Zur Ausgabe
Artikel 16 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

»Berija wollte die DDR liquidieren«

SPIEGEL-Redakteur Heinz Höhne über die Hintergründe des Volksaufstandes am 17. Juni 1953 *
Von Heinz Höhne
aus DER SPIEGEL 24/1983

Noch einmal schaute der Genosse in das Vorzimmer, um sich zu vergewissern, daß ihn keiner belauschte. Dann zog er leise die Tür hinter sich zu. Einen Augenblick noch musterte Paul Straßenberger, stellvertretender Chef der Staatlichen Plankommission der DDR, den vor ihm sitzenden Mitarbeiter Fritz Schenk, ehe er den Mund auftat.

»Was ich dir jetzt sage«, hob er an, »bleibt unter uns. Ich glaube, es sind Diskussionen über Ulbricht im Gange. Er soll seine Funktion niederlegen.«

Schenk wollte etwas sagen, doch Straßenberger sprach schon weiter: »Ich weiß nicht, wer das angeregt hat. Du kennst ja die sowjetischen Genossen, sie äußern sich in diesen Dingen sehr vorsichtig. Aber mich hat jemand aus Karlshorst gefragt, ob es die Bevölkerung begrüßen würde, wenn Ulbricht zurückträte. Was das heißt, ist dir wohl klar.«

Es war allen Spitzenfunktionären der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED) klar, was die sowjetischen Andeutungen in diesen ersten Juni-Tagen des Jahres 1953 signalisierten: Walter Ulbricht, 59, SED-Generalsekretär und Einpeitscher des »Aufbaus des Sozialismus« im östlichen Deutschland, hatte die Unterstützung Moskaus verloren.

»Ulbricht hat den Bogen entschieden überspannt, jetzt kann er im günstigsten Fall noch Gewerkschaftsvorsitzender werden«, feixte Ernst Wollweber, Staatssekretär für Schiffahrt, auf einer Party hochrangiger Genossen, und Chefredakteur Werner Fehlig ("Unser Rundfunk"), eben zurück aus einer Presseanleitungskonferenz des Zentralkomitees (ZK) der SED, wußte: »Ulbricht ist faktisch bereits abgesetzt.«

Seit dem Tod Josef Stalins im März 1953 hatte die neue Machtgruppe im Kreml um den Ministerpräsidenten Georgij Malenkow und den Polizeiminister Lawrentij Berija keine Gelegenheit ungenutzt gelassen, Distanz zum Ulbricht-Regime zu bekunden. Wiederholt war der SED-Chef von Stalins Erben ermahnt worden, die Politik des verschärften Klassenkampfes zu mildern und die wachsende Mißstimmung der Bevölkerung durch Kurskorrekturen abzubauen.

Als sich Ulbricht dem sowjetischen Rat versagte, verloren die Genossen in Moskau schließlich die Geduld: Am 5. Juni erschien in Ost-Berlin der Berija-Vertraute Wladimir Semjonow als sowjetischer Hochkommissar und diktierte dem SED-Politbüro einen Kurswechsel auf, der alles in Frage stellte, was in der DDR unter dem Stichwort »Aufbau des Sozialismus« praktiziert worden war.

Semjonows »Neuer Kurs« verlangte den deutschen Genossen nicht nur weitgehende Konzessionen an bürgerliche Bevölkerungsschichten ab, sondern auch ein Reuebekenntnis vor dem ganzen Staatsvolk. Im »Neuen Deutschland«, dem zentralen Parteiblatt, stand es dann am 11. Juni als Politbüro-Erkenntnis: SED und Regierung hätten »in der Vergangenheit eine Reihe von Fehlern« begangen.

Daß dies alles gegen Ulbricht ging, hatte Semjonow schon bei seiner ersten Begegnung mit dem Politbüro offenbart. Plötzlich sagte er lächelnd, ohne jede Vorwarnung: »Wir möchten dem Genossen Ulbricht raten, seinen 60. Geburtstag so zu feiern wie der Genosse Lenin seinen 50.«

Jeder der Anwesenden wußte, daß eine Sonderkommission der SED seit Monaten zu Ulbrichts Geburtstag am 30. Juni Jubelfeiern im ganzen Land vorbereitete, die Erinnerungen an den Stalinschen Personenkult weckten. Wie habe denn nun Lenin seinen Geburtstag gefeiert, wollte ein SED-Mann von dem Hochkommissar wissen. Semjonow: »Genosse Lenin lud zum Abend ein paar Gäste.« Die Ulbricht-Feiern wurden sofort abgesagt.

Das konnte jedoch Ulbricht in Semjonows Optik nicht mehr retten. Denn:

Schon war dessen Gegenspieler im Politbüro, der Berija-Konfident Rudolf Herrnstadt, Chefredakteur des »Neuen Deutschland«, von dem Russen beauftragt, ein neues Politbüro zusammenzustellen und eine politische Plattform für eine SED ohne Ulbricht auszuarbeiten.

Herrnstadt zog noch einen anderen Berija-Mann hinzu: Wilhelm Zaisser, den Staatssicherheitsminister der DDR. Gemeinsam formulierten sie ein Programm, das sie im Politbüro unter Ulbricht-Gegnern zirkulieren ließen.

Als Spitzengenossen das Herrnstadt-Zaisser-Papier zu Gesicht bekamen, dämmerte ihnen, daß es nicht nur um Ulbrichts Sturz ging. Hier war mehr im Spiel: Moskau bot den Westmächten praktisch die DDR als Verhandlungsobjekt an - als Preis für die Schaffung eines neutralisierten Gesamtdeutschland, als Faustpfand für absolute Ruhe an den Westgrenzen der Sowjet-Union.

