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USA Befehl per Hund

Kaum ein amerikanischer Verbrecher ist so von der Presse ausgeschlachtet worden wie der kürzlich in New York festgenommene »Son of Sam«.
aus DER SPIEGEL 36/1977

Okay, dann habt ihr mich ja«, sagte David Berkowitz lächelnd, als New Yorker Polizisten ihn verhafteten. Als »Son of Sam« soll er für eine Mordserie in der amerikanischen Ostküsten-Metropole verantwortlich sein.

Doch immer mehr interessiert ein anderer möglicher Schuldiger: Mordete die New Yorker Boulevardpresse mit? Brachte sie den Mörder in Tatzwang?

Denn als der Jahrestag des ersten Son-of-Sam-Mordes herannahte, hatte der New Yorker Kolumnist Jimmy Breslin in der »Daily News« einen Kommentar verfaßt, den er dem »44-Kaliber-Killer« zu seinem ersten »Totentag« (Deathday) widmete.

Am 29. Juli vorigen Jahres hatte ein Mann, der sich später in einem Brief an Breslin als »Son of Sam« bekanntmachte, den ersten in einer Kette von acht Mordanschlägen verübt.

Dabei verfuhr er, so schien es, immer nach dem gleichen, nur leicht veränderten Szenario:

Er schoß aus einem 44cal-Revolver zumeist in den frühen Morgenstunden auf überwiegend junge Mädchen mit dunklem, halblangem Haar, die mit ihrem Freund in einem geparkten Wagen saßen.

So starben vier Mädchen und ein Junge. Weitere sechs -- meist die Begleiter der Mädchen -- hatte der Son of Sam schwer verletzt.

Würde er nun, so fragte Jimmy Breslin suggestiv in seiner Kolumne, »am 29. Juli wieder durch die nächtlichen Straßen wandern und sich ein neues Opfer suchen«?

Besonders an diesem Absatz hat sich in den USA die Debatte entzündet, ob die Zeitungen mit ihrer sensationalisierten Berichterstattung den pathologischen Killer dazu getrieben hätten, immer neue Schlagzeilen zu liefern.

So zürnte der »New Yorker«, Breslins öffentliche Spekulationen über einen neuen Mord des Son of Sam am 29. Juli »könnten an journalistischen Fakultäten als Beispiel journalistischer Unverantwortlichkeit vorgeführt werden«.

Mit ihrer publizistischen Glorifizierung hätte die Presse -- so der »New Yorker« -- »aus dem Killer einen Star gemacht« und ihn »nicht nur ermuntert, sondern sogar dazu getrieben, weiterzutöten«.

Im Visier hatte der »New Yorker« in erster Linie die Massenblätter »New York Post« und die »Daily News«. Seitdem der australische Pressezar Rupert Murdoch im vorigen Dezember die »Post« gekauft hat, liegen die beiden Blätter im Wettstreit um Leser und suchen sich in rauhbeiniger Berichterstattung gegenseitig zu übertreffen.

Beide Zeitungen hatten in der Tat das einjährige Jubiläum des Son of Sam in gewaltiger Aufmachung gefeiert -- ohne jede neue Nachricht.

So posaunte die »Post« am 29. Juli auf ihrer Titelseite: »Revolverschütze löst Jagd nach dem Son of Sam aus.«

Im Text stand dann nur, daß die Polizei den Mann gejagt, aber nicht gefangen hatte -- und im übrigen nie glaubte, daß es sich um den Son of Sam handeln könnte. Ähnlich blähte die »Daily News« am 29. Juli ihre Nicht-Nachrichten über den Son of Sam auf: »Horror in Queens« oder »Von Angesicht zu Angesicht mit Son of Sam, dem Vater der Furcht«.

Hätte der Killer, der sich in seinem Brief an Breslin als »News«-Leser und Breslin-Fan vorgestellt hatte, sein Jubiläum bis dahin vielleicht verschwitzt -- war er jetzt nicht geradezu verpflichtet, wieder zuzuschlagen?

Er tat es, wenngleich zwei Tage später. In der Nacht des 31. Juli erschoß er die 20jährige Stacy Moskowitz, die mit ihrem Freund Roberto Violante in einem geparkten Buick saß und den Mondschein bewunderte. Violante wurde schwer verletzt und liegt heute, fast erblindet, in dem gleichen Krankenhaus, in dem seit dem 11. August David Berkowitz, 24, auf seinen Geisteszustand untersucht wird.

In der verlotterten Einzimmerwohnung von Berkowitz fand die Polizei eine Mappe mit sämtlichen Zeitungsausschnitten über den »Son of Sam«.

David Berkowitz, am 1. Juni 1953 geboren, wurde mit 17 Monaten von seinen heutigen Eltern adoptiert. Nach der High School, die er 1971 mit Mühe abschloß, arbeitete er als freiwilliger Feuerwehrmann und Hilfskraft bei der Polizei. Als Hilfspolizist patrouillierte er mit Vorliebe und »wie ein Raubtier« ("Miami Herald") in von Liebespärchen bevorzugten lauschigen Winkeln.

