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PANAMA / MÜLLER Bekir Nakoschiri

aus DER SPIEGEL 48/1967

Dieser Müller stahl sich aus Deutschlands Geschichte, in der er tiefere Spuren hinterlassen hat als alle Müllens miteinander. Denn dieser war Gestapo-Chef.

Wie Martin Bormann und das Ungeheuer von Loch Ness flatterte sein Schatten saisonbedingt und ruhelos durch die Phantasie seiner Opfer wie seiner Jäger. Letzten Mittwoch gab er Laut aus Panama.

Auf Ersuchen der Bonner Regierung nahm Oberstleutnant Héctor Valdez, Chef der panamaischen Geheimpolizei, im Restaurant »Squiert« in Panama-City den Francis-Willard Keith beim Frühstück fest. Keith handelte ambulant mit Krawatten, Honig, Drinks und schien auch etwas von früher im Sortiment zu haben: Insektenvertilgungsmittel.

Der Verhaftete in schäbigem Jackett und fleckiger Hose weckte das deutsche Trauma vom Eichmann-Tribunal mit Glaskäfig und Weltpresse. Denn Heinrich Müller war Adolf Eichmanns Boß. Eichmann tötete vom Schreibtisch aus Juden, Müller Juden und Kommunisten und Staatsfeinde jeder Art -- beinahe alle. Eichmann sagte: »Müller lebt.«

Als Ex-Chef des Amtes TV ("Gestapo") im Reichssicherheitshauptamt (RSHA) hätte Müller-Panama Seltenheitswert besessen, Sein erster Vorgesetzter, RSHA-Leiter Heydrich, fiel 1942 als Vizeprotektor von Böhmen und Mähren einem Attentat tschechischer Widerständler zum Opfer. Heydrich-Nachfolger Kaltenbrunner wurde 1946 in Nürnberg gehenkt.

Von Müllers Kollegen, den Amtschefs des RSHA, endete einer -- Abwehrinlandschef Ohlendorf -- gleichfalls am Nürnberger Galgen, ein anderer -- Abwehrauslandschef Schellenberg -- starb 1952 im Zuchthaus. Einen dritten liquidierten die Nazis noch 1945: Kripochef Nebe. Der Gestapo-Chef selbst hatte ihn nach dem 20. Juli 1944 verhaftet.

Der Bayer Müller war neben Nebe der einzige gelernte Polizeimensch in der Führungskaste der SS, ein weltanschaulich gänzlich unbedarfter Nur-Polizist. »Nationalsozialist war er bestimmt nicht«, schrieb ihm die NSDAP-Gauleitung 1936 ins Zeugnis, und die Ortsgruppe Pasing vermerkte noch mißbilligend: »Eintopfspende 40 Pfennig.«

Müllers Traum: von jedem Deutschen ein Karteiblatt. Seine Referatsgruppe C ("Personalkartei, Schutzhaft, Presse") bearbeitete alle Einweisungen in die Konzentrationslager.

Müllers Taktik war Unauffälligkeit. Der Name des Gestapochefs blieb den Deutschen der Gestapo-Zeit so unbekannt, wie sein kantiger Bauernschädel -- Kopf weite 58 -- mit der kahlgeschorenen Hinterhälfte.

Er wurde mit Sicherheit zum letzten Mal am 29. April 1945 im Führerbunker der Reichskanzlei gesehen. Wenig später fand ein Berliner beim Bestatten von Leichen einen Körper mit Müllers Uniform, Orden und Ausweis -- doch der Ausweis war ohne Lichtbild, als ob ein Vergleich zwischen dem Kopf des Toten und dem Kopf auf dem Ausweis verhindert werden sollte. Am 15. Dezember 1945 wurde Gestapo-Müller unter dem Aktenzeichen 11706/45 in das Totenregister des Standesamtes Berlin-Mitte eingetragen. Der Grabstein des Grabes 1, Reihe 1, Abteilung 6 auf dem ehemaligen Garnisonsfriedhof in Berlin-Neukölln zeigt an, der »liebe Vati« -- Heinrich Müller sei im Mai 1945 gefallen.

Doch der Hügel deckte Reste dreier Körper, von denen keiner mit Sicherheit als Müllers Hülle zu identifizieren war, als die Berliner Staatsanwaltschaft 1963 nachgrub.

RSHA-Kollege Schellenberg vermutete als erster eine phantastische Flucht: Der Gestapochef hatte den sowjetischen Spionagering »Rote Kapelle« liquidiert. Seine Beamten bedienten die Funkgeräte verhafteter Sowjet-Agenten weiter, um den Moskauer Geheimdienst zu täuschen. Diese Funkverbindung, mutmaßte Schellenberg, könnte Müller zur Flucht genutzt haben. Denn schon 1944 fand Großdeutschlands Gestapochef, daß »Stalin auf dem richtigen Wege« sei.