Jetzt begriffen die eingeweihten Genossen: Berija, Semjonow, Herrnstadt, Zaisser - diese Namen markierten einen neuen Deutschlandkurs Moskaus.

Sie bedeuteten freilich zugleich für einen von der Repression des Ulbricht-Regimes befreiten Kommunismus eine neue Chance, in Westdeutschland Fuß zu fassen. Kein Wunder, daß gläubigen SED-Sozialisten wie dem Ost-Berliner Bezirksvorsitzenden Hans Jendretzky die Intervention Semjonows »eine gute Nachricht, die beste von der Welt« schien.

Mit »glücklichem Gesicht« (so Heinz Brandt, sein Agitprop-Mann) triumphierte Jendretzky vor vertrauten Genossen: »Es ist geschafft. Wir fangen ganz neu an - und im Hinblick auf ganz Deutschland. Das ist die größte Wendung in der Geschichte der Partei; Semjonow hat sie von drüben mitgebracht.«

Doch Wladimir Semjonow und seine Auftraggeber in Moskau erhielten nie Gelegenheit, ihr Konzept zu erproben. Noch suchte Herrnstadt Männer für ein neues Politbüro, da traten aufrührerische Bauarbeiter auf der Stalinallee in Ost-Berlin ahnungslos dazwischen: Der Arbeiteraufstand des 17. Juni 1953 ruinierte alle Ansätze zu einer neuen Deutschland- und Europapolitik Moskaus.

Ohne zu wissen, daß Ulbrichts Ausschaltung längst von Moskau beschlossen war, konzentrierten die Aufrührer ihre ganze Wut auf den verhaßten SED-Chef. Der Aufruhr der Arbeiter, anfangs nur eine Streikbewegung gegen die ausbeuterische Lohn- und Arbeitsnormenpolitik des Regimes, uferte binnen weniger Stunden zu einem Volksaufstand aus, dem alles zu erliegen drohte, was Moskaus Gefolgsleute seit 1945 in ihrem Deutschland geschaffen hatten.

Die Volkspolizei wich vor den protestierenden Massen zurück, das Regime verlor die Kontrolle über die meisten Stadt- und Landkreise der Republik, die Spitzengenossen suchten Schutz hinter Barrikaden und Häusermauern - Grund genug für das sowjetische Militär, den Aufstand niederzuschlagen.

Am Ende erreichten die Aufrührer das Gegenteil dessen, was sie gewollt hatten. Das macht die eigentliche Tragik des 17. Juni 1953 aus: Der schon abgehalfterte Ulbricht blieb an der Macht, der Liberalisierer Berija endete vor einem sowjetischen Exekutionskommando, eine vage Chance deutscher Wiedervereinigung war dahin.

Solche Zusammenhänge kommen freilich kaum ins Bild, wenn bundesdeutsche Sonntagsredner alljährlich am »Tag der deutschen Einheit« den 17.-Juni-Aufrührern ihre Reverenz erweisen - wie auch in dieser Woche, in der sich Staat, Parteien und Medien rüsten, des 30. Jahrestages der Erhebung zu gedenken.

Von den sowjetischen Hintergründen des Aufstands wird dabei wenig die Rede sein, begünstigt durch die Schweigetaktik der sowjetischen Publizistik. Nur gelegentliche Enthüllungen in der Presse des Ostblocks verrieten in der Vergangenheit, was damals in Moskau und Ost-Berlin gespielt wurde.

Die »Prawda« tat beispielsweise am 15. Juli 1953 kund, Berija habe in der Deutschlandfrage »eine Kapitulantenpolitik betrieben, die letztendlich zur Restauration des Kapitalismus geführt hätte«, und Parteichef Nikita Chruschtschow zürnte noch ein Jahrzehnt danach, Malenkow und Berija hätten vorgehabt, »die Deutsche Demokratische Republik als sozialistischen Staat zu liquidieren«.

So geartete Indizien erleichtern es gleichwohl, die sowjetische Vorgeschichte des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 zu rekonstruieren. Die Geschichte reicht weit in die dreißiger Jahre zurück, in die Spätzeit der blutigen Säuberungsexzesse Stalins, als in Moskau eine Mafia von georgischen Geheimpolizisten auftauchte, die schon in ihrer Heimat Furcht und Schrecken verbreitet hatte.

Ihre Führer waren drei ehemalige Studenten von der Technischen Hochschule in Baku, die im georgischen Polizei- und Parteiapparat Karriere gemacht hatten. Der einflußreichste unter ihnen, Georgiens Parteichef Lawrentij Pawlowitsch Berija, war durch eine Laune des Georgiers Stalin Ende 1938 an die Spitze des Moskauer Innenministeriums berufen worden.

Es war die Zeit der größten Machtentfaltung der Hauptverwaltung für Staatssicherheit (GUGB), die zu Berijas Ministerium gehörte: GUGB-Offiziere kontrollierten und besetzten die von Stalins Exekutoren leergeschossenen Schlüsselpositionen in Diplomatie, Geheimdienst und Verwaltung.

Berija zog seinen Ex-Kommilitonen Wladimir Georgijewitsch Dekanosow nach, dem er die Leitung der Auslandsabteilung der GUGB überließ. Dekanosow hatte außenpolitischen Ehrgeiz, er träumte von einer großen Diplomatenkarriere. Einem Mann des Staatssicherheitsdienstes stand die sowjetische Welt offen: Dekanosow wurde stellvertretender Außenminister.

