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JURISTEN Beistand aus der Kartel

In Nordrhein-Westfalen ermitteln die Justizbehörden gegen einige hundert Juristen, die im Examen gekungelt haben sollen.
aus DER SPIEGEL 17/1983

In Raum 013 des Düsseldorfer Justizministeriums hatte der Leitende Ministerialrat Hartmut Schulz vom nordrhein-westfälischen Landesjustizprüfungsamt den mündlichen Teil des zweiten juristischen Staatsexamens kaum beendet, da bat Schulz-Kollege Eberhard Ramin einen Referendar aus dem Münsterland noch einmal herein - zu einer Prüfung besonderer Art.

Thema war diesmal Paragraph 17 des Juristen-Ausbildungsgesetzes (JAG): »Täuschungsversuche«. Der Kandidat, hielt Prüfungsamt-Referent Ramin seinem Gegenüber vor, habe bei der Examens-Hausarbeit abgeschrieben.

Das Ramin-Verhör vom vorletzten Freitag ist neuerdings in Nordrhein-Westfalen beinahe fester Bestandteil der zweiten juristischen Staatsprüfung. Denn nach den Ermittlungen des Landesprüfungsamtes haben »etliche« (Ramin) der jährlich rund 1200 Kandidaten für das zweite Staatsexamen einen Teil ihres Abschlusses erschlichen.

Der Trick ist so simpel wie erfolgreich. Für das zweite Examen müssen die angehenden Anwälte und Richter in einer für die Gesamtnote mitentscheidenden vierwöchigen Hausarbeit anhand ausgewählter Originalunterlagen - inklusive Aktenzeichen, Gerichtsort und Name der Parteien - ein Urteil anfertigen. Da es S.116 jedoch mehr Kandidaten als geeignete Akten gibt, werden die 600 Muster-Fälle im Laufe der Zeit gleich mehrfach ausgegeben - manche bis zu 30mal.

So traditionsreich wie die Prüfungsmethode, so alt ist jedoch auch der Versuch von Examenskandidaten, an frühere Prüflinge heranzukommen, die über denselben Fall schon mal geschrieben haben - und an deren Hausarbeiten.

Ein paar findige Köpfe haben daraus ein System gemacht. Listen mit den Namen und Aktenzeichen werden gezielt erstellt, immer wieder vervollständigt und in Kandidaten-Kreisen von einem Referendar zum anderen weitergegeben.

Geahndet wurde die unter Juristen wohlbekannte Listen-List all die Jahre nicht. Daß jetzt Nordrhein-Westfalens Landesjustizprüfungsamt »mit Nachdruck durchgreift« (Justizministerin Inge Donnepp) ist denn auch lediglich unvermeidliche Konsequenz eines Prozesses vor dem Verwaltungsgericht Münster. Dort hatte am 13. August des letzten Jahres ein 29jähriger Assessor Klage gegen das Landesprüfungsamt eingereicht.

Seine Hausarbeit (Note: ausreichend) sei nur deshalb schlecht benotet worden, weil er nicht mit Hilfe einer Kartei aus den alten Hausarbeiten abgeschrieben habe. Wenn das Amt die Kungelei anderer ungeahndet lasse, wolle er die Chance haben, sein Examen zu wiederholen.

Soviel Gerechtigkeitssinn brachte das Prüfungsamt in Zugzwang. Um den vor Gericht gemachten Angaben nachzugehen, schickte das Düsseldorfer Justizministerium seine Beamten unter die Studenten, mit Erfolg.

Kein halbes Jahr später hatten die Donnepp-Juristen gleich drei Hauptkarteiführer ausgemacht. Im Bielefelder Viertel Lohmannshof, oberhalb der Universität, war es ein hilfsbereiter Referendar, der uneigennützig am Telephon Aktenzeichen und Rufnummern entgegennahm oder weitergab. In Warendorf bei Münster gab die Frau eines Anwalts seit einem Jahr »aus reiner Hilfsbereitschaft« Auskunft. In Köln, Anlaufstelle im Rheinischen, vermittelte stets eine Frauenstimme, die Freundin eines Referendars.

Doch während die Fahnder in der Domstadt und im Münsterland zwar die Karteiführer ermitteln konnten, fiel ihnen die Liste nicht in die Hände: Die Examenshelfer hatten die Unterlagen kurzerhand verbrannt.

Nicht so der Führer der Bielefelder Kartei. Den suchten zwei Abgesandte des Prüfungsamtes am 18. Februar dieses Jahres vorsorglich unangemeldet auf.

»Völlig irritiert durch das plötzliche Erscheinen der Kontrolleure«, so der Nummernvermittler, rückte er die langgesuchte Kartei raus: ein altes Paket mit Zetteln und Karten, auf denen, nach Gerichtsort und Aktenzeichen sortiert, rund 500 Hausarbeitsthemen und etwa 3000 Namen und Telephonnummern verzeichnet waren.

Seit Ramin und Kollegen den Pappkarton mit der »vermutlich seit vier, fünf Jahren bestehenden Kartei« (Ramin) in den Händen halten, sind Nordrhein-Westfalens Juristen nervös geworden. Mögliche Folgen für die Listenbenutzer reichen von einer Neuanfertigung der Hausarbeit bis zur Aberkennung des gesamten zweiten Staatsexamens.

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