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»Bei Bartsch fehlte der Zielpunkt im Gehirn«

aus DER SPIEGEL 22/1976

SPIEGEL: Durch den Tod von Jürgen Bartsch sind die Begleitumstände dieser Operation und die Kastration überhaupt ins Zwielicht geraten. Sie selber korrigieren sexuelles Fehlverhalten mit einer ganz andersartigen Methode: durch komplizierte Eingriffe ins Gehirn. Auch dagegen häufen sieh die Proteste, und Sexualwissenschaftler fordern den sofortigen Stopp dieser Hirnoperationen. Darf man Sexualität manipulieren?

DIECKMANN: Das herkömmliche Instrumentarium des Strafrechts hat sich gerade bei den Sexualtätern als wirkungslos und verfehlt erwiesen. Wir müssen weg von dieser sinnlosen Nur-Straferei. In der Haft läßt sich sexuelles Fehlverhalten nicht korrigieren -- im Gegenteil, Verklemmungen und Aggressionen werden dort nur verstärkt. Ich betreibe die psychiatrische Chirurgie nicht aus kritikloser Faszination an den medizinisch-technischen Möglichkeiten. Aber wenn alle konservativen Behandlungsmöglichkeiten, Medikamente, andere chirurgische Eingriffe oder auch Verhaltenstherapie nicht zum Ziele führen, dann muß als letzte Möglichkeit auch der reduzierende Eingriff im Gehirn erlaubt sein, wenn er zu einer Befreiung von Leiden führt. HORN: Im Mittelalter kerkerte man Geisteskranke und Schizophrene noch ein. Heute schütteln wir darüber den Kopf. Später wird man unsere Strafverfahren etwa gegen Homosexuelle, Exhibitionisten und sexuelle Gewalttäter auch nicht mehr verstehen.

SPIEGEL: Auch Jürgen Bartsch hatte sich von Ihnen, Herr Dieckmann, als Deutschlands aktivstem Psychochirurgen stereotaktisch** operieren lassen wollen. Er war bereit und die Justiz einverstanden, daß Sie ihm ein Loch in den Kopf bohren, um mit einer Sonde ins Zwischenhirn zu fahren und Teile seiner Hirnsubstanz mit einem Stromstoß zu zerstören. Sie haben ihn hier in Homburg untersucht und begutachtet, dann aber unverrichteter Dinge nach Eickelborn zurückgeschickt. Hat Sie die Brisanz des Falles abgeschreckt oder der Gedanke, Sie könnten einmal als Gutachter die Verantwortung dafür übernehmen müssen, ihn später wieder in Freiheit zu entlassen?

HORN: Das wäre dann wohl auf mich, den forensischen Psychiater, zugekommen, nicht auf den Chirurgen. Natürlich spielte auch diese Überlegung eine Rolle. Normalerweise werde ich ein Jahr nach so einer Operation gefragt, ob man den Patienten auf Probe entlassen kann. Im Fall Bartsch hätte ich das nicht allein entschieden, sondern gemeinsam mit anderen Sexualwissenschaftlern und Psychiatern.

DIECKMANN: Ob bei Herrn Bartsch eine Indikation für diese Operation bestand oder nicht, haben wir hier aus psychiatrischer, sexualwissenschaftlicher und neurochirurgischer Sicht geprüft. Aber die Diagnose zeigte mir keinen Weg, Herrn Bartsch chirurgisch zu helfen, zumal die Psychiater untereinander nicht übereinstimmten.

SPIEGEL: War es also kein Fall einer sogenannten Hypersexualität?

