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JAGD Baum gegen Bambi

Agrarministerin Renate Künast bläst zum Halali: Um den Wald vor hungrigem Wild zu schützen, sollen künftig mehr Rehe geschossen werden.
aus DER SPIEGEL 1/2003

Das blutige Ritual fand in einer Vollmondnacht statt. 17 Jahre war Hermann Graf Hatzfeldt alt, nun sollte er in den Kreis der Männer aufgenommen werden - und seinen ersten Rehbock schießen. Der junge Graf fügte sich widerwillig: »Mir tat die arme Kreatur Leid, die nur zum Vergnügen ermordet wurde.« In den folgenden Jahren verweigerte er sich der Jagd.

Nachdem der studierte Ökonom jedoch Ende der sechziger Jahre das Gut der Eltern im rheinland-pfälzischen Wissen übernommen hatte, griff er alsbald doch wieder selbst zur Flinte. »Nicht aus Leidenschaft, sondern aus Einsicht in die Notwendigkeit«, erklärt Graf Hatzfeldt, heute 61, seine Wandlung. Für einige Jahre verdoppelte er sogar die Abschüsse von Reh- und Damwild, weil die Tiere die jungen Triebe der Bäume allzu gierig abfraßen.

Mit dieser Strategie liegt der Gutsherr ganz auf der Linie der deutschen Natur- schutzverbände. Die Ökogruppen wollen schon seit Jahren das Bundesjagdgesetz ändern, doch bisher waren sie an der einflussreichen Lobby der traditionellen Jäger und Waldbesitzer gescheitert. Jetzt hat die grüne Ministerin Renate Künast die Ökopositionen durchgesetzt. Auf ihr Betreiben wurde im Koalitionsvertrag festgelegt: »Wir werden das Jagdrecht unter Berücksichtigung einer naturnahen Waldbewirtschaftung und unter Tierschutzaspekten novellieren.«

Was harmlos klingt, wird im Wald zu viel Blutvergießen führen. Denn für Rehwild sind wertvolle Baumarten wie Tanne, Eiche, Esche oder Ahorn echte Delikatessen. Sie knabbern die jungen Bäume an, so dass der Wald von unten abstirbt und sich nicht selbst verjüngen kann. Ein forstliches Gutachten aus Baden-Württemberg hat im vergangenen Jahr ergeben, dass in den Jagdrevieren die ungeschützten Leittriebe bei 71 Prozent der Eichen, 59 Prozent der Tannen und 32 Prozent der Buchen mittel bis stark verbissen sind. Experten schätzen die jährlichen Schäden bundesweit auf mindestens 150 Millionen Euro.

Mitte Dezember trafen sich Vertreter der deutschen Ökoverbände im Verbraucherschutzministerium mit dem Parlamentarischen Staatssekretär Matthias Berninger

und drängten erneut auf eine schnelle Gesetzesänderung. Das künftige Jagdleitbild soll lauten: Wald vor Wild, Baum vor Bambi. Die Konsequenz: Die Zahl der jährlichen Reh-Abschüsse muss deutlich erhöht werden, derzeit liegt sie bei einer Million Tiere pro Jahr. Berninger sagte zu, etwa Mitte nächsten Jahres würde ein Entwurf für ein neues Jagdgesetz vorliegen.

Die Dringlichkeit der Novelle begründen die Ökoverbände auch damit, dass das geltende Paragrafenwerk sich in den Grundzügen an dem 1934 von Hermann Göring erlassenen Reichsjagdgesetz orientiert.

»Vor allem die Trophäenlieferanten werden durch die überlieferten Jagdvorschriften gehätschelt«, kritisiert Elisabeth Emmert, Bundesvorsitzende des Ökologischen Jagdverbandes. So sind die Jagdzeiten des Rehbocks reine Trophäenschusszeiten. Nur vom 1. Mai bis 15. Oktober darf der Bock umgelegt werden, also während der Periode, in der er sein Geweih trägt. Im Winter, wenn er den Kopfschmuck abgeworfen hat, wird er für die nächste Saison geschont. Der Ökojagdverband fordert mit guten Chancen auf politische Umsetzung durch Künast, dass die männlichen Tiere vom 1. Mai bis 31. Januar, unabhängig von der Trophäenzeit, gejagt werden können.

Auch soll die Zahl der zum Abschuss freigegebenen Rehe nicht mehr limitiert werden. Zurzeit legen die Jagdbehörden in den Landkreisen fest, wie viel Wild in einem Revier getötet werden darf. Die Quote beträgt im Schnitt neun Rehe pro 100 Hektar Wald. Dem Waldbesitzer soll künftig, wie auch schon bisher, eine Mindestabschusszahl vorgeschrieben werden; wie viel er darüber hinaus erlegt, soll er nun selbst entscheiden.

Im Ministerium wird zudem geprüft, ob den Jägern im Winter die »Notfütterung« der Rehe verboten werden sollte. Die bisherige Praxis führte dazu, dass sich während der vergangenen 100 Jahre die Reh-Population auf heute mindestens zwei Millionen Tiere verzehnfacht hat. Die Forstleute können die Bäume nur noch mit Zäunen vor der Wildplage schützen. Die Schutzgatter haben eine Länge erreicht, die mehrfach den Erdball umfassen würde.

Die traditionellen Waidmänner nehmen das in Kauf. Ihr Deutscher Jagdschutz-Verband wehrt sich heftig gegen die angekündigten Änderungen. »Wir wollen die Natur nachhaltig nutzen und auch noch in den nächsten Jahren Wildbret ernten können«, wettert Constantin Freiherr Heereman, der als amtierender Präsident des Vereins die Vorhut der 300 000 organisierten Jäger bildet.

Auch der CDU-Bundestagsabgeordnete und langjährige Vorsitzende des Agrarausschusses, Peter Harry Carstensen, warnt, mit der Union sei eine Änderung des bestehenden Bundesjagdgesetzes nicht machbar. »Besser als das Prinzip Wald vor Wild ist doch Wald mit Wild«, sagt der leidenschaftliche Waidwerker. Im Übrigen würden die Jäger durch die Hege viel für das Allgemeinwohl tun. Carstensen: »Wer am Wochenende durch den Wald spaziert und Rehe sieht, der freut sich doch.« ANNETT CONRAD

* Im September 1934 auf der Elch-Jagd in Ostpreußen.

Annett Conrad
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