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SPANIEN /KOLONIEN Bedrohte Bubis

aus DER SPIEGEL 43/1968

»Spanien, die Mutter vieler Völker, hat ein neues großes historisches Werk vollbracht« -- begrüßte in Barcelona die Tageszeitung »La Vanguardia Española« die Entbindung der iberischen Urmutter vom jüngsten und 133. Staat dieser Erde: Äquatorial-Guinea.

Am »Tag der Hispanität«, dem Feiertag aller iberischen Völker am vorletzten Sonnabend, entließ Madrid seine Afrika-Besitzung Spanisch-Guinea -- die Kakao-Insel Fernando Fu und Rio Muni, einen Regenwaldstreifen nahe am Äquator -- in die Unabhängigkeit.

Nach 190 Jahren spanischer Herrschaft in Fernando Po, das in den letzten Monaten zum Umschlagplatz für die Biafra-Hilfe wurde, übertrug Francos Minister für Information und Tourismus, Manuel Fraga Iribarne, dem Anfang Oktober gewählten Guinea-Präsidenten, Francisco Macias Nguema, 44, die Macht über den Doppel-Staat.

Auf der Plaza de España in der gemeinsamen Hauptstadt Santa Isabel (Fernando Po) stieg die grün-weißrot gestreifte, mit einem blauen Dreieck bestickte Flagge der neuen Nation empor. Vom Hafen her böllerten Salutschüsse. Nur Gewitter und tropische Regengüsse störten das von Präsident Macias versprochene »intime Familienfest«.

Mit der Aufgabe seiner Tropen-Territorien beginnt Spanien nun auch die Reste eines Weltreichs zu liquidieren, in dem vor 400 Jahren -- nach den Worten des Habsburger Kaisers Karl V. -- »die Sonne nicht unterging«.

Vom einstigen Imperium bleibt heute nur bescheidener Besitz in Afrika:

* die beiden zu Provinzen des Mutterlandes gehörenden Städte Ceuta und Melilla in Marokko sowie zehn winzige Inseln an der marokkanischen Mittelmeerküste;

* die Enklave Ifní an der Westküste Marokkos, deren Einwohner, seit die Marokkaner 1957 den größten Teil des Territoriums besetzten, sich nur noch fünf Kilometer weit vom Gouverneurspalast entfernen dürfen;

* Spanisch-Sahara, ein öder Wüstenstreifen, knapp größer als die Bundesrepublik, den sowohl Marokko wie Mauretanien für sich beanspruchen. Denn außer Sand und Steinen gibt es dort eines der größten Phosphat-Vorkommen der Welt: etwa 1.7 Millionen Tonnen. Doch auch diese Gebiete will Spanien räumen. Im Kolonialausschuß der Uno stimmte selbst Francos Vertreter für eine Entschließung, die Gespräche zwischen Madrid und Rabat über eine Abtretung Ums an Marokko und für die rund 50 000 Einwohner Spanisch-Saharas die Selbstbestimmung fordert.

Der Grund für Francos Verzichtpolitik: Die Spanier hoffen, mit Unterstützung der Afrikaner eine andere Kolonie zu gewinnen -- den noch von Briten besetzten Affenfelsen von Gibraltar.

Bereitwillig gab Madrid daher auf Uno-Verlangen auch Spanisch-Guinea auf, das »strahlendste Juwel in Spaniens afrikanischer Krone ("Time"). Francos Regierung gewährte den Afrikanern sogar Rechte, die sie ihren Untertanen im Mutterland verweigert: die Zulassung freier Parteien und Gewerkschaften.

Dennoch gab es Streit um die von Madrid gelieferte Verfassung. Die über 200 000 Einwohner des Rio-Munistaatsteils -- zumeist vom Stamm der Fang -- wollten mehr Einheit für den Doppel-Staat, die etwa 20 000 Fernando-Po-Bürger vom Stamm der Bubi mehr Autonomie für ihre Insel. Denn die Bubis möchten ihren Wohlstand nicht mit den ärmeren Verwandten vom Festland teilen.

Auf der »Perle des Ozeans« -- so nannten die Portugiesen einst das 1471 von dem portugiesischen Seefahrer Fernando Po entdeckte Eiland -- wächst eine besonders gute -- aromatische und vollbohnige -- Kakaosorte. Der Export von Kakao, Kaffee, Holz und Bananen sichert den Inselbewohnern eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Schwarz-Afrikas: fast 1000 Mark im Jahr. 90 Prozent der Insulaner können lesen und schreiben -- das höchste Bildungsniveau Afrikas.

Im feuchten und heißen Klima Rio Munis dagegen wächst wenig außer Holz und bis zu 30 Zentimeter großen Riesenfröschen (Rana goliath). Das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen der schwarzen Bevölkerung übersteigt kaum 280 Mark im Jahr. Die Zahl der Analphabeten ist weit höher als bei den Insel-Brüdern.

Mit einer Regierungskoalition von drei Parteien hofft Präsident und Kaffee-Plantagenbesitzer Macias zu verhindern, daß die Spannungen zwischen den ungleichen Landesteilen den jungen Äquator-Staat sprengen. Beim Ex-Kolonialherrn Franco erbat Mecias bereits »brüderliche Hilfe«.

Den Wohlstand der Bubis finanzierten bislang die Spanier: Sie nahmen über 90 Prozent der Ausfuhr Fernando Pos und Rio Munis ab -- und zahlten für jedes Kilo Kakao und Kaffee zwischen zehn und 30 Peseten über dem Welthandelspreis: insgesamt jährlich 500 bis 700 Millionen Peseten.

Mehr noch als den Ausfall spanischer Subventionen fürchtet Äquatorial-Guinea den Einfall nachbarlicher Truppen: Kamerun und Gabun möchten sich Rio Muni teilen. Nigeria erhebt Anspruch auf das nur 150 Kilometer vor seiner Küste gelegene Fernando Po; die Insel sei »ein natürlicher Teil Nigerias«.

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