Und tatsächlich will der frühere Gestapo-Agent Harz seinen Müller 1952 in Moskau als Vernehmer in Sowjetdiensten wiedergetroffen haben. Immer wieder sandte Heinrich Müller scheinbar Signale aus dem Machtbereich der Kommunisten.

Der Düsseldorfer Kripochef Wehner berichtete über das Gerücht, Müller habe an einer Geheimdienstschule In der Nähe von Prag doziert. Nach Ermittlungen des »Stern« amtierte er in Budapest, dann im letzten Stalin-Staat Europas, in Albanien. Als Sicherheits-Hauptmann Abedin Bekir Nakoschiri wurde er 1963 angeblich in der albanischen Hafenstadt Durazzo lokalisiert.

Der ehemalige Geheimdienstmann Lili behauptet, Müller habe in Albanien den Namen Jergi Kovoc geführt und wohne in Tirana -- in der Villa des Direktors der Universitätsbibliothek, Professor Hanxhari.

Doch der Londoner »Daily Express« tat einen anderen Müller schon 1963 in Ägypten auf. Unter den Namen Amin Abd el-Megid zählte »Express"Müller zu den Stammgästen des »Münchner Löwenbräu«-Restaurants in Kairo -- blieb aber ebenso imaginär wie alle seine Vorgänger.

Schließlich geisterte der Ruhelose via Bukarest, Istanbul und Südafrika nach Südamerika. Der transatlantische Müller huldigte auch fern der Heimat seiner Schwäche für korrekte Register: Nach der brasilianischen Zeitung »O Globo« meldete er 1965 im Staat Rio de Janeiro einen Kraftwagen an unter seinem guten Namen Müller.

Müller-Panama wurde seit Monaten von geheimnisvollen Beobachtern -- offenbar Mitgliedern eines privaten Jagd-Kommandos -- in den Straßen von Panama City beobachtet. Er schien Angst zu haben, wechselte stets von einer Straßenseite auf die andere, löschte abends schnell das Licht.

Am 8. November übergab der belgische Résistance-Funktionär Hubert Hahn der Berliner Staatsanwaltschaft acht Photos des Francis-Willard Keith. Die augenfällige Ähnlichkeit mit Müllers Konterfei veranlaßte den Ersten Staatsanwalt Spietzer, die Photos der geschiedenen Frau Sophie Müller in München vorzulegen. Im elterlichen Schreibwarengeschäft befiel Frau Sophie das Zittern: »Ja, das ist er, ein Irrtum ist einfach ausgeschlossen.«

Am 13. November stellte die Bundesregierung ein Auslieferungsbegehren an Panama. Oberstleutnant Valdez, der den Straßenhändler sistierte, machte Rächern und Richtern Hoffnung: Keith wollte in Webb City (US-Staat Missouri) geboren sein, doch: »Er spricht nur wenig Spanisch und Englisch. Dafür aber Deutsch«, sagte Valdez.

Keith aber behauptete, er sei Keith. Zwei Tage später sprach er vor Journalisten fließend Englisch, nicht mit deutschem, sondern nordamerikanischem Akzent. Unser Mann in Panama begann, sich von Gestapo-Müller wegzustehlen. Bonn sollte ihn, verlangten die Panamaer, eindeutig identifizieren.

Heinrich Müller jedoch, der für jeden Deutschen ein Karteiblatt anlegen wollte, hatte sein eigenes unkomplett gehalten. Es gibt keine Fingerabdrücke von ihm, wohl aber solche des Angestellten der Panama-Kanalgesellschaft Keith, abgenommen 1942, identisch mit denen des Keith von 1967.

Für andere erkennungsdienstliche Merkmale -- Gebiß, Narben, Knochenbrüche, Tätowierungen -- fehlen gleichfalls Unterlagen. Die modernste Methode -- Stimmdiagnostik -- fällt erst recht aus, da es aus der Kriegszeit kaum brauchbare Stimmabdrücke gibt.

So blieben den Berliner Staatsanwälten nur das Photo und Sophie. Sie beantragten via Bonn, Panama möge drei Deutschen die Einreise gewähren: einem Staatsanwalt, einem Gutachter und einem Zeugen. Zwei andere Ausländer kamen schon nach Panama: Inspektoren aus Israel. Doch am Freitagabend wurde Müller-Panama wieder freigelassen.

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