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PERSER Bekannte Gesichter

Militante Iraner machen in der Bundesrepublik gegen das Regime des Ajatollah Chomeini mobil. Sie besetzen Botschaft und Konsulate - wie zu Zeiten des Schah.
aus DER SPIEGEL 33/1981

In Bonn kamen die Demonstranten mit der U-Bahn. Rund 150 iranische Studenten stürmten, am Montag vergangener Woche, aus dem Untergrund der Bundeshauptstadt in die Botschaft ihres Landes.

Sie sprühten »Faschist Chomeini« und »Schluß mit der politischen Ermordung« an die Wände, verprügelten Botschaftsangehörige und Polizisten. Zurück blieben 17 zum Teil Schwerverletzte, 100 Besetzer wurden vorübergehend festgenommen.

In Berlin rammte einen Tag später ein Pritschenwagen voller Chomeini-Gegner den Polizeiwagen vor dem iranischen Generalkonsulat. 30 Iraner besetzten das Gebäude, zerrissen Ajatollah-Plakate, demolierten die Konsulatsräume und riefen: »Nieder mit den reaktionären Kräften in Iran.«

In Frankfurt drängten am 27. Juli, am ersten Jahrestag des Todes von Schah Resa Pahlewi, zehn vermummte Gestalten in das Büro der Fluggesellschaft »Iran Air«. In München drangen 30 Perser in das iranische Generalkonsulat ein und forderten, daß ein Fernschreiben in die Heimat abgesetzt wird -- Protest gegen die Regierenden, gegen »Massenmord, Folterung, Einkerkerung und Unterdrückung«.

Zweieinhalb Jahre nach dem Machtwechsel in Teheran werden in der Bundesrepublik wieder Perser von Landsleuten heimgesucht, werden Pässe einbehalten, wird geprügelt und erpreßt, verlaufen die Auseinandersetzungen so militant, als herrsche iranischer Bürgerkrieg auf deutschem Boden.

Damals, kurz nach der Vertreibung des Schah, waren es Chomeini-Anhänger, die auf führende Agenten des kaiserlichen Geheimdienstes Savak Jagd machten. Heute sind es Chomeini-Gegner, vorwiegend linksgerichtete Studenten und Intellektuelle, die sich gegen Schikanen der Ajatollah-Regierung zur Wehr setzen.

Die Formen des Protests und die Parolen haben sich nicht verändert, alles vollzieht sich nach gewohntem Ritual: Es geht gegen »Terror und Folter« in Iran, gegen »Bedrohung demokratischer Kräfte« in der Bundesrepublik. Unter den Demonstranten in Berlin entdeckten Polizeibeamte »bekannte Gesichter«; einzelne zumindest, so ein Verfassungsschützer, »waren auch damals dabei, als es gegen den Schah ging«.

Und wie einst die kaiserlichen Gehilfen halten es nun auch Chomeinis Machthaber. Gleich nach den Besetzungen von Bonn und Berlin bestellte in Teheran der iranische Außenminister Hussein Musawi Chamenei den westdeutschen Botschafter zu sich. Die Bundesregierung, drohte der Revolutionspolitiker, müsse die Namen sämtlicher Demonstranten nennen oder aber mit »unausweichlichen Konsequenzen« rechnen.

Unterdessen verzeichnen iranische Organisationen in der Bundesrepublik starken Zulauf. Nach Beobachtungen des Bundesamts für Verfassungsschutz stieg die Zahl der Extremisten unter den 28 300 in der Bundesrepublik lebenden Iranern vergangenes Jahr auf 1960 (1979: 1100).

Die Aktivisten, die bei den jüngsten Besetzungen dabei waren, gehören vornehmlich zwei Gruppen an:

* den marxistisch orientierten »Mudschahidin-i Chalk«, einer moslemischen Organisation mit hierzulande knapp 300 Mitgliedern, die im Iran zum Kampf gegen Chomeini aufruft;

* der »Conföderation Iranischer Studenten / National Union« (Cisnu), deren rund 500 Mitglieder schon seit 1961 in knapp 30 undogmatisch-linken Hochschulgruppen gegen »Tod und Folter« in Iran und »Internationalen Imperialismus« kämpfen.

Dazu gesellen sich, in unterschiedlichen Kombinationen, kleinere Gruppen: eine linke Absplitterung der »Mudschahidin-i Chalk«, die sich »Peikar« (Kampf) nennt, oder die »Fortschrittlichen antiimperialistischen iranischen Studenten«.

Welche politischen Ziele die Minigruppen genau verfolgen, ist selbst professionellen Beobachtern der politischen Gewaltszene noch unklar. Gewiß ist nur, daß sie alle der Widerstand gegen Chomeini und die Furcht vor seinem Geheimdienst »Savama« eint.

Denn oppositionelle Perser, die im Ausland leben, werden vom neuen Herrscher geradeso bekämpft wie vom kaiserlichen Vorgänger. Die Polizei registriert »wachsenden Druck auf Exil-Perser«, die Cisnu berichtet von »Bespitzelungen« und »Repressalien« gegen ihre Mitglieder.

Westdeutsche Staatsschützer gehen davon aus, daß der Widerstand der Iraner gegen Chomeini noch zunehmen wird. Wenn der Terror der Mullahs in Iran weitergehe, so prophezeien sie, werden sich auch hierzulande die Auseinandersetzungen um den persischen Diktator verschärfen. Schon gab es in München, Kiel, Mannheim und Heidelberg erste Schlägereien zwischen Regimegegnern und Ayatollah-Anhängern.

Der Besetzung des West-Berliner Generalkonsulats beispielsweise war nach Darstellung der Cisnu der Versuch des Persers Perviz Dastmalchi vorausgegangen, seinen abgelaufenen Paß erneuern zu lassen. Der zuständige Konsul aber habe den Paß eingezogen und erklärt, er wolle ihn erst dann wieder herausgeben, wenn sich Dastmalchi für kritische Äußerungen über Chomeini »schriftlich entschuldigt« habe.

Mit einer Eskalation der Auseinandersetzung rechnen deutsche Sicherheitsexperten erst dann, wenn sich Chomeinis Gefolgsleute gegen die Gegner des Ayatollah brutaler zur Wehr setzen. »Wenn die sich nicht mehr ducken und die Dresche einstecken«, fürchtet ein Verfassungsschutz-Beamter, »wird die Gewalt zunehmen.«

S.79Am 24. Juli 1981 im iranischen Generalkonsulat in München.*

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