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BECKETT UND BIEDERMEIER

aus DER SPIEGEL 43/1964

Es ist zu dem Zweck kaum auf die Welt gekommen, doch dieses Buch wird auch schockieren. Sehr zart, sehr energisch fällt es dem Zeitgeschmack in den Rücken. Während ringsum Literatur das politisch Unbewältigte bewältigen möchte, erschreckt hier einer, der aus allen stummen Verabredungen tanzt, um sich einzuspinnen in eine über hundert Jahre entfernte Figur, der sich weder für noch gegen irgendwelche Zeiten engagiert, sondern für das Aufhören allen Uhrenschlagens und aller Zeitrechnung, für das Thema »Stillstand«.

All das kommt unerwartet, auch von Peter Härtling, der nach knappen Bänden Poesie und trotz eines Romans erst hier als Autor und Erzähler zu entdekken ist. Und unerwartet kommt auch Niembsch auf uns zu, denn wer wird sich gleich auf Anhieb erinnern, daß der Poet Lenau bürgerlich Niembsch, genauer: daß er adlig Niembsch Edler von Strehlenau hieß?

Wenig genug hat Härtling allerdings faktentreu aus der vermoderten Romantikerbiographie übernommen: Das meiste wirbelt er durcheinander, bis es genau in das Muster zusammenfällt, das er braucht: zur Geschichte eines Mannes, der die Zeit zum Stillstand bringen möchte, »jenes gewaltige Ticken hinter seiner Stirn«, und der schließlich ein Ende noch vor dem Tod erreicht in einem Zustand, der einst »Umnachtung« hieß und für Lenau damals Paralyse bedeutete.

Härtlings Niembsch tritt auf als ein Wesen von erbärmlicher und erbarmungswürdiger Kälte, immer in Entfernung, zu sich, zu allen, zu jeder Situation. Auch liebend - und dieser Niembsch ist ein vehementer Erotiker - bleibt er stets Spiegelspieler und Experimentator, ganz mit der präzisen Begeisterung des Kierkegaardschen Verführers. Denn auch die unendliche erotische Wiederholung, hofft Niembsch, könnte sich endlich zum Kreis schließen, der schon eine Figur des Stillstands ist.

Man sieht: dieses Buch kommt von weit her. Nicht nur aus den dreißiger und vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts nämlich, wo es sich historisch aufhält, sondern auch aus einer Zeit, da die Künstlernovelle noch das deutsche Genre schlechthin schien. Wie Tonio Kröger und Aschenbach bei Thomas Mann, wie Rilkes Malte und Hermann Hesses Klingsor ist auch Niembsch als Stellvertreter einer These entworfen. Ja, die Figur soll die These geradezu sein. Erzählt wird, damals wie hier, ein lyrischer Essay.

Niembsch allerdings, konsequenter weltflüchtig als seine ästhetischen Vorläufer, scheint nicht nur Kierkegaard, ja sogar Beckett gelesen zu haben. Die ganze Tradition spätabendländischer Schwermut, lauter Endstimmungen und Entwürfe zu diesseitiger Erlösung werden zusammengezogen in diesen Brennpunkt, in dieser Figur. Schopenhauer scheint in ihr anwesend, de Sade und Nietzsche, auch Camus' Sisyphos.

Man beginnt über dieser zwischen den Jahrhunderten schwebenden, von Lenauzeit und doch für uns erzählenden Prosa fast an Härtlings Geburtsjahr zu zweifeln (1933), und zwar nicht nur wegen ihrer schwerelosen Kultur. Sie zeigt nämlich alle Posen und Gesten eines Altersstils, so seigneural ist sie in sich selbst versponnen, so souverän und verspielt zugleich traktiert sie sich und das Erzählte. Ein seltener Schwebezustand zwischen Nonchalance und Manier scheint erreicht. Spätwienerisches schlägt geisterhaft durch, Sprach- und Stimmungsecho zu Hofmannsthals »Andreas« und Musils Kurzprosa, zu Schnitzlers Casanova-Novelle und zu Albert Paris Gütersloh. All das schienen schon letzte Reisen. Lassen sie sich tatsächlich und heute noch fortsetzen?

