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»Begräbnisstimmung in der fröhlichsten Baracke«

SPIEGEL-Report über das Versagen der Wirtschaftsreform im sozialistischen Ungarn Der »Gulasch-Kommunismus« der Magyaren, von Moskaus Gorbatschow als Vorbild aller osteuropäischen Reformversuche angepriesen, steht knapp vor dem Bankrott. Ungarns Staatskassen sind leer, die Schulden enorm, die Betriebe veraltet. Angst vor Arbeitslosigkeit und Armut breitet sich aus, die Lebenserwartung sinkt. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Mitte Juli ging der alt gewordene ungarische Kommunistenchef Janos Kadar nach langer Abwesenheit endlich wieder unters Volk. Der 75jährige besuchte die Budapester Optischen Werke (Hom), hielt dort die erste Ansprache seit Monaten - und versäumte wohl die letzte Gelegenheit, seine schwindende Popularität in nationalen Optimismus umzumünzen.

»Wir waren auf eine Blut-, Schweiß- und Tränenrede gefaßt«, meinte ein Hom-Arbeiter nachher enttäuscht. »Wir erwarteten, daß sich Kadar vor uns hinstellt und sagt: ,Liebe Landsleute, wir sind pleite. Das ist unser aller Schuld, auch die meine. Wir haben zu gut gegessen und zu schlecht gewirtschaftet. Nun helft mir bitte, den Staatskarren aus dem Morast zu ziehen. Schnüren wir gemeinsam den Gürtel enger, krempeln wir gemeinsam die Ärmel auf!''«

Leider sagte Kadar nichts von alledem. Schwer atmend wegen der Hitze und seines Lungenemphysems, redete er im verbrauchten Funktionärsjargon von der »Einleitung einer Stabilisierungsphase«, von »Umgruppierung der Arbeitskräfte« und »verstärkter Anziehungskraft des Sozialismus«. Überzeugend klang das nicht.

Soviel Phraseologie angesichts der »schwierigsten Situation seit 30 Jahren.« (so Gewerkschaftsvorsitzender Sandor Gaspar) konnte keinen nationalen Schulterschluß bewirken. Gemeinsam mit der Hom-Belegschaft reagierte die ungarische Bevölkerung enttäuscht, verbittert, mutlos.

Begräbnisstimmung herrscht in der bislang »fröhlichsten Baracke des östlichen Lagers«, wie sich die Ungarn gern selber nennen. Jedermann zittert um sein kleines bißchen Wohlstand, um das Minihäuschen am Plattensee und das Miniauto vor der Haustür. Die Angst vor Arbeitslosigkeit und neuer Armut sitzt den bisher leichtlebigen Magyaren schwer im Nacken.

Armut, von der Partei stets geleugnet, ist kein politisches Schlagwort mehr. Aufgrund etlicher Preisschübe - Mitte Juli wurden unter anderem Brot, Mehl, Gas und Kohle um etwa 20 Prozent teurer- lebt ein Fünftel der Bevölkerung bereits hart an der Armutsgrenze oder sogar darunter. Die durchschnittliche Rente macht derzeit 3565 Forint im Monat aus - rund 140 Mark.

Über 600000 der 4,8 Millionen Werktätigen gehen offiziell einem Zweit- und Drittberuf nach, die übrigen jobben heimlich nach Gelegenheit. Der Anwalt berät in seiner Freizeit eine LPG, der Theologieprofessor fährt Taxi, der Buchhalter tippt abends die Geschäftspost eines privat betriebenen Pachtrestaurants.

»Nirgends wird soviel gearbeitet wie bei uns«, sagt Laszlo Szamuely vom Institut für Weltwirtschaft. Daß der Fleiß auch seinen Preis hat, geht aus den Unterlagen des Gesundheitsministeriums hervor: Jeder zweite ungarische Arbeiter leidet an Schlafstörungen, jeder dritte klagt über Migräne, jeder sechste schluckt Beruhigungsmittel.

