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ATOM-RÜSTUNG Bastel-Bomben

aus DER SPIEGEL 21/1959

Unter der besorgt-ironischen Schlagzeile »Wasserstoff-Bomben zum Selbstbasteln« (Do-it-yourself H-weapons) berichtete der liberale »Manchester Guardian« drei Tage vor Beginn der Genfer Außenminister-Konferenz über den Abschluß eines neuen britisch-amerikanischen Atom-Abkommens, das der Militär-Korrespondent der Londoner »Times« offenherzig als den »letzten Nagel zum Sarge des McMahon-Gesetzes« bezeichnete.

Mit diesem Gesetz hatte der amerikanische Kongreß bisher verhindert, daß die Verbündeten Washingtons Kernwaffen aus den Arsenalen der USA erhielten oder in militärische Atomgeheimnisse eingeweiht wurden. Das geschah in der Absicht, die eigene Vormachtstellung zu wahren und den Eintritt in den »Atom-Klub« der Großen Drei zu erschweren.

Als der Kongreß das Gesetz im vergangenen Jahr im Einklang mit den Rüstungsplänen der Nato »liberalisierte«, beschloß er, nur solchen Staaten den Zugang zu den Atomgeheimnissen zu gestatten, die eigene Fortschritte in der Entwicklung atomarer Waffen aufzuweisen hätten. Das begünstigte England und vergrämte Frankreich, das seither in Washington auf »nukleare Gleichberechtigung« drängt.

Was »Times« und »Manchester Guardian« nun mit dem amerikanischen Slogan »Do it yourself« ("Mach' es selbst!")* umschrieben, war nichts anderes als eine von den beteiligten Regierungen sorgsam ausgeklügelte Umgehung des letzten juristischen Hindernisses, das - für Großbritannien - von dem McMahon-Gesetz übriggeblieben war. Sie soll es den Briten ermöglichen, ihre atomare Rüstung zu beschleunigen, um die Vergeltungsstreitmacht des Westens zu stärken (und Atom-Prestige zu gewinnen).

England wird demnach künftig, sofern diese Vereinbarung unangefochten den Kongreß passiert, aus den USA erhalten:

- nicht-nukleare Einzelteile amerikanischer Kernwaffen sowie

- spaltbares Material, das zur Herstellung

solcher Waffen dient.

Das heißt: Großbritannien, bislang stolz auf die selbstkonstruierte H-Bombe, die ihm, wie man naiv glaubte, eine gewisse Unabhängigkeit von der amerikanischen Politik sicherte, wird künftig in fleißiger Heimarbeit aus amerikanischen »Atom -Baukästen« jene Waffen zusammensetzen, die nach Ansicht der Nato-Stäbe für die gemeinsame atlantische Verteidigung unentbehrlich sind.

Da aber die amerikanische Produktion an spaltbarem Material, das sich für Kernwaffen eignet, offenbar nicht ausreicht, um gleichzeitig auch die britischen Bedürfnisse zu befriedigen, wird »ziviles Plutonium« aus den britischen Atomkraftwerken im Austausch gegen »militärisches Uran 235« nach den USA geliefert werden.

So viel durfte die britische Öffentlichkeit von einem Abkommen erfahren, das Premier Macmillan im Unterhaus befriedigt als »gutes Beispiel« der von ihm stets warm empfohlenen »Interdependenz« pries, jener gegenseitigen Hilfe unter den Alliierten, von der sich Frankreich auch diesmal ausgeschlossen sieht, obschon es zur gleichen Zeit ein eigenes Atom-Abkommen in Washington unterzeichnete.

Die französisch-amerikanische Vereinbarung nimmt sich allerdings viel bescheidener aus als das Abkommen der USA mit den britischen Vettern. Gleichwohl fühlt sich Frankreich immer noch besser behandelt als die Bundesrepublik, die Niederlande, Griechenland und die Türkei, deren Botschafter ebenfalls beim State Department zur Unterzeichnung eigener Atom-Abkommen vorfuhren. Diese vier »kleinen Alliierten« dürfen nach den neuen Verträgen aus den USA nur Atom-Informationen von militärischer Bedeutung erwarten. Außerdem sollen ihre Soldaten von amerikanischen Ausbildern mit der Handhabung von Raketen und Atomwaffen vertraut gemacht werden. Frankreich dagegen erhält von den Vereinigten Staaten 440 Kilogramm »angereichertes Uran«, von dem es offiziell heißt, es solle zum Betrieb eines Versuchsreaktors für Unterseeboote verwendet werden.

