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NORDIRLAND Bereit zu sterben

Ein Hungerstreik im Maze-Gefängnis bei Belfast entscheidet, ob Nordirland wieder in Gewalt versinkt.
aus DER SPIEGEL 18/1981

Zunächst schien es, als ob der Ostersonntag in Nordirland unblutig verlaufen würde.

Am Morgen, auf dem Milltown-Friedhof im katholischen Westviertel von Belfast, waren zwar vermummte Gewehrträger erschienen -- Untergrundkämpfer der paramilitärischen Irisch-Republikanischen Armee (IRA), die über den Gräbern toter Kampfgenossen eine Ehrensalve in die Luft schossen.

Auf den Straßen aber, wo traditionsbewußte Bürger paradierten, um die Erinnerung an den Osteraufstand von 1916 wachzuhalten -- freiheitliche Iren erhoben sich damals gegen die britische Herrschaft --, blieb es bis zum Abend fast beklemmend ruhig.

Da geschah, was das Armee-Hauptquartier in Belfast später wortkarg einen »Unfall« nannte: In Londonderry fuhr ein Landrover, besetzt mit britischen Soldaten, in eine Reihe jugendlicher Demonstranten und tötete zwei 18jährige.

Prompt brachen in den beiden größten Städten Ulsters doch noch die befürchteten Gewalt-Tumulte aus. Hunderte von jungen Leuten deckten in Belfast Polizisten und Soldaten mit einem Stein- und Flaschenhagel ein. Londonderrys ganz besonders militante Jugendliche, von denen ein Teil schon seit Gründonnerstag in Aufruhr war, schleuderten Brand-Cocktails und S.137 Milchflaschen mit Säurefüllung auf Streifenwagen und Gebäude.

Am Dienstag, nachdem die schlimmsten Unruhen wieder verebbt waren, schoben Bulldozer die Trümmer weg. Gewahrt schien aber auch der jüngste Scheinfriede in Ulster nur auf Zeit: Wie lange er bestehen würde, hing an der erstaunlichen Lebenskraft eines zum Skelett abgemagerten Häftlings, der im Gefängnis Maze bei Belfast fast täglich immer mehr in tödliche Gefahr geriet.

In einem H-förmigen Zellentrakt von Maze verweigerte der 27 Jahre alte Robert ("Bobby") Sands, Nordirlands berühmtester Gefangener, seit dem 1. März jede Form von Nahrungsaufnahme. Sands, der 1976 wegen Waffenbesitzes zu 14 Jahren Haft verurteilt wurde, wollte mit dem Hungerstreik erreichen, daß er und knapp 1800 andere IRA-Inhaftierte von der britischen Regierung den Status von politischen Gefangenen erhalten.

Zwar wird diese Sonderstellung nirgendwo beschrieben. Sands indessen erklärte sich schon zufrieden, wenn ihm und seinen Streikgefährten -- drei weitere Maze-Insassen essen ebenfalls nicht mehr -- zwei Hauptforderungen zugestanden würden.

Um sich von gewöhnlichen Straffälligen schon auf den ersten Blick zu unterscheiden, verlangten die IRA-Kämpfer Zivilkleider zu tragen. Als weiteres äußerliches Merkmal forderten sie, nicht mehr an der sonst obligatorischen Arbeit im Gefängnis teilnehmen zu müssen.

»Ich bin ein irischer politischer Gefangener, ein Wolldecken-Mann und Republikaner.« Mit diesem absonderlich klingenden Programm war Sands ein erster Überraschungssieg geglückt, als er am 9. April auch noch zur Nachwahl um einen Sitz im Unterhaus antrat.

Das überraschende Ergebnis: Mehr als die Hälfte aller gültigen Stimmen in dem Wahlkreis Fermanagh-South Tyrone ging an den Kandidaten in der Zelle, der sich in der sechsten Woche seines Hungerstreiks befand und aus Protest gegen die Gefängnis-Kleiderordnung nur in rauhe Wolldecken gehüllt auf seiner Pritsche lag.

