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SPIEGEL Gespräch »Bei uns duften alle Frauen gleich«

Der sowjetische Wissenschaftler Nikolai Petrakow über Moskaus Pläne zur Preisreform Nikolai Petrakow, 52, ist Vize-Direktor des Zentralinstituts für Mathematik und Ökonomie der Akademie der Wissenschaften. Der Professor ist einer der führenden sowjetischen Experten für das Problem der Preisbildung in der Planwirtschaft. *
Von Jörg R. Mettke
aus DER SPIEGEL 20/1988

SPIEGEL: Nikolai Jakowlewitsch, seit Monaten kündigen sowjetische Politiker und Ökonomen eine radikale Preisreform an. Wann ist es soweit?

PETRAKOW: Das Staatskomitee für Preise legt bereits zusammen mit den Ministerien listenweise neue Preise für Hunderttausende von Erzeugnissen fest. Der auf diese Art gefundene Preis ist also eine Art Kabinettsprodukt.

SPIEGEL: Die Methode ist weder neu, noch war sie je besonders sinnvoll.

PETRAKOW: Das Neue besteht darin, daß wir jetzt erstmals seit Jahrzehnten den Mechanismus der Preisgestaltung ändern wollen. Die Preise sollen künftig auf die Dynamik von Angebot und Nachfrage flexibler reagieren. Wir wollen einen Markt schaffen für Produktionsmittel, einen Großhandel, und das setzt flexible Preise zwingend voraus. Damit müssen wir sofort beginnen.

SPIEGEL: Aber die Einzelhandelspreise werden erst einmal heraufgesetzt.

PETRAKOW: Die Preise müssen sich ändern, das ist eine komplexe Reform. Aus diesem Gesamtgefüge darf man nicht Einzelnes herausgreifen - sagen wir mal, die Preise für Fleisch, Brot und Milchprodukte, und alles andere so lassen, wie es ist.

Wir waren lange Zeit schrecklich konservativ und glaubten, man könne durch strenge Preiskontrolle eine Inflation verhindern - wir waren damit ja auch ziemlich erfolgreich, jedenfalls bei einer Reihe landwirtschaftlicher Erzeugnisse. Aber nehmen Sie industrielle Gebrauchsgüter, Haushaltstechnik, Heimelektronik oder Konfektionskleidung: Da finden ständig Veränderungen statt, und wir haben es nicht fertiggebracht, diese Preise unter Kontrolle zu halten.

SPIEGEL: Sie sind Ihnen davongelaufen ...

PETRAKOW: ... und deshalb haben wir heute die Situation wie in einem Entwicklungsland: billige Nahrungsmittel auf der einen und extrem teure Erzeugnisse der verarbeitenden Industrie auf der anderen Seite. Der Einzelhandelspreis für einen Mittelklassewagen beispielsweise entspricht bei uns dem von acht Tonnen Fleisch.

SPIEGEL: In der Bundesrepublik wären das ungefähr 80 000 Mark.

PETRAKOW: Aber wenn man vom Produktionsaufwand ausgeht, dürfte ein Personenwagen nur so viel wie 500 Kilogramm Fleisch kosten.

SPIEGEL: Viele Ökonomen bemängeln, die Festsetzung kostenorientierter Preise hätte der erste Akt der Perestroika sein müssen. Warum so spät, und warum so zögernd?

PETRAKOW: So etwas ist immer leichter gesagt als getan. Wir haben keine Erfahrung mit flexiblen Preisen und wissen auch nicht, wie der Verbraucher sich dann verhält. In westlichen Ländern gibt es dafür Erfahrungswerte und Statistiken, aber bei uns nicht.

SPIEGEL: Regierungssprecher Gennadij Gerassimow hat unlängst zugegeben, man wisse gar nicht, »wie ein Preismechanismus funktioniert«.

PETRAKOW: Ich weiß nicht, wen er damit gemeint hat. Man könnte den Betrieben natürlich sagen, sie sollen ab morgen ihre Preise gefälligst selbst festlegen. Der Haken ist nur, daß sie gar nicht wissen, was sie wollen. Sie ahnen, daß ihre Preise höher sein müßten, aber es besteht dabei die Gefahr, daß sie die nun zu hoch ansetzen und ihre Ware nicht mehr loswerden. Wenn aber im ersten Anlauf die Preise zu niedrig ausfallen, sind die entsprechenden Erzeugnisse rasch vergriffen. Für den Anfang brauchen wir deshalb eine Art Teststrecke, also begrenzte Teilmärkte, beispielsweise für neue Technik.

