Zur Ausgabe
Artikel 48 / 96

PROPAGANDA Barney und seine Feinde

Krieg im Web: Selbst eine Homepage über den Kinder-TV-Star Barney warb zeitweise für Osama Bin Laden. Experten glauben: Die Terroristen nutzen das Netz auch zur Befehlsweitergabe.
Von Jochen Bölsche
aus DER SPIEGEL 39/2001

Der erste Eindruck trog. Wer auf die Website geriet, glaubte sich zurückversetzt ins kunterbunte Wunderland der Kinderphantasie. Auf dem Monitor baute sich das Bild jenes violetten Kuschelmonsters auf, das in den USA alle Kids kennen: Barney, der Dino aus dem Vorschul-Fernsehen. Mithin eine Website für Kinder, Zielgruppe der zuckersüßen TV-Serie »Barney und seine Freunde«?

Auf Bilder aus einer gänzlich anderen Welt stießen Surfer, die mehr als nur einen flüchtigen Blick auf die vermeintlich harmlose Internet-Seite warfen: Weiter unten, nach endlosen Ausführungen über einen Rechtsstreit um das Copyright an der Kunstfigur, tauchte Barney in ungewohntem Umfeld auf: als Kumpan Hitlers, am Galgenstrick und in Teufelsgestalt; daneben lag Barneys abgeschlagener Kopf auf einem Tablett.

Also eine jener vielen bitterbösen, aber unpolitischen Satire-Seiten von Amerikanern, die der Kinderliebling ebenso nervt wie manchen Deutschen die bonbonfarbene Schar der »Teletubbies«?

Auch dieser zweite Eindruck könnte täuschen. Ein Hyperlink auf der Seite mit dem Titel »Barney Wars« ließ kaum Zweifel daran, für wen der tollpatschige Fettwanst im neongrellen Plüschkostüm steht: Barney - orientalisierend auch »B'harne« genannt - hat in den Augen manch eines Zeitgenossen offenbar den alten Uncle Sam als Symbol für die USA abgelöst.

Ein einziger Mausklick jedenfalls führte von der Dino-Seite zu einer Website mit dem Titel »Middle East Politics/Freedom Fighters/ Osama Bin Laden«. Und so, wie Terroristenführer Bin Laden die USA als »Großen Satan« verteufelt, ist Barney für seine Feinde »satanic«.

Seit langem beobachten US-Experten, dass Bin-Laden-Freunde das Internet als Propagandamaschine nutzen. Vergangenes Jahr warnte die »Nationale Terrorismus-Kommission« der USA in einem Bericht an den Kongress, dass die »lose verknüpften supranationalen Terrornetze« das Web auch als »effektives Kommunikationsmedium einsetzen«, etwa zum Austausch von verschlüsselten Botschaften.

Doch die Fahndung erinnert an die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Ermittler riskieren, im unübersichtlichen Labyrinth Tausender von Islam-Websites in die Irre zu laufen.

So meldete ein aufgeregter Hinweisgeber, er habe die afghanische Website einer »Osama Bin Laden University« entdeckt - etwa die berüchtigte Terror-Akademie? Der Fall ließ sich schnell klären: Es handelte sich um einen satirischen Beitrag.

Auch die Seite »Barney Wars« hatte, abgesehen vom Bin-Laden-Link, wohl kaum etwas mit den Todeskommandos zu tun. Zwar enthielt sie, zum Ausdrucken, eine Schießscheibe mit den Konturen des »purple pervert«. Und Links führen zu einem Online-Shop, der MPi-Munition offeriert, fünf Magazine für 195 Dollar.

Doch wie die meisten Anti-Barney-Seiten bedient auch diese Homepage in erster Linie spätkindliche Allmachtsträume und pubertäre Provokationsgelüste. So können Ballerfreunde auf einer »Barney Fun Page« den Feind mit einer Waffe ihrer Wahl umbringen, hinterher die »letzten fünf Leichen« begutachten und sodann »mit einem neuen Barney starten«.

Auch eine Website, die in ihrer Adresse www.jihad.net die englische Transkription von Dschihad führt, dürfte kein Fall für das FBI sein - obwohl sie den Titel »The Jihad to Destroy Barney« trägt und ihr Logo den verhassten Dino mit einer Zielscheibe über dem Herzen zeigt.