Er galt bald als die graue Eminenz des Außenministeriums und entwarf Pläne für die Ausweitung sowjetischer Macht. Ein junger, kultivierter Mann aus Belorußland half ihm dabei: Wladimir Semjonowitsch Semjonow. Er hatte deutsche Geschichte und Philosophie studiert; er _(Rechts: DDR-Ministerpräsident Grotewohl. )

wurde Dekanosows Deutschlandreferent.

Der Abschluß des Stalin-Hitler-Paktes im August 1939 katapultierte die beiden Männer schließlich an die vorderste Front der sowjetischen Deutschlanddiplomatie. Im Juni 1940 reiste Dekanosow als Sonderbeauftragter nach Litauen, um mit Hilfe der Roten Armee die Annexion und Bolschewisierung der kleinen Baltenrepublik zu steuern - assistiert von dem Botschaftsrat Semjonow, den Dekanosow kurz zuvor an die Botschaft in Kaunas versetzt hatte.

Von Stund an waren Dekanosow und Semjonow auf den Partner und Gegenspieler Hitler-Deutschland fixiert. Im Herbst ging Semjonow an die Botschaft in Berlin, Ende des Jahres kam Dekanosow nach - als Botschafter der UdSSR.

Als Dekanosow im »Kurländischen Haus«, dem Sitz der Botschaft, einzog, wartete dort schon ein dritter Ex-Kommilitone aus Baku: Bogdan Kobulow, GUGB-Resident und Agentenchef in Deutschland. Kobulow, offiziell Botschaftsrat, hatte den Auftrag, den äußerst lückenhaften Aufklärungsdienst der GUGB gegen das Dritte Reich zu verbessern.

Dabei arbeitete ihm in der Moskauer GUGB-Zentrale der deutsche Kommunist Rudolf Herrnstadt zu, der dort als ein unübertroffener Deutschlandexperte galt. Der Anwaltssohn aus Gleiwitz, seit 1929 im kommunistischen Spionageapparat, konnte Kobulow neue Agenten zuführen. Sie verbesserten Kobulows Aufklärungsdienst, von dem wiederum auch das Prestige des Botschafters Dekanosow bei Stalin abhing.

Dekanosow, Semjonow, Kobulow, Herrnstadt - jetzt war die Viererbande beisammen, die mit Berijas Unterstützung bis zum Juni-Aufstand 1953 die sowjetische Deutschlandpolitik wesentlich beeinflußte. Der Diktator ließ sie gewähren; Dekanosows Ratschläge und Informationen waren im Kreml wohlgelitten.

Selbst der Schock des deutschen Überfalls auf die Sowjet-Union am 22. Juni 1941, bis zuletzt von Dekanosow und Kobulow für unmöglich gehalten, konnte das Vertrauen Stalins in seine Ratgeber nicht erschüttern. Im Gegenteil, ihr Einfluß in Moskau wuchs noch: Dekanosow, noch immer Vize-Außenminister, und sein Abteilungschef Semjonow entwarfen das Modell eines künftigen Deutschland, das nach der Zerschlagung des Hitler-Reiches nie wieder in die Lage kommen sollte, das sowjetische Vaterland mit Krieg zu überziehen.

Doch ihre Arbeit blieb nicht unwidersprochen. Es gab noch eine großrussischnationalistische Diplomatengruppe um den mächtigen Leningrader Parteichef Andrej Schdanow, die bei Stalin nicht weniger einflußreich war als Berijas Anhang. Sie hatte schon ein festes Programm: Deutschland sei in mehrere Kleinstaaten aufzuspalten, es sei einer harten internationalen Kontrolle zu unterwerfen, und jede Einigungsregung sei gewaltsam zu verhindern.

Anders die Leute um Dekanosow. Sie konzipierten ein »friedliebendes« Deutschland demokratisch-antifaschistischer Art, das sich eng an Rußland anlehnen sollte. Eine Aufteilung Deutschlands, so ihre Kernthese, werde nur zu einem wilden deutschen Revanchismus führen, doppelt gefährlich für die Sowjet-Union, da niemand auf die Dauer Deutschland daran hindern könne, wieder eine Großmacht zu werden.

Zwischen den beiden Gruppen entbrannte ein Streit, in dem zunächst Dekanosows Gefolgsleute das Übergewicht gewannen. Sie hatten sich inzwischen die Kontrolle über das wachsende Heer der deutschen Kriegsgefangenen gesichert, für die Männer um Wladimir Dekanosow eine Manövriermasse, mit der sich bereits aktive Nachkriegspolitik betreiben ließ.

Das war die Stunde des Generalleutnants Kobulow, der seit Kriegsausbruch die Hauptverwaltung für Kriegsgefangene und Rückkehrer leitete. Er öffnete den Diplomaten die Kriegsgefangenenlager zu propagandistischen Experimenten, wobei wiederum Herrnstadt mitwirkte, dem eine Art antifaschistische Gefangenenbewegung aus deutschen kommunistischen Emigranten und ehemaligen Hitler-Soldaten vorschwebte.

Daraus entstand das Nationalkomitee »Freies Deutschland«, von seinen Initiatoren als Elite und Sauerteig eines demokratisch-antifaschistischen Nachkriegsdeutschland verstanden. Die wichtigsten Stichworte steuerte oft Herrnstadt bei, der das in schwarzweißroter Umrandung erscheinende Komitee-Blatt »Freies Deutschland« redigierte und Antifa-Kurse abhielt.

