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Briefe

BAU-PLÄNE
aus DER SPIEGEL 6/1961

BAU-PLÄNE

... Strafvollzugsartikel, zu dem man

ihnen nur gratulieren kann.

Hamburg-Blankenese DR. H. JAGER

Der Beitrag geht an den wirklichen Problemen vorbei. Für die Gesundheit des Staatslebens ist das subjektive Vertrauen des Volkes in die Justiz unentbehrlich. Dieses Vertrauen fehlt seit

mehr als einem Jahrhundert, die Gründe dafür aufzuzeigen, das wäre Aufgabe des SPIEGEL gewesen.

Frankfurt WILHELM JOSEF LIEDKE

Ihr Artikel ist glänzend gelungen. Solche Wahrheiten auszusprechen, hat bis jetzt noch keine Zeitschrift gewagt. Wenn die Gefangenen in ihren Zellen schlafen, essen und zugleich ihre »Notdurft verrichten« müssen, so kommt das den Zuständen in einem Schweinestall gleich.

Frankfurt W. GRAF VON KROCKOW

Mein Vorschlag, der nicht nur den Vollzug, sondern weitgehend auch die Strafjustiz entlasten würde: Verbrechen mit Todesfolge werden mit der Todesstrafe geahndet; Sittlichkeitstäter werden durch operativen Eingriff von ihrer verbrecherischen Neigung befreit.

Berlin-Dahlem ILSE BOHNENSTAEDT

Was Sie da zusammenschrieben, geht auf keine Kuhhaut. Kein Mensch muß straffällig werden, keiner muß ein Gesetz übertreten, und wer es trotzdem tut, gehört exemplarisch bestraft. Die Nazis haben da richtig gehandelt! Ich bin 68 Jahre alt, meine vier Brüder, meine ganze nähere Verwandtschaft (etwa vierzig Personen) haben bis heute nicht einmal eine Geldstrafe erhalten. Wir befolgen jede Vorschrift und damit basta! Ihr Autofahrer wußte, daß er mit Alkohol im Blut nicht fahren durfte. Also ins Gefängnis! Oder sollte er erst Menschen anfahren und zu Krüppeln machen? Wollen Sie solchen Gaunern noch Hähnchen und Wein servieren? Wissen Sie, da haben Sie aber einen Gedankengang entwickelt!

Düsseldorf H. SIEGERT

Sie unterschlagen gänzlich den heutigen Typ des Rohlings und Asozialen. Wer im Dunkeln auf der Straße Menschen niederschlägt, der hat wohl erwiesen, daß er, biologisch gesehen, ein reiner Schädling und Parasit ist, und die Gemeinschaft sollte keinen überflüssigen Pfennig mehr für ihn ausgeben. Wer nicht mehr zur menschlichen Gesellschaft gehört, sollte auch sehr schnell und mit geringem Steueraufwand aus ihr verschwinden. Das ist der Punkt, an dem der Steuerzahler dem modernen Staat mit Recht mißtraut: Der furchtbare Verdacht, der Taximörder oder Strichjunge könnte später auf seine Kosten eisgekühltes Bier trinken oder fernsehen, während in den Krankenhäusern für den ordentlichen Bürger keine Betten da sind.

Berlin-Schöneberg KARLHEINZ ENGEL

Diese Analyse beweist, daß der SPIEGEL in seiner angeblich »amoralischen Art« jenen Kräften der Legislative ein Beispiel zu geben vermag, die in erster Linie berufen wären, sich auf das christliche Liebesgebot zu besinnen und mit ihren Stimmen gegen die traurigen Zustände im Gefängniswesen zu protestieren. Würden Tiere so behandelt

werden wie die Insassen vieler Haftanstalten, so müßten die dafür Verantwortlichen wegen Verstoßes gegen das Strafgesetz angeklagt werden. Aber es gibt kein Gesetz, das den Menschen vor Mißhandlung durch den Staat und die Gesellschaft schützt. Das Leitbild angloamerikanischer Demokratie, dem sich unsere Gesetzgeber in anderen Bereichen weitgehend verpflichtet wissen, scheint in der Rechtspflege unwirksam zu sein - es sei denn, es geht um den Ruf nach der Todesstrafe. »Die deutschen Gefängnisse gleichen mittelalterlichen Festungen«, äußerte vor zwei Jahren ein amerikanischer Gefängnisarchitekt.

Berlin-Charlottenburg ARNOLD BAUER

Die Strafe als Vergeltung unterstellt, daß der vollbewußte Mensch jederzeit hinsichtlich aller Gesetzesübertretungen in voller Freiheit entscheiden kann. Da Unkenntnis nicht vor Strafe schützt und das Strafgesetzbuch an den Schulen nicht gelehrt wird, unterstellt der Gesetzgeber weiter die Übereinstimmung von Gesetz und Gewissen. Beides ist wissenschaftlich nicht haltbar. Die Psychotherapie lehrt, daß die Persönlichkeit nur durch echte zwischenmenschliche Auseinandersetzung und die daraus gewonnene Einsicht verändert werden kann. Angesichts dieser im ärztlichen Vollzug gewonnenen Erfahrung bleibt es ein Rätsel, warum der Strafvollzug den straffällig Gewordenen vornehmlich durch routinehaften Entzug menschlicher Beziehungen und Betätigungen verändern will.