Diese dürftigen Nachrichten veranlaßten das Pariser Abendblatt »Le Monde«, grollend von der »Rangordnung der Atom-Verträge« zu sprechen, die Frankreichs Bürger unangenehm daran erinnern müsse, daß sie - im Gegensatz zu den Engländern - noch immer nicht (Atom-)"Klubmitglieder« seien.

Vielleicht aber öffnet gerade dieses Abkommen, in dem das offizielle Frankreich eine halbe Diskriminierung sieht, den französischen Generalen ein Hintertürchen zum Atom-Klub. Es ist immerhin das erste Mal, daß die französische Regierung von den USA mit spaltbarem Material für militärische Zwecke versorgt wird. Von den 440 Kilogramm Uran werden nämlich 300 Kilogramm zu 90 Prozent mit Uran 235 angereichert sein, das - so läßt sich vermuten - nach entsprechender Bearbeitung auch gut in einer französischen Prestige -Bombe Platz finden könnte.

In seiner Antwort an einen besorgten algerischen Deputierten hat Frankreichs Premierminister Michel Debré vor kurzem bestätigt, daß die französische Armee an einem »sorgfältig ausgewählten Ort« in der Sahara ein Versuchsgelände für Atomwaffen geschaffen hat. Dort wäre gewiß schon im vergangenen Jahr jener giftig gelbe Rauchpilz aufgestiegen, mit dem sich Frankreich den Aufstieg in die Reihe der Atom-Mächte ertrotzen möchte, wenn es aus eigener Produktion genügend »angereichertes Uran« besäße.

Verschafft sich die französische Regierung aber die Eintrittskarte für den Atom -Klub - gegebenenfalls mit einer unter anderem Etikett gewährten US-Hilfe -, so wäre auch ein Abkommen über »Bastel -Bomben« nach dem Modell des britisch amerikanischen Vertrages nur noch eine Frage der Zeit; denn dann könnte der große Alliierte in Washington die von de Gaulle heiß begehrte »nukleare Gleichberechtigung« nicht länger verweigern.

Das ist es, was bei den Briten zwiespältige Gefühle weckt und sie ihres eigenen Vertrages mit den USA nicht recht froh werden läßt. »Die Wirkung dieser neuen (Atom-) Politik«, so schreibt der »Manchester Guardian« bekümmert, »entspricht nahezu einem Übereinkommen, das es gestatten würde, Kernwaffen ungehindert von einem Land an das andere zu liefern. Wenn das bei Großbritannien möglich ist - das allerdings als Bomben-Produzent ein besonderes Privileg besitzt -, wie lange kann es anderen Partnern der atlantischen Allianz verweigert werden? Und wie lange kann die Sowjet-Union den Mitgliedern des Warschauer Paktes ähnliches verweigern?«

Mit der Preisgabe der strikten Kontrolle über alle aus amerikanischem Material hergestellten Kernwaffen wächst in der Tat die Gefahr einer raschen Ausbreitung der atomaren Bewaffnung; denn die Do-it-yourself-Bomben würden - im Gegensatz zu den bereits jetzt in England und in anderen verbündeten Staaten lagernden amerikanischen Atomsprengköpfen - theoretisch allein nach Ermessen der jeweiligen Regierung verwendet werden. Das entspräche auch den Wünschen de Gaulles, der sich bisher geweigert hat, Raketenwaffen anzunehmen, deren atomare Sprengladungen unter amerikanischem Verschluß bleiben. Damit würde allerdings jedes Abkommen über eine internationale Kontrolle der Kernwaffen-Produktion, das nach den frommen Plänen der Abrüstungsexperten eines fernen Tages einem Vertrag über die Beendigung der Atomwaffen-Versuche folgen könnte, zur blassen Illusion.

Aus Moskau war zu den amerikanischen Atom-Abkommen mit sechs Nato-Alliierten nur ein Routine-Protest zu vernehmen, den der ständige Nato-Rat in Paris ebenso routiniert vom Tisch fegte. Die Nato-Länder, so hieß es da, seien fest entschlossen, sich nicht allein auf »Waffen aus dem voratomischen Zeitalter« zu verlassen.

* »Do it yourself« setzt in den USA ganze Industrien und Millionen von Wochenend-Bastlern in Bewegung, die alles selbst machen - vom Kinderspielplatz über die Schlafzimmer-Einrichtung bis zum kompletten Rundfunkapparat.

Die Welt

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