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MENSCHENRAUB Begangen an Emil Dowideit

aus DER SPIEGEL 36/1950

Wenn Dipl.-Ing. Hans Höhl aus dem Westberliner Gefängnis Lehrter Straße dem Richter zur Aburteilung wegen Menschenraubes vorgeführt wird, dann wird der Hauptbelastungszeuge fehlen: Emil Dowideit, der als Emissär des Staatssicherheitsdienstes unter Ing. Höhls Kommando den geflohenen Mineralöl-Experten Fritz Wolf in Westberlin kidnappen und dem SED-Staat wieder überantworten sollte, ist jetzt selbst von den Häschern des Ostens entführt worden*).

Der goldene Westen hatte dem schweren Jungen Dowideit goldene Berge versprochen,

*) In Nummer 30 berichtete der SPIEGEL, wie Emil Dowideit von Piecks Sohn Artnur beauftragt wurde, die Entführung Wolfs aus Westberlin durchzuführen, wie Emil Dowideit, ein alter Geldschrankknacker, die Sache im Westen verriet, seinen Instrukteur Ing. Höhl in eine Falle lockte, selber festnahm und den Behörden von Westberlin übergab, Emil Dowideit selbst nahm damals im Westen Asyl. als er den geplanten Menschenraub verpfiff und den Menschenraub-Regisseur Höhl der Polizei übergab. Gehalten wurde nichts. Weder gab es Belohnung, noch Arbeit, und selbst die Anerkennung als politischer Ostzonenflüchtling nur unter Mühen.

Von den 40 DM, die Emil Dowideit als Fürsorgeunterstützungsempfänger ausbezahlt bekam, konnte der starke Mann sich kaum 30 Tage lang satt essen. »Bett und drei Nägel in der Wand«, das war Emil Dowideits Flüchtlingsbehausung in der Augsburger Straße 74. Ein Loch in einem Privatbordell.

Ganove Emil gab gegen ein warmes Abendessen den Neuankömmlingen in Berlins sündiger Straße den ersten Berufsunterricht, so tief war er wieder gesunken, obwohl er doch ein ordentlicher Mensch hatte werden wollen. Auch Mineralöl-Experte Fritz Wolf, dem Dowideit durch seinen Verpfiff das Leben gerettet hat, konnte nicht helfen. Zwar wurde Dowideit von ihm eingekleidet, aber Geld hatte Wolf selber nicht.

Kein Wunder also, daß Emil Dowideit auf die Leimrute ging, die ihm seine einstigen Auftraggeber legten.

Als biederer Butterstandbesitzer in der Markthalle Bahnhof Zoo organisiert Horst Hofmann mit alten und neuen Ganoven im dunkeln und unübersichtlichen Zoogebiet Spitzeldienste und Menschenraub. Emil Dowideit weiß es nicht, als er den Butterfritzen im »Weißen Mohr«, einer Stehbierkneipe Joachimsthaler/Ecke Augsburger Straße kennenlernt. Man trinkt und versteht sich glänzend.

Horst Hofmann stellt sich vor: als früherer Regierungsinspektor der Brandenburgischen Landesregierung anerkannter Ostflüchtling. Durch Vermittlung eines guten Bekannten Namens Friebe, der im Auftrage des Westberliner Amtes für Liegenschaften die Verkaufsstände auf den S-Bahnhöfen verteilt, habe er seinen Butterstand bekommen. »Wenn wir dem gut zureden, macht er es auch für Dich«, sagt Horst Hofmann dem Dowideit.

Freund Friebe ist bereit, doch es gibt noch diese und jene Klippe, und Hofmann trifft sich so lange mit Dowideit, bis er genügend über dessen Lebensweise weiß.

Die Wochen, die darüber vergehen, dauern Emil zu lange. Er wird mißtrauisch. Er hat noch einen anderen Freund, den Boxer-Fred, Rausschmeißer in einem als eindeutig altrenommierten Lokal. »Der hat einen Freifahrtsschein (§ 51)«, sagt Emil, »den nehme ich jetzt als Leibwache mit, denn wenn der mal zuschlägt, kann keiner bestraft werden.«

Boxer-Fred ist es auch, der Emil auf einen rotumrandeten Polizeianschlag aufmerksam macht. Gesucht wird Hans Werner Walter wegen Mordes. Belohnung 1000 DM.

»Du kennst doch jemand, der weiß, wo Pistolen-Walter sich versteckt«, redet Boxer-Fred zu. Dowideit kennt wirklich einen Kollegen, der wiederum jemand kennt, mit dem er mal gesessen hat, der seinerseits den Pistolen-Walter kannte und am 5. August aus dem Knast gekommen ist.

Emil nimmt also Pistolen-Walters Spur auf. Freund Stile, mit bürgerlichem Namen Stilgebauer, gibt gute Tips.

Doch Emil vergißt, daß er damals für die Beteiligung am Menschenraub Wolf in Ingenieur Höhls Auftrag dem Stile 50000 Westmark versprochen hat. Die sind Stile durch Dowideits Verpfiff an die westliche Kripo flöten gegangen. Die Herstellung pornographischer Filme bringt Stile nicht soviel ein, daß er standesgemäß leben kann. Und mit dem Butter-Hofmann versteht sich Stile gut.

Als Emil am 4. August von seiner Bude losgeht, nach Pistolen-Walter zu fahnden, stehen zwei Max-Baer-Brustkästen im Hausflur. Emil macht die Augen klein, er kennt das Schmierestehen aus eigener Erfahrung.

Als er am nächsten Abend aus dem »Weißen Mohr« kommt, folgen ihm zwei Männer auf Fahrrädern, wohin er auch geht. Emil, KZler gewesen, russischer Kriegsgefangener gewesen und Angestellter der Russischen Zentralkommandantur Berlin gewesen, Emil weiß, was ihm bevorsteht, fällt er dem Osten in die Hände. Er ist sonst nicht feige, aber jetzt packt ihn Panik. Jetzt will er die Einlösung des Versprechens der Westberliner Flüchtlingsstelle, ihn per Flugzeug nach Westdeutschland zu transportieren.

Doch die städtische Flüchtlingsstelle ist stur. Obwohl sie bereits am 26. Juni von der Polizeiinspektion Zehlendorf auf die Wichtigkeit von Emils Abtransport hingewiesen worden ist, hüllt sie sich in Ablehnung und Schweigen. Am 10. August lehnt es auch die Stadtkanzlei ab, etwas für Emil zu tun.

Dem vom Herumlaufen hungrigen Dowideit schenkt Butter-Hofmann am 10. August zwei Dosen Oelsardinen. Aber Emil war noch nie in seinem Leben für kleine Fische zu haben. Er schenkt sie seiner Wirtin, der dicken Frau Viermann. Die Bordell-Chefin kostet, bricht die ganze Nacht und ist fünf Tage später tot.

Aber das erlebt Emil nicht mehr. Am Nachmittag des 14. August telefoniert er mit Fritz Wolf, dem er das Leben gerettet hat: »Ich bin hier im Bahnhof Zoo und werde stark beobachtet. Ich rufe morgen wieder an.«

Der Anruf kommt nicht mehr. Wenige Stunden nach dem Telefongespräch wird ein anscheinend betrunkener Mann, von zwei anderen gestützt, in einen S-Bahn-Zug geladen. Richtung Osten. Es ist Emil Dowideit.

14 Tage später wird Butter-Hofmann wegen Menschenraubes, begangen an Emil Dowideit, verhaftet.

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