Nürnberg DR. DR. MANFRED LINDNER

Psychotherapeut

Aus dem stenographischen Bericht von der 32. Sitzung des Niedersächsischen Landtages am 7. Dezember 1960:

Die Situation in unserem Strafvollzug gibt zu ernsten Bedenken Anlaß ... Seit Abschaffung der Todesstrafe haben wir es in unseren Anstalten mit höchst gefährlichen Menschen zu tun, die früher nicht verwahrt worden wären. Oft haben diese Gefangenen vor nichts Respekt ... Alles das hat dazu geführt, daß das Niveau der wirklich einsitzenden Gefangenen schlechter geworden ist.

Das sagte der niedersächsische Justizminister.

Hannover H. BAUER

Meine schon seit Jahrzehnten erhobene Forderung: Die große schriftliche Arbeit des Assessor-Examens in einem Gefängnis zu normalen Bedingungen eines Untersuchungsgefangenen ableisten zu lassen. Auch diese Wochen vermitteln nur ein vages Bild. Aber das sitzt zeitlebens! Dann wird sich auch der Strafvollzug allmählich ändern.

Hameln DR. BURY

Rechtsanwalt

Ich lag im Winter 1958/59 im Bezirkskrankenhaus des Strafgefängnisses Bochum. Durch einen Kalfaktor erfuhr ich eines Tages, daß ein Herr Ministerialrat Kilb eingeliefert worden sei. Als ich ihn fragte, wie es Herrn Kilb gehe,

antwortete er mir wörtlich: »Das Regierungsschwein kriegt heute mittag und abend nichts zu fressen.« Den in Bochum sehr korrekten Wachbeamten war es nicht möglich, zu kontrollieren, ob einer seine Verpflegung bekam, wenn er nicht reklamierte. Herr Kilb, der sehr bescheiden, deprimiert und nervlich fertig war, wagte es offenbar nicht, der feindlichen Haltung der Kalfaktoren zu begegnen.

Mönchengladbach HANS THOR

Neben Kant muß auch der italienische Psychiater Cesare Lombroso (1836 bis 1909) angeführt werden. Von Schädelmessungen an Verbrechern ausgehend, postulierte er eine erbliche Genese des Verbrechens. Die Behauptung, daß man Verbrecher aus Veranlagung sein könne, ist durch Forschungen der Soziologie, Psychologie und angrenzender Wissenschaften besonders in den angelsächsischen Ländern längst widerlegt. Danach wird der Keim zu allen seelischen Abartigkeiten zu Perversionen, asozialem Verhalten und Verbrechertum durch schädigende Umwelteinflüsse gelegt.

Frankfurt GERHARD TUSCHY

cand. med.

Sie behaupten: »Das Zusammenpferchen der weder geistig noch körperlich ausgelasteten Menschen führt zu Triebverbiegungen, insbesondere zur Homosexualität«. Diese Behauptung besitzt

weder logisches noch wissenschaftliches Fundament. Die Ansicht, daß sich Homosexualität auch milieubedingt her- ausbilden könne, daß schon das Zusammenpferchen von Männern genüge, aus sonst Heterosexuellen zeitweilig

Homosexuelle zu machen, widerspricht

der Konstitutions, der Instinkt- und der Verhaltensforschung. Diese weist nach, daß jeder Mensch sich sexuell stets so verhält, wie ihm sein Instinkt befiehlt.

Hamburg 20 JOHANNES WERRES

Das Haupthindernis eines sinnvollen und auf Resozialisierung gerichteten Strafvollzugs in Deutschland ist seine innere Verlogenheit. Der Häftling wird als Sache verwaltet, verbunden mit einem Betreuungsfimmel, der in Humanitätsduselei ausartet, die nichts einbringt und den Gefangenen zur Heuchelei erzieht. Das derzeitige System der Arbeitsbelohnung erzieht den Gefangenen zur Verantwortungslosigkeit. Seine wirtschaftliche Leistung wird nicht entsprechend entlohnt. Der Gefangene fühlt sich im Grunde genommen betrogen. Und wer sich betrogen fühlt,

den kann man kaum noch umerziehen. Solange der Strafvollzug in Deutschland ein Anhängsel der allgemeinen Justiz ist, wird es nie zu einer Reform kommen, da die starren Verwaltungsspezialisten sich hier zu wohl fühlen.

Remscheid ERICH SCHRÖDER

Zuchthausaufseher

Schäffer und seine Leute haben keine Ahnung. Sie pfuschen an Symptomen herum und erkennen nicht, daß das

System falsch ist. Eine Gesellschaft mit klaren Köpfen und sauberem Empfinden kann einzig an Wiedergutmachung und Vorbeugung interessiert sein. An sonst gar nichts.

Harnburg-Blankenese ERNST TYLMANN

Nietzsche: »Grausamkeit: Das älteste Vergnügen der Menschheit«. Aller Strafvollzug stammt von diesem Vergnügen ab. In tausend Verkleidungen, moraltriefenden, versteht sich. Die Keule der Steinzeit in Robe und Talar.

Hamburg A. BALTRUSCH

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