HORN: Sie sagen mit Recht »sogenannte Hypersexualität«. Wir sind uns nämlich gar nicht einig, was der schwammige Begriff Hypersexualität eigentlich bedeutet. Jedenfalls ist das keine Krankheit. Allenfalls macht die Gesellschaft sie dazu. Wenn jemand mit einer sehr aktiven Sexualpartnerin für 14 Tage zusammen ist und in dieser Zeit kommt es viermal täglich zum Geschlechtsverkehr, ist er dann 14 Tage lang hypersexuell und in der anderen Zeit normsexuell? Bei Jürgen Bartsch war etwas anderes mitentscheidend. Er hatte über längere Zeit unter relativ hohen Dosen des triebdämpfenden Medikaments Androcur gestanden und gab an, seine sexuelle Stimulierbarkeit sei geringer geworden und jetzt sogar heterosexuell ausgerichtet. Das widersprach allem bisherigen Wissensstand, und wir konnten ihm das einfach nicht abnehmen.

* Mit SPIEGEL-Redakteur Hans-Wolfgang Sternsdorff (l.) in der Universitätsklinik Homburg/Saar.

** Von (griechisch) stereos = räumlich, tattein = ordnen.

SPIEGEL: Mehrere Gutachter hatten ihm ausgeprägte sadistische Tötungsphantasien bescheinigt. Gibt es Möglichkeiten, einen solchen Drang zu mindern oder zu beseitigen?

DIECKMANN: Nein. Darüber ist bisher nichts bekannt. Hier hat die Wissenschaft noch keinen entsprechenden Zielpunkt im Gehirn entdeckt. Der Eingriff wäre also auf ein rein experimentelles Vorgehen hinausgelaufen, und das verbietet sich beim Menschen natürlich von selbst.

SPIEGEL: Bartsch hatte sich ursprünglich nicht kastrieren lassen wollen, vor allem aus Angst vor den Folgen. Sein Antrag auf Kastration entsprang letztlich nur der Verzweiflung. In der Fachliteratur gibt es Hinweise auf das erhöhte Operationsrisiko bei psychisch Abnormen, bei denen es zu tödlich verlaufenden Krisen im vegetativen Nervensystem kommen kann. Bartsch war also ein Risikopatient -- hätte man ihn ohne erfahrenen Anästhesisten operieren dürfen?

HORN: Solche Störungen treten tatsächlich auf, wenn die Patienten nicht motiviert sind, vor allem natürlich bei Zwangskastrationen. Gründliche Voruntersuchungen und permanente Kreislaufstützung sind dabei unabdingbar. In solchen Fällen müssen sämtliche Sorgfaltskriterien eingehalten werden, und dazu gehört natürlich auch die entsprechende Einrichtung, einschließlich sachkundigem Anästhesisten.

SPIEGEL: Außer bei vermeintlichen oder wirklichen Hypersexuellen operieren Sie, Herr Professor Dieckmann, und Ihre Kollegen in Göttingen und Hamburg auch Pädophile*, Notzüchter und Exhibitionisten durch stereotaktische Eingriffe im Gehirn. Nach welchen Kriterien wählen Sie Ihre Patienten aus, und wer stellt die Indikation?

DIECKMANN: Als Neurochirurg komme ich erst zu allerletzt zum Zuge.

HORN: Meist wenden sich inhaftierte Sexualstraftäter, die operiert werden wollen, selber an uns. Wir bitten jeden erst einmal um seinen Lebenslauf, die Darstellung seiner Straftaten und lassen uns auch alle Gerichtsakten kommen. Danach trifft das Team -- also Psychiater, Psychologe und Neurochirurg eine erste Vorauswahl. Haben wir den Eindruck, daß wir in diesem Fall helfen können, holen wir den Betreffenden zu einer sechstägigen stationären Untersuchung hierher, in deren Verlauf wir ihn alle sehen müssen. Er wird sehr eingehend aufgeklärt und dann wieder zurückgeschickt, denn zwischen Untersuchung und Operation soll eine längere Bedenkzeit liegen.

DIECKMANN: Wir haben bisher nur Patienten behandelt, die sich selber an uns gewandt haben. Niemand wurde dazu aufgefordert, euch war es bis-

* Pädophilie: Auf die Befriedigung durch Kinder ausgerichteter Sexualtrieb.

her nie ein Gericht, das sich mit solchem Anliegen an uns gewandt hat.