Doch der kaltblütige Rechner Dekanosow mochte nie ausschließen, daß sich die Sowjet-Union trotz Krieg und Massenmord noch einmal mit Hitlers Deutschland arrangieren würde. Im Sommer 1943 witterte er eine Chance, mit Berlin ins Gespräch zu kommen.

Für etwaige Verhandlungen mit den Deutschen hatte Dekanosow schon vorgesorgt: Semjonow war im Herbst 1942 an die Gesandtschaft in Stockholm versetzt worden, um von dort aus nach Deutschen auszuschauen, die Interesse an einem sofortigen Kriegsabbruch hatten. Ein alter Bekannter der GUGB, der deutsche V-Mann Edgar Clauss, bahnte _(Beim Verlassen der Reichskanzlei in ) _(Berlin, Dezember 1940. )

Semjonow erste Verbindungen zu Hitlers Diplomaten an.

Semjonow skizzierte Clauss im August 1943 die sowjetischen Bedingungen: Friedensschluß auf der Grundlage der deutsch-russischen Grenzen von 1914, freie Hand für die Sowjet-Union in Asien und an den Dardanellen, engste Wirtschaftskooperation zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjet-Union.

Prompt erschien Peter Kleist, ein Emissär des Reichsaußenministers von Ribbentrop, in Stockholm, der Clauss drängte, ihn mit den Russen zusammenzubringen, und schon bald nahmen Semjonow und Dekanosow allen Ernstes an, ein Sonderfrieden mit Hitler sei machbar. Zumindest wollten sie in den nächsten Tagen auf sowjetischer Seite alles vermieden wissen, was Hitler provozieren konnte.

Jetzt zeigte die Vierergruppe, wie sie zusammenspielen konnte: Semjonow ließ Kleist wissen, Dekanosow stehe in Stockholm zwischen dem 12. und 16. September zu Gesprächen zur Verfügung, Kobulow verschob die für den 1. September geplante Gründung des antinazistischen »Bundes deutscher Offiziere«, und Herrnstadt schrieb für sein »Freies Deutschland« einen Leitartikel, in dem er die Notwendigkeit sofortigen Friedensschlusses mit Hitler begründete. Als Überschrift wählte er: »Waffenstillstand - das Gebot der Stunde«.

Hitler jedoch desavouierte den Unterhändler seines Außenministers. Herrnstadt hatte Mühe, seinen schon gesetzten Artikel unter dem Vorwand, noch eine Korrektur zu machen, zurückzubekommen und verschwinden zu lassen. Den Stockholmer Fehlschlag aber nutzten nun die Rivalen Dekanosows, ihre Deutschlandpläne bei Stalin durchzusetzen.

Die wachsende Siegeszuversicht der Armeeführung, die sich zeitweilig mit der Schdanow-Gruppe liierte, begünstigte die Entscheidung des Diktators: Aufgabe sowjetischer Politik sollte von nun an sein, die sich deutlich abzeichnende West-Ost-Teilung Deutschlands zu nutzen und in dessen östlicher Hälfte ein auf die Sowjet-Union ausgerichtetes Regime zu etablieren.

So war denn kein Mann aus dem Dekanosow-Kreis dabei, als sich die Rote Armee im Frühjahr 1945 im besiegten Deutschland einquartierte. Dekanosows Leute sahen sich praktisch von der für die Besatzungspolitik entscheidenden »Sowjetischen Militär-Administration in Deutschland« (SMAD) ausgeschlossen. Nur Herrnstadt war mit anderen Emigranten sofort nach Berlin gegangen.

Die anderen Freunde aber hatten zunächst das Nachsehen: Besatzungspolitik in Deutschland lief weitgehend an Dekanosow vorbei, und auch Semjonow, der so rasch als möglich in die SMAD-Belange eingreifen sollte, hatte kaum Einfluß.

Blieb ihnen nur das Instrument des Staatssicherheitsdienstes, mit dem sie auf die SMAD einwirken konnten. Die Geheimpolizei hatte ein eigenes Ministerium, das MGB, erhalten, das natürlich wieder ein Ex-Kommilitone Berijas, Wseswolod Merkulow, leitete (Stellvertreter: der neue Generaloberst Kobulow).

Das MGB konnte sich praktisch auf allen Gebieten der Besatzungspolitik einschalten. Es war zuständig für die Sicherheit der Armee, es überwachte die Verfolgung und Bestrafung von Nazi-Verbrechern, es stellte Kontroll- und Ausbildungspersonal für den Aufbau eines eigenen deutschen Staatssicherheitsdienstes, den wiederum ein früher auch im Kaukasus operierender V-Mann Berijas übernahm: Wilhelm Zaisser.

Bei solcher Fülle von Kompetenzen fiel es dem MGB und Dekanosow nicht schwer, Semjonow bei der SMAD durchzupauken. 1946 wurde er zum Politischen Berater der Sowjetischen Militär-Administration ernannt.

Doch der Polit-Berater Semjonow kam nicht gegen die mächtige Schdanow-Lobby auf, die in dem aggressiven Obersten Sergej Tjulpanow, dem Informationschef und Parteisekretär der SMAD, ihren einflußreichsten Wortführer besaß. Er hatte im Zusammenspiel mit Ulbricht die gesamte Politik der Besatzungsmacht auf die schnelle Sowjetisierung Ostdeutschlands und die baldige Gründung eines Separatstaates ausgerichtet.

Der Kalte Krieg zwischen den Weltmächten und die sich abzeichnende Integration Westdeutschlands im antisowjetischen Block erleichterten Tjulpanow und Ulbricht deren Konfrontationskurs.

