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INDIEN Berg des Lichts

Die Sikhs suchen nach ihrem alten Kronschatz - und wollen den legendären Kohinoor-Diamanten wiederhaben.
aus DER SPIEGEL 43/1997

In einem kleinen Haus in Amritsar, der Tempelstadt im indischen Bundesstaat Pandschab, sitzt ein kleiner Mann und wedelt mit Papieren. »Hier«, ruft er, »ein Brief an Tony Blair!« Er zeigt ein zerfasertes Schriftstück und kramt noch mehr hervor: »Hier, ein Brief an die Königin von England und einer an den indischen Premierminister!« Keiner hat zurückgeschrieben, leider.

Der aufgeregte Mann ist Bayant Singh Sandhawalia, und er glaubt, bald sehr reich und sehr berühmt werden zu können, wenn ihm nur einer zurückschriebe. Mit zittriger Hand präsentiert er ein Papier mit seinem Stammbaum und sagt: »Haben Sie die Liste gesehen?«

Die Liste ist kürzlich von Schweizer Banken veröffentlicht worden, um verschollene Konteninhaber zu finden. Sie wurde auch in Indien sorgfältig gelesen. Denn darauf findet sich eine Prinzessin Catherine Hilda Duleep Singh, Tochter des Maharadschas Duleep Singh, des letzten Nachfolgers des Sikh-Königs Ranjit Singh.

Der Name der Prinzessin hat in Indien aufgeregte Spekulationen über den Verbleib des bis heute verschwundenen Kronschatzes der Sikhs geweckt. Duleep Singh war 1849, gerade acht Jahre alt, als Faustpfand nach England verschleppt worden, wo er Christ werden und auf seinen Thron verzichten mußte. Alle späteren Pläne, den Besatzern seinen Pandschab wieder zu entreißen, schlugen fehl. Singh starb 1893 verarmt in Paris.

Den Kronschatz der Sikhs hatten die Engländer damals nicht erbeutet, wohl aber einen der größten Diamanten der Welt, den berühmten Kohinoor. Jetzt sprießen plötzlich wilde Hoffnungen: Könnte es außer dem Konto noch ein Schließfach geben, in dem die Kronjuwelen liegen? Und vielleicht auch noch Dokumente, die beweisen, daß der Kohinoor immer noch den Nachfahren von Duleep Singh gehört?

Der lupenreine Diamant, dessen Name soviel bedeutet wie »Berg des Lichts«, ist bis heute das eindrucksvollste Symbol des Britischen Empire. Er prangt mitten auf der Krone, die Elizabeth, die Mutter der jetzigen Königin, bei ihrer Krönung 1937 trug. Seitdem wird er einbruchsicher im Londoner Tower verwahrt.

Der Raub dieses hühnereigroßen Diamanten ließ in Indien immer wieder heftige nationalistische Gefühle aufkommen, doch nie war die Erregung so groß wie in diesem Jahr, da Indien seine 50jährige Unabhängigkeit feiert und Königin Elizabeth II. zum Staatsbesuch kam.

Schon oft wurde der Stein zurückgefordert. Doch wußte man nie genau, wo sich das Schriftstück befinden könnte, mit dem sich hätte nachweisen lassen, daß die Briten ihn schlicht gestohlen hatten - bis die Schweizer ihre Liste publizierten.

Das britische Königshaus hat sich stets ausgeschwiegen, wenn nach dem rechtmäßigen Besitzer der Diamanten gefragt wurde. Wenige Jahre nach Empfang des »Geschenks« ließ die damalige Königin Victoria die besten Diamantschleifer Amsterdams nach England kommen und den halbkugelförmigen Stein, der ein geradezu unglaubliches Gewicht von 186 Karat hatte, auf immer noch beachtliche 108,93 Karat abfeilen. So bekam der Kohinoor seine heutige ovale Form.

Viele Inder sehen darin eine Verunstaltung. Simranjit Singh Mann, einer der radikaleren Sikh-Führer, meint dazu: »Wir Sikhs sind äußerst entrüstet darüber, daß die Briten unseren Diamanten zerschnitten haben. Er hätte seine Form behalten müssen.«

In die Kontroverse um den Kohinoor haben sich auch Pakistan und Iran eingeschaltet. Pakistan begründet seinen Anspruch darauf, daß Lahore, die Residenzstadt des Sikh-Königs, im heutigen Pakistan liegt. Die Regierung Irans holt noch etwas weiter aus: Im Jahre 1739 nahm der persische Herrscher Nadir Schah nach einer Plünderung Delhis den Stein mit.

Bei wem die Erbrechte gegebenenfalls liegen, läßt sich nur schwer ermitteln. Die sechs Kinder Duleep Singhs hinterließen keine Nachkommen. Deshalb haben sich vorsorglich mehrere moralische Erben des Maharadschas gemeldet.

Der Chefminister des Pandschab, Prakash Singh Badal, hat den indischen Premier aufgefordert, London um Rückgabe des Schatzes und aller Dokumente zu bitten. Der wertvolle Stein, so Badal, solle in einem Museum ausgestellt werden - am besten im Goldenen Tempel der Sikhs in Amritsar.

Der radikale Sikh-Führer Simranjit Singh Mann ist dagegen der Ansicht, der Edelstein sollte an das religiöse Verwaltungskomitee der Gemeinschaft der Sikhs ausgehändigt werden. Der Vorsitzende dieses Ausschusses teilt diese Ansicht, möchte jedoch mit Forderungen warten, bis Klarheit über den genauen Inhalt der in der Schweiz vermuteten Schließfächer herrscht.

Aber es tauchen auch Personen auf, die sich für leibliche Erben halten und mit vergilbten Papieren beweisen wollen, daß ihre Herkunft auf einen der zahlreichen Seitensprünge von Duleeps Vater Ranjit Singh zurückzuführen sei. Einer von ihnen ist Bayant Singh Sandhawalia in Amritsar.

Er wollte die Gelegenheit nutzen, als Elizabeth II. vorige Woche in den Goldenen Tempel kam. Doch alle Hoffnungen der Sikhs trogen. Die Königin legte einen Kranz nieder, mochte sich aber nicht einmal für ein Massaker entschuldigen, das britische Truppen 1919 nur fünf Minuten vom Goldenen Tempel entfernt verübt hatten. Hunderte unbewaffneter Demonstranten wurden damals niedergeschossen.

Anders als die Rückgabe des Kohinoor hätte die Bitte um Verzeihung nichts gekostet.

kracht
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