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URTEILE Bekannt hintersinnig

Ein Münchner Richter hat das Skifahren zur »Massenpsychose« erklärt. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Das Pärchen freute sich auf einen kurzen Ski-Urlaub in den Dolomiten. Doch schon am Brenner, nach einem Autounfall, war die Reise zu Ende. Das Fahrzeug mußte in Bozen repariert, der Sechs-Tage-Urlaub in der Nähe der Werkstatt verbracht werden.

Nach der Heimkehr verlangten die schuldlosen Skifahrer von der gegnerischen Haftpflichtversicherung nicht nur die Reparaturkosten, sondern zusätzlich 1500 Mark Schmerzensgeld für »entgangene Urlaubsfreude«. Begründung: Durch den Unfall seien sie in Bozen festgehalten worden und hätten so »den Urlaub nicht entsprechend ihrem Vorhaben genießen« können.

Mit seiner Klage geriet das Paar an einen Amtsrichter, der als Lieblingssport »Spazierensitzen« nennt und zu den Bewunderern Winston Churchills gehört, weil er dessen Lebensprinzip »no sports« besonders schätzt.

Selbst die sonst unpoetische Justizpressestelle beim Oberlandesgericht München bemerkte am Faschingsdienstag, »daß der Zufall in dieser Sache sich einen Scherz erlaubte, indem er just den einzigen geborenen Bozener unter den vielen Münchner Richtern zuständig werden ließ und noch dazu einen bekannten hintersinnigen Literaten«.

Es war der Amtsrichter Herbert Rosendorfer, 50, nebenberuflich Schriftsteller, der in diesem Fall Recht sprach. Und ihn haben bislang mehr seine Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten und Tatort-Krimis bekannt gemacht, weniger seine Urteile in Verkehrssachen. Doch das könnte sich jetzt ändern.

Denn entgegen landläufiger Meinung, die sich an Winterwochenenden in überfüllten Alpentälern manifestiert, bezweifelte Rosendorfer in dem Urteil, »daß es eine Einbuße von Urlaubsfreuden gewesen sei, wenn den Klägern verwehrt gewesen sei, Ski zu fahren«.

Ganz im Gegenteil: Skifahren bringe »größte Risiken und Gesundheitsgefährdungen mit sich«. Es müsse sogar bedacht werden, »daß die Kläger durch die Verhinderung am Skifahren großen und sogar höchst wahrscheinlichen Gefahren (Knochenbrüche, Lawinenverschüttungen usw.) entgangen seien«. Kurzum, Skifahren sei »eher eine Massenpsychose« als ein Vergnügen.

Mit ihrem Zwangsaufenthalt in Bozen, belehrte Rosendorfer die Kläger, hätten sie geradezu Glück gehabt, denn Bozen verfüge über eine »weit ausgreifende touristische Infrastruktur« und sei »weit schöner als das durch den Skitourismus bereits hoffnungslos zugrunde gerichtete Tal«, das die beiden ansteuerten. Südtirol-Kenner

Rosendorfer stutzte die Schmerzensgeldforderung von 1500 auf 350 Mark - eine Berufung gegen das Urteil ließ der geringe Streitwert nicht zu.

Wenn die Lebensauffassungen des Richters und Dichters auch künftig in seine Urteile einfließen, kann es am Münchner Amtsgericht noch heiter werden. Denn wie viele Bajuwaren hegt Rosendorfer innere Vorbehalte gegen alle Preußen, die glaubten und glauben, München überrollen zu können. Und zuwider sind ihm auch die Autofahrer, zumindest jene mit einer nagenden Sehnsucht nach der »autogerechten Stadt«.

Dem früheren Münchner Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel, der dieses Ziel mal anstrebte, trägt Rosendorfer noch heute nach, »daß ein auch nur leise vernunftbegabtes Wesen Derartiges ernsthaft zu äußern gewagt hat«. In Rosendorfers Roman »Deutsche Suite« wird Vogel denn auch als Hermanfried Schneemoser karikiert, der wegen seines Musterschüler-Gebarens ("Er hätte auf allen Gebieten Außergewöhnliches geleistet: vom Maschinenbau bis zur Ägyptologie") mit seiner Basis über Kreuz gerät: »Schneemoser mochte die sozialistischen Bierabende nicht. Die Genossen mochten Schneemoser nicht.«

Noch härter geht der Dichter mit einem CSU-Führer namens Dr. h. c. Anton Joseph Kofler ins Gericht, der am »Tag X« zum Ministerpräsidenten berufen wird und eine Woche lang Freibier stiftet sowie »eine Amnestie für jeden, der einen volljährigen protestantischen Preußen oder ein SPD-Mitglied erschlägt«. Nach dem Scheitern der Revolution beteuert Kofler vor dem Parlament, er habe »mit der ganzen Sache nichts, im Wortsinne: nichts zu tun«.

In Rosendorfers neuestem Roman »Briefe in die chinesische Vergangenheit« spürt ein fiktiver Mandarin Kao-tai einen hohen CSU-Funktionär in einem Münchner Striptease-Lokal »Paradies« auf: Ch'i-Man-man, ein »dämonischer Südbarbar«, der »als meineidig gilt« und als Minister »für den Ruß in der Luft zuständig« ist.

Bei allzu großer Ähnlichkeit seiner Titelhelden mit lebenden Zeitgenossen wird der schreibende Richter seine Werke schwer los. Ein Theaterstück über einen »Vorsitzenden oder so etwas«, der mit einer Chinesin namens »Stopsi« hinter einer Bordelltür verschwindet und sich dort in eine nicht näher erläuterte »bengalische Rolle« verwickelt, wurde von den Münchner Kammerspielen abgewiesen. Der Intendant hielt die Hauptfigur für »eindeutig identifizierbar: FJS«, der Autor nicht: »Man könnte auch an Willy Brandt denken.«

Zwischen Dichten und Richten besteht bei Rosendorfer offenbar ein dialektisches Spannungsverhältnis. Er gerät geradezu ins Schwärmen, wenn er mit grüner Tinte am Mahagoni-Schreibtisch über seine Heimatstadt schreibt ("Trotz allem kann man nur in München leben") - und doch hat er längst seine Altbauwohnung in München-Nymphenburg gegen ein Reihenhaus im ländlichen Taufkirchen eingetauscht.

Auch hat ihn sein Spruch über die »Massenpsychose« des Skifahrens nicht davon abgehalten, über Fasching zum Wintersport in die Schweiz zu reisen.

Das ist dichterische Freiheit - und richterliche Unabhängigkeit.

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