Zug um Zug trieb die SMAD die Bolschewisierung Ostdeutschlands voran: Zwangsvereinigung von KPD und SPD zur Sozialistischen Einheitspartei, Gleichschaltung der bürgerlichen Parteien, Deformierung der SED zu einer totalitären Kaderpartei, Vorbereitung der Oststaatsgründung - die deutsche Teilung war perfekt.

Schließlich wollten Tjulpanow und seine Moskauer Hintermänner sogar die Westmächte aus Berlin, diesem Störfaktor im Prozeß der Sowjetisierung, ganz vertreiben. Die Blockade West-Berlins hob an, doch die USA reagierten härter als in Karlshorst erwartet: Die Luftbrücke der westlichen Alliierten durchkreuzte Tjulpanows Pläne.

Der Fehlschlag der »albernen Blockade« (Semjonow) aber bewirkte in Moskau eine Kurskorrektur, zumal Schdanow kurz zuvor gestorben war. Anfang 1949 verlor Tjulpanow seinen Posten in der SMAD - Indiz dafür, daß die MGB-Georgier unter Dekanosow in der sowjetischen Deutschlandpolitik wieder kräftiger mitmischten.

Das kam vor allem Semjonow zugute, der für sich eine Möglichkeit sah, seine von dem bisherigen Kurs abweichenden Auffassungen durchzusetzen. Jetzt trat er, zum Außerordentlichen und Bevollmächtigten Botschafter ernannt, mit eigenen Ideen hervor.

Ein neutralisiertes, entwaffnetes Deutschland, selbst eines bürgerlicher

Observanz, so erklärte Semjonow westlichen Besuchern, könne das Sicherheitsbedürfnis der Sowjet-Union besser befriedigen als ein geteiltes Deutschland. Teilung sei schlecht; im Westen werde ein antisowjetischer Revanchismus aufkommen, im Osten aber stehe die DDR auf unsicheren Füßen - für die UdSSR eher ein Grund zur Sorge als zur Beruhigung.

Das war Semjonows Überzeugung: Nur ein friedliebendes Gesamtdeutschland könne jene Sicherheit garantieren, die es der Sowjet-Union erlaube, sich hinter ihre »natürlichen Grenzen« zurückzuziehen. Da klang wieder an, was Semjonow schon in Stockholm dem Agenten Clauss skizziert hatte: Regelung mit Deutschland, damit die Sowjet-Union freie Hand in Asien erhält.

Jetzt wurde aber auch deutlich, daß Semjonow mit seinen Ideen nicht allein stand. Ähnlich dachten Stalins ZK-Sekretär Georgij Malenkow, ein alter Gegner Schdanows, und vor allem die Männer um Berija, die als Georgier mehr an einer sowjetischen Expansion in Asien interessiert waren.

So konnte sich Semjonow durchaus Moskauer Rückendeckung sicher sein, wenn er vorsichtig begann, Distanz gegenüber den unpopulärsten Exzessen des Ulbricht-Regimes zu wahren. Stalins berühmte Note vom 10. März 1952, in der er den Westmächten ein neutralisiertes, aber auch bewaffnetes Gesamtdeutschland anbot, kräftigte noch Semjonows Position.

Verblüfft beobachteten die SED-Genossen, daß sich der Sonderbotschafter Semjonow zunehmend mit Leuten umgab, die nie die Vorherrschaft der Sozialistischen Einheitspartei in der DDR anerkannt hatten. Meist waren es Politiker der bürgerlichen DDR-Parteien, die mit Stalins verständnisvollem Vertreter erörterten, wie man den Ulbricht-Staat liberalisieren und verbürgerlichen könne.

Fleißig kolportierten sie dann das Semjonow-Wort vom »großen Deutschland«, das wieder zusammengehöre, und genüßlich wurde weitergegeben, daß der Sowjetmensch auch gesagt habe, über die Oder-Neiße-Grenze sei noch nicht das letzte Wort gefallen.

Semjonow hatte schon einen Mann gefunden, den er an die Spitze der DDR hieven wollte, um sie für westdeutsche Wiedervereiniger attraktiver zu machen. Hermann Kastner, Vorsitzender der Liberal-Demokratischen Partei (LPD) und stellvertretender Ministerpräsident, polemisierte gern gegen »die Spießer der SED« und meinte, daß »Versuche, Deutschland zu bolschewisieren, mißglücken werden«.

Kastner wurde der DDR-Prominenz so lästig, daß Ministerpräsident Otto Grotewohl ihn aus dem Kabinett ausbootete und selbst die eigene Partei ihn ausschloß. Daraufhin intervenierte der Freund Semjonow: Die LPD mußte Kastner wiederaufnehmen, Grotewohl ihm einen hohen Staatsposten einräumen.

Doch Semjonows Liberalisierungskurs stieß auf den Widerstand eines rivalisierenden Kollegen: des Botschafters Georgij Maximowitsch Puschkin. Der war bei der DDR-Regierung akkreditiert, während Botschafter Semjonow als politischer Berater der an die Stelle der bisherigen Militär-Administration gerückten »Sowjetischen Kontrollkommission« fungierte. Puschkin dachte in Schdanowschen Gedankenbahnen und fand es unerhört, wie Semjonow mit den Genossen der SED umging. Wo immer Semjonow eine gewisse Reserve gegenüber dem Ulbricht-Regime zu erkennen gab, war Puschkin zur Stelle, um die unsterblichen Verdienste eben dieses Regimes zu feiern.