SPIEGEL: Meist haben die Richter wohl auch keine Ahnung davon. Aber womit läßt es sich überhaupt rechtfertigen, beispielsweise Exhibitionisten zu operieren? Wenn jemand mal im Park die Hose runterläßt, mag man das unschön finden -- aber gleich einen heiklen Eingriff ins Gehirn?

DIECKMANN: Wir haben bisher noch keinen Exhibitionisten operiert.

SPIEGEL: Aber Ihre Kollegen in Göttingen und Hamburg.

HORN: Ja, das trifft zu. An uns hatte sich mal ein seit Jahren inhaftierter Exhibitionist gewandt. Er stand unter erheblichem Leidensdruck, und die Psychotherapeuten konnten mit ihm nichts anfangen. Er zog seine Zustimmung zu der Operation schließlich wieder zurück. Allein von seiner Deviation, also der Abweichung von der adäquaten Triebhandlung her gesehen. hätten wir ihn wohl auch nicht operieren können. Ein Exhibitionist kommt fast nach dem Schwenktürprinzip in die Haftanstalt. Nach zwei Drittel seiner Strafzeit wird er entlassen, drei Wochen später begeht er wieder solche Handlungen und ist abermals da. Damit ist natürlich niemandem geholfen.

SPIEGEL: Seine Sozialschädlichkeit ist sicher gleich Null. Aber wenn nun so ein sechsmal eingesperrter Exhibitionist zu Ihnen kommt, sein Leid klagt und unbedingt davon loskommen will operieren Sie ihn dann oder nicht? DIECKMANN: Es fiele mir schwer, ihm den Eingriff zu empfehlen, vor allem, weil sich mittlerweile herausgestellt hat, daß die Erfolgschancen bei Exhibitionisten geringer sind als beispielsweise beim sexuellen Gewalttäter.

SPIEGEL: Die Geringfügigkeit der Straftat spräche für Sie nicht gegen einen so schwerwiegenden Eingriff?

DIECKMANN: Es ist nicht meine Aufgabe, darüber zu entscheiden, ob die Straftat schwer genug ist, um hier zu operieren. Als Arzt ist für mich vor allem von Bedeutung, was der Betroffene wünscht. Das darf natürlich nichts Unmoralisches sein, es muß um die Behandlung eines Leidens gehen. Gerade beim Exhibitionismus können neben dem Leidensdruck des Betroffenen auch schlimme Auswirkungen beispielsweise auf Familie und Beruf eine Rolle spielen. Deswegen kann ich mich nicht festlegen, solche Patienten grundsätzlich nicht zu operieren.

SPIEGEL: Der Betroffene leidet sicherlich weniger an seiner fehlgeleiteten Sexualität als daran, daß die Gesellschaft sie nicht toleriert.

HORN: Das ist sicherlich so. Es gibt ganz selten den primären Leidensdruck, wo einem die Deviation selbst zur Last wird und Depressionen auslöst. Bei allen anderen dürfen wir nicht übersehen, daß ja auch eine deviante Sexualität Lustgewinn bedeutet. Der sekundäre Leidensdruck träfe zum Beispiel den Mann, dessen Frau ihm droht, wenn du jetzt nicht damit aufhörst, lasse ich mich scheiden. Der tertiäre Leidensdruck findet sich oft bei jahrelang Inhaftierten. Die, das sind bei uns die meisten, leiden nicht unter dem, was ihnen juristisch zur Last gelegt wird, sondern unter den Konsequenzen.

SPIEGEL: Sie stellen auf die Entscheidungsfreiheit des Betroffenen ab. Ist das wirklich eine freie Entscheidung? Er will doch nur entlassen werden und nimmt die Operation als notwendiges Übel in Kauf.

DIECKMANN: Das kann man so sehen. Aber es kommt auch vor, daß der Betroffene wirklich unter seinen Delikten leidet und von ihnen loskommen will. Es ist für uns aber tatsächlich kaum möglich, den primären Beweggrund auszumachen, aus dem sich jemand diesem potentiell gefährlichen Eingriff unterziehen will.

