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Spiegel des 20. Jahrhunderts Beharrliches Schweigen

STREITFRAGEN
aus DER SPIEGEL 7/1999

* Hat Israel systematisch Palästinenser vertrieben?

Als die Uno am 29. November 1947 die Teilung Palästinas beschloß, lebten etwa 1,3 Millionen Araber im damals noch britischen Mandatsgebiet. 14 Monate später, nach dem Ende des ersten israelisch-arabischen Krieges, waren es nur noch knapp halb so viele, rund 350 ihrer Dörfer waren zerstört.

Schon kurz vor der Staatsgründung hatten Mitglieder der jüdischen Untergrundbewegungen »Irgun« und »Lechi« bei einem Massaker in dem Dorf Deir Jassin über 200 Palästinenser ermordet. Drei Monate später erschossen israelische Soldaten in Lydda (heute Lod) als Vergeltung für geleisteten Widerstand etwa 250 Zivilisten und unbewaffnete Gefangene. Für den Rest der Einwohner Lyddas, wie auch der ihrer Schwesterstadt Ramla, 50 000 Menschen, verkündete dann Premierminister Ben-Gurion: »Vertreibt sie.«

Diese Passage wurde in seiner Biographie von der israelischen Zensur gestrichen. Ähnlich erging es dem späteren Ministerpräsidenten Jizchak Rabin, der 30 Jahre danach in seinen Memoiren schreiben wollte, daß viele Araber mit vorgehaltener Waffe vertrieben worden waren. Beide Aussagen der Regierungschefs entsprachen nicht dem staatlich geförderten Mythos des Zionismus: »Ein Volk ohne Land für ein Land ohne Volk.«

Sofort nach der Ausrufung des Staates Israel war Plan D (Dalet) in Kraft getreten, der den Soldaten »Aktivitäten gegen feindliche Siedlungen« erlaubte. Das konnte als Aufruf zur Zerstörung von Dörfern und Ausweisung aus dem Staatsgebiet verstanden werden.

In einem bereits 1948 verfaßten Geheimdienstbericht der israelischen Armee heißt es dazu, die Flucht sei »zu mindestens 55 Prozent auf unsere Operationen zurückzuführen«.

Erst neuerdings wagt eine junge Generation von »postzionistischen« jüdischen Historikern die Fakten deutlich zu benennen. So gab es nach Ansicht des Forschers Benny Morris seit April 1948 »klare Anzeichen für eine Vertreibungspolitik auf lokaler und nationaler Ebene«.

* Wie viele Atomwaffen hat Israel?

Schon vor fast 30 Jahren berichtete die »New York Times« erstmals darüber, und im vergangenen Jahr stand es sogar detailliert im Internet: Israel besitzt die Atombombe. Doch die politischen Eliten in Jerusalem und Tel Aviv haben bis heute die Chuzpe, beharrlich jedweden Besitz von Nuklearsprengköpfen zu bestreiten.

Der Wunsch, in einer feindlichen Umwelt Herr über das eigene Schicksal zu sein, war Anlaß, die schrecklichste aller Waffen entwickeln zu lassen. Gleichzeitig sollte der wissenschaftliche Erfolg als weltliche Manifestation des auserwählten Volkes Israel dienen.

In der Negev-Wüste entstand mit Hilfe der Franzosen das zunächst als Textilfabrik ausgewiesene Nuklear-Forschungszentrum Dimona. Frankreich setzte der geheimen Zusammenarbeit aber Grenzen und forderte, daß der Forschungsreaktor nur für friedliche Zwecke genutzt und internationaler Kontrolle unterworfen würde.

Doch zu einer schriftlichen Vereinbarung darüber war Israel trotz massiven Drucks der US-Regierung nicht bereit; auch dem Atomwaffensperrvertrag verweigert Israel bis heute seine Unterschrift. Amerikanische Nuklear-Inspekteure wurden an der Nase herumgeführt: Dimona-Zutritt war nur während der Urlaubszeit und am Sabbat erlaubt, wenn der größte Teil der zu befragenden Belegschaft dienstfrei hatte.

Zum Sechstagekrieg 1967 sollen zwei atomare Sprengsätze bereitgestanden haben. Damit wäre Israel damals die sechste Atommacht auf der Welt und die erste im Nahen Osten gewesen. Kurz zuvor waren Jericho-Raketen getestet worden, die 750 Kilogramm schwere Atomsprengsätze 500 Kilometer weit tragen sollten.

Sechs Jahre später, beim arabischen Überraschungsangriff auf Israel am hohen Feiertag Jom-Kippur, soll Israel schon über 20 atomare Sprengköpfe besessen haben, schreibt der amerikanische Journalist Seymour Hersh. Und: Der Stab der Premierministerin Golda Meir habe damals erörtert, bei einer drohenden militärischen Katastrophe Atomwaffen eventuell einzusetzen.

Inzwischen verfügt Israel wohl mindestens über die zehnfache Anzahl an Nuklearsprengköpfen, hält aber weiterhin deren Existenz im unklaren. Denn, so vor 30 Jahren der damalige israelische Botschafter in Washington, Jizchak Rabin, Waffen, die nie getestet worden seien, seien noch keine Waffen. REINHARD KRUMM

DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. DAS JAHRHUNDERT DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR

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Reinhard Krumm
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