Denn eines setzt Härtlings Dichternovelle wie jede andere romantisch und unbefragt voraus, die feierliche Illusion, der Künstler sei der exemplarische Mensch, ein Muster aller Individualität. Man entwerfe nur eine Gegenprobe: Wie anders wäre dieses Pamphlet gegen die Zeit ausgefallen, hätte statt des Poeten etwa ein Beamter der Metternich-Ära den Stillstand experimentiert. Das wäre Hofmannsthal fremder geworden, Kafka nähergerückt, ein nur noch abstrakt österreichischer Alptraum.

Doch Härtlings Novelle will und ist Romantik, wenn auch in einem wenig treuherzigen, im Schlegelschen Sinne und das vor allem in den erotischen Partien. Wenn Niembsch seine Geliebten und Versuchspersonen umarmt, dann durchkreuzen und durchdringen sich sinnliche und intellektuelle Laune auch in der beschreibenden Sprache. Sensualismus, Lust an Haut und Augenblick verrät sie, doch zugleich den kühlen, wißbegierigen Blick durch alle Oberflächen, auf das Musterhafte der jeweiligen Situation - reiner Friedrich Schlegel, reine »Lucinde«. Nur ein Zeitgeschmack, der auf Schock und Verdrängung abonniert ist, der mit dem Schlagwort »sentimental« nichts weiter als seine eigene Prüderie verteidigt, wird an solchen Liebesspielen Anstoß nehmen.

Gefährdet ist das Buch beileibe nicht durch einzelne Szenen, im Gegenteil: sie zeigen Niembsch und seine Lage in nachtwandlerischen Sätzen, doch klar. Nur wenn durch ihn und über seinen Kopf hinweg über den Stillstand und die Wege dorthin räsoniert wird, zerfällt die Erzählung immer wieder in das, was sie ist, und das, was sie beweisen möchte, dann hängen Thema und Thesen aus ihrem Leib wie lästige ' Gräten. Gerade was behauptet wird, die allmähliche Hinführung des Helden zum Stillstand, das findet nämlich keineswegs statt. An einer Paradoxie scheint Härtling zu scheitern: Vom Stillstand wollte er erzählen und seiner Erzählung doch einen Fortgang aufzwingen. Was ihm gelingt, ist eine Reihe von in sich geschlossenen, schon stillstehenden Erzählstücken, Medaillons und Fragmenten aus dem Leben des Niembsch. Offenbar ist die Prosa Härtlings seinen Absichten also voraus. Sie beweist nämlich, daß Absichten kaum noch zu erzählen sind. Seine Figur, Niembsch, steht, doch sie erfüllt keine Aufträge mehr, spricht Parolen nicht so leicht und selbstverständlich nach wie Tonio Kröger und Malte die ihren.

Und doch, ein Blick auf Beckett zeigt, wie selbst die Philosophie des Endes unendlich erzählt werden kann. Dort aber redet aus der Sprache selbst schon ihre eigene Unmöglichkeit, ihr Stillstand, das Schweigen. Alle Erscheinungswelt ist aufgezehrt in einer zeitlosen, mythischen Szenerie. Niembsch dagegen haftet an seinen schwäbisch-österreichischen Biedermeier-Milieus, und die Eloquenz seines Autors musiziert sehr festlich mit ihrem sprachlichen Reichtum. Wer also auch in Kunstfragen von Pedanterie nicht lassen kann, der wird befinden: ein mißglücktes Buch. Gemessen an seinen eigenen Absichten, mag es das sein. Doch hinter seinem eigenen Rücken triumphiert es dauernd als Erzählung, wie absichtslos, und das macht es lesenswert.

Goverts

Verlag

Stuttgart

176 Seiten

16,80 Mark

Härtling

Reinhard Baumgart
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