Die Sympathiewahl in dem hügeligen Grenzgebiet zur Republik Irland änderte zwar am Gefangenendasein des neuen Parlamentsmitgliedes nichts: Häftlinge, auch wenn sie gewählt wurden, müssen vor dem Einzug nach Westminster in jedem Fall zunächst die Strafe absitzen. Bei Bobby Sands jedoch war fraglich, ob er die Strapazen seines Hungerstreiks noch eine weitere Woche überstehen würde. Bewegungsunfähig, nur noch wenig mehr als 40 Kilo schwer, lag er im Gefängniskrankenhaus von Maze.

Am Ostersamstag schon erhielt der Katholik die Sterbesakramente, und auch die medizinische Prognose war entsprechend düster ausgefallen. Sands, so letzte Woche ein Gefängnisarzt, drohe in fünf bis sechs Tagen die Gefahr von Herzstillstand.

Immerhin war Sands noch ansprechbar, als ihn Ostermontag drei katholische Parlamentarier aus der Republik Irland in Maze aufsuchten. Aber nur einer machte den -- vergeblichen --Versuch, Sands am 51. Hungertag von einer Fortsetzung des Streikes abzubringen.

»Ich konnte ihn nicht überzeugen«, berichtete hernach John O''Connell, der auch Mitglied des Europaparlaments in Straßburg ist. »Er sagte, daß er bereit sei zu sterben und daß andere folgen würden.«

Doch der Besuch aus Dublin, den etwa die »Times« als »groben Schnitzer« kritisierte, verhärtete die Front auf der einen Seite nur noch mehr.

Brüsk verwarf Regierungschefin Margaret Thatcher einen Vorschlag der drei irischen Politiker, mit ihr gemeinsam eine Lösung im Fall Sands zu suchen.

Es sei nicht ihr Brauch, »ausländische Abgeordnete zu einem Gespräch über einen Bürger zu empfangen, der im Vereinigten Königreich lebt«, sagte Margaret Thatcher, die im saudiarabischen Riad eine Pressekonferenz abhielt. »Verbrechen ist Verbrechen, das ist nicht politisch.«

Tatsächlich fürchtet die Premierministerin, daß eine Legitimierung Sands als Gefangener mit Sonderstatus politisch zugleich auch die IRA stärken würde. Ihrem Fernziel, Ulster mit dem benachbarten Irland zu vereinen, so die Thatcher-Vorstellung, sähe sich die Organisation auf diese Weise wieder ein Stück näher.

Doch wie auch immer die Regierung handeln würde: Eine Art Rundum-Krieg in Nordirland ist aufgrund des Maze-Dramas wahrscheinlicher denn je.

IRA-Sprecher drohten, daß der Hungertod von Bobby Sands eine »beispiellose Welle von Gewalt« zur Folge haben werde -- bisherige Aktionen, etwa gegen britische Soldaten, verhielten sich dazu »wie Tee-Partys im Buckingham-Palast«.

Und für den Fall, daß sich die Regierungschefin doch noch konzilianter zeigen sollte, will ein ganz besonderer Scharfmacher zum Widerstand aufrufen. Schon warnte der protestantische Parteiführer und Pfarrer Ian Paisley »vor jeder Form von Kompromiß«. Seine Widersacher von der IRA suchte Paisley mit der Drohung einzuschüchtern, »daß die nordirischen Protestanten nicht die britische Armee brauchten, um sich zu verteidigen«.

Gütliche Einigung strebten dagegen zwei geistliche Würdenträger in Dublin an. Kardinal Tomas O''Fiaich schlug vor, nicht nur Bobby Sands, sondern alle Insassen nordirischer Gefängnisse frei wählen zu lassen, welche Kleidung sie in Zukunft tragen wollen.

Und Gaetano Alibrandi, Apostolischer Nuntius in Dublin, schickte am Mittwochabend gar ein Telegramm an Papst Johannes Paul II., um dessen Vermittlung zu erbitten. Alibrandi: »Der Papst weiß genau, wie es um Sands steht.«

S.137Nach der Beisetzung junger Iren, die von einem britischen Armee-Autogetötet wurden.*

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