SPIEGEL: Jedenfalls wird der Entschluß zur Operation von der Hoffnung mitbestimmt, sich durch den Eingriff die Freiheit zu erkaufen.

DIECKMANN: Da stimme ich Ihnen zu. Ich halte das aber auch für nichts Unehrenhaftes.

SPIEGEL: Trotz der Einwilligung des Patienten bleibt eine Operation eine rechtswidrige Körperverletzung, wenn der Eingriff gegen die guten Sitten verstößt. Zumal wenn der Anlaß kaum gravierend ist, liegen solche juristischen Bedenken nahe.

HORN: Ich bin überzeugt, daß wir juristisch abgedeckt sind. Wir haben uns oft zu diesem Problem kompetenten Rat geholt, weil wir natürlich immer wieder vor der Frage standen, ob wir das eigentlich dürfen.

SPIEGEL: Juristisch gerechtfertigt sind immer nur solche Eingriffe, die zur Heilung notwendig und medizinisch geboten sind. Notzüchter, Pädophile und Exhibitionisten sind aber zumindest im landläufigen Sinn keine Kranken. Sie helfen sich da offenkundig mit einem Trick: Statt von Krankheit reden Sie von Verhaltensstörung. Aber was Sie als Verhaltensstörung ansehen, richtet sich auch nicht nach medizinischen Kriterien, sondern nach der jeweiligen Beurteilung durch Gesetz und Gesellschaft -- nach dem Motto, je höher die Strafandrohung, desto gravierender die Verhaltensstörung.

DIECKMANN: Das ist in der Tat fragwürdig. Ich meine aber, man muß auf das abstellen, was man medizinisch von uns will. Bisher bin ich jedenfalls noch nie angezeigt worden.

SPIEGEL: Bis 1973 konnten Sie auch Homosexuelle als verhaltensgestört einstufen und operieren, weil ihr Verhalten damals noch mit den Normen kollidierte. Erst seit die Strafvorschrift entfiel, ist der Homosexuelle kein Fall mehr fürs Elektroskalpell. Was Sie als verhaltensgestört und damit behandelbar ansehen dürfen, bestimmt also letztlich der Bundestag -- taugliche Kriterien für einen Arzt?

DIECKMANN: Darauf allein lassen wir uns auch nicht ein. Deshalb ist für mich primär der Wunsch des leidenden Betroffenen die Richtschnur.

SPIEGEL: Wenn heute, nach dem Wegfall der Strafvorschrift, ein erwachsener Homosexueller zu Ihnen käme und Ihnen sagte, er leide darunter, daß die Leute mit dem Finger auf ihn zeigen würden Sie ihn operieren?

DIECKMANN: Nicht ohne weiteres. Aber wenn er unbedingt will: ja. Natürlich ist das ein Problem. Konkret bin ich damit noch nicht konfrontiert worden. Zunächst würde ich ihn zu überzeugen suchen, daß ein Eingriff in den Hypothalamus wohl doch das größere Übel ist gegenüber dem, was er für sich als das Übel ansieht. Denkbar ist aber auch eine andere Entscheidung. Auch bei einem Pädophilen wäre es unter Umständen inhuman, erst einmal abzuwarten, bis er erwischt wird, ein paar Jahre im Gefängnis sitzt und darunter schrecklich leidet. Zu mir kam einmal ein erfolgreicher Geschäftsmann und wollte operiert werden, weil er immer so aggressiv sei und bei allen Menschen anecke. Ich riet ihm ab. weil ich daran nichts Krankhaftes fand. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das richtig war.

SPIEGEL: Hinge die Vornahme eines solchen Eingriffs nur davon ab, wie stark der Betreffende darunter leidet, daß die Gesellschaft sein Verhalten mißbilligt, könnten Sie ja beispielsweise auch einen Radikalen operieren, der unbedingt in den öffentlichen Dienst will, aber nicht darf und darunter leidet. Aggressive Tendenzen ließen sich ja vielleicht diagnostizieren, und schon könnten Sie einen Eingriff etwa in den sogenannten Mandelkern des Schläfenhirns vornehmen -- kein weiter Weg bis zur Anpassungschirurgie?

