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BUNDESWEHR Befehl und Gehorsam

Weniger Theorie, mehr Truppe -- nach dieser Formel will Verteidigungsminister Hans Apel die Offiziersausbildung an den Bundeswehr-Hochschulen verbessern. Doch Professoren und Studenten wehren sich.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Der neue Verteidigungsminister war erst sieben Wochen im Amt, da wußte er schon, was seinem mit Waffenkäufen vollbeschäftigten Vorgänger Georg Leber in fünfeinhalb Jahren auf der Hardthöhe offensichtlich entgangen war: daß es mit der Offiziersausbildung in der westdeutschen Streitmacht nicht gerade zum besten steht.

Die Bundeswehr-Hochschulen, so belehrte Hans Apel im vergangenen April seine verdutzten Generäle, müßten endlich aus den Schlagzeilen heraus. Sie dürften sich weder zu »Militärakademien noch zu Allerweltshochschulen« entwickeln. Die neue Marschrichtung des Ministers für die studierenden Soldaten: weniger Theorie, mehr Truppe.

Zwei Monate später legte der neue Stellvertretende Generalinspekteur Johannes Poeppel seinem Oberbefehlshaber auf einer Abteilungsleiterkonferenz ein neues Konzept vor, mit dem das Soldatische an den Bundeswehr-Hochschulen gestärkt werden soll.

Kernpunkt des Poeppel-Programms: eine strengere Dienstaufsicht über die Offizier-Studenten, knappe militärische Beurteilungen, klare Vorschriften für den Vorlesungs- und Seminarbesuch und schließlich sogar eine »Umzäunung« der Hochschulen, um eine »Personenkontrolle zu erleichtern«.

Doch Hans Apel konnte sich für die neuen Kadettenanstalten seines Generals nicht ganz erwärmen. Wenngleich der ungediente Minister, der bar jeder militärischen Vorbildung ist, zunehmend Gefallen an den Lagevorträgen der Militärs findet -- von Poeppels Reformideen mochte er nur zwei aufgreifen:

>Künftig müssen die jungen Offiziersanwärter vor Beginn des Studiums neun bis zwölf Monate -- statt wie bisher sechs -- bei der Truppe Dienst tun;

an die Regelstudienzeit von drei Jahren soll ein zusätzliches Prüfungstrimester angehängt werden. Für beide Vorschläge gibt es gute Gründe: Die künftigen Truppenführer kennen heute, wenn sie zu ihren Einheiten kommen, fast nur Hörsäle und Studierstuben (36 Monate Hochschule, 18 Monate Offiziersschule), nicht aber den Truppenalltag.

Apel: »Als 25jähriger Oberleutnant hat der junge Mann dann noch immer nicht gelernt, wie sich der normale Wehrpflichtige wirklich fühlt und welche Probleme er hat. Er ist stets und ständig Schüler und Student gewesen.« Auch die Studiendauer ist, wie Vergleiche mit den Universitäten ergeben haben, zu knapp bemessen. Offizier-Studenten müssen in neun Trimestern packen, wofür ihre zivilen Kommilitonen vier bis fünf Jahre brauchen. Der harte Leistungsdruck erzeugt ständigen Streß, den viele der militärischen Hochschüler durch übermäßigen Alkoholkonsum zu mildern suchen.

Über alle anderen Punkte des Poeppel-Papiers aber, so befand der Minister, müsse noch einmal eingehend mit den Betroffenen nach der Sommerpause diskutiert werden -- auch über die Frage, ob die Studenten Uniform tragen müssen, wie die Generäle es wünschen.

Bei Professoren und Studenten hat sich inzwischen der Widerstand schon formiert. Auf Kritik stößt vor allem der Generalsvorschlag, daß nur noch solche Hochschullehrer an die Soldaten-Unis berufen werden sollen, die »aller Voraussicht nach die Gewähr bieten, dem Berufsfeld des Offiziers zumindest aufgeschlossen gegenüberzustehen«.

Derartige Postulate, so fürchten Schüler und Lehrer an den Bundeswehr-Hochschulen, könnten die freie Forschung und Lehre beeinträchtigen und dafür sorgen, daß schließlich nur noch Staats- und Militärtreues gelehrt wird.

Um in der Debatte mit der Generalität und dem Minister nicht mit leeren Händen dazustehen, gründeten der Münchner Bundeswehr-Professor Klaus von Schubert und sieben seiner Kollegen einen Fachbereich »Sozialwissenschaften« und entwarfen ein erziehungs- und gesellschaftspolitisches Anleitstudium, das schon Hochschul-Initiator Helmut Schmidt angeregt, das aber in den fünf Jahren seit Bestehen der Militär-Unis ein Schattendasein geführt hatte.

In zwei Wochenstunden soll den Studenten nun neben Fachwissen auch politische Bildung vermittelt werden. Für 1978 stehen 38 Vorlesungen über die »Deutsche Teilung« auf dem Lehrplan, für 1979 das Thema »Militarismus«.

In den Prüfungen soll dann, nach Schuberts Vorstellungen, nicht »Stoff-, sondern Problemwissen« kontrolliert werden. Das neue Studienprogramm sei als »Anleitung zu rationalem politischem Denken und Handeln« zu verstehen. Der Professor: »Wir müssen daran denken, daß die besten unter unseren heutigen Studenten im Jahre 2000 Generale sein werden.«

Der Parlamentarische Staatssekretär Andreas von Bülow, Apels Beauftragter für politische Bildung, ist zwar überzeugt, daß die Bundeswehr mit ihren Reformplänen in der Offiziersausbildung auf »dem richtigen Weg« ist. Aber er fürchtet auch, daß ihm und seinem Minister da noch viele Auseinandersetzungen ins Haus stehen.

Von Bülow: »Die Professoren haben Angst, daß sich der Einfluß der Militärs mit dem Prinzip von Befehl und Gehorsam in den Hochschulen einnisten könnte.«

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