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»BEI WAGNER HÖRE ICH DIE VORWELT«

aus DER SPIEGEL 6/1964

25.1. 1942, nachts

Gegen meinen Willen bin ich Politiker geworden. Die Politik ist mir nur ein Mittel zum Zweck. Es gibt Leute, die glauben, es werde mir einmal hart ankommen, nicht mehr wie jetzt tätig zu sein. Nein! Der soll der schönste Tag meines Lebens werden, wenn ich aus dem politischen Leben ausscheide und alle die Kümmernisse, die Plage und den Ärger hinter mir lasse. Ich will das tun, sobald ich nach Beendigung des Krieges meine politischen Aufgaben erledigt habe. So fünf bis zehn Jahre möchte ich dann meinen Gedanken nachhängen und sie niederlegen. Kriege kommen und vergehen. Was bleibt, sind einzig die Werte der Kultur. Daher meine Liebe zur Kunst. Musik, Architektur, sind das nicht Kräfte, die der kommenden Menschheit den Weg weisen? Wenn ich Wagner höre, ist mir, als seien das Rhythmen der Vorwelt!

10.5.1942, mittags

Beim Mittagessen meinte der Chef auf einen Einwurf, der Weg von Menschen, die berufen seien, einmal Großes in ihrem Leben zu leisten, sei doch recht seltsam.

Daß ein solcher Mensch schon als Kind als besonderes Talent erkannt worden sei, sei wohl nur bei Mozart der Fall gewesen. Irgendwann auf

ihrem Lebensweg schlage das Schicksal plötzlich diese Menschen an und lasse sie ihre besondere Stärke erkennen...

Wenn der (Erste Welt-)Krieg nicht gekommen wäre, wäre er sicher Architekt geworden, vielleicht - ja, wahrscheinlich sogar - einer der ersten Architekten, wenn nicht der erste Architekt Deutschlands, und nicht, wie es heute der Fall sei, der erste Geldbeschaffer für Deutschlands beste Architekten.

Aber plötzlich greife dann das Leben ein und mache den Menschen locker für seine Berufung und lasse sich das Milchgesicht auf einmal im Kampf als unüberwindlichen Feuerkopf entpuppen.

Wenn unsere Schulmeister das angehende oder nachmalige Genie in der Regel nicht erkennten, sondern sogar als untalentiert ablehnten - man denke nur an Bismarck, Wagner, Feuerbach, der von derselben Akademie in Wien, die ihn einmal als untalentiert abgelehnt habe, zehn Jahre später gefeiert und ausgezeichnet worden sei -, so liege das daran, daß sich in ein Genie wohl nur ein Genie ganz hineinversetzen könne...

17. 5.1942, abends

Der Chef kam noch kurz auf Denkmäler von Frauen zu sprechen, die deshalb nur selten wirken, da die Frauenkleidung nicht zeitlos ist und die Frauen die Mode, für die sie sich vor zehn Jahren begeistert haben, nunmehr lächerlich finden. Da man Frauendenkmäler auch nicht grundsätzlich in die zeitlose griechische Frauengewandung hüllen könne, bleibe kein anderer Ausweg als der der Frauenbüsten.

29.5.1942, mittags

Der Chef erwähnte beim Mittagessen, daß es eine der wichtigsten Aufgaben des Dritten Reiches sei, in Berlin eine wirklich repräsentative Hauptstadt zu schaffen. Schon der Bahnhof und die Zufahrt der Reichsautobahnen müsse so sein, daß selbst der Wiener überwältigt sei von dem Gefühl: Das ist unsere Hauptstadt!

Man könne es dem (heute) nach Berlin kommenden Wiener nicht verargen, wenn er im Hinblick auf das grandiose Stadtbild seiner eigenen Heimatstadt von Berlin enttäuscht sei. Sogar ihm gegenüber hätten Wiener einmal erklärt, Berlin sei doch keine Hauptstadt; denn kulturell sei ihm Wien sowieso überlegen, und in seinem Stadtbild könne es doch auch nicht an Wien heran...

2. 7.1942, abends

Beim Abendessen sprach der Chef Herrn Reichsleiter Bormann auf Bücher an, die er von ihm zur Durchsicht erhalten hatte. Insbesondere

hätten ihn die Zitat-Zusammenstellungen aus Friedrichs des Großen »Briefe über die Religion« und seinen »Theologischen Streitschriften« interessiert. Es sei eine wirklich wertvolle Tat, wenn man diese Schriften allen Deutschen - insbesondere aber allen führenden Leuten, voran Admiralen, Generalen und so weiter - zugänglich mache. Denn aus ihnen ergebe sich, daß er - der Chef - nicht mit »ketzerischen« Gedanken allein dastehe, sondern sich in der besten Gesellschaft eines der größten deutschen Männer befände...

26. 7.1942, abends

Beim Abendessen erzählte der Chef ... von seinem Besuch in der Pariser Oper. Die prachtvolle Außenfront habe Außerordentliches versprochen. Als er dann aber die ärmlichen, lediglich durch die Buntheit der Farben auffallenden Bühnendekorationen gesehen habe, hätte es ihm wirklich leid getan, festzustellen, wie schnell eine Kulturmetropole wie die Pariser Oper... absacken könne.

Da stehe Weimar doch auf einer ganz anderen Höhe. Selbst die Sowjets hätten Verständnis für diese Dinge und versucht, durch Bessergestaltung der allgemeinen Lebensbedingungen den an ihren bedeutenderen Theatern tätigen Künstlern eine ordnungsgemäße künstlerische Arbeit zu ermöglichen...

Hitler, Friedrich II.

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