DIECKMANN: Die technische Möglichkeit zu einem Eingriff in diese Hirnregion besteht, und deshalb besteht auch diese Gefahr. Die Sorge, daß damit Schindluder getrieben werden könnte, hat die Gegner der psychiatrischen Chirurgie in den USA und Japan auf den Plan gerufen. Aber man muß dem entgegenhalten, daß viele segensreiche Entwicklungen für die Menschheit auch potentielle Gefahren heraufbeschworen haben. Ich glaube nicht, daß aus der Stereotaxie eine Anpassungschirurgie wird. Die Psychologie und vor allem die moderne Chemie haben da viel mehr Möglichkeiten. Schwer vorstellbar, daß Millionen von Menschen auf den Operationstisch kommen sollten. Es ist viel leichter möglich und deshalb auch viel gefährlicher, Millionen psychologisch oder chemisch zu beeinflussen. Und zu Ihrer Frage nach dem Beamten: Man müßte erst einmal feststellen, ob er krank ist. Wenn ja, bestünde sogar eine Berechtigung zur Behandlung.

SPIEGEL: Nach Ihren Kriterien bei den Sexualstraftätern käme es darauf nicht an. Es genügte schon, daß er verhaltensgestört wäre. Und was das ist, bestimmt die Gesellschaft, die keinen Radikalen als Beamten will.

DIECKMANN: Ich sehe das Problem. Aber ich würde ihn nicht operieren, wenn er nicht wirklich krank ist. In den USA hat es Ende der sechziger Jahre aus Anlaß der Unruhen in einigen Großstädten den offiziellen Vorschlag amerikanischer Neurochirurgen gegeben, besonders gewalttätige Teilnehmer dieser Unruhen auf Störungen ihrer Hirntätigkeit zu untersuchen. Gegebenenfalls sollten sie durch eine Operation im Mandelkern von ihrer Gewalttätigkeit befreit werden. Das war aber nur die Meinung vereinzelter Neurochirurgen. und es ist keiner dieser Leute tatsächlich operiert worden.

SPIEGEL: Da sitzt jemand jahrelang in Haft. als Sicherungsverwahrter vielleicht noch die nächsten 20 Jahre. Seine Unterstützung kostet den Staat sechsstellige Beträge. Oder jemand wird drei Jahre lang psychotherapeutisch behandelt, was ja auch Tausende kostet und keine Besserung garantiert. Das Problem kann nun aber auch für etwa 8000 Mark Krankenhauskosten chirurgisch gelöst werden -- spielen auch fiskalische oder kriminalpolitische Gesichtspunkte für Sie eine Rolle?

DIECKMANN: Bei der Indikationsstellung hat das jedenfalls für uns bisher keine Rolle gespielt. Aber diese Gesichtspunkte könnten an anderer Stelle durchaus eine Rolle spielen.

SPIEGEL: Wenn Sie den Eingriff vornehmen, führen Sie Ihre Sonde durch das Bohrloch in der Schädeldecke in eine tiefliegende Hirnregion hinab, den Hypothalamus. Dort wollen Sie ein geographisch genau abgegrenztes hormonales Sexualzentrum und ein Zentrum für sexuelles Verhalten ausgemacht haben. Sind das mehr als wissenschaftliche Spekulationen?

