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BRASILIEN / TODES-SCHWADRON Beamtete Rächer

aus DER SPIEGEL 5/1969

Die Mörder meldeten den Mord per Telephon. »Schau her, es gibt schon wieder einen Schinken«, so informierte ein selbsternanntes »Public-Relations-Büro« der Killer die Kripo in Säo Paulo von einer Bluttat -- der neunzehnten innerhalb sechs Wochen.

Wie jedesmal zuvor verriet eine »metallische und gepflegte Stimme« ("Jornal do Brasil"), wo die Leiche lag.

In einem Straßengraben, einige Kilometer vom Zentrum Säo Paulos entfernt, fanden Kriminalbeamte den von Kugeln durchbohrten Körper des Straßenräubers Bôca de Traira -- auch er, wie alle 18 Opfer vor ihm, Gangster aus der Unterwelt der Sechs-Millionen-Stadt. Ihre Mörder: die »Esquadrao da Morte« -- die »Todes-Schwadron«, wahrscheinlich eine geheime »Gruppe von Polizei-Rächern« ("Jornal do Brasil").

Unbehelligt führen die fanatischen Ordnungshüter in ihrer Freizeit einen privaten Ferne-Feldzug gegen Säo Paulos Ganoven. Den beamteten Rächern scheinen Brasiliens Gesetze zu milde (es gibt keine Todesstrafe), die Richter zu großzügig, die Gefängniswärter zu nachlässig. Eigenmächtig lyncht die Mord-Brigade Rauschgifthändler und Räuber, Schmuggler und Schläger.

Das Muster für die Ferne-Morde lieferten Killer-Kollegen in Rio de Janeiro. Seit Anfang letzten Jahres folterten und verstümmelten, erschossen und erdrosselten sie dort fast 200 Opfer.

Gewissenhaft etikettierte das Todes-Kommando jede Leiche mit seiner Visitenkarte: mit einem stilisierten Totenkopf und den Initialen EM -- Esquadrao da Morte. Zuweilen benutzten die Rächer für ihre Ferne-Expeditionen sogar Dienstwagen des Sicherheitssekretariats von Rio. Telephonisch verkündete Schwadron-Chef »Rote Rose« in Rios Redaktionen jeden blutigen Sieg über die Gauner.

Beeindruckt von den Rächern in Rio, die nach Ansicht von Kollegen in Säo Paula »an der Seite des Gesetzes arbeiten und der Bevölkerung dienen«, stellten Mitte November auch Säo-Paulo-Polizisten eine Todes-Schwadron auf, nachdem dort ein Gangster

* Die Abkürzung BZH steht für Breizh, das bretonische Wort für Bretagne.

** Rechts: Auf dem Rücken Signum und Initialen der Todes-Schwadron -- »Esquadrao da Morte«.

einen Kriminalbeamten getötet hatte. Sie forderten »zehn Banditen für jeden ermordeten Polizisten« und üben seither nach einer schwarzen Liste planmäßig Lynchjustiz. Ihre Opfer markierten sie fast immer mit einem Schuß durchs Ohr.

Panik breitete sich aus im Milieu: Der Rauschgifthändler-Bell »Miroca« erflehte beim Präsidenten des Parlaments im Staat Sao Paulo eine Garantie für sein Leben. Der Gangster Carlos Eduardo da Silva ("Saponga"), rico Säe Paulos Polizei für den Tod des Kriminalbeamten verantwortlich machte, suchte Schutz beim Bischof von Sorocaba -- vergebens: Etwa 15 Häscher liquidierten Saponga mit 20 Kugeln verschiedener Kaliber. Sie durchschossen seine beiden Ohren.

Die Rauschgifthändler Roberto Texeira und Odilen Queirós hofften auf die Hilfe der Justiz. Sie übergaben dem Richter eine Liste mit neun Namen von Mitgliedern der Schwadron alles Beamte des Staatlichen Departements zur Untersuchung von Verbrechen (DEIC), darunter Polizeichef Sérgie Fleuri.

Vier Beamte dieser Kripo-Dienst -- stelle zeigte auch der Dieb Mário dos Santos an. Sie hatten ihn gefoltert und ihm Uhr Ehering und Geld geraubt. Dann brachten sie ihn mit einem gelben Simca in den Busch und befahlen ihm, wegzulaufen. Von fünf Schüssen getroffen, brach dos Santos zusammen, überlebte aber die Lynchjustiz der Staatsdiener.

Doch die amtlichen Hüter von Recht und Ordnung in Brasilien dachten bislang wenig an eine Verfolgung der Feine-Mörder. Der Sekretär für öffentliche Sicherheit des Staates Säo Paulo, Hell Lopes Meireles, bestritt wie sein Kollege General Franca in Rio, daß es überhaupt polizeiliche Todeskommandos gäbe. Die Ermordeten seien vielmehr Opfer eines Kampfes zwischen rivalisierenden Gangsterbanden.

Der Chef der Abteilung Raubüberfälle beim DEIC, Ernesto Milton Dias. freute sich dagegen, daß die Kriminalität in Sao Paulo seit dem Auftreten der Killer-Kommandos um 30 Prozent zurückgegangen sei. Und die Bundespolizei ordnete erst dann eine Untersachung der Rachejustiz an, als die Todes-Schwadron auch auf Bundespolizisten geschossen hatte.

Dach seit die Untersuchung dem Sicherheits-Sekretär Lopes Meireles übertragen wurde, »sprach niemand mehr darüber«, so das »Jornal do Brasil": »Alles deutet darauf hin, daß es keinen richterlichen Druck auf die Polizei-Rächer geben wird.«

Seit Brasiliens Militärregime im Dezember durch einen Staatsstreich die Justiz entmachtete, die zivile Kontrolle durch das Parlament ganz ausschaltete und das Land zum Polizeistaat machte, können die Polizei-Rächer noch zuversichtlicher in die Zukunft sehen. Das »Public-Relations-Büro« der Todes-Schwadron von Sao Paulo verkündete, daß 1969 für die Lynchbrigade »ein Jahr voller Arbeit sein wird«.

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