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»Bereits als Kind recht unruhig«

CDU-Generalsekretär Heiner Geißler über die Lothar-Späth-Biographie von Filmer/Schwan *
aus DER SPIEGEL 33/1987

Georg Lukacs schreibt in seiner 1920 bei Paul Cassirer erschienenen »Theorie des Romans« über die »biographische Form«, daß »der Umfang der Welt durch den Umfang der möglichen Erlebnisse des Helden begrenzt und ihre Masse durch die Richtung, die sein Werdegang auf das Finden des Lebenssinnes in der Selbsterkenntnis nimmt, organisiert« wird.

In unserem Fall ist Baden-Württembergs Ministerpräsident Lothar Späth der biographische Held im Sinne der Lukacs-Definition. Wer aber ist Lothar Späth? Die Antwort umfaßt sicher mehr als die tabellarische Vita auf den Seiten 359 bis 361 des neuesten Buches von Werner Filmer und Heribert Schwan. Ist er es, oder ist er es nicht? Ist es den beiden Hauptautoren und ihren Zeitzeugen - Filmer und Schwan ließen schon in ihren Büchern über Richard von Weizsäcker, Helmut Kohl und Johannes Rau reihenweise Wegbegleiter der betroffenen Beschriebenen zu Wort kommen - gelungen, die im Vorwort gehegte Hoffnung zu erfüllen und »der Wahrheit näher zu kommen«?

Es geht um einen Politiker, der sich gängigen Klischees entzieht und stets für eine Überraschung gut ist. Ich erlebe dies seit fast zehn Jahren wöchentlich in Präsidium und Vorstand der CDU; ich muß zugeben: meist mit Vergnügen. Ich war neugierig auf dieses Buch über einen Kollegen, der ein »spätberufenes CDU-Mitglied« (Jörg Bischoff) ist, der mir deshalb auf meinem politischen Weg in den 50er und 60er Jahren durch die Junge Union und die CDU Baden-Württembergs nicht begegnete und von dem ich erfahre, daß er sich beim Laienspiel in der Schule mit einer Statistenrolle begnügen mußte.

Heute spielt er - Ehrgeiz muß nichts Schlechtes sein und taucht immer wieder als Schlüsselbegriff für die Karriere Lothar Späths auf - unbestritten eine Hauptrolle in Baden-Württemberg, in der Politik der Republik insgesamt und in der Christlich-Demokratischen Union, von seinen globalen Aktivitäten ganz zu schweigen.

Tiefen- und Hobbypsychologen werden vermutlich an Späths Äußerungen ihre helle Freude haben, Prinz Eugen von Savoyen, der bekannte »edle Ritter«, sei dem jungen Späth großes Vorbild gewesen. Klein von körperlicher Gestalt, gewann er später durch entschlossenes Handeln und diplomatisches Geschick eine politisch um so größere Statur.

Selten bin ich in einem Buch mit so vielen Versuchen konfrontiert worden, bisheriges Leben und bisherige Leistung eines Menschen mit einem einzigen Begriff oder einer auf wenige Worte reduzierten Konsens-Formel - Klischees? Stereotypen? Archetypen? - zu umschreiben: »Schwertgosch«, »guter Kerle«, »gewiefter, gewitzter Alleskönner«, »Bescheidenheit und offenes Wesen«, »Talent«, »dominierende Persönlichkeit«, »hemdsärmlig«, »unbürokratisch«, »Technokrat », »Tellerwäscherkarriere«, »Cleverle«, »autosuggestives Selbstwertgefühl«, »feudaler Regierungsstil«, »Mann der Tat«. Und so weiter und so weiter und so weiter. Das Buch hat viele Seiten.

