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Briefe

Bei allen Projektionen
aus DER SPIEGEL 48/1996

Bei allen Projektionen

(Nr. 46/1996, Autoren: Henryk M. Broder über die Lebenslegende des Dichters Stephan Hermlin)

Die von Henryk Broder zitierte Erklärung zum 40. Jahrestag der DDR war am 12. September vom PEN-Präsidium beschlossen worden. Die beiden Sätze waren eine Kompromißformel, die Stephan Hermlin vorschlug, als weder eine von Kamnitzer vorgelegte Grußadresse noch ein von Werner Liersch und mir improvisierter Gegenentwurf sich als mehrheitsfähig erwiesen. Der Hintersinn der Hermlinschen Sätze, die die Freiheit des Wortes in der DDR nicht als erfüllt, sondern als erfüllbar bezeichneten, lag jedem genauen Leser zutage; in der Subtilität der Formulierung lag zugleich die Schwäche dieser Kompromißlösung.

Berlin FRIEDRICH DIECKMANN

Hermlins Urbild des zum marxistischen Theoretiker von Ästhetik und Literatur gewordenen Sohnes aus jüdischem Großbürgertum bleibt auch bei Broder unbenannt: Georg Lukács. Gegen ihn und seinen wichtigsten DDR-Schüler Wolfgang Harich zog Hermlin bevorzugt ins Feld. Er forderte 1972 die Rehabilitierung Nietzsches in der DDR, verhinderte 1975 die Aufnahme Harichs in den DDR-PEN und log 1987 am X. Schriftstellerkongreß der DDR über den ausgesperrten Harich, dieser habe »vor 15 oder 20 Jahren das Verbot der Stücke von Heiner Müller« gefordert.

Berlin DR. REINHARD PITSCH

Wolfgang-Harich-Gesellschaft

Henryk M. Broder, der wieder einmal als der gute Gott des Antisemitismus auftritt (wer Antisemit ist, bestimme ich), mutet uns folgenden Satz zu: »Antisemitisch ist ... der Versuch des Autors, seine jüdische Familiengeschichte zu arisieren ... um ... in den Genuß von Vergünstigungen zu kommen.« Da verwechselt Broder die Zeit vor 1945 mit der danach. Er mag darüber nachdenken, warum Hermlin sich nach 1945 nicht mit seinem Judentum gebrüstet hat. Und Raddatz soll »das Richtige« gesagt haben? Er hat es bis heute nicht für nötig gehalten, die Lüge, Hermlin habe den Einmarsch in Prag 1968 »jubelnd begrüßt«, zu korrigieren. Das Gegenteil ist richtig (siehe dazu Freibeuter 70). Und wir vernehmen die Legende von »Corino am Pranger": Über Täter, die gern Opfer spielen, hat Hannah Arendt das Nötige gesagt.

Berlin DR. SUSANNE SCHÜSSLER

Verlag Klaus Wagenbach

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