Die Semjonow-Puschkin-Kontroverse aber nutzte Ulbricht dazu, um sein Regime noch fester zu verankern. Auf der Zweiten Parteikonferenz der SED im Juli 1952 inszenierte er einen Revolutionsakt, der die DDR noch weiter von Westdeutschland entfernen mußte. Eine neue Parole kam auf: »Aufbau des Sozialismus«.

Darunter verstand der SED-Chef den forcierten Ausbau der Schwerindustrie und die Umwandlung der DDR in einen kommunistischen Totalstaat sowjetischen Musters, in dem alle noch privaten Wirtschaftsbereiche kollektiviert und die christlichen Kirchen auf den Rang von Sekten heruntergestuft sein sollten. »Verschärfung des Klassenkampfes« nannte das Ulbricht.

Entsprechend rüde setzten Ulbrichts staatliche Helfer die Revolution in Gang: Die fünf Länder der DDR einschließlich ihrer Regierungen und Landtage wurden aufgelöst, zwei Millionen Gewerbetreibende verloren ihre Lebensmittelkarten, Tausende von Bauern und Handwerkern wurden in Produktionsgenossenschaften gezwungen.

Am ärgsten gerieten die Arbeiter unter Druck, die sich dem ständigen Appell von Partei und Gewerkschaft entzogen, mehr zu arbeiten, um die abgesunkene Arbeitsproduktivität in der DDR zu steigern. »Erhöhung der Arbeitsnormen« wurde zu dem verhaßtesten Wort für Arbeiter, die sich der Möglichkeit beraubt sahen, durch Übererfüllung niedriger Normen den Lohn aufzubessern, um einen Mindest-Lebensstandard zu sichern. Als das Drängen nach »freiwilliger Selbstverpflichtung« der Arbeiter wirkungslos blieb, setzte der Staat seine Zwangsmittel ein: Der Ministerrat verfügte, die Arbeitsnormen seien bis zum 30. Juni 1953 »mindestens« um zehn Prozent zu erhöhen.

Wer sich jetzt noch verweigerte, wurde in den DDR-Medien als Klassenfeind und Verräter abgestempelt. Eine Welle von Verhaftungen und Schauprozessen überspülte die Republik, und fast jede Woche wurden neue Agenten, Diversanten und Saboteure »entlarvt«.

Das Land zwischen Oder und Elbe, ausgepowert von jahrelangen Sowjet-Demontagen und der Mißwirtschaft des SED-Regimes, wehrte sich jedoch gegen die Repression. Zehntausende von Bauern flohen nach dem Westen, ihr Ackerland verkam, eine Mißernte trat hinzu - mit fatalen Folgen: Das Land geriet in eine schwere Versorgungskrise.

Vergeblich mahnte Semjonow die deutschen Genossen, ihre »sozialistische« Gangart zu mäßigen. Die MGB-Berichte, die er täglich erhielt, verrieten

ihm nur zu deutlich, welche explosive Stimmung sich da in Betrieben und Genossenschaften zusammenbraute.

Doch Ulbricht blieb bei seinem Kurs, glaubte er sich doch einig mit dem Genossen Stalin. Da geschah, womit Ulbricht nicht gerechnet hatte: Stalin starb am 5. März 1953.

Für den SED-Chef war es ein schwerer Schlag, denn bis zuletzt hatte er gehofft, Stalin werde ihm durch Gewährung einer Wirtschaftshilfe aus der Krise heraushelfen. Die neuen Männer aber, die jetzt in Moskau entschieden, hatten keinerlei Lust, Ulbrichts rabiaten Kurs zu stützen.

Das machten die beiden neuen Kreml-Herren, Ministerpräsident Malenkow und sein Stellvertreter Berija, sogleich Grotewohl klar, der mit einer Delegation zur Stalin-Beerdigung nach Moskau gereist war. Bruno Leuschner, Chef der Staatlichen Plankommission, kam ganz verstört in sein Büro zurück. Leuschner: »Also, liebe Genossen! Die Würfel sind gefallen. Wir werden keine großen Lieferungen aus der Sowjet-Union bekommen. Was nun?«

Ulbricht jedoch mochte das Njet von Malenkow und Berija nicht akzeptieren. Anfang April bewog er die SED-Führung, einen Brief an die Moskauer Genossen zu richten, in dem sie bat, die DDR »durch Rat und Tat zu unterstützen«, wie es Ministerpräsident Grotewohl später umschrieb.

Am 15. April hielt Ulbricht die sowjetische Antwort in Händen. Die Kreml-Führer ersuchten darin die deutschen Genossen dringend, ihren harten Kurs gegenüber der Bevölkerung zu mildern; eine finanzielle und wirtschaftliche Hilfe durch die Sowjet-Union komme nicht in Frage.

In diesem Augenblick muß Ulbrichts jahrzehntelange bedingungslose Sowjettreue zerbrochen sein. Wütend verwahrte er sich gegen die Ratschläge aus Moskau; er dachte nicht daran, seine Politik zu mäßigen. Im Gegenteil, jetzt gab er sich noch radikaler, noch fanatischer.

Schon am 16. April stand seine Antwort an die Moskauer Kritiker im »Neuen Deutschland": Unter Hinweis auf den »weisen Lehrer des sozialistischen Aufbaus, J. W. Stalin« erklärte Ulbricht die »Überwindung der rückständigen Arbeitsnormen« zur wichtigsten Aufgabe und schwor, durch »erhöhte Wachsamkeit« die DDR vor jeglicher Sabotage zu schützen.