Betrieben wird dieses Jihad-Netz von einer Computer-Community, die unter der Adresse »alt.barney.dinosaur.die.die.die« bereits vor zehn Jahren entstanden ist - eine Gemeinde von Rollenspiel-Fans.

Die »Jihaddi«, wie sie sich nennen, vertreiben sich die Zeit mit einem bizarren Adventure Game, dessen Spielregeln zum Teil allerdings verblüffende Parallelen zum Weltbild der Bin-Laden-Leute aufweisen: »1. Barney ist die dämonische Inkarnation der Hölle auf Erden; 2. Barney versucht, die Welt zu seinem violetten Königreich zu machen ...; 3. Barney muss zerstört werden, alles andere ist irrelevant.«

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, distanzieren sich die Jihaddi nun auf ihrer Startseite von den Attentätern. Offenbar wollen sie vermeiden, was anderen widerfuhr: dass ihre Seiten von Hackern gelöscht oder vom Provider vom Netz genommen werden.

So verschwand vergangene Woche neben vielen US-Websites muslimischer Studentenverbände auch eine Taliban-Homepage sowie die Barney-Seite mit dem Bin-Laden-Link. In Europa wurden islamistische Websites der Londoner Azzam Publications abgeschaltet; benannt ist der Verlag nach dem 1989 ermordeten Scheich Abdullah Azzam, dem engsten Mitstreiter von Bin Laden.

Der Azzam-Verlag hatte im Internet eine von Bin Laden verfasste »Kriegserklärung an die Amerikaner« dokumentiert. Zwei deutsche Azzam-Seiten - azzam.de und qoqaz.de - appellierten an junge Muslime, in der Bundesrepublik Geld für die Taliban zu sammeln und in Kampfsport- und Schützenvereinen für den Dschihad zu trainieren - Motto: »Kraft ist schießen, Kraft ist schießen, Kraft ist schießen.«

Militärische Grundkenntnisse sollten sich die User aus US-Handbüchern aneignen, deren Thematik vom Nahkampf bis zum Steuern von Flugzeugen reicht. Ein Link ermöglichte die Sofortbestellung von zwölf einschlägigen CD-Rom in einem Online-Shop. Ratschlag: »Es ist sehr nützlich, ein ganzes Set solcher CDs für Eure Moschee oder Islamische Gemeinde zu beschaffen.«

Aufschluss über die Nutzer der militanten Websites, für die ein 26-jähriger deutscher Muslim aus Münster verantwortlich zeichnete, verschaffte sich vergangene Woche ein Hacker - mit einer rechtlich bedenklichen Aktion: Kurz bevor die Websites aus dem Netz verschwanden, knackte der Anonymus das Verzeichnis derer, die den »Newsletter« der Islamisten-Seite abonniert hatten, und übergab die 532 E-Mail-Adressen nicht etwa den Fahndungsbehörden, sondern stellte sie ins Internet.

Die Folge: Einige der Abonnenten mit unverschlüsselten Adressen - darunter Islamwissenschaftler, Journalisten und schlicht Neugierige - wurden mit Mailbomben und Drohungen eingedeckt. In Internet-Foren, die den E-Mail-Hack zur Diskussion stellten, waren die Meinungen geteilt: »Ich finde die Veröffentlichung von irgendwelchen Mail-Adressen hier einen ziemlichen Hammer«, rügte einer. »Wenn dadurch nur ein einziger Massenmord verhindert wird, ist die Aktion gerechtfertigt«, hielt ein anderer dagegen.

Immerhin: Auf der langen Liste, die viele arabische Namen enthält und in etlichen Fällen auf die Nutzung deutscher Universitäts-Computer deutet, findet sich weit vorn die Adresse bahaji@tu-harburg.de - nach Ansicht von Fahndern ein Hinweis auf Said Bahaji, 26, den mutmaßlichen Cheflogistiker der Kamikazepiloten.

Eine Homepage auf den Rechnern der Technischen Universität Hamburg-Harburg, die der spurlos verschwundene Bahaji ins Netz gestellt hatte, ist mittlerweile gelöscht worden: »In meiner Freizeit beschäftige ich mich gern mit dem PC«, hieß es da: »Ob Spiele, Programme oder Internet spielt keine Rolle.« JOCHEN BÖLSCHE

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 48 / 96
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.