DIECKMANN: Ich habe diese anatomischen Vorstellungen nicht erfunden. Sie stammen von Neuroanatomen und Neurophysiologen. Es waren zuerst humanpathologische Untersuchungen, die dann zum Tierexperiment führten. Der erste überzeugende Anhalt für ein Areal im Zwischenhirn, dem offensichtlich die Steuerung der Sexualität des Menschen obliegt, kam 1939 von dem deutschen Hirnforscher Spatz. Er hatte bei einem dreieinhalbjährigen Jungen eine vorzeitige Geschlechtsreife mit Geschlechtsmerkmalen wie bei einem Erwachsenen beobachtet. Der Junge starb, und bei der Hirnsektion fand sich in dieser Region des Zwischenhirns ein Tumor, dessen Zellen dieselbe Struktur aufwiesen wie ein Areal, das heute nach tierexperimenteller Untersuchung als hormonales Sexualzentrum definiert wird. Zerstört man es, kommt es zu einem Verlust der sexuellen Aktivität des Tieres, und die Keimdrüsen schrumpfen, was man allerdings hormonal ausgleichen kann. Strukturell gibt es hier scharfe Begrenzungen, nicht aber funktionell. Dieses Areal hat mehrere Funktionen. Dem hormonalen Sexualzentrum ist ein Zentrum des sexuellen Verhaltens sozusagen übergeordnet. Seine Ausschaltung führt zu einem nicht kompensierbaren Verlust der sexuellen Aktivität.

SPIEGEL: Durch Ausschaltungen in diesem Zentrum für sexuelles Verhalten will Ihr Göttinger Kollege Roeder Pädophilie behoben haben. Ist das wissenschaftlich haltbar -- mit dem Eingriff läßt sich doch nur die Triebstärke, nicht aber das Triebziel beeinflussen?

DIECKMANN: Wir stehen da auch im Gegensatz zu Herrn Roeder. Nach unseren Erfahrungen bei Pädophilen wird nur die Triebstärke reduziert, nicht aber die Triebrichtung verändert.

SPIEGEL: Auch die Hirnchirurgen können also aus einem homosexuellen Pädophilen keinen heterosexuellen Ehemann zaubern, zumal ja wohl nicht der Hypothalamus, sondern das Bewußtsein die Triebrichtung bestimmt.

DIECKMANN: Völlig richtig. Der Hypothalamus alleine ist ja nur ein Punkt in einem sehr viel größeren System, das für das komplexe Gebiet der Sexualität zuständig ist. Wir selber wissen nur wenig, was wir mit diesem Eingriff in mentaler Hinsicht bewirken. Wir wissen nur aus praktischer Erfahrung, daß wir damit keine schädigenden Nebenwirkungen hervorrufen.

SPIEGEL: Wieviel Hirnsubstanz zerstören Sie bei ihren Eingriffen?

DIECKMANN: Nur etwa 45 Kubikmillimeter, soviel wie eine Erbse. In den vierziger Jahren bei den großen Eingriffen am freigelegten Gehirn war es dreitausendmal soviel. Das mußte natürlich zu Deformationen der Persönlichkeit fuhren. Das ist heute nicht mehr der Fall.

SPIEGEL: Man »wirft Ihnen vor, Sie übertrügen Ergebnisse von Tierexperimenten kritiklos auf den Menschen.

DIECKMANN: Damit hätten sie auch ganz recht, wenn sie von uns annähmen, wir wollten die gesamte Sexualität beeinflussen. Tatsächlich können wir aber nur eine kleine Komponente, die mit der Sexualität zu tun hat -- nämlich Triebstärke und Stimulierbarkeit -, durch diesen Eingriff reduzieren. Natürlich besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen dem Paarungsverhalten des Tieres und dem sexuellen Erleben des Menschen.

HORN: Wenn wir zum Beispiel bei einem homosexuellen Pädophilen die Triebspannung vermindern, dann werden ganz bestimmte, durch die Stimulation bedingte Erlebnisräume entleert. Die gedankliche Beschäftigung damit wird geringer, die permanente Reizsuche nimmt ab. Hier sollten die Psychologen und Verhaltenstherapeuten ansetzen und Konzepte entwerfen, uni neue Erlebnisräume aufzubauen. Wir erwarten gar nicht, daß ein Homosexueller dann heterosexuell empfindet. Das kann mal so sein, muß aber nicht.

SPIEGEL: Wie gefährlich sind diese Eingriffe?