SPIEGEL: Wie soll denn das funktionieren?

PETRAKOW: Wir stellen die Betriebe gegenwärtig auf Eigenfinanzierung um. Das bedeutet, sie müssen sich um ihre Investitionen selbst kümmern, ihre Entwicklungsfonds selbst planen und notwendige Ausrüstungen zu freien Preisen kaufen. Bleiben wir bei der Anschaffung neuer Technik: Wenn hier ein Betrieb bereit ist, dafür den zwei- oder dreifachen Preis zu zahlen, und zwar aus eigenen Mitteln, dann bestünde eine Garantie dafür, daß diese Technik auch wirksamer als bisher eingesetzt würde.

SPIEGEL: Für Konsumgüter hieße das: Zu höheren Preisen wären Mangelwaren vielleicht wieder in den Geschäften zu sehen. Aber könnten die Kunden sie auch bezahlen?

PETRAKOW: Von »hohen« oder »niedrigen« Preisen zu sprechen ist überhaupt erst dann sinnvoll, wenn die entsprechenden Waren in genügender Menge in den Läden vorhanden sind; _(Mit Redakteur Jörg R. Mettke in Moskau. )

viele Leute sagen: Was soll dieses ganze Gerede über Preisgestaltung, zum Beispiel, ob Fleisch nun weiter zwei Rubel kosten soll oder nicht - wir sehen in unserer Stadt, in unserer Region überhaupt kein Fleisch. Ich persönlich bin gar nicht dagegen, daß der Preis für Fleisch erstmal so niedrig bleibt; nur dann müßte es auch zu haben sein.

SPIEGEL: Zwei Rubel, ungefähr anderthalb Stundenlöhne für ein Kilo Fleisch, das ist nicht niedrig. Wie kommt denn der Preis überhaupt zustande?

PETRAKOW: Er stammt aus dem Jahre 1962, als die letzte offizielle Veränderung des Preisniveaus bei uns stattfand. Seitdem jedoch haben Prozesse mit großen Auswirkungen in der Landwirtschaft stattgefunden, positive wie negative, und die sind leider alle unberücksichtigt geblieben. Positiv war, daß die Einkünfte der Landbevölkerung sich fast verdreifacht haben. Bis dahin war die Entlohnung in der Landwirtschaft sehr niedrig; diese soziale Maßnahme war also dringend erforderlich.

SPIEGEL: Heute wird auf dem Lande etwa 80 Prozent dessen verdient, was Industriearbeiter bekommen.

PETRAKOW: Ein gerechtes Verhältnis, wenn Sie bedenken, daß die im Agrarbereich Beschäftigten allesamt noch Einkünfte aus ihren privaten Nebenwirtschaften haben. Es gab gewaltige Investitionen in die Landwirtschaft, die leider schlecht genutzt wurden und die Effektivität nicht erhöht haben: eine regelrechte Traktor-Manie - immer mehr Traktoren, aber alles nötige Zubehör fehlte. Wir haben uns berauscht an der Zahl unserer Mähdrescher, aber darüber die Qualität vergessen. Und wir haben vieles andere versäumt: Investitionen in Lagerraum, in Straßen, im sozialen Bereich. Daher gab es praktisch keinen Nutzeffekt, nur die Kosten stiegen.

SPIEGEL: Und dafür sollen nun die Konsumenten büßen?

PETRAKOW: Heute liegen die Produktionskosten für ein Kilo Fleisch im Durchschnitt bei vier Rubel, aber verkauft wird es immer noch für zwei.

SPIEGEL: In einem staatlichen Laden kriegen Sie dafür nur im Glücksfall anständige Ware. Die Käufer weichen auf die Bauernmärkte aus, wo sich der Preis der privat oder über den Plan hinaus produzierten Lebensmittel nach Angebot und Nachfrage richtet. Dort kostet das Kilo Fleisch das Zwei-bis Dreifache.

PETRAKOW: Jeder Mangel an Waren senkt die Qualität. Gefrierfleisch mit vielen Knochen, das soll meinetwegen wie bisher zwei Rubel kosten. Aber frisches Fleisch, Delikatessen und Spezialitäten, für die muß es in Zukunft abgestufte Preise geben, je nach Qualität. Dann gäbe es genug für Käufer mit niedrigem Einkommen, wer höhere Ansprüche hat, muß eben mehr bezahlen.

