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Bedenke, das alles wächst

Ein Märchen, erzählt nach alten und neuen Regeln Der Rechtschreib-Experte Wolfgang Mentrup verfaßte ein Märchen vom »Kaiser/Keiser Ortho«, dem der folgende Auszug entnommen ist: links in heutiger Rechtschreibung, rechts entsprechend dem Reform-Vorschlag.
aus DER SPIEGEL 46/1988

Es war einmal ein Kaiser namens Ortho, und sein weites Reich ward geheißen Graphemien. Bisweilen thronte er auf seinem seidenen Thron nahe der weißen Türe des Thronsaals. Den Thron umstanden Gelehrte und Weise, Päpste, Äbte und Pröpste.

Und im bläulichen Meer jagten und hetzten weiße Haie in wilder Hatz, und schwärzlich durchpflügten Wale die Wellen. Aale zogen die Flüsse flußauf, und Boote und Bötchen mit grünlichem Moos an den Bohlen und Dampfer mit kohlenden Schloten und hohlem Ton der Sirenen fuhren flußab. Oh heilige Schiffahrt! Oh selige Schifffreiheit im moorigen Sog der tobenden, tosenden Wogen in Noor und Haff!

Und die klagende Stimme des Leo, so gerufen des löwenbemähnten Hauptes wegen, hub an in notvollem Ton: »Oh Ortho - Graphemiens Herrscher! Das Reich deiner Sprache, das das das wahre Wohnen deines Volkes bewahrende Heimatland immer war, ist in Gefahr. Wie alle paar Jährlein wieder tragen Ortho-Hunzis und Grapho-Fummlis mit kruden und rüden Reden Fehde und Frevel an die Ufer und efeubewachsnen Gemäuer deines Hafens. Die Lingo-Nivellis vereinheitlichen das Reich deiner Sprache. Dem Maße der niedrigen Masse gemäß machen sie deren Verfehlungen zum Gesetz deines Reiches.«

Eine Zeitlang, einige Zeit lang verharrte der Kaiser im Schweigen. Doch dann hob er sein Haupt: »Oh Leu! Du - den viele verehren! Vergiß nicht die Inbrunst meines Volkes! Erinnere dich der Weisheit meines Vaters: ,Bedenke, daß alles wachsen, leben und sich wandeln muß; denn sonst ist es nur ein totes Museum oder beruht auf Routine. Suche den Sinn der Dinge und die Bedeutung der Wörter nicht im Gegenstand und im Buchstaben, sondern in den Gedanken und Handlungen deines Volkes.'«

Es war einmal ein Keiser namens Ortho und sein weites Reich ward geheißen Graphemien. Bisweilen tronte er auf seinem seidenen Tron nahe der weißen Türe des Tronsals. Den Tron umstanden Gelehrte und Weise, Päpste, Äpte und Pröpste.

Und im bläulichen Meer jagten und hätzten weiße Heie in wilder Hatz und schwärzlich durchpflügten Wale die Wellen. Ale zogen die Flüsse flussauf,* und Bote und Bötchen mit grünlichem Mos an den Bohlen und Dampfer mit kohlenden Schloten und hohlem Ton der Sirenen fuhren flussab. Oh heilige Schifffahrt! Oh selige Schifffreiheit im morigen Sog der tobenden, tosenden Wogen in Nor und Haff!

Und die klagende Stimme des Leo, so gerufen des löwenbemähnten Hauptes wegen, hub an in notvollem Ton: »Oh Ortho - Graphemiens Herrscher! Das Reich deiner Sprache, das das das wahre Wohnen deines Volkes bewahrende Heimatland immer war, ist in Gefahr. Wie alle par Jährlein wieder tragen Ortho-Hunzis und Grapho-Fummlis mit kruden und rüden Reden Fede und Frefel an die Ufer und efeubewachsnen Gemäuer deines Hafens. Die Lingo-Nivellis vereinheitlichen das Reich deiner Sprache. Dem Maße der niedrigen Masse gemäß machen sie deren Verfehlungen zum Gesetz deines Reiches.«

Eine Zeit lang, einige Zeit lang verharrte der Keiser im Schweigen. Doch dann hob er sein Haupt: »Oh Leu! Du - den viele verehren! Vergiss nicht die Inbrunst meines Volkes! Erinnere dich der Weisheit meines Vaters: ,Bedenke, das alles wachsen, leben und sich wandeln muss; denn sonst ist es nur ein totes Museum oder beruht auf Rutine/Routine. Suche den Sinn der Dinge und die Bedeutung der Wörter nicht im Gegenstand und im Buchstaben, sondern in den Gedanken und Handlungen deines Volkes.'«

Mentrup

Wolfgang Mentrup
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