DIECKMANN: Der einseitige Eingriff, der also nur in eine Hypothalamus-Hälfte zielt, ist fachgerecht durchgeführt nicht gefährlich. Der doppelseitige ist nach unserer Erfahrung hochgefährlich, weil im Hypothalamus verschiedene Zentren für vitale Funktionen eng gebündelt zusammenliegen und es zu unbeabsichtigten Nachbarschaftsschäden kommen kann -- auch nach der Operation bei Durchblutungsstörungen. Wir haben noch keinen Sexualdelinquenten doppelseitig operiert.

SPIEGEL: Aber Ihr Kollege Roeder, sogar schon bei einem Exhibitionisten -- halten Sie das für vertretbar?

DIECKMANN: Ich habe Herrn Roeder darüber befragt. Er sagte mir, er habe damals bei seinen doppelseitig hypothalamotomierten Patienten keine solchen Nebenwirkungen beobachtet. Die extreme Gefährlichkeit des doppelseitigen Eingriffs hat sich auch erst in den letzten drei Jahren ergeben.

SPIEGEL: Einer Ihrer Patienten, ein 35jähriger wegen Notzuchtverbrechen mehrfach vorbestrafter und sicherungsverwahrter Mann, klagte nach der Operation über allgemeine Antriebsminderung. Früher schrieb er gern Briefe, jetzt mußte er sich dazu zwingen. Er bekam einen riesigen Appetit, aß pro Mahlzeit 14 und mehr Scheiben Brot und nahm 30 Pfund zu. Als Erfolg wird nur vermerkt: »Sexuell angeblich viel ruhiger, verminderte Masturbationsfrequenz«. Stehen hier positive und negative Auswirkungen noch in einem akzeptablen Verhältnis?

DIECKMANN: Damals vielleicht nicht, heute ja. Diese Beschreibung bezieht sich auf einen Zustand ein Jahr nach dem Eingriff. Diesen Herrn habe ich gerade vor ein paar Wochen zu Hause besucht. Er arbeitet wieder bei einer Baufirma und ist voll einsatzfähig. Die ursprünglich beklagte Antriebsminderung ist zurückgegangen. Die Sexualwissenschaftler werfen uns vor, darin erschöpften sich unsere Erfolgskriterien. Das tun sie natürlich nicht. Antriebsminderung und Appetitzunahme sind jedenfalls nur vorübergehende Nebenwirkungen.

SPIEGEL: Wie kontrollieren Sie solche Nebenwirkungen?

HORN: Die erste Nachuntersuchung erfolgt noch während des klinischen Aufenthalts. Die zweite nach einem halben Jahr, die dritte nach einem Jahr und dann jedes weitere Jahr einmal. Es sind sowohl testpsychologische als auch neurologischpsychiatrische und sexualwissenschaftliche Untersuchungen. Wir können aber auch heute noch nicht sagen, sie seien genügend aussagekräftig.

SPIEGEL: Die Sexualwissenschaftler halten sie für völlig unzureichend. Es fehle an überprüfbaren Kriterien für Erfolgskontrollen und statistische Verwertung.

HORN: Da ist was dran. Methodenkritik ist immer angebracht. Wir sind dankbar, wenn wir neue Aspekte finden oder genannt bekommen.

DIECKMANN: Dem schließe ich mich an. Aber mit gleichem Recht könnte man auch die Arbeit jener kritisieren, die die Sexualwissenschaftler offenbar für besser geeignet halten, Sexualstraftätern angemessen gerecht zu werden, zum Beispiel Psychoanalytiker oder Psychotherapeuten. Gerade auf deren Gebiet fehlt es fast völlig an Definitionen und klaren Begriffen, an der Verifikation von Kriterien und an verläßlichen Statistiken.

HORN: Schwere Fälle von Sexualneurosen erweisen sich in der Psychoanalyse oft als therapieresistent. Außerdem will kein Psychoanalytiker inhaftierte Sexualtäter therapieren. Jürgen Bartsch ist da nur ein Fall von vielen.