SPIEGEL: Bislang subventionieren Sie lieber. Dafür ist insgesamt ein jährlicher Aufwand von 73 Milliarden Rubel

erforderlich. Bei realen Preisen, die außer Aufwand und Gewinn auch die relative Knappheit widerspiegeln, müßten diese Milliarden wohl als Kaufkraft auf die Lohnseite umverteilt werden?

PETRAKOW: Ja, über den Preismechanismus. Diese Subventionsmilliarden kommen aus dem Staatshaushalt, aber wie kommen sie in die Staatskasse hinein? Der Staat ist ja nicht Väterchen Frost mit einem Sack voller Geschenke. Diese 73 Milliarden sind doch der Bevölkerung vorher aus der Tasche gezogen worden, durch die überhöhten Preise von Möbeln, Autos, Schuhen, Radios, Fernsehern und Kühlschränken. Deshalb muß eine Reform alle Einzelhandelspreise mit einbeziehen.

Wir haben wirklich kein Recht mehr, diese hohen Preise für Industrieerzeugnisse zu fordern, zumal angesichts der oft fragwürdigen Qualität. Erwägt man eine Erhöhung der Fleischpreise, muß auch die Gegenfrage zulässig sein, ob es zumutbar ist, für ein Paar Stiefel ein Monatsgehalt aufwenden zu müssen.

SPIEGEL: Wenn es denn beim Administrieren der Preise bleibt, was haben Sie mit den Preisen für Dienstleistungen vor? Bahn und Metro beispielsweise fahren nur Verluste ein.

PETRAKOW: Das ist ein weiterer neuralgischer Punkt. Aus rein ökonomischer Sicht müßten die Preise hier erhöht werden, aber unter sozialpolitischem Aspekt sieht das ganz anders aus. Solange unsere Wohnungssituation so angespannt ist, kann sich niemand seine Wohnung in der Nähe seines Arbeitsplatzes suchen.

Schon heute ist die Großstadtbevölkerung in gewisser Weise bestraft, weil sie im Schnitt drei Stunden täglich in öffentlichen Verkehrsmitteln zubringt. Soll man sie nun nochmal durch Preiserhöhungen bestrafen?

SPIEGEL: Kostenorientierte Preise bei den Lebensmitteln, Preissenkungen bei Industriegütern, für Verkehrsmittel bleibt es bei Subventionen. Nach dem schmalen Warenangebot müßten Marktpreise zur Inflation führen. Wer setzt nun die Preisaufschläge fest?

PETRAKOW: Mein Vorschlag: Man nimmt einfach ein früheres Erzeugnis, stellt fest, das neue ist um, sagen wir, 20 Prozent besser, und analog dazu steigt der Preis. Allerdings ist damit noch nicht das Problem gelöst, daß ja bereits der Preis für das Vorläufer-Produkt falsch gewesen sein kann und den Anforderungen des Marktes gar nicht gerecht wurde.

SPIEGEL: Ohne Wettbewerb können Sie doch überhaupt keine Preise ermitteln. Die festgesetzten Preise zeigen keine Knappheiten an, lenken die Produktion nicht dorthin, wo Bedarf ist, und stoppen keine Überproduktion. Was sagt ein staatlicher Einzelhandelspreis in Ihrem Land eigentlich aus?

PETRAKOW: Nun, in vielen Preisen drücken sich die guten sozialen Vorsätze der Administration aus, die aber oft weit

entfernt sind von den realen wirtschaftlichen Möglichkeiten. Wir wollen zum Beispiel, daß alle Artikel für Kinder bei uns möglichst billig sind, um dadurch die Geburtenrate zu stimulieren. Meistens vergessen wir, daß man zunächst investieren muß, damit diese Waren auch in ausreichender Menge vorhanden sind.

Zweitens kommt die Monopolstellung der Erzeuger in unseren bisherigen Preisen zum Ausdruck: Es ist sehr bequem, einen höheren Preis durchzusetzen, ohne sich um bessere Qualität oder ein breiteres Sortiment zu bemühen.

