Zur Ausgabe
Artikel 43 / 60

Barrymore zog das Taschentuch

aus DER SPIEGEL 6/1947

Zu den Bekanntschaften, die der amerikanische Film Deutschland oder wenigstens einem Teil Deutschlands demnächst vermitteln wird, gehört Margaret O'Brien. Der Metro-Goldwyn-Mayer-Film »Der kleine Engel« steht auf der Liste der geplanten deutschen Erstaufführungen amerikanischer Filme, und in ihm spielt die kleine Margaret die Hauptrolle.

Sie hat das Theaterblut von ihrer Mutter geerbt, die als Revuetänzerin ein reichlich unruhiges Leben führte. Margaret wurde groß in Hotelzimmern, oft allein und sich selbst überlassen. Von Geburt an reiste sie kreuz und quer durch die Staaten.

Als sie vier Jahre alt war, begann ihr Debut in Hollywood. Ein Photograph machte Probeaufnahmen von ihr, und einige dieser Aufnahmen erschienen als Umschlagbilder bekannter Magazine.

Hollywood erkannte die Publikumswirkung dieses Kindergesichts und gab Margaret zunächst eine kleine Rolle. Dann wurde sie unter den letzten vier Bewerberinnen für die Hauptrolle des Films »Reise für Margaret« ausgewählt.

Sie hatte eine arme Londoner Kriegswaise zu spielen, und es gab eine Szene, in der sie fünf Minuten lang weinen und schluchzen mußte. Atelierleute erzählten, sie habe diese Szene geradezu unheimlich natürlich gespielt.

Lionel Barrymore sagte von ihr: »Sie ist die einzige Frau außer meiner Schwester Ethel, die es in 30 Jahren fertiggebracht hat, daß ich vor Rührung nach meinem Taschentuch langen mußte.«

Es wird erzählt, die kleine Margaret bedürfe bei derartigen Szenen nicht erst des Zuredens des Regisseurs. Margaret kann weinen, indem sie an etwas sehr Trauriges denkt. Es heißt, daß sie manchmal fragt: »Wünschen Sie die Tränen nur bis hier (sie deutet dabei auf ihre Augenwimpern) oder Tränen bis ganz herunter?«

Hollywood sieht in der kleinen Margaret O'Brien die Ablösung für die berühmte Shirley Temple, die inzwischen längst kein Kind mehr, sondern eine junge Ehefrau ist. Aber man hat beträchtliche Unterschiede zwischen Margaret und der früheren Shirley festgestellt. Shirley hatte eine eigene liebliche kindliche Heiterkeit; sie konnte hübsch singen und nahm durch ihre tänzerische Anmut für sich ein.

Margaret O'Brien, heute zehn Jahre alt, gilt dafür als schauspielerisch ungewöhnlich begabt. Das kleine Mädchen mit dem langen Haar (und manchmal mit kindlichen Zöpfen), mit dem empfindsamen, ausdrucksvollen Gesicht und den klugen Augen hat sich seinen Platz im amerikanischen Film schnell erobert.

Es ist kein Geheimnis geblieben, daß Margaret O'Brien heute 50 000 Dollar im Jahr verdient und noch einmal soviel beim Rundfunk, durch Schallplattenaufnahmen usw. Außerdem ist ihre Verehrerpost umfangreicher als die mancher »großen« Filmschauspielerin. Und die Briefe der Verehrer sind in USA ein Barometer für die Popularität eines Stars.

Zehn Jahre alt, aber Margaret O'Brien bekommt schon viele Briefe von Verehrern

Mehr lesen über

Zur Ausgabe
Artikel 43 / 60
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.