Er begnügte sich nicht mit Worten. Ulbricht inszenierte eine Kampagne gegen seine von Moskau gestützten Widersacher, unter ihnen das ZK-Mitglied Franz Dahlem, der nicht zufällig ein Favorit Semjonows war.

Ein Amoklauf Ulbrichts? Nicht unbedingt, wie seine Biographin Carola Stern vermutet: Er habe möglicherweise »Anhaltspunkte dafür gehabt, daß es unter den Stalin-Nachfolgern schwere Meinungsverschiedenheiten und Machtkämpfe gab. Da ihr Ausgang ungewiß war, blieb die Möglichkeit, daß jene ''Versöhnler'' in Moskau bald wieder von ''harten'' Männern verdrängt werden würden«.

Jedenfalls trug er kräftig zu dem Stalinisten-Vorwurf bei, die neuen Männer in Moskau gefährdeten durch ihre weiche Tour den Zusammenhalt des sozialistischen Lagers. Von Tag zu Tag erhitzte sich die Kontroverse zwischen Ost-Berlin und Moskau. Schließlich hatten Berija und Malenkow von diesem Ulbricht genug. Am 20. April erhielt Semjonow die Order, sofort die DDR zu verlassen und nach Moskau zurückzukehren - zu Besprechungen über die Deutschlandfrage.

Semjonow, wieder Abteilungschef und nun auch Mitglied des »Kollegiums des Außenministeriums der UdSSR«, fand eine Kreml-Führung vor, die nicht abgeneigt war, den Streit mit Ulbricht zu einem Kurswechsel in der Deutschlandpolitik zu verwenden.

Die wachsende Unruhe in der DDR verlangte nach einer raschen Entscheidung; da lag der Gedanke nicht mehr fern, das ganze SED-Regime aufzugeben, wenn sich dadurch die Einbindung der Bundesrepublik in das westliche Militärbündnis noch in letzter Stunde verhindern und ein Staatensystem errichten ließ, das Rußlands Sicherheitsbedürfnis befriedigte.

Noch gab es eine vage Chance, aus der tödlichen Sackgasse des Kalten Krieges

wieder herauszukommen. Zwar schien die Aufnahme von Konrad Adenauers Weststaat in das westliche Bündnis fast schon gesichert, doch noch immer gab es beträchtliche Widerstände gegen Bonns Mitwirkung im Westen.

Eben erst hatte Englands Premierminister Winston Churchill dem Kreml offeriert, auf einer Gipfelkonferenz einen neuen Anfang zu wagen, und Moskau hatte positiv reagiert. Es griff jetzt jede Initiative auf, die helfen konnte, die Sowjet-Union aus der Isolierung zu befreien, in die sie durch Stalins Starrheit geraten war.

Deutschland aber schien Malenkow und Berija das geeignete Terrain, dem Westen ihre Kompromißbereitschaft zu beweisen. Das Ulbricht-Problem mußte ohnehin gelöst werden; da bot es sich an, mit der Opferung des SED-Chefs dem Westen auch gleich zu bekunden, daß Moskau bereit sei, über eine gesamtdeutsche Lösung noch einmal zu verhandeln.

Das hörte sich 1954 in der polemischen Sprache deutscher Berija-Gegner so an: Berija habe »die Auffassung vertreten, daß zur angeblichen Erhaltung des Friedens die Möglichkeit besteht, daß die DDR aufgegeben werde und ein bürgerliches, das heißt imperialistisches Deutschland entstehe« - so der SED-Parteikontrolleur Hermann Matern.

»Bei Berija und Malenkow«, wetterte Ulbricht Jahre danach, »war die Ablehnung der Leninschen Parteinormen und der Prinzipien der Sowjetdemokratie verbunden mit einer Kapitulationspolitik gegenüber dem Imperialismus.« Für Walter Ulbricht war das alles nichts weiter als »eine Politik des Zurückweichens vor den imperialistischen Kräften der westdeutschen Bundesrepublik«.

Waren aber Berija und Malenkow stark genug, ihre neue Politik im sowjetischen Partei- und Regierungsapparat durchzusetzen? Nach außen schien es keinen mächtigeren Mann in der Sowjet-Union zu geben als den Marschall Lawrentij Berija, Ersten Stellvertretenden Ministerpräsidenten, Innenminister und Chef der Staatssicherheit.

Doch in der Partei hatte Berija keine starke Position, unter den restlichen neun Mitgliedern des ZK-Präsidiums befand sich kein Anhänger von ihm. Mancher fand, wie der Parteichef-Anwärter Chruschtschow, der Herr des Polizeiapparats mit seinen vielen verbrecherischen »Verletzungen der Gesetzlichkeit« passe nicht in die Landschaft eines Nach-Stalin-Rußland.

Schon hatte Berija erste Einbußen seiner Macht hinnehmen müssen: Der letzte MGB-Chef Ignatjew war am 7. April als ZK-Sekretär abgelöst, sein Stellvertreter Rjumin kurz darauf des Machtmißbrauchs angeklagt worden. Und Berijas Hausmacht in Georgien war so gefährdet, daß er Dekanosow, in dem Berija doch den künftigen Außenminister

sah, am 15. April als Innenminister in die alte Heimat entsenden mußte.

Noch gefährlicher für Berija aber war, daß sich nun auch die Armee rührte, den Einfluß des Polizeiapparates entschieden zurückzudämmen. Bei den Marschällen und Generalen war unvergessen, was sie im Krieg, aber auch in der Nachkriegszeit von inquisitorischen MGB-Kommandos hatten erdulden müssen.

