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BESCHWERDERECHT Bauch im Dreck

aus DER SPIEGEL 6/1964

Sechs Staatsbürger in Uniform hockten auf ihren Spinden und sangen, mitten im April, den Weihnachts -Choral »Vom Himmel hoch, da komm' ich her«.

In der Nachbarstube wurde der Panzergrenadier Gottfried Peters* Ohrenzeuge der von einem Leutnant befohlenen musikalischen Kletterpartie. Peters notierte den Vorfall in seinem Tagebuch, das er am 1. April 1963 bei seiner Einberufung zur 4. Kompanie des Panzergrenadier-Bataillons 322 in Schwanewede bei Bremen angelegt hatte.

Gewissenhaft verzeichnete der wehrpflichtige Abiturient alle Schikanen, die Unteroffiziere und Leutnants seiner Garnison für angemessene Mittel soldatischer Erziehung hielten. Des Grenadiers Resümee nach neun Monaten Dienstzeit: »Abgesehen von einem Hitzetoten, geht es bei uns auch nicht viel anders zu als in Nagold.«

Gottfried Peters entdeckte außerdem eine weitere Parallele zwischen Nagolder Fallschirmjägern und Schwaneweder Panzergrenadieren: Hier wie dort war offenbar keiner der Rekruten auf die Idee gekommen, sich mit Hilfe der einschlägigen Paragraphen des Soldatengesetzes und der Wehrbeschwerdeordnung gegen schlechte Behandlung zur Wehr zu setzen*.

Panzergrenadiere wie Fallschirmjäger wußten offenbar ebensowenig eine Antwort auf die Frage nach dem Idealbild des Bürgers in Uniform wie die »Frankfurter Allgemeine«, die nach den Nagold-Prozessen meditierte: »Aber was macht den redlichen Soldaten aus? Ist es jener, der, staatsbürgerlich orientiert, erklärt: 'Ein guter Soldat beschwert sich nicht'? Ist es jener, der umgekehrt erklärt: 'Erst die Beschwerde zeigt den Mann'?«

Auch die Schwaneweder Spindsänger sahen keinen Grund zu offizieller Klage. Erst Wochen später erkundigten sie sich beiläufig während einer Kompaniebelehrung nach der Ansicht des Kompaniechefs zur Aktion Kletter -Choral. Darauf der Offizier: »Bei einem solchen Fall erwarte ich sogar, daß Sie sich beschweren.«

Gleichwohl blieben Beschwerden weiterhin aus, obschon sich genügend Anlässe boten. Grenadier Peters notierte:

- Im Sommer 1963 ließ Oberleutnant

Franke seine Rekruten beim Rückmarsch von einer Übung bei 25 Grad im Schatten Gasmasken aufsetzen. Nach einer halben Stunde machten 30 Soldaten schlapp, vier wurden ohnmächtig, einer trug Prellungen davon, weil er auf Befehl mit einem MG-Kolben gestoßen worden war.

- Am Fronleichnamstag 1963 hielt

sich die Kompanie zu einer längeren Übung im Gelände auf. Franke erlaubte den katholischen Soldaten den Gottesdienst-Besuch im Standort, weigerte sich aber, den Rekruten einen Lastwagen zur Verfügung zu stellen. Die Soldaten sollten den Kirchgang - hin und zurück rund 35 Kilometer - zu Fuß absolvieren.

- Während der Gefechtspause einer

Übung im Sennelager tat der Feldwebel Menzel einen herzhaften Soldatenschluck. Menzel mußte sich im Zelt übergeben. Er gab einem Rekruten Befehl, das Zeltinnere zu säubern. Als der Soldat sich weigerte, nahm Menzel ihn fest. Die Strafaktion scheiterte allerdings am Einspruch eines Offiziers.