Kadars scheinbares Dolce-farniente-Paradies des Sozialismus meldet den Europarekord an Selbstmördern, nämlich 43,5 pro 100000, und an Herztoten der Altersgruppe zwischen 30 und 40. Die Lebenserwartung der Männer ist in den letzten 20 Jahren um drei Jahre gesunken.

Vor 20 Jahren hatte die ungarische Wirtschaftsreform begonnen. Seither ging es stetig ein wenig bergauf, langsamer anfangs, rascher in den siebziger Jahren. Während der sowjetische Koloß unter Breschnew, Andropow und Tschernenko keinerlei Neuerungen riskierte, mauserte sich das kleine Ungarn

allmählich zum Modell eines fortschrittlichen, zivilisierten, quasi mitteleuropäischen Sozialismus. In Ungarn entwickelte sich ein bescheidener Wohlstand, der nach östlichen Maßstäben schon an Reichtum grenzte. Selbst die Opposition wurde glimpflicher behandelt als im übrigen Ostblock.

Trotz vieler Probleme mit den orthodoxen Kommunisten in Moskau und in der eigenen Partei arbeitete Janos Kadar recht erfolgreich an seinem kleinen historischen Kompromiß zwischen Macht und Masse. Sein Ziel war ein Dauerfrieden nach dem Motto »Leben und leben lassen« zwischen der roten Obrigkeit und ihren kaum rosaroten Untertanen.

Die Wirtschaftsreform - 1968 eingeführt, mehrmals ins Stocken geraten und letztlich immer wieder holpernd fortgesetzt - erwies sich über weite Strecken als gelungener Versuch, die marxistische Planwirtschaft mit der aktiven Rolle des Marktes zu verbinden. Zusätzliche Buntheit entstand auf den zahlreichen kleinen Spielwiesen des privaten Unternehmertums. Da wurden Regenwürmer privat gezüchtet, Trauerschleier privat gehäkelt, wurde dem Ostblock sein erstes Heiratsvermittlungsbüro beschert.

Gewiß, Illusion und Wirklichkeit klafften dabei weit auseinander. Entgegen westlichen Standardberichten war der »Gulasch-Kommunismus« nie die reine Idylle, in der Badacsonyer Riesling in Strömen geflossen wäre und der Janos-Bacsi mit dem Zunamen Kadar gemütvoll den Csardas gegeigt hätte.

Doch der Unterschied zur Tristesse der übrigen KP-Staaten beeindruckte zweifellos - vor allem deren Völker, Ungarn wurde Anziehungspunkt eines Sozialismus, »wie er eben trotz allem auch möglich ist«, und brachte die Regierenden im roten Block je nach Temperament in Wut oder ins Grübeln.

Zumindest zwei Ergebnisse des Kadarismus hoben den Magyarenstaat weit übers Niveau seiner sozialistischen Brüder, die noch 1987 in der Mangelwirtschaft leben: Die Landwirtschaft begann rasch zu funktionieren, die Schaufenster füllten sich zusehends mit Waren.

Ob französischen Champagner, italienische T-Shirts, deutsche Biere, amerikanische Heimcomputer oder österreichische Tennisschläger, in Ungarn gab und gibt es nahezu alles - wenn auch heute zu kaum mehr erschwinglichen Preisen.

Keine der zahlreichen Reformdiskussionen in Polen, Bulgarien und der DDR vermochte sich am Beispiel Ungarn vorbeizuschwindeln. Breschnew sah zumindest in der magyarischen Landwirtschaft ein Vorbild für die eigene. Michail Gorbatschow verbeugte sich achtungsvoll vor dem »weisen Ratgeber Kadar«, mit dem zu reden immer ein Gewinn sei.

