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FLEISCHBESCHAU Bedingt tauglich

aus DER SPIEGEL 10/1966

Lübeck blieb links liegen: Immer wieder änderten im Jahre 1961

Dampfer mit polnischen Schlachtschweinen unversehens ihren Kurs und steuerten den Konkurrenzhafen Kiel an.

Zehn Viehtransporter mit jeweils 800 Schweinen, auf die Lübeck gehofft hatte, löschten ihre Ladung in Kiel. Die Lübecker beklagten den Ausfall von über 50 000 Mark Schlacht- und Untersuchungs-Gebühren. Da beschloß Bürgermeister Max Wartemann, der Sache auf den Grund zu gehen.

Freimütig bekannten die Importeure, warum ihre Schlachtschiffe abgedreht waren: Die Kieler Fleischbeschauer sortierten durchschnittlich nur 0,5 Prozent der Schweine als tuberkulös aus, die Lübecker Kollegen über zwei Prozent mehr.

An dieser Diskrepanz entzündete sich ein Streit innerhalb der Lübecker Beamtenschaft, der fünf Jahre schwelte und sich zu einem veterinär-medizinischen Skandal ausgewachsen hat: Dr. Curt Fiedler, Leiter des Lübecker veterinär-bakteriologischen Laboratoriums, beschuldigte seine Vorgesetzten per Leserbrief in der Ortspresse, sie hätten Fleisch von tuberkulosekranken Tieren unbeanstandet in den Handel gelangen lassen.

Nach dem Fleischbeschaugesetz dürfen TB-Schweine nur als »bedingt tauglich« und gekocht auf der billigen Freibank feilgeboten werden - für die Viehhändler seinerzeit ein schlechtes Geschäft, aber ein guter Grund, das in puncto Borstenvieh liberalere Kiel anzulaufen.

Als Besitzerin des größten Seegrenzschlachthofes in Westdeutschland, der Fleisch in alle Teile des Bundesgebietes liefert, saß die Stadt Lübeck damit in der Konkurrenz-Klemme zwischen Hygiene und Profit, in die Hafenstädte mit eigenen Seegrenzschlachthöfen leicht geraten: Je strenger die Fleischbeschau, desto geringer der Auftrieb von Auslandsvieh.

Bürgermeister Wartemann erkundigte sich bei seinem Schlachthofdirektor Dr. Alois Scheidtmann, wie es denn zu erklären sei, daß polnische Importschweine in Lübeck häufiger unter Tuberkulose litten als in Kiel. Scheidtmann war überfragt und versprach Überprüfung: Die Lübecker TB-Befunde sollten künftig vom Veterinär -Untersuchungsamt des Landes Schleswig-Holstein in Neumünster noch einmal kontrolliert werden.

Beim nächsten Schub aus Polen sonderten die Lübecker Schlachthof-Tierärzte 25 TB-Schweine aus und schickten Fleisch-Proben zur Untersuchung nach Neumünster. Das Ergebnis war für die Lübecker gänzlich unerwartet: Neumünster bestätigte nur 40 Prozent ihrer Diagnosen.

Dr. Fiedler, der gerade den erkrankten Schlachthofdirektor vertrat, protestierte: »Wenn das stimmt, habe ich 30 Jahre lang alles falsch gemacht.«

Er hielt eine klärende Aussprache in Neumünster für angebracht und beantragte eine Dienstreise, »da dieser tuberkulosefreie Befund sich in keiner Weise mit den pathologischen Veränderungen in Einklang bringen und eine Fehldiagnose wahrscheinlich sein ließ«.

Der damals zuständige Senator Ernst Richter (CDU), Prokurist einer Speditions- und Schiffahrts-Firma, hielt jedoch die Dienstreise zur Tuberkulose-Debatte für überflüssig. So schickte Fiedler auf eigene Verantwortung einen Tierarzt zum Untersuchungsamt nach Neumünster.

Dort stellten die Veterinäre weitere Untersuchungen an und korrigierten sich schließlich: Nun stimmten die Lübecker Diagnosen nicht zu 40 Prozent, sondern zu 99 Prozent. Das wiederholte sich, und insgesamt 70 Schweine wurden erst auf Lübecker Intervention hin von den Obergutachtern in Neumünster als tuberkulös erkannt.

Aber in die Genugtuung des Veterinärrats Fiedler mischte sich bald Verbitterung. Bürgermeister Wartemann erteilte ihm wegen der »eigenmächtig« angeordneten Dienstreise schriftlich eine »ernsthafte Rüge« und enthob ihn seines Postens als stellvertretender Schlachthofleiter. Fiedler fühlte sich zu Unrecht gemaßregelt und klagte vor dem Verwaltungsgericht in Schleswig.

Während das Verfahren lief und lief und lief, schärfte Zorn die Aufmerksamkeit des gerügten Tuberkelspürers. Er entdeckte in den Lübecker Schlachthallen, »wie laufend in Hunderten von Fällen das Fleischbeschaugesetz nicht beachtet wurde«, und meldete Vorfall um Vorfall.

Dr. Fiedler erkannte, daß »Tiere, die gesetzlich entweder als untauglich auf die Abdeckerei gehörten oder nur gekocht hätten verkauft werden dürfen... teils als tauglich ohne Einschränkung oder

als minderwertig in den Verkehr kamen«, und zeigte im April 1965 die leitenden Männer des öffentlichen Schlachthofes wegen Nichtbeachtung des Fleischbeschaugesetzes an - »weil alle meine Eingaben nichts fruchteten und die vorgesetzten Dienststellen alles so weiterlaufen ließen«.

Obgleich Fiedler den Lübecker Behörden anlastete, sie hätten dauernd »verseuchtes Fleisch« in den Handel kommen lassen, wurde der für eine Bagatell-Reise gemaßregelte Beamte wegen dieser »ungeheuerlichen Vorwürfe« (Senat) vier Wochen lang weder disziplinar- noch strafrechtlich belangt. Die Stadt ließ Fiedler im Amt und dementierte lediglich von Fall zu Fall.

Erst als Presseleute sich nach dem in Lübeck gängigen Disziplinar-Modus erkundigt hatten, wurde Fiedler Mitte letzter Woche von seinen Dienstgeschäften beurlaubt. Der Senat leitete Vorermittlungen wegen Verdachtes eines Dienstvergehens ein, weil Fiedler »wiederholt in der Tagespresse wahrheitswidrige und entstellte Veröffentlichungen unter teilweiser Preisgabe von innerbetrieblichen Vorgängen veranlaßt« habe.

Die ursprünglich so wichtige Frage, weshalb importiertes Borstenvieh in Kiel eine geringere TB-Quote hatte als in Lübeck, geriet über dem internen Lübecker Streit allmählich in Vergessenheit. So blieb bislang auch ungeklärt, ob und wie viele TB-Schweine von Kiel aus in den Handel gekommen sind.

Der oberste Veterinär des Landes, Ministerialrat Dr. Mißfeldt, zum SPIEGEL: »Ob oder wie viele Schweine - das läßt sich doch jetzt nicht mehr sagen.«

Kollege Fiedler: »Nach Adam Riese bestimmt mehr als tausend.«

Lübecker Veterinäre Scheidtmann, Fiedler, polnische Importschweine in Lübeck: Schlachtschiffe drehten ab

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