Die beiden ersten Fälle waren dem Bataillonskommandeur, Oberstleutnant Gerhard Kullmann, erst auf dem Umweg über den Truppenarzt und den Standort-Pfarrer zu Ohren gekommen. Kullmann stellte den Oberleutnant Franke zur Rede und belehrte ihn über Rechte und Pflichten eines Offiziers. Von der Menzel-Episode jedoch hatte der Oberstleutnant bis zur vorletzten Woche nichts gehört. Kullmann zum SPIEGEL: »Von dieser Sache ist mir nichts bekannt, aber möglich ist es schon.«

Für »typisch« hingegen hält der Bataillons-Chef, was Grenadier Peters über den Abiturienten-Komplex des Stabsunteroffiziers Fieber notierte. Peters: »Wenn Fieber einen Abiturienten trifft, sieht er gleich rot.« So befahl der Stabsunteroffizier einmal

einem der Oberschul-Absolventen, »volle Deckung« unter einem Bett zu nehmen und sich dort die Jacke aus - und wieder anzuziehen.

Kullmanns Erklärung für die Fieberkurve der Ausbilder beim Anblick von Abiturienten: »Solche Abiturienten -Gruppen waren schon in der alten Wehrmacht wegen dauernder intellektueller Widersetzlichkeiten von den Unteroffizieren gefürchtet. Und damals hatten diese Ausbilder noch ungleich höhere Machtbefugnisse als in der Bundeswehr.«

Unteroffizier Fuchs wiederum machte keinen Unterschied zwischen Volks- und Oberschülern. Er beschoß trotz strengen Verbots und ohne intellektuelle Differenzierung Soldaten seiner Gruppe mit Signalmunition. Auch die Knallkörper DE 3, mit denen Mörsereinschläge dargestellt werden, bezog Fuchs in sein Ausbildungsprogramm ein. Er ließ die gefährlichen Böller in Tuchfühlung mit den Rekruten hochgehen.

Oberstleutnant Kullmann: »Es wird leider immer wieder Unfug mit diesen Dingern getrieben, kaum daß der Offizier den Rücken gewendet hat.«

Daß auch Offiziere bisweilen gegen die vom Soldatengesetz verbürgte Menschenwürde verstoßen, war dem Oberstleutnant mit Ausnahme des Falls Franke bislang allerdings unbekannt. Vom inzwischen versetzten Leutnant Meyer etwa weiß der Grenadier Peters: »Einen Soldaten, der aus der Sowjetzone geflohen war, um nicht in die Volksarmee gehen zu müssen (nun ist er hier), fragte der Leutnant: 'Sind Sie ein Verbrecher? Sie sehen genau so aus."'

Dazu Kullmann: »Unvorstellbar. Warum beschweren sich die Leute denn bloß nicht!«

Kullmanns Divisionskommandeur Generalmajor Cord von Hobe, erfuhr erst letzte Woche von »gewissen Vorfällen« in Schwanewede. Eine Untersuchung soll nun ergeben, ob Truppendienstgericht oder Staatsanwaltschaft eingeschaltet wird.

Der General bedauerte, daß trotz vieler Belehrungen und überraschender Dienstaufsicht ("Ich tauche auf dem Übungsplatz dann plötzlich hinter einem Baum auf") solche Mißstände nie ganz beseitigt werden könnten, wenn die Betroffenen schwiegen.

Freilich hat sich auch Tagebuchführer Peters bisher noch nie beschwert. Ihm zudiktierte Liegestütze zum Beispiel hält er für unvermeidlich und nimmt sie darum »nicht so tragisch«.

Peters: »Das Pumpen ist bei uns an der Tagesordnung. Wer etwa ein Gewehrteil fallen läßt oder sich an eine Wand lehnt, fällt schon automatisch um, wenn ein Ausbilder das gesehen hat. Denn sonst kommt todsicher das Kommando: 'Fallen Sie um, pumpen Sie!' Zehnmal pumpen ist für gewöhnlich der Satz.«

Anders dagegen der Chef aller Schwaneweder Panzergrenadiere, Oberst Heinz Karst, der erst nach den von Peters geschilderten Vorfällen das Kommando über die Panzergrenadier-Brigade 32 übernommen hat.