Nach seiner Soldatenzeit arbeitete er, wieder uniformiert, als Angestellter einer Wach- und Schließgesellschaft. Seinen Nachbarn fiel auf, daß er einer alten Frau, die unter ihm wohnte, Zettel mit Todesdrohungen wegen ihres zu lauten Fernsehers schrieb und daß ihn bellende Hunde in Raserei versetzten.

Einer von Berkowitz' Nachbarn in Yonkers, einem Vorort im Norden New Yorks, heißt Sam Carr. Er sei, so sagt Berkowitz heute, »eigentlich 6000 Jahre alt«, und von ihm stamme der Befehl, für ihn als »Son of Sam« zu killen. Manchmal sei der Befehl auch durch Sam Carrs Hund, einen schwarzen Labrador namens Harvey, an ihn gegangen.

Dabei ist der geisteskranke Berkowitz keineswegs einer der größten Killer der amerikanischen Kriminalgeschichte: In Riverside, Kalifornien, wartet, von der Presse fast vergessen, ein Mann auf seinen Prozeß, der wahrscheinlich mehr Menschen als irgend jemand sonst in Amerika umgebracht hat -- 23 Morde an meist homosexuellen jungen Männern hat Patrick Wayne Kearney bisher eingestanden, über 40 könnten es sein.

Doch wie kaum ein anderer in der amerikanischen Kriminalgeschichte ist die Son-of-Sam-Story schon jetzt ausgeschlachtet worden, in einem Maße, das Nachahmungstäter nur inspirieren kann.

Triumphierend meldete die daß sie am Tag der Verhaftung eine Million Exemplare verkauft hat, soviel wie beim Tod des Senators Robert Kennedy -- 40 Prozent mehr als normalerweise.

Wer immer im Umkreis von Berkowitz lebte, kassiert jetzt oder versucht es jedenfalls. Einer seiner Rechtsanwälte wollte ein Tonband verkaufen, das er am Nachmittag nach der Verhaftung in Berkowitz« Zelle aufnahm.

Inzwischen sind weitere Tonbänder aufgetaucht, die ein zehnstündiges Interview mit Berkowitz nach seiner Verhaftung enthalten. Die Bänder sind anonym dem New Yorker Literaturagenten Scott Meredith angeboten worden, der sie für 600 000 Dollar auf den Markt bringen will.

Dagegen hat eine frühere Freundin von Berkowitz Briefe, die sie von ihm erhalten hatte, für 500 Dollar geradezu an die »Daily News« verschenkt.

Könnte Berkowitz selbst seine Memoiren verkaufen, so würden sie, schätzt der Agent Bill Adler. »mindestens eine Viertelmillion Dollar eintragen«. Aber ein soeben erlassenes Gesetz sieht vor, daß fortan alle Einkünfte, die ein Verbrecher aus der Publizie* Text der Schlagzeile: »Revolverschütze löst Jagd nach dem Son of Sam aus«.

** Text der Schlagzeile: Breslin zum »44-Kaliber-Killer": Gib auf! Es gibt keinen anderen Ausweg.

rung seiner Memoiren zieht, auf ein Sperrkonto eingezahlt und den Opfern seiner Verbrechen überwiesen werden müssen.

Auch über Fernsehverträge wird schon verhandelt »Wir wollten nach dem letzten Mord nur abwarten, wie"s ausgeht«, sagt ein Vertreter der großen Fernsehkette NBC, »jetzt können wir loslegen.«

Jimmy Breslin, die Stimme der redlichen Volksempörung, steht schon seit Monaten bei Viking und dem Taschenbuchverlag New American Library für ein Buch über Son of Sam in Vertrag. Er schreibe an einem Roman, behauptet Breslin, das Buch soll ein Dokumentarroman wie Truman Capotes » [n Cold Blood« werden.

Einen Vorschuß von 150 000 Dollar, wie der »New Yorker« schrieb, habe er jedoch keineswegs bekommen, behauptet Breslin. Sein Vorschuß ist in der Tat, so ein Sprecher des Viking Verlags, »weit, weit höher«.

Das Geldgerangel behindert selbst die Wahrheitsfindung. Ein Reporter der »New York Times« rekonstruierte minutiös, wie es wirklich zur Verhaftung des Killers gekommen sei.

Er fand heraus, daß nicht der Einsatz von 300 Polizisten zur Verhaftung geführt hatte, sondern ein Zufall. Entscheidend für den Beleg seiner These wäre jedoch eine Aussage von Sam Carr, dem Mann mit dem Hund.

Der aber ließ durch seine Anwälte wissen, er ließe »nur gegen Sprechgebühr« mit sich reden. Gefordertes Honorar: 15 000 Dollar.

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