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NORD/SÜD-GEFÄLLE Bauern wie Popper

Ins Schwabenland drängen jugendliche Gastarbeiter - aus Bremen und Emden. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Vom Springbrunnen vor der malerischen Barockkulisse des Ludwigsburger Schlosses streift die Kamera über Trollingertrauben in den Weinbergen bis hin zu den Felsengärten im Neckartal. Selbst das nahe Kernkraftwerk Neckarwestheim wird dem Betrachter, untermalt mit Bachscher Barockmusik, als touristische Attraktion dargeboten.

Doch der zehnminütige Videoclip, gedreht von angehenden Orgelbauern aus Ludwigsburg bei Stuttgart, soll keine reiselustigen Rentner, sondern arbeitslose Jugendliche aus Norddeutschland ins Schwäbische locken. In Bremen und im ostfriesischen Emden, wo es wesentlich mehr Lehrstellenbewerber als freie Lehrstellen gibt, haben Vermittler des Ludwigsburger Arbeitsamtes den Film im Sommer erstmals öffentlich vorgeführt.

Zwar fanden die meisten der jugendlichen Zuschauer den PR-Streifen langweilig. Dennoch war die Azubi-Aktion, wie der Ludwigsburger Berufsberater Klaus Wanning berichtet, »ein voller Erfolg«.

Statt der erwarteten 20 bis 30 kamen in Emden 130 Jugendliche aufs Arbeitsamt, in Bremen waren es sogar 160. Einige Teilnehmer nahmen bis zu 70 Kilometer Fahrt in Kauf, um bei der Lehrstellenbörse dabeizusein.

Zwei Wochen später starteten 36 Bewerber, fast ausnahmslos junge Männer, per Omnibus zu einer »Schnupperfahrt« (Arbeitsamt-Prospekt) in den Süden. Rund zwei Drittel schlossen Lehrverträge als Schlosser, Tischler, Graveur, Maler, Fleischer oder Werkzeugmacher ab und werkeln nun seit Anfang September in Ludwigsburger Handwerksbetrieben.

Nicht nur im mittleren Neckarraum arbeiten neuerdings hoch- und plattdeutschsprechende Azubis Seit' an Seit' mit einheimischen Jungen und Mädchen. Auch im Schwarzwald-Städtchen Nagold traten 30 Jugendliche aus Paderborn, Lüneburg und Hameln ihre Lehre als Maurer, Zimmerer, Metzger oder Kellner an.

Mitte September traf in München bereits der zweite Omnibus mit jeweils rund 30 jungen Leuten aus Paderborn ein, die sich drei Tage lang über das Lehrstellenangebot in der Bayern-Metropole informierten.

Anders als in Stuttgart sind in München nicht nur Stellen in gewerblichtechnischen Berufen frei, sondern auch Jobs in Hotels, Gaststätten und Lebensmittelgeschäften. Rund 50 der 60 schnuppernden Bewerber, berichtet Arbeitsamts-Sprecher Martin Raps, haben inzwischen Ausbildungsverträge abgeschlossen und werden von Nordrhein-Westfalen nach Bayern übersiedeln.

Der spektakuläre Lehrlings-Transfer über Ländergrenzen ist ein weiteres Indiz für das wirtschaftliche Nord/Süd-Gefälle in der Bundesrepublik. In Süddeutschland fehlen in vielen Regionen qualifizierte Arbeiter, in Problemgebieten wie im Kohlenpott und in den Hansestädten herrscht dagegen ein Überangebot an gut ausgebildeten Kräften.

Während Arbeitsämter in Waiblingen, Ludwigsburg, Göppingen oder Esslingen mit ihren PR-Aktionen bisher vor allem Fachkräfte köderten, versuchen einige von ihnen neuerdings, auch Lehrlinge aus dem Norden anzuwerben. Denn gerade bei Jugendlichen, haben Ausbildungsexperten in München und Stuttgart festgestellt, ist die berufliche Mobilität in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen.

»Die innere Einstellung«, meint der Münchner Arbeitsamts-Sprecher Raps, »hat sich geändert.« Sein Stuttgarter Kollege Hans-Jörg Eckardt vermutet, daß »der Leidensdruck so groß geworden ist, daß die Eltern eher bereit sind, ihre Kinder wegzugeben«.

Die Statistik bestätigt Eckardts These. Während in Bremen kurz vor Beginn des neuen Lehrjahres noch immer über 1000 Jugendliche keine Stelle gefunden hatten, können die Betriebe in Ludwigsburg schon seit Ende der siebziger Jahre ihre Ausbildungsplätze für Jungen nicht alle besetzen. »Denen sind die Augen übergegangen«, erinnert sich Ulrich Scheub, Leiter des Lehrlingswohnheims in Ludwigsburg-Eglosheim, an die Veranstaltungen in Emden und Bremen, »als wir erzählt haben, daß es bei uns noch 650 freie Lehrstellen gibt.«

Fast jeder fünfte Betrieb in Baden-Württemberg, so ergab eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer Mittlerer Neckar, hatte in diesem Jahr Probleme, genügend Nachwuchs zu finden. Vor allem für Köche, Maurer, Metzger oder gewerblich-technische Berufe gibt es im Schwäbischen schon jetzt mehr Lehrstellen als Bewerber.