Karst: »Ich lehne den Liegestütz strikt ab, weil der Soldat dabei vor seinem Vorgesetzten auf dem Bauch liegen muß. Das halte ich für entwürdigend. Es erinnert mich an die finsteren Zeiten des vorderasiatischen Despotismus.«

Der Oberst weiß ein besseres Mittel zur Aufrechterhaltung der Manneszucht: »Wenn der Soldat mal nicht spurt, dann soll er meinetwegen ein paar Ehrenrunden drehen. Das macht ihn munter und stärkt seine Kondition, ohne das Ehrgefühl zu tangieren.«

Ob sich allerdings die Schwaneweder Rekruten tatsächlich jemals in ihrem Ehrgefühl getroffen wähnten, ist zumindest im Verband des Gottfried Peters nie aktenkundig geworden. Bataillonskommandeur Kullmann hat innerhalb der drei Jahre, in denen er die Einheit führt, »nicht eine einzige Beschwerde« wegen entwürdigender Behandlung zu Gesicht bekommen.

Daß nicht Angst vor Nachteilen oder mangelnde Zivilcourage Ursachen dieser Zurückhaltung sind, beweisen die beim Bataillon um so zahlreicher eingehenden Beschwerden, die sich gegen die Verletzung weit weniger zarter Güter wie des Ehrgefühls richten. Die Soldaten beschweren sich oft und gern über

- Zurücksetzung bei Beförderungen,

- Urlaubsverweigerungen,

- unbequeme Versetzungen,

- vermeintliche Vernachlässigung der

Fürsorgepflichten durch die Bundeswehr und

- disziplinarische - also nicht willkürliche -

Bestrafungen.

Mit anschaulichen Beispielen versuchen die Offiziere im Unterricht, den sonst so klagefrohen Soldaten auch den abstrakten Begriff Menschenwürde zu erläutern. Etwa so: »In der Schwimmhalle steht ein Rekrut, der nicht schwimmen kann, auf dem Fünf-Meter -Brett. Er traut sich nicht, zu springen. Zivilisten schauen zu. Da soll er rufen: 'Ich bin der größte Feigling der Kompanie.' Die Ausführung dieses Befehls wäre falsch; sie würde den Rekruten in seiner Menschenwürde verletzen.«

Doch auch derart eindeutige Lektionen haben die Schwaneweder Grenadiere nicht dazu bringen können, ihr vornehmstes Grundrecht aktiv wahrzunehmen. Mutmaßt Oberst Karst: »Sie merken es ja gar nicht, wenn ihre Menschenwürde verletzt wird, weil die meisten ihre diesbezügliche Weisheit aus den obskuren 'Landserheften' beziehen.«

Und Tagebuch-Grenadier Peters: »Die Masse der Soldaten ist viel zu wurstig eingestellt. Sie wollen ihre Zeit abreißen ohne viel aufzufallen. Wenn ihnen ein Kinobesuch vermiest wird, dann regt sie das auf. Daß sie auf dem Bauch kriechen müssen, läßt sie kalt.«

* Dieser Name ist ein von der Redaktion eingesetztes Pseudonym.

* Paragraph 11,1 Soldatengesetz: »... Ungehorsam liegt nicht vor, wenn ein Befehl nicht befolgt wird, der die Menschenwürde verletzt oder der nicht zu dienstlichen Zwekken erteilt worden ist ...«

Paragraph 1,1 Wehrbeschwerdeordnung (Beschwerderecht): »Der Soldat kann sich beschweren, wenn er glaubt, von Vorgesetzten oder von Dienststellen der Bundeswehr unrichtig behandelt oder durch pflichtwidriges Verhalten von Kameraden verletzt worden zu sein.«

Schwaneweder Kommandeur Karst

Ehrenrunden für die Kondition

Schwaneweder Grenadiere auf dem Marsch: »Nicht viel anders als in Nagold«

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