Selbst der chinesische Parteichef Zhao Ziyang würdigte auf seiner kürzlichen Europareise den Paprikastaat als »Vorläufer und Pionier des Wirtschaftsumbaus in sozialistischen Ländern« - von dem die Chinesen viel lernen könnten.

Möglicherweise zu spät. Just im Moment, da das kommunistische Imperium unter der Führung des dynamischen Gorbatschow tatsächlich zu Reformen ansetzt, verblaßt die Strahlkraft des ungarischen Modells. Die Attraktion verwandelt sich in Abschreckung, der Traum in ein Trauma.

Was besorgte Insider schon vor Jahren fürchteten, wird nun offenbar: Das scheinbar so erfolgreiche Ungarn steht in Wahrheit knapp vor dem Staatsbankrott das bessere Leben war geborgt, Ungarn erstickt an seinen Schulden.

»Jetzt muß es entweder tiefgreifende Änderungen im Staatsplansystem geben, oder die Reform bricht zusammen«, urteilt der jugoslawische Journalist Drago Buvac. Noch dramatischer formuliert es Balazs Botos, Vizedirektor des staatlichen Instituts für Industrieforschung an der ungarischen Akademie der Wissenschaften: »Wenn nichts Entscheidendes geschieht, sind wir pleite und müssen in spätestens zwei Jahren umschulden.«

1986 erreichte das Haushaltsdefizit die Rekordhöhe von 47 Milliarden Forint (fast zwei Milliarden Mark), die Produktionszahlen stagnierten, die Exporte gegen konvertierbare Währungen gingen um drei Prozent zurück, die Importe stiegen trotz staatlicher Einfuhrbeschränkungen um ein Prozent an. Statt des erhofften Überschusses im Westhandel (1984 immerhin 1,2 Milliarden Dollar) ergab sich 1986 ein Minus von 539 Millionen Dollar.

Daß die privaten Geschäftsleute erfolgreich wirtschafteten, bringt wenig Trost. Mit flotten Modeboutiquen läßt sich zwar ein Stadtzentrum, nicht jedoch die Außenhandelsstatistik schönen: Der Privatbereich umfaßt nicht einmal fünf Prozent der Gesamtwirtschaft. »Die Westtouristen meinen hier Sozialismus und Prosperität zu sehen«, witzelt ein Budapester Wirtschafter. »Aber was sozialistisch ist, prosperiert nicht, und was prosperiert, ist nicht sozialistisch.«

Der jüngste OECD-Bericht weist den Ungarn die höchste Pro-Kopf-Verschuldung

unter den Ostblock-Ländern nach: Ende 1986 standen die zehn Millionen Magyaren bei westlichen Geschäftsbanken mit 10,5 Milliarden Dollar in der Kreide, die 23 Millionen Rumänen nur mit 3,9 Milliarden. Inzwischen erreichte die Bruttoverschuldung nach Budapester Darstellungen sogar 14 Milliarden Dollar.

Zugegeben, beim »katastrophalen Rückschlag des Vorjahres« (Staatssekretär Istvan Török) war auch Pech im Spiel. Die landwirtschaftlichen Produkte mußten tief unter dem Erzeugerpreis verschleudert werden - teils wegen Tschernobyl, teils wegen der Überschüsse auf dem internationalen Agrarmarkt.

Schlimmer jedoch: das morsche industrielle Rückgrat der Wirtschaft. Gerade die größten Staatskonzerne sind falsch strukturiert und altmodisch ausgerüstet. Produktpalette, Maschinenpark und Organisationsform entsprechen schon lange nicht mehr modernen Erfordernissen und können auf dem Weltmarkt nicht konkurrieren.

Von den rund 2000 direkt verstaatlichten oder genossenschaftlichen Unternehmungen schreiben 150 rote Zahlen. Darunter sind Monsterbetriebe wie das Maschinenwerk Ganz-Mavag, die Glühlampenfabrik Tungsram, der Aluminium-Trust, einige Fleischverarbeitungskombinate und praktisch die gesamte Hüttenindustrie.

