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Bei Preußens

In einer neuen fünfteiligen, halbdokumentarischen TV-Serie wollen Wolfgang Menge und Ulrich Schamoni mit der elektronischen Trickkamera das wahre Preußen rekonstruieren. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Bei den alten Preußen, so sollte man letzten Sonntag in Wolfgang Menges neuestem Fernsehstreich »So lebten sie alle Tage« gewahr werden, mußte ein märkisches Milchmädchen bereits um Mitternacht losstapfen, damit die Berliner Stadtmenschen morgens frische Milch zum Frühstück hatten.

Doch ehe das soweit ist, faßt der am Brandenburger Tor postierte Zöllner Boswitz (Horst Bollmann) der Feschen an die drallen Brüste.

Jedem das Seine: Den Wahlspruch seines Königs Friedrich I. setzt er ganz handfest in die Tat um. Mal grapscht Boswitz da, mal konfisziert er dort.

Da tritt, enttäuschend, ein anderer Preuße in die Szenerie: der WDR-Programmdirektor Heinz Werner Hübner. Mit verbindlicher Bonhomie klärt er die Zuschauer über die historischen Zusammenhänge auf. Hinter ihm flimmern Monitore, glitzert Studio-Tand. Ein Sprecher harrt auf seinen Einsatz: Menges Desillusions-Theater ist mal wieder eine üppige Multi-Media-Show geworden.

Weil damals nämlich niedere Beamte keinen Lohn erhielten, war Korruption ihr kläglich Brot. Seinem Torschreiber Boswitz allerdings schaute der Torwächter

Reissner (Stefan Wigger) immer eifrig auf die Finger. Reissner wacht wie Boswitz als sogenannter »Akzise«-Beamter am Brandenburger Tor. Beide warten wie Estragon und Wladimir - diesmal freilich auf Konterbande.

Und auch heute noch greifen, so etwa lauten Wolfgang Menges heiße News aus der Geschichte, gierige Zöllner den Grenzgängern in die Kofferräume. Doch nicht wie Boswitz mit zittriger Hand, Schnitt, notieren flüsternde Computer die Untaten der Untertanen.

In solch dramaturgischem Geplänkel erschöpft sich schon die Reihe.

Vergangenen Sonntag zum erstenmal, kommt sie noch viermal, jeweils 20.15 Uhr vom WDR über die Sender der ARD. Regie führt Ulrich Schamoni.

Gekrönt wird das Preußen-Potpourri am 26. März in einer Live-Sendung des dritten WDR-Programms (20.15 Uhr): Einer Diskussion über die Serie stellen sich etwa der Schriftsteller Sebastian Haffner und der Journalist Hans Schwab-Felisch. Zuschauer können sich ihre liebsten Sequenzen aus der Reihe noch mal wünschen.

Sie knüpft formal und technisch an die Erfahrungen an, die Menge und Schamoni 1979 mit ihren Alltagsgeschichten aus den frühen 50er Jahren ("Was wären wir ohne uns") gemacht hatten. Diesmal soll der Versuch unternommen werden, das 18. Jahrhundert »unterhaltsam« (WDR) zu rekonstruieren.

Menge und sein Regisseur Schamoni betrachten preußische Legende aus der Sicht der einfachen Menschen - der Tagelöhner, Krämer, Handwerker und Soldaten. Dafür, schreibt Egghead Menge in einem Buch zur Serie, eignet sich Preußen ganz vorzüglich, denn das war der Staat der kleinen Leute. _(Wolfgang Menge: »So lebten sie alle ) _(Tage. Bericht aus dem alten Preußen«. ) _(Quadriga Verlag J. Severin, Berlin; 256 ) _(Seiten; 29,80 Mark. )

Menge/Schamoni versprechen im zweiten Teil ("Der Prozeß Müller - Arnold«; diesen Mittwoch) einen Einblick in das komplizierte Rechtssystem Preußens. Da greift sogar Friedrich II. in der Maske des Hans Clarin (Schamoni: »Besser als Otto Gebühr in seinen Glanzzeiten") höchstpersönlich in einen Fall ein. Die dritte Episode schildert die »Schlacht von Leuthen«, »in der die Situation der einfachen Soldaten während der ''Schlesischen Kriege'' verdeutlicht werden soll« (WDR); Mittelpunkt von Folge vier ist die Lebensgeschichte des preußischen Schulreformers Karl Friedrich von Klöden. Folge fünf endlich handelt von den Schwierigkeiten einer Theatertruppe mit der preußischen Zensur.

Immer mit von der Partie: die beiden »Godot«-Zwillinge Horst Bollmann und Stefan Wigger. Sie mendeln sich als Torschreiber und Torwächter, als Küster und Gehilfe, Theaterdirektor und Zensor, als Kammergerichtsräte und als einfache Nachbarn durchs zähe Preußen-Projekt.

Gedreht wurde die 3-Millionen-Mark-Produktion an 18 verschiedenen Orten und in 33 Dekorationen, zum Teil an Originalschauplätzen. Einige Bauten, wie das frühere Brandenburger Tor und eine bereits damals, Ironie der Geschichte, trennende Berliner Stadtmauer, wurden maßstabsgerecht nach einem Stich von Chodowiecki nachgebaut.

Historische Wahrheit jedoch läßt sich selten in der aufwendigen Imitation geschichtlicher Wirklichkeit erhaschen. Hübners gestelzte Didaktik und Menges zum Teil groteske Dialoge tragen zur Wahrheitsfindung auch nicht viel bei.

Eher als die beiden Faktenhuber hat womöglich Regisseur Schamoni mit seiner Inszenierung der Geschichten alltägliche preußische Wirklichkeit eingefangen.

Wolfgang Menge: »So lebten sie alle Tage. Bericht aus dem altenPreußen«. Quadriga Verlag J. Severin, Berlin; 256 Seiten; 29,80Mark.

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