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»BEITRÄGE ZUR STRAFPROZESSUNORDNUNG«

Mit einer »Klau mich« betitelten Dokumentation sind die Berliner Kommunarden Fritz Teufel, 25, und Rainer Langhans, 28, auf der Frankfurter Buchmesse vertreten*. Letzte Woche, als dieser aus Gerichtsberichten, Kommune-Aphorismen und Lesefrüchten gemixte »Beitrag zur Strafprozeßunordnung« (Teufel) erschien, wurde Langhans in Berlin wegen Hausfriedensbruchs zu sieben Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt und Mitangeklagter Teufel verhaftet, weil er statt der Verhandlung den Frankfurter SDS-Kongreß (siehe Seite 77) besucht hatte. Der SPIEGEL druckt Auszüge aus in »Klau mich« wiedergegebenen Kommune-Darstellungen des Prozesses, in dem sich Teufel und Langhans -- vor dem Landgericht Berlin-Moabit -- wegen Aufforderung zur Brandstiftung verantworten mußten.
aus DER SPIEGEL 39/1968

SCHWERDTNER (Gerichtsvorsitzender): Warum wurden nun gerade diese Flugblätter veröffentlicht, in denen es um den Brand des Warenhauses in Brüssel ging?

TEUFEL: Es hat uns gereizt, die moralische Empörung der Leute hervorzurufen, die sich niemals entrüsten, wenn sie in ihrer Frühstückszeitung über Vietnam oder über andere schlimme Dinge lesen.

SCHWERDTNER: Sie demonstrieren also gegen Vietnam?

TEUFEL: Nicht nur, wir demonstrieren auch gegen die Saturiertheit und Selbstzufriedenheit ...

SCHWERDTNER: Wer ist denn saturiert?

TEUFEL: Man kann es auch anders formulieren. Die Deutschen sind ein demokratisches, freiheitliches, tüchtiges Völkchen. Sie haben zwar eine Menge Juden umgebracht, aber dafür werden jetzt mit deutschen Waffen Araber umgebracht, das ist eine Art Wiedergutmachung. -- Es ist doch so: Je mehr von den Schwarzen oder Gelben da unten verrecken, desto besser ist es für uns.

* »Edition Voltaire«, Frankfurt/Berlin; 200 Seiten; zehn Mark.

SCHWERDTNER (erschrocken): Das meinen Sie aber doch nicht ernst. (Gelächter im Saal)

TEUFEL: Doch -- doch!

*

KUNTZE (Staatsanwalt): Und wenn nun irgend jemand auf den Gedanken gekommen wäre, das zu probieren, was in den Flugblättern steht, eine Zigarette in einer Umkleidekabine eines Warenhauses anzuzünden?

TEUFEL: Ich muß sagen, es ist keiner auf den Gedanken gekommen, daß man das tun könnte -- bis auf den Herrn Staatsanwalt. Der hat es aber auch nicht getan, sondern eine Anklageschrift verfaßt.

*

SCHWERDTNER: Aber welchen Zweck verfolgten Sie mit den Flugblättern, was wollten Sie damit erreichen? Eine Handlung ist doch zweckbestimmt.

LANGHANS: Das alles ist gar nicht schwierig, deshalb haben wir uns so amüsiert, daß man es in dieser Weise auffassen könnte. Wir haben doch nie gedacht, daß so was als Aufforderung angesehen werden könnte. Das ist geradezu absurd! Darf ich fragen, wie Sie überhaupt zu der Auffassung kommen, daß das eine Aufforderung zur Brandstiftung sein soll?

SCHWERDTNER (unterbricht unwillig): Sie haben nicht ...

LANGHANS (ihn anbrüllend): Ich kann keinen Satz ausreden, ohne unterbrochen zu werden. Seien Sie jetzt mal still, bis ich fertig bin! (Schwerdtner sagt nichts mehr) LANGHANS (weiter): Es geht mir jetzt darum, Sie zu fragen, wie Sie darauf kommen können, daß das eine Aufforderung zur Brandstiftung sein könne, das ist doch blödsinnig.

SCHWERDTNER: Was soll das heißen?

LANGHANS: Das heißt, daß wir Leute, die sich zur Brandstiftung aufgefordert fühlen, nur für blöd halten können -- und da hat sich, das Gericht ja sehr hervorgetan.

TANKE (Staatsanwalt): Auch in dieser Formulierung ist ein ungebührliches Verhalten -- ich stelle Antrag auf eine Ordnungsstrafe von einem Tag Haft ... Was war denn Ihre Absicht mit den Flugblättern? Sie sind dem ausgewichen!

LANGHANS: Schreien Sie nicht so!

TANKE: Ich dachte, Sie hören unter Ihren Haaren schlecht.

LANGHANS: Jetzt verstehe ich Sie nicht.

TANKE: Dann gehe ich etwas näher heran.

LANGHANS: Ja, ja, kommen Sie nur!

SCHWERDTNER: Lieber nicht!

LANGHANS: Wohl, weil ich stinke?

SCHWERDTNER: Ja, ja!

*

TEUFEL (im Zusammenhang mit Zeugenaussagen über Rauchpulver-Bestellungen der Kommunarden): Können Sie nicht klären, was die Versendung von Rauchpulver mit diesem Verfahren zu tun hat?

SCHWERDTNER (unterbricht ihn): Das machen wir doch nur, weil es uns Spaß macht.

TEUFEL: Bitte das zu protokollieren.

SCHWERDTNER: Das war doch Satire, Sie sind doch Spezialist dafür.

TEUFEL: Das ist mir neu, daß Sie davon was verstehen. Das wäre ja das erste Mal, daß Sie was von uns gelernt haben.

SCHWERDTNER: Ins Protokoll. Der Angeklagte sagt, der Vorsitzende habe das erste Mal was gelernt.

TEUFEL: Nehmen Sie bitte gleich dazu, daß der Vorsitzende auf die Frage, ob er einen x-beliebigen Zeugen zu einem x-beliebigen Gegenstand hören wolle, um dieses Verfahren zu verlängern, mit der Bemerkung antwortete: »Ja, natürlich!«

*

SCHWERDTNER: Herr Langhans, ich wollte das Thema eigentlich nicht behandeln. Aber weil Sie heute vormittag selbst von sexuellen Schwierigkeiten gesprochen haben, was meinen Sie damit, und auf was bezieht es sich?

LANGHANS: Ja, dabei handelt es sich nicht nur um Kommune-Mitglieder, sondern auch um Sie, das ist nicht eingeschränkt. Das betrifft jeden bei uns, das kommt aus der Erziehung: Wie man mit Mädchen umgeht, Orgasmusschwierigkeiten, Konzentrationsstörungen und Neurosen, die Schwierigkeit ist, mit sich und anderen richtig umzugehen

SCHWERDTNER: Wie äußert sich das denn so? Wenn man solche Schwierigkeiten hat, von denen Sie sprechen?

LANGHANS: Können Sie sich das denn gar nicht vorstellen? Oder haben Sie denn keine? Das wäre erstaunlich! (Vorsitzender wird bleich und schluckt. Gelächter)

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