SPIEGEL: Fast 15 Prozent der Produktion von Konsumgütern, vom Automobil bis zu Kartoffeln, sind so minderwertig, daß sie schon beim Kauf schrottreif oder verdorben sind. Wie wollen Sie über neu festgesetzte Preise erreichen, daß auch bessere Qualität erzeugt wird?

PETRAKOW: Für Minderwertiges müssen die Preise radikal reduziert werden. Lernt der Hersteller daraus nichts, muß er Konkurs machen. Die Arbeitskräfte sollen meinetwegen ihre Löhne weiter beziehen, aber wir würden wenigstens erst einmal Energie und Rohstoffe einsparen. Bei manchen Betrieben würde eine sofortige Stillegung eindeutig die Minimierung von Verlusten bedeuten.

SPIEGEL: Wie viele Mitarbeiter hat das Staatliche Preiskomitee, und was hat es nach der Reform noch zu tun?

PETRAKOW: Ungefähr tausend Leute werden es schon sein. Aber dann gibt es diese Komitees ja auch noch in jeder der 15 Unionsrepubliken. Meiner Meinung nach dürfte das Komitee keine Preise mehr festlegen, sondern müßte Methoden und Regeln für die Preisgestaltung erarbeiten, und zwar bei strukturbestimmenden Erzeugnissen wie Gas, Öl und Strom, eventuell auch bei Fleisch, Butter und Brot. Das ist deshalb so wichtig, weil wir einen Markt etablieren müssen unter den Bedingungen des Monopolismus.

SPIEGEL: Vielleicht ist das Monopol von Übel?

PETRAKOW: Die bisherige Investitionspolitik beruhte auf Gigantomanie. Man baute riesige Betriebe, um die Produktionskosten gering zu halten. Dadurch haben wir beispielsweise eine Superfabrik zur Erzeugung von Parfum statt drei oder vier solcher Unternehmen. Deshalb duften bei uns im Endergebnis alle Frauen gleich. Die monopolistischen Tendenzen solcher Erzeuger bei der Preisgestaltung müssen kontrolliert werden. Hier hätte das Preiskomitee in Zukunft eine wichtige Schiedsrichterrolle zu übernehmen.

SPIEGEL: Und wie?

PETRAKOW: In unserem neuen Gesetz über den staatlichen Betrieb gibt es eine Passage, daß alle staatlichen Organe den wirtschaftlichen Wettbewerb unter den Betrieben gewährleisten und Monopoltendenzen der Erzeuger entgegenwirken müssen.

Das ist eine völlig neue Funktionsbestimmung für staatliches Handeln. Die Verwaltung ist von jetzt an verpflichtet, Verbraucherinteressen zu schützen und zu vertreten. Aber dazu muß man die Funktion der Planungsorgane um 180 Grad drehen, denn bislang sind sie allein Vertreter der Erzeuger. Und in den Partei-Institutionen sieht es in diesem Punkt nicht viel anders aus.

SPIEGEL: Im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe (Comecon) gilt für wichtige Güter als Verrechnungsbasis schon jetzt der Weltmarktpreis, also die Wertbestimmung durch die kapitalistische Welt. Ist die UdSSR bereit, eine eigene konvertierbare Währung einzuführen?

PETRAKOW: Wir sind bereit dazu, und wir sollten damit auch nicht mehr allzu lange warten.

SPIEGEL: Was läßt Sie vor diesem Schritt denn noch zurückschrecken?

PETRAKOW: Zunächst einmal sind nicht alle unsere Partner im Rat für gegenseitige Wirtschaftshilfe gleichermaßen daran interessiert. Wir sind da auch objektiv in einer anderen Situation. Wir haben Rohstoffe, nicht zuletzt Gold, und beträchtliche Deviseneinnahmen. Und will man uns überhaupt im Weltwährungsfonds haben? Mein Gefühl sagt mir, die Amerikaner wären darüber nicht allzu begeistert. Manche westliche Staaten glauben, es sei für sie günstiger, wenn die Sowjet-Union nur begrenzt an den außenwirtschaftlichen Beziehungen beteiligt ist - nur per Warenaustausch, aber nicht im Devisengeschäft.

SPIEGEL: Aber genau so haben Sie es jahrzehntelang auch gewollt.

PETRAKOW: Ja, aber jetzt werden wir bald etwas anderes wollen. Sie müssen sich im Westen also bereithalten.

SPIEGEL: Professor Petrakow, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Mit Redakteur Jörg R. Mettke in Moskau.

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