SPIEGEL: Sollten nicht auch Psychoanalytiker und Psychotherapeuten einmal Zahlen vorlegen, wie oft ihre Patienten mit Sexualneurosen nicht fertig wurden, verzweifelten oder gar Selbstmord begingen?

HORN: Weiß Gott, wir wären für solche Statistiken sehr dankbar. Auch bei der Psychotherapie oder Psychoanalyse bleibt doch mindestens ein Drittel aller Fälle ohne Erfolg.

DIECKMANN: Die Forderung. wir sollten mit unseren Gehirnoperationen Schluß machen, müßte sich auch zu Lasten der Betroffenen auswirken, die dadurch um eine Hoffnung ärmer würden. Die vermeintliche Humanität des kritischen Ansatzes kann rasch ins Gegenteil umschlagen. Richtig ist, daß bei den bisherigen Publikationen auch von chirurgischer Seite im Methodischen noch viel verbessert werden muß. Es ist aber auch gar nicht unser Bestreben, Therapieforschung zu treiben, sondern aktive Therapie. Die Operation hat bisher keine gravierende Nebenwirkung gezeigt, die sie verbieten würde. Statt dessen kann man mit ihr eine Verhaltensstörung therapieren, die zumindest bei den Patienten, die wir übersehen, praktisch auf keine andere Weise gebessert werden konnte.

SPIEGEL: Ganz so sicher kann man wohl nicht sein, ob die Operation tatsächlich immer erfolgreich ist. Die Patienten spekulieren auf Haftentlassung. Deshalb werden sie ihre Antworten immer so färben. daß der Befrager den Eindruck eines hundertprozentigen Operationserfolges erhält.

HORN: Man kann zwar mit einer Reihe von Tests einige sexuelle Stimuli erfassen, aber die Ergebnisse sind etwas diffus. Über Stimulationsniveau und Triebpotential haben wir tatsächlich keine ausreichend standardisierten und qualifizierten Untersuchungsmethoden. Wir können nur vergleichen mit dem, was wir über die Zeit vor der Operation wissen, und die Befragung so anlegen, daß der Patient uns nicht täuschen kann.

SPIEGEL: Da gibt es den Fall eines Patienten, der sich in den sechziger Jahren an 42 Jungen im Alter von 14 bis 19 Jahren vergangen hatte. Roeder operierte ihn einseitig, und die Gutachter erklärten damals vor Gericht, der Angeklagte sei wegen seines krankhaften Triebes zur Tatzeit unzurechnungsfähig gewesen, nun aber durch die Operation geheilt und eine Wiederholungsgefahr ausgeschlossen. Das Gericht sprach ihn frei. Inzwischen ist er nun aber doch wieder rückfällig geworden. Dann hat ihn Ihr Hamburger Kollege Müller auf der anderen Seite hypothalamotomiert, und nun behaupten die Gutachter abermals. jetzt sei er bestimmt geheilt und jeder Rückfall ausgeschlossen. Der Fall hat den Ruf dieser Operation nicht verbessert.

DIECKMANN: Natürlich nicht. Aber es gibt wie auf vielen anderen Gebieten der Medizin auch in der psychiatrischen Chirurgie leider keine hundertprozentigen Erfolge.

SPIEGEL: Bei einer Ihrer Operationen wurde der Patient, der vorher täglich 60 Zigaretten konsumiert hatte, spontan zum Nichtraucher -- zufälliger Nebeneffekt Ihrer Tätigkeit, oder tut sich hier eine weitere Indikation auf? Erschreckend wäre beides.

DIECKMANN: Es war wirklich ein zufälliges Nebenresultat. Ein Homosexueller ließ sich wegen seiner Pädophilie operieren und hörte schlagartig mit dem Rauchen auf. Wir propagieren das aber nicht etwa als Mittel, um Suchtverhalten zu bessern. Rauchen Sie ruhig weiter, Sie werden nicht operiert. Unser Patient hat übrigens zwei Monate später auch wieder angefangen.

SPIEGEL: Herr Professor Dieckmann, Herr Professor Horn. wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

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