Weiß ich nun, nach der zugegeben spannenden Lektüre, besser, wer Lothar Späth ist und was ihn umtreibt? Man kann ihm näherkommen, vielleicht auch in jener Mischung aus anerkennender Zustimmung und nachfragender Skepsis, einer Mischung, die auch in vielen Beiträgen spürbar ist und die allemal - selbst politischen Gegnern wie den Mit-Beschreibern Rau und Lafontaine - Respekt abnötigt. Besonders informativ (Späth über den kleinen Lothar: »Bereits als Kind soll ich recht unruhig gewesen sein") sind die sorgsam recherchierten Passagen über Kindheit und Jugend des »früh umgetrimmten« Linkshänders, dem »nichts geschenkt, nichts in die Wiege gelegt wurde.«

In den ersten Lebensjahren schon wurden seine Begabungen offenkundig, und daß er seinen lange gehegten Wunschtraum vom Jura-Studium nicht erfüllen konnte, hat ihn nicht resignieren lassen, sondern angespornt. Ein Selfmademan, der von der Pike auf gelernt hat und der sich auf vielen Stationen des Lernens und Gestaltens in der Kommunalpolitik so gut in Verästelungen und Kleinigkeiten eingearbeitet hat, daß er sich nun - an der Spitze eines Landes in der Verantwortung stehend - nicht den Vorwurf gefallen lassen muß, er kümmere sich um Detailfragen weniger.

Ein Politiker in herausgehobener Position tut gut daran, sich nur um sehr wichtige Dinge zu kümmern. Das hat nichts mit dem von Filmer und Schwan ausgemachten »Inspektorenkomplex« und seiner Bewältigung zu tun. Dieses Phänomen können so recht nur Schwaben begreifen. Lothar Späth ist das, was man im Württembergischen ein »Röhrle« nennt - blitzgescheit und fleißig, der normale Schwabe würde sagen: »Der isch hell en dr'' Kapell und schafft wia a Bronneputzer.« Georg Lukacs spricht an einer anderen Stelle seines Buches von einer »einheitlichen Gliederung (der Biographie) durch das Beziehen jedes

einzelnen Elements auf die Zentralgestalt« .

Lothar Späth ist die Zentralgestalt, die das Buch zusammenhält. Aber da viele Autoren unterschiedlicher Position und heterogenen Standpunkts sich Späth zu nähern suchen, bleiben Widersprüche und Fragen nicht aus. Der Leser wird des eigenen Urteils und des Nachdenkens nicht enthoben, zumal sorgfältige Lektüre den Eindruck nahelegt, daß beim Gespann der Hauptautoren Filmer und Schwan mal der eine, mal der andere mit der Feder in der Vorhand war.

Eine abgeschlossene Biographie kann das nicht sein, denn Lothar Späths Lebenswerk ("Die moderne Industriegesellschaft so weiterzuentwickeln, daß die sozialen Errungenschaften erhalten bleiben und gleichzeitig die Probleme der Sicherung unserer Lebensgrundlagen auch für die nächsten Generationen bewältigt werden") ist ja noch keineswegs beendet, und die Christlich-Demokratische Union erwartet noch einiges von ihrem stellvertretenden Bundesvorsitzenden, der Beweis dafür ist, welche Chancen Querdenker tatsächlich in der Union haben, und der - unbeschadet des im Buch auch überschwellig und absichtsvoll dargebotenen Klischees von der Rivalität zum Bundeskanzler und von der Distanz zu Bonn - zu den gestalterischen Kräften der Partei zählt.

Angesichts all dessen bleiben in einer facettenreichen Biographie nach dem offenbar verkaufsträchtigen Muster Filmer/Schwan Widersprüche und Ungerechtigkeiten nicht aus. Wer mit der Behauptung »Er scheint weder Gott noch Kinder zu brauchen, weder Frau noch Familie« das Bild eines selbstbewußten Politikers zu hypertropher Egomanie verzeichnet, versteigt sich ins Absurde in Anbetracht dessen, was wirkliche Freunde (davon hat jeder nur wenige) über Lothar Späth und seine Familie sagen. Und jene, die bei Politikern so gerne kraftvolle Führung und rasche Entscheidungen anmahnen, sollten darauf verzichten, ebensolches Handeln als »feudalen Regierungsstil« und als »absolutistisch« zu brandmarken.

