobbyisten Murphy, der seit der Schulzeit mit dem gestürzten Diktator befreundet ist, keinerlei Beweise gefunden werden. Im Gegenteil: Alles deutet daraufhin, daß die viereinhalbtausend Gefangenen offenbar außerordentlich human behandelt werden.

Das scheinbar unausweichliche Schicksal so vieler Revolutionen, die Ideale im Blut der Besiegten zu ertränken, soll in Nicaragua erstmals bewußt vermieden werden. Immer wieder betonen die Führer der Sandinistischen Befreiungsfront (FSLN) den Wahlspruch: »Unerbittlich im Kriege, barmherzig im Siege.«

»Wir glaubten, daß man uns zu Tode foltern würde«, erklärte der 28jährige Juan José Bodán im Gefängnis von Tipitapa, einer Kleinstadt dreißig Kilometer östlich von Managua. Wie er sind beinahe alle anfangs unter den Schutz des Roten Kreuzes gestellten Soldaten in Gefängnisse überführt worden.

»Wir werden gut behandelt«, bestätigte Bodán, der gerade ein Paket und einen Brief von seiner Frau erhalten hatte. Die in großer Zahl vor dem Gefängnis wartenden Angehörigen sollten bald zufriedengestellt werden: »Ich hoffe, in Kürze Familienbesuche erlauben zu können«, erklärte der 26jährige Gefängnis-Kommandant »Roland«, der Volkswirtschaft studierte, bevor er in die FSLN eintrat.

Angehörige der Nationalgarde hätten in Nicaragua »keine Repressalien« zu befürchten, erklärte auch der Vize-Direktor des UN-Kommissariates für Flüchtlingswesen Pierre Coat nach seinem Besuch in Nicaragua. Und IKRK-Delegierter Ulrich Bedert bestätigte, daß seiner Organisation keine Berichte über die angebliche Brutalität der FSLN vorliegen.

Seit dem Ende dieses blutigen Krieges sind die Sieger offenbar vor allem an der Versöhnung interessiert. Trotz der 50 000 Kriegsopfer, trotz des Terrors der Armee, die zwischen September 1978 und Mai 1979 täglich zwischen 5 und 20 Zivilisten ermordete, soll keine Rache genommen werden.

Schon während des Krieges war den »comandantes« der FSLN die Parole ausgegeben worden, keine standrechtlichen Erschießungen vorzunehmen -- eine politisch kluge Überlegung: Denn Gewalttätigkeiten könnten, wie die Sandinisten-Führer wohl wissen, die so nötige internationale Hilfe abschrecken und Interventionsgedanken schüren.

Erleichtert wird die Politik der Großmut gegenüber dem Besiegten durch die Tatsache, daß der überstandene Krieg für die meisten weniger ein Bürgerkrieg als vielmehr ein nationaler Befreiungskrieg war. So gab es nur den Haß gegen Somoza und seine Clique. Die Nationalgarde galt im Volk als Besatzungsheer.

»Wir sind einfach des. Blutvergießens müde«, erklären Zivilisten immer wieder. »Es darf keine Toten mehr geben.«

Noch während des Krieges etwa wollten die zum »Volksgericht« versammelten Einwohner des nördlichen Fleckens Villanueva nichts von Erschießungen wissen: Die 17 gefangenen Nationalgardisten wurden nach Honduras abgeschoben. »Das hat mich ja ein bißchen geärgert«, meinte der Sandinisten-Arzt Dr. Leonel zum SPIEGEL, »es waren ein paar ganz üble Burschen darunter.«

Einzige Ausnahme: Der des Massakers an Jugendlichen beschuldigte Feldwebel Alberto Gutiérrez ("Macho Negro") wurde am letzten Kriegstag hingerichtet.

Ein siebenköpfiges, aus gemäßigtbürgerlichen Anwälten gebildetes Oberstes Gericht soll darüber wachen, daß Auswüchse, etwa wie im Iran, vermieden werden. Gleichwohl sind Kriegsverbrecher-Prozesse vorgesehen -doch ohne Sonder- oder Militärgerichte. »Nur das einfache Strafrecht soll zur Anwendung kommen«, bestätigte Gerichtsvorsitzender Roberto Argüello Hurtado. Die vorgesehene Höchststrafe: 30 Jahre Gefängnis.

Bis Ende vergangener Woche wurden 268 ehemalige Soldaten, denen nichts vorgeworfen werden konnte, sogar schon in Freiheit gesetzt. Auch 199 Nationalgardisten, die sich in die Botschaft El Salvadors zurückgezogen hatten, bekamen nach der gerichtlichen Untersuchung freies Geleit ins Ausland. 72 weitere werden dort bleiben müssen, da sie im Verdacht stehen, Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Eine Ausnahme allerdings wird die »Revolution der Großzügigkeit« (so Alwin Brück, Staatssekretär im Entwicklungshilfeministerium) machen: Junta-Mitglied Sergio Ramírez hat sich das »persönliche Ziel« gesetzt, die Auslieferung Somozas zu erreichen.

»Somoza ist ein wirklicher Krimineller«, unterstrich auch der Ex-Premier Portugals Mario Soares, an der Spitze einer Delegation der Sozialistischen Internationale in Nicaragua zu Besuch, »ein gewöhnlicher Straftäter, der hier vor Gericht gestellt werden sollte.«

Da die Todesstrafe aber abgeschafft worden ist, könnte auch Somoza nicht hingerichtet werden.

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