Von den restlichen 1850 Betrieben wiederum stehen die meisten gerade nur auf dem Papier gut da. »Grob gesprochen, ist die ungarische Industrie total in Schwierigkeiten«, referiert Botos trocken. »Es handelt sich eigentlich nur um graduelle Unterschiede.«

Von Jahr zu Jahr buttert die Regierung höhere und noch höhere Subventionen in marode Fabriken - a fonds perdu. Allein in den letzten 18 Monaten gingen solcherart um die 50 Milliarden Forint verloren. Die wenigen gut arbeitenden Parade-Industrien verbluten sich finanziell für die vielen schlechten.

Die Frage nach dem Schuldigen läßt sich leicht beantworten - nur verändern wird die Antwort nichts: weil die kommunistische Führung politisch nicht zu tun wagte, was wirtschaftlich dringend geboten gewesen wäre. Ungarns konfuse Wirtschaft ist die Folge seiner konfusen Politik der versäumten Gelegenheiten, der halbherzigen Schritte und der furchtsamen Kompromisse.

Bis heute, 20 Jahre nach dem Beginn der Wirtschaftsreform, wurde die Industriestruktur nicht wesentlich umgebaut, Die Produktionsstruktur ist nach wie vor so, wie sie in der stalinistischen Ära auf Moskauer Wunsch entstanden war: Grundstoff- und Schwerindustrie dominieren, die modernen Sparten wie Lebensmittel-Verarbeitung, Leichtindustrie oder Elektronik werden vernachlässigt. In den Maschinenbau beispielsweise fließen kümmerliche acht Prozent der Investitionen.

Resultat: Der Rohstoff-Habenichts Ungarn, der außer Kohle lediglich Bauxit besitzt, stöhnt unter exorbitant hohen Kosten für Rohstoffimporte. Das Eisenerz für die weltweit kriselnde Metallurgie wird zu fast 100 Prozent eingeführt, das Erdöl für die Petrochemie zu 80 Prozent. Andererseits finden sich unter den ungarischen Exportgütern Richtung EG und Efta bloß sechs Prozent Maschinen. Die Kluft zwischen dem westlichen Qualitätsanspruch und dem Budapester Angebot schließt sich nicht, sie wächst eher.

Ebenfalls bis heute unterblieb die oftmals angekündigte Schließung defizitärer Betriebe - für die Reform unvermeidlich. Der vorerst einzige Verlustbe- I trieb, der im Frühling 1987 endlich geschlossen wurde, war Vaev in Veszprem, ein schwachbrüstiges Bauunternehmen mit 2000 Lohnempfängern.

Und ebenfalls bis heute gilt die »innerbetriebliche Arbeitslosigkeit« als Norm. Theoretisch sollten gut 15 bis 20 Prozent der 1,5 Millionen Industriearbeiter frühpensioniert, entlassen, umgeschult, in andere Landesteile versetzt werden. De facto aber geschah nichts.

Die Ungarn erfreuen sich weiterhin der kürzesten Arbeitszeit in Osteuropa. Nach Plan sind ihnen 1900 Jahresstunden vorgeschrieben, praktisch leisten sie höchstens 1800 - ihre Bummelschichten sind Weltspitze. Die Arbeitsproduktivität liegt nur bei 33 Prozent der bundesdeutschen und bei 50 Prozent der österreichischen.

Gelegentliche Warnungen fortschrittlicher Funktionäre verhallten ungehört. Wenn wirtschaftliche Notwendigkeiten mit politischen Interessen ernsthaft kollidierten, zogen die Neuerer automatisch stets den kürzeren.

