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»Beide Flaggen sehr viel rot«

Die Zusammenarbeit von Gestapo und NKWD im besetzten Polen / Von Simon Wiesenthal Wiesenthal, Leiter des Jüdischen Dokumentationszentrums in Wien, schickte zum Polen-Teil der SPIEGEL-Serie ergänzende Anmerkungen und Dokumente. *
aus DER SPIEGEL 39/1984

Als Hitler am 1. September 1939 in Polen einfiel und Stalin zwei Wochen später Ostpolen besetzte, wußte die Welt zwar, daß es den Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 gab. Unbekannt waren die geheimen Zusatzabkommen und niemand, vor allem nicht die betroffenen Polen, wußte, wie weit die Zusammenarbeit zwischen Nazis und Sowjets damals ging.

Nach der Besetzung und Teilung Polens unterzeichneten die Außenminister Ribbentrop und Molotow am 28. September 1939 in Moskau ein geheimes Zusatzprotokoll. Es wurde mit anderen Dokumenten kurz vor Kriegsende in Berlin verbrannt, eine Mikrofilm-Kopie aber befindet sich im Archiv des Auswärtigen Amtes in Bonn (Nummer ADAP VIII F 2/0329). Der Inhalt ist kurz:

»Die unterzeichneten Bevollmächtigten haben bei Abschluß des deutsch-sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrages ihr Einverständnis über folgendes festgestellt:

Beide Teile werden auf ihren Gebieten keine polnische Agitation dulden, die auf die Gebiete des anderen Teiles hinüberwirkt. Sie werden alle Ansätze zu einer solchen Agitation auf ihren Gebieten unterbinden und sich gegenseitig über die hierfür zweckmäßigen Maßnahmen unterrichten.«

Beide Partner hielten die Verträge peinlichst ein und arbeiteten bei der Niederhaltung der Polen aufs engste zusammen.

Generalgouverneur Hans Frank schildert in seinen Tagebüchern den Besuch des NKWD-Offiziers Nabraschnikoff.

»Wir haben sehr viel mit den Russen zu tun, sie sind doch unsere Nachbarn, unsere Stammgäste. Man denke einmal darüber nach: beide Flaggen nebeneinander; General Nabraschnikoff ... schlug sich brüllend auf die Schenkel und sagte: 'Aber, oh, die Flaggen sehr gut, beide sehr viel rot ...'«

Die NKWD-Begleitoffiziere des Generals fuhren damals zu Gesprächen in ein Erholungsheim der Gestapo nach Zakopane. Ein Offizier des NKWD blieb bis zum Überfall Hitlers auf die Sowjet-Union im Juni 1941 beim Generalgouverneur Frank in Krakau. Die Gestapo besuchte im Mai 1940 ihre NKWD-Kollegen in Lemberg und Kiew.

Ob die Nazis und die Sowjets ihre Aktionen gegen die polnische Führungsschicht aufeinander abstimmten oder nicht - Tatsache ist, daß sie zur gleichen Zeit handelten:

Im Frühjahr 1940 führte SS-Gruppenführer Bruno Streckenbach die sogenannte AB-("Außerordentliche Befriedungs-»)Aktion im deutsch besetzten Teil durch: die Erschießung von 5000 polnischen Akademikern, die, wie sie meinten, zum Kern einer Widerstandsbewegung werden könnten.

Und im Frühjahr 1940 erschoß das NKWD die polnischen Offiziere im Wald von Katyn. Wie bekannt, haben die Sowjets nach der Entdeckung der Massengräber in Katyn erklärt, die polnischen Offiziere der Lager Kozielsk und Starobielsk seien bis zum Juli 1941 dort bei Straßenbauarbeiten eingesetzt gewesen und dann von den Deutschen ermordet worden.

Ich war beim Nürnberger Prozeß, als der Anklagepunkt Katyn gegen die Deutschen fallengelassen wurde. Damals hörte ich auch, daß ein mit Katyn befaßter sowjetischer Staatsanwalt Selbstmord begangen hätte. Die Russen erklärten, es sei ein Unfall beim Reinigen seiner Pistole gewesen.

Dann stieß ich in einem ganz anderen Zusammenhang wieder auf Katyn. In einer Sammlung von Rot-Kreuz-Briefen fand ich zwei Briefumschläge:

Das Internationale Rote Kreuz in Genf schrieb am 14. 11. 1940 einen Brief an den polnischen Offizier Witold Bitner im Lager Kozielsk. Die Russen schickten den Brief am 20. 11. 1940 mit dem Vermerk »Retour, unbekannt« nach Genf zurück.

Am 11. 4. 1940 schickte die Genfer Rot-Kreuz-Zentrale einen Brief an den polnischen Oberstleutnant Stefan Stolarz ins Lager Starobielsk. Er kam mit den russischen Vermerken »Adressat nicht da« und »zurück nach Genf« vom 30. 4. 1940 wieder an den Absender.

Unter den Leichen im Massengrab von Katyn wurde Leutnant Witold Bitner unter Position 3367 gefunden. Oberstleutnant Stefan Stolarz lag unter Position 469.

Simon Wiesenthal
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