Manch einer, der praxisorientierte Politik und sachgerechte Entscheidungen vorschnell als opportunistischen Pragmatismus brandmarkt und dies im gleichen Atemzug als Mangel an Prinzipien kritisiert, hat natürlich seine Schwierigkeiten mit einem Politiker vom Schlag Lothar Späths, der gewiß kein Dogmatiker ist. Aber: Beispielsweise Späths begründbare Begeisterung für »High-Tech« und seine grenzüberschreitenden Aktivitäten zur Förderung moderner technologischer Entwicklungen (auch zum Nutzen der heimischen Wirtschaft und der dort in großer Zahl tätigen Facharbeiter) als beinahe ausschließlichen Fixpunkt seiner Arbeit darzustellen, verführt nahezu zwangsläufig dazu, die humanen Bezüge eher zu verschweigen, die ethische Begründung etwa bei der Notwendigkeit der Technologiefolgenabschätzung kaum zur Kenntnis zu nehmen.

Wolfgang Gönnenwein, der Generalintendant des Staatstheaters Stuttgart, bescheinigt seinem Nachbarn Späth, Kunst sei für diesen »ein klares Ja zur Zukunft in einer Gesellschaft, die sich im Neinsagen übt«. Solch ansteckender Mut zum Positiven ist natürlich ein glaubwürdiges Kontrastprogramm zu den Unkenrufen rot-grüner Untergangsstrategen vom Schlag Erhard Epplers oder anderer, die mit Späth nicht fertig werden. Ihnen bleibt nur der Versuch, den Kunstliebhaber zu verspotten und den Praktiker zugleich, indem sie ihm nachsagen, bei einer Wagner-Oper auch an den Wasserpfennig zu denken. Fehlt noch die Überschrift: Lothar, Weia Woglinde und der Gewässerschutz.

Lothar Späth steht in der Mitte der Union und fest zu ihren Grundwerten, auch wenn immer wieder kolportiert wird, im frühen Späth habe mancher einen verkappten Sozi vermutet. Wer etwa das auch bei Filmer/Schwan häufiger genannte Späth-Buch »Wende in die Zukunft« liest, kann die Begriffe von der »ganzheitlichen Politik« und der »Versöhnungsgesellschaft« nicht als Wortgeklingel abtun.

Die Familienpolitik des Landes Baden-Württemberg etwa - als Ergänzung der bundespolitischen Leistungen bewährt - ist vorbildlich. Praktizierte Mitmenschlichkeit, ein zentraler Punkt der »Neuen Sozialen Frage«, ist auch das Thema des Lothar Späth und eine jener verläßlichen Koordinaten und christlichen Wertvorstellungen, denen die Autoren meinten nicht auf die Spur kommen zu können.

In einer Besprechung von Späths »Wende in die Zukunft« schrieb ich vor zwei Jahren: »Es ist das Buch eines typischen Schwaben - Tüftler und Weltreisender, Technologe und Moralist in einem, kurz: ein moderner christlicher Demokrat.«

Bei dieser Beschreibung bleibe ich, auch nach der Lektüre des Filmer/ Schwan-Buchs. Und warum sollte ich es auch nicht? Viele Passagen bestätigen mein Urteil, andere Aussagen, die ihm zu widersprechen scheinen, überzeugen mich nicht.

Es ist ein Buch mit widersprüchlichen Beiträgen; wahrscheinlich hat dies auch etwas mit dem Helden dieser originellen Biographie zu tun. Wie sagt der Schwabe: »En de wüsteste Hecks send oft de schönste Nester.« _(Auf dem kleinen CDU-Parteitag in Bonn im ) _(Dezember 1986. )

Auf dem kleinen CDU-Parteitag in Bonn im Dezember 1986.

Heiner Geißler
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