Kein Wunder, daß die Heranwachsenden im Süden, so Ausbildungsexperte Wanning, bei der Stellensuche »oft ganz schön schleckig sind«. Ihre Altersgenossen in weniger prosperierenden Landstrichen dagegen sind schon froh, wenn sie nach jahrelanger Suche überhaupt einen Ausbildungsplatz ergattern.

»Wir waren erstaunt«, lobt Wanning die bescheidenen Bewerber aus Ostfriesland, »wie die Ossis hier aufgetreten sind. Für die war das schon ein Erfolgserlebnis,

überhaupt von einem Betrieb akzeptiert zu werden.«

Dabei müssen die Ostfriesen in die Ausbildung fernab der Heimat selber erheblich investieren. So wohnen 19 der insgesamt 27 Ludwigsburger Azubis im Lehrlingswohnheim des Internationalen Bundes für Sozialarbeit an der Hirschbergstraße. Da Unterbringung und Verpflegung im Zweibettzimmer fast 1000 Mark pro Monat kosten, geht das Lehrgeld für die Miete drauf.

Den Jugendlichen bleiben nur 140 Mark Taschengeld pro Monat, außerdem wird ihnen eine Heimfahrt im Monat bezahlt. »Da muß man, wenn man zu Hause ist, alle Tanten und Onkels abklappern«, meint Andreas Stamminger, 17, Schlosser aus Stade, »sonst reicht es hinten und vorne nicht.«

Zwar werden einige von ihren Eltern unterstützt. »Aber ich finde es blöd«, sagt Gerhard Lindenberg, 17, Bäckerlehrling aus Bremen, »daß man seinen Eltern noch immer auf der Schürze liegt.«

Um die Trennung von Freunden und Elternhaus besser zu verkraften, sind die jugendlichen Gastarbeiter bemüht, Kontakte mit Gleichaltrigen zu knüpfen. Doch auch in der Vergnügungsbranche spüren die Zugereisten das Nord/Süd-Gefälle.

Wer beispielsweise am Wochenende im »Speak Easy«, Ludwigsburgs In-Disco, tanzen will, muß fünf Mark hinlegen. »Unter 20 bis 30 Mark«, weiß Thorsten Flake, der daheim in Emden drei Jahre lang vergeblich nach einer Lehrstelle gesucht hat, »kommst du da Samstagabend nicht raus.«

Auch wenn es um schicke Kleidung oder Autos geht, die Status-Symbole der Teeny-Generation, ziehen die Ossis zumeist den kürzeren. »Hier laufen selbst die Bauern wie Popper herum«, wundert sich Holger Schwarz, 19, angehender Raumaustatter aus Bremen. »Der Lebensstandard ist einfach höher«, pflichtet Gerhard bei. »Schon die Jugendlichen fahren hier Bonzenwagen«, ist einem anderen Azubi aufgefallen.

Mehr noch als das fehlende Auto stört die Wohnsituation bei der Kontaktaufnahme. »Wenn man jemanden kennenlernt«, klagt Gerhard, »wird man natürlich gefragt: Wo wohnst du?« Damenbesuch aber erlaubt die Hausordnung im Männerwohnheim nachts nicht.

Schon nach drei Tagen mußte ein Mitbewohner abreisen, weil er mit dem einzigen Mädchen der Lehrlingscrew auf dem Zimmer erwischt worden war. Martin Schmidthäuser, stellungsloser Gymnasiallehrer und Betreuer der Nordlichter, hält die Reaktion der Heimleitung zwar für »überzogen«, wollte sich aber »nicht gleich zu Beginn aus dem Fenster hängen«. Es sei »schon schwierig«, meint er, »unter solchen Umständen die Privatsphäre zu wahren«. Schlechter noch als die 19 Azubis aus Ostfriesland waren freilich ihre Vorgänger dran. Schon von 1960 bis Mitte der siebziger Jahre beherbergte das Wohnheim des Jugendsozialwerks junge Männer, die daheim keinen Ausbildungsplatz finden konnten. Die Lehrlinge, 14 bis 18 Jahre alt, stammten zumeist aus Südtiroler Bergdörfern und lernten bei schwäbischen Firmen, weil ihre Eltern das Lehrgeld in Italien nicht bezahlen konnten.

»Durch ihre etwas holprige Art«, hieß es damals in einer Begleituntersuchung über das Sozialverhalten der Südtiroler, »haben sie es schwer, Mädchen kennenzulernen.« Dafür aber, stellte der Autor voller Genugtuung fest, »sind sie sauber, führen keine unzüchtigen Reden« und »besitzen keine schmutzigen Schriften«.

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