Nicht nur die Dogmatiker im Parteiapparat, die 1973 einen verhängnisvollen dreijährigen Stillstand der Reformen erzwangen, bremsten immer wieder erschrocken, sondern auch der in Wirtschaftsfragen ohnehin nicht sehr kompetente Janos Kadar. So wünschenswert ihm etwas unschädliche Liberalität war, so hartnäckig glaubte er trotz allem an den Triumph des sozialistischen Plans und die Allmacht der Partei als Wirtschaftskontrolleur. Außerdem wollte er primär Ruhe und nochmals Ruhe. _(Produktion von Bohrmaschinen im ) _(Stahlkombinat Csepel. )

Er weigerte sich, den mühsam erreichten Konsens mit der Bevölkerung durch unpopuläre Sparmaßnahmen aufs Spiel zu setzen. Lieber spielte er auf Zeit. Schlimmer noch: Keiner in der Führungs-Etage wagte es, dem alten Boß zu widersprechen.

Erst jetzt, da die Krise nicht mehr zu verheimlichen ist, scheint die Budapester Parteiführung einigermaßen entschlossen, sich der traurigen Realität zu stellen. Offenbar begreift sie, daß der Zwang zur neuen Marktordnung nicht auf ewige Zeiten vor den heiligen Kühen der Ideologie haltmachen kann.

Anfang Juli beschloß das ZK-Plenum ein 13seitiges Dokument, das sich harmlos-freundlich »Programm der sozio-ökonomischen Entfaltung« nennt und lauter Unfreundlichkeiten verheißt. Es geht darin keineswegs um »Entfaltung«. Vielmehr wird ein drakonisches Austerity-Programm zwecks allmählicher Sanierung der Staatsfinanzen angekündigt, flankiert von einem nicht minder strengen neuen Steuersystem das per 1. Januar 1988 sowohl eine Mehrwertsteuer wie eine persönliche Einkommensteuer vorsieht - ein Novum für den Ostblock.

Die Realisierung dieser Beschlüsse ist einem gründlich umgekrempelten Funktionärs-Apparat übertragen. In den wirtschaftlich wichtigen Spitzenpositionen von Partei und Regierung kommandieren neue, unverbrauchte Leute.

Ausgetauscht wurden unter anderem der Ministerpräsident, der Vorsitzende des Planungsausschusses, der Finanzminister, der ZK-Sekretär für Wirtschaft und der Leiter der Abteilung für Wirtschaftspolitik im Zentralkomitee.

Die wichtigste Rolle fällt dabei jenen zwei Männern zu, die derzeit ganz vorne im Rennen um die Kadar-Nachfolge liegen - dem neuen Regierungschef Karoly Grosz, 57, und dem neuen Politbüromitglied Janos Berecz, gleichfalls 57.

Beide stehen im Ruf, pragmatische und energische Machertypen zu sein. Beide haben genügend Ehrgeiz und Grund, sich zu profilieren. Beide sind zumindest nicht unpopulär, und die Mehrheit der Magyaren traut ihnen zu, daß sie die Reform wieder in Schwung bringen können.

»In Ungarn gibt es statt glasnost grosznost und statt perestroika bereczstroika«, witzeln die unverdrossenen Budapester, die noch einen Rest von Galgenhumor aufbringen, über die Namen der beiden neuen Galionsfiguren.

Die meisten Ungarn aber spüren, daß die Zeit für flotte Sprüche zu Ende geht. Fernsehen, Radio und Parteizeitungen machen wenig Hehl daraus, daß sieben magere Jahre bevorstehen. Die deutschsprachige »Budapester Rundschau« beispielsweise warnt vor »Spannungsquellen, die die Toleranz der Bevölkerung auf die Probe stellen werden«.

Laszlo Akar, Abteilungsleiter im Nationalen Planungsamt, interpretiert den ZK-Beschluß als Zwei-Phasen-Plan. Zunächst gelte es, das Außenhandelsgleichgewicht durch Drosselung des Verbrauchs wiederherzustellen und das Wachstum der Verschuldung - »nicht etwa die Verschuldung selbst« - zu beseitigen. Anschließend müßten die Ersparnisse in sinnvolle Strukturinvestitionen umgesetzt werden.

