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BERLIN Beamte als Broker

Ein kleines Team von Senatsmitarbeitern verschafft der hochverschuldeten Bundeshauptstadt täglich Millionenkredite - die Anleihen sind weltweit begehrt.
aus DER SPIEGEL 19/2007

Die Abteilung II, Referat A 3, der Senatsverwaltung für Finanzen unweit des Berliner Roten Rathauses sieht aus wie eine beliebige Behörde irgendwo in Deutschland. Das Mobiliar ist von der Stange, der Schreibtisch aus Resopal, die Topfpflanzen sind immergrün und pflegeleicht. Nur die ständig flackernden Monitore des Finanzdienstes der Reuters-Agentur mögen ins beschauliche Beamtenambiente nicht recht passen.

Doch die Bildschirme, die im Sekundentakt die Ausschläge der globalen Wirtschaft und der internationalen Finanzmärkte abbilden, sind für die Arbeit von Regierungsdirektorin Susanne Reichenbach unverzichtbar. Die 49-Jährige ist Brokerin - mit Beamtenstatus. Wie eine Investmentmanagerin von Morgan Stanley muss sie ständig wissen, wie der Euro gehandelt wird, wie sich Zinsen entwickeln und was sich auf dem internationalen Finanzkarussell dreht. Denn Susanne Reichenbachs Job ist es, die hochverschuldete Bundeshauptstadt liquide zu halten - zu den bestmöglichen Konditionen, die am Kapitalmarkt erzielt werden können.

Bis heute gleicht die Stadt allen Anstrengungen von Berlins Regierendem Bürgermeister Klaus Wowereit zum Trotz ("Sparen, bis es quietscht") einem kranken Patienten, der ohne eine tägliche monetäre Infusion nicht überleben kann. Die Schuldenlast von rund 60 Milliarden Euro, die der Senat seit dem Mauerfall angehäuft hat, ist erdrückend; würden Reichenbach und ihr Vier-Mann-Team ihre Arbeit einstellen, könnte Finanzsenator Thilo Sarrazin (SPD) von heute auf morgen keine Gehälter mehr auszahlen. Mehr als acht Milliarden Euro frisches Geld muss der Senat allein in diesem Jahr beschaffen.

Deshalb wird beim Zinssatz um jedes Hundertstel hinter dem Komma gefeilscht, meist am Telefon, selten per E-Mail. Mit 15 bis 20 Banken in der gesamten Republik sind die Mitarbeiter des Berliner Kreditreferats täglich im Gespräch und online mit den Kollegen aus den Finanzministerien der anderen Bundesländer vernetzt. Ist ein Geldinstitut bereit, für »minus 4«, also beispielsweise für 4,4 Prozent statt für 4,44 Prozent Zinsen, dem Land Berlin 100 Millionen Euro zu leihen, wird zugeschlagen. »Das ist dann eine Angelegenheit von Sekunden«, sagt Reichenbach.

Anders als es der marode Finanzstatus vermuten lässt, sind die Schuldscheine mit dem Bären in aller Welt hochbegehrt: Neben internationalen Versicherungskonzernen, Großbanken und angelsächsischen Pensionsfonds zählen zu den Berlin-Gläubigern auch Scheichs aus Kuweit und eine chinesische Staatsbank. Weil einzelne Bundesländer im föderalen System laut Grundgesetz nicht pleitegehen können, gelten Darlehen an den deutschen Staat als sicheres Investment. »Uns wird das Geld waschkorbweise hinterhergetra-

gen«, brüstet sich Sarrazin. Und Reichenbach sagt: »Wir genießen hohe Bonität.«

Auf diese Weise haben die Schuldenmanager weltweit Kapitalanleihen ausgegeben, die mit 33,6 Milliarden Euro den Löwenanteil der Berliner Verbindlichkeiten ausmachen und die teilweise an der Börse gehandelt werden. Bei inländischen Geldinstituten wie der Deutschen oder der Dresdner Bank nahm der Senat Kredite über insgesamt 25,4 Milliarden Euro auf.

Die moderne Form der Geldbeschaffung nach den Regeln des globalen Kapitalismus haben die Bundesländer erst vor rund zehn Jahren für sich entdeckt. Vorreiter waren Hessen und ausgerechnet das damals mit Unterstützung der PDS regierte Sachsen-Anhalt. Berlin ist seit 2001 an der Börse.

Mitunter agiert die Hauptstadt dabei wie ein aufstrebendes Jungunternehmen, das neue Aktien ausgibt: mit einer Roadshow für Investoren. Zuletzt starteten Reichenbach und Staatssekretär Klaus Teichert im März eine solche Werbetour, diesmal in der Schweizer Bankenmetropole Zürich. Erstmals wollten die Berliner Geldbeschaffer Fremdwährung akquirieren, Einzelgespräche bei Schweizer Versicherungen und in der Bank BNP Paribas standen auf der Agenda. Die Reise war erfolgreich: Bereits eine Woche später wurde in Zürich eine Berlin-Anleihe über 400 Millionen Schweizer Franken aufgelegt.

Dass die Berliner bei der Geldbeschaffung im Ausland eine lange Tradition haben, daran wird Schuldenmanagerin Reichenbach in ihrem Büro tagtäglich erinnert. Vom Schreibtisch aus blickt sie auf eine Reihe besonders schöner Exemplare aufwendig gestalteter Berlin-Anleihen aus den Zwanzigern des vergangenen Jahrhunderts. Eine davon läuft über 500 Pfund Sterling. 1927 lieh sich die Reichshauptstadt auf diesem Wege die damals horrende Summe von 3,5 Millionen Pfund im britischen Empire zusammen. Die Laufzeit der Anleihe betrug 30 Jahre.

Ob die Anleger trotz Nazi-Diktatur und Weltkrieg ihr Geld ausgezahlt bekamen, vermag Reichenbach nicht zu sagen. Wer allerdings heute »Berlin kauft«, so viel verspricht sie, »der weiß, dass er kein Geld verliert«. ANDREAS WASSERMANN

* Mit einem Schokoladen-Geldkoffer, einem Werbegeschenk einer Bank.

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