Im Klartext heißt das: Sparen und nochmals sparen, einschränken bis an die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Den Ungarn wird auferlegt, nicht mehr zu konsumieren, als sie produzieren. Zu diesem Zweck gedenkt die Führung, weitere Preissteigerungen anzuordnen, also den Brotkorb noch wesentlich höher zu hängen.

Auch unrentable Betriebe sollen endlich geschlossen, das Überpersonal in den restlichen abgebaut werden. Pro Jahr, so die Schätzung, dürften an die 40000 Werktätige »freigesetzt« werden. Wo sie einen neuen Job bekommen sollen, weiß niemand.

Andras Pethes, Direktor des betroffenen Hüttenwerks in Ozd bei Miskolc, wo 5000 Arbeiter auf der Abschußliste stehen: »Wenn die Umstrukturierung schon 1975 begonnen hätte, wäre dieser Prozeß bedeutend weniger schmerzhaft gewesen.«

Um den ungarischen Staat dauerhaft zu sanieren, müßte das neue Duo Grosz/ Berecz aber erstmals zumindest indirekt zugeben, daß der Kommunismus nicht funktioniert.

Er hat den Ungarn 40 Jahre lang einen niedrigen Lebensstandard zugemutet und sieht sich nun außerstande, ihnen Inflation und Arbeitslosigkeit zu ersparen - die doch angeblich kapitalistische Übel sind.

Und: Die Partei will vom ungarischen Arbeiter mit seinen ärmlichen 6540 Forint Durchschnittslohn (260 Mark) genau die gleichen Eigenschaften verlangen die im Westen mit bis zu zehnfacher Bezahlung und hohen Sozialleistungen abgegolten werden - Disziplin, Fleiß, Flexibilität und Mobilität.

Damit stößt der ungarische Reformkurs an die Grenzen des Systems. Ohne gleichzeitige politische Öffnung läßt sich das ehrgeizige Ziel nicht erreichen. Ein bißchen Wirtschaftsliberalismus allein motiviert kaum jemanden zu den Extra-Anstrengungen, die für die Roßkur nötig sind.

»Es kommt nicht mehr darauf an, den Marxismus anders zu interpretieren sondern darauf, ihn radikal zu verändern«, geben selbst hohe Budapester Funktionäre zu. Bewegungen an der Machtspitze, so meinen sie, verbessern wenig, solange es immer wieder zehn Leute sind, die das Sagen haben: »Zehn Leute irren eben , allzuleicht.«

Imre Pozsgay, ZK-Mitglied und Generalsekretär der Patriotischen Volksfront, präsentierte denn auch bereits Anfang des Jahres ein geradezu sensationelles Erneuerungspapier mit dem Titel »Reform und Wende«, das nach etlichen Komplikationen kürzlich publiziert werden durfte.

Eine radikale Abkehr vom real existierenden Sozialismus sind die Thesen nicht, aber immerhin die bislang konkretesten Vorschläge, einen Quasi-Pluralismus in das Ein-Parteien-System zu tragen.

Pozsgay spricht für eine Aufwertung von Regierung und Parlament und für Mitbestimmung gesellschaftlicher Gruppen. Eingeschränkt würde in diesem Konzept erstmals die Allmacht der Partei - ob die das mitmacht? _(Aus der Budapester Zeitschrift »Ludas ) _(Matyi«. Text: »Besuch in der Heimat - ) _(''Reg Dich nicht auf, Brüderchen, ich bin ) _(auch arbeitslos - drüben im Westen!''« )

Produktion von Bohrmaschinen im Stahlkombinat Csepel.Aus der Budapester Zeitschrift »Ludas Matyi«. Text: »Besuch in derHeimat - ''Reg Dich nicht auf, Brüderchen, ich bin auch arbeitslos -drüben im Westen!''«

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