Berija-Vertraute unter den Militärs verloren ihre Posten, Berija-Gegner traten an ihre Stelle, vor allem im Machtzentrum Moskau: Der Befehlshaber des dortigen Wehrkreises, der ehemalige Geheimpolizist Artemjew, wurde durch den Generalobersten Moskalenko abgelöst, zugleich mußten der Kommandant der Moskauer Garnison und jener des Kreml abtreten.

Berija wird die ihm drohende Gefahr gewittert haben, denn er bestand darauf, die Armee aus der Deutschlandpolitik völlig auszuschalten. Auch den Botschafter Semjonow hatte der ruppige Armeegeneral Wassilij Tschuikow gestört, der in der DDR als Oberbefehlshaber der Besatzungstruppen und Vorsitzender der Kontrollkommission die eigentliche Führungsfigur war.

Am 28. Mai entschied der Ministerrat in Moskau, die Kommission aufzulösen und den OB auf seine militärischen Aufgaben zu beschränken; schon zwei Tage vorher war Tschuikow durch den Generalobersten Andrej Gretschko abgelöst worden. Neuer Sowjetherr in der DDR: Hochkommissar Wladimir Semjonow.

Eine Woche später stand er in Ost-Berlin vor Ulbrichts Politbüro und präsentierte ein Papier des Moskauer ZK-Präsidiums, das Semjonows verblüffte Zuhörer als ihr eigenes akzeptieren mußten. Es bedeutete praktisch das Ende des Ulbricht-Regimes: Schluß mit dem Aufbau des Sozialismus, Erleichterungen für die Bevölkerung, »Entschärfung des Klassenkampfes«.

Bald meinte auch der letzte Spitzengenosse, daß Ulbricht erledigt sei. Der hatte bereits die Mehrheit im Politbüro verloren; von den 14 Mitgliedern und Kandidaten hielten nur noch zwei, Matern und Erich Honecker, zu Ulbricht.

Alles, was jetzt unternommen werde, notierte sich Heinz Brandt als Meinung des Politbüro-Mitglieds Jendretzky, erfolge »auf der Grundlage einer sich anbahnenden Verständigung der Alliierten über Deutschland«.

Der Propagandaapparat der SED stellte sich um; über Nacht verschwanden die Plakate, die zum Aufbau des Sozialismus aufriefen. Chefredakteur Fehlig schärfte seinen Redakteuren ein: »Das Politbüro hat die Linie geändert, ist das klar? Begriffe wie ''Kampf gegen den Imperialismus'', ''reaktionäre Adenauer-Clique'', ''westdeutsche Söldner des US-Imperialismus'' sind ab sofort nicht mehr zu verwenden.«

Semjonow aber nahm seinen neuen Kurs so hastig in Angriff, daß er die

Übersicht verlor. Ihn erschreckten MGB-Meldungen über die sich rapide verschlechternde Stimmungslage in der DDR - desto ungeduldiger trieb er die deutschen Genossen an.

Seinen Helfern blieb kaum Zeit, ihr Programm sorgfältig auszuarbeiten und den vom Kurswechsel verwirrten Genossen zu erklären. Nicht einmal das Zentralkomitee der SED erhielt eine Chance, die neue Politik wenigstens zu erörtern und formal zu billigen. Semjonow verlangte immer weitere Beschwichtigungsgesten: Überprüfung aller politischen Strafverfahren, Stopp der Aktionen gegen die Kirchen, Ausgabe der zurückgehaltenen Lebensmittelkarten, Rückgabe des beschlagnahmten Eigentums an rückkehrwillige Flüchtlinge.

Die DDR-Regierung mußte einen Rückzieher nach dem anderen produzieren - und vergaß dabei geflissentlich, das berüchtigtste Symbol der Arbeiterreglementierung zu beseitigen: das Diktat der erhöhten Arbeitsnormen. Das machte böses Blut.

Da bedurfte es nur noch eines kleinen Anlasses, um den Unmut vieler Arbeiter in offenen, militanten Protest umschlagen zu lassen. Die »Tribüne«, das Zentralorgan des Gewerkschaftsbundes FDGB, bot ihn am Morgen des 16. Juni - mit einem provozierenden Artikel, in dem FDGB-Sekretär Otto Lehmann auftrumpfte: »Die Beschlüsse über die Erhöhung der Normen sind in vollem Umfang richtig ... und mit aller Kraft durchzuführen.«

Das war den Wortführern unter den Bauarbeitern auf der Stalinallee in Ost-Berlin zuviel. Auf der Baustelle »Block 40« rotteten sich einige Arbeiter zusammen und beschlossen, bei der Regierung zu protestieren. Rasch waren 300 Mann zur Stelle, die sich zu einem Demonstrationszug formierten, und auch ein Transparent war schon dabei, auf das ein Bauarbeiter mit ungelenker Hand geschrieben hatte: »Wir fordern Herabsetzung der Normen!«

Auf der Baustelle »Krankenhaus-Neubau« in Berlin-Friedrichshain das gleiche Bild: Auch hier legten empörte Kollegen ihre Arbeit nieder und reihten sich in einen Zug ein, mit dem sie bei Grotewohl die Zurücknahme des Normendekrets durchsetzen wollten.

Die beiden Demonstrationshaufen zogen von einer Baustelle zur anderen, um die Kollegen anzuspornen, sich ihrer Aktion anzuschließen. Rufe ertönten: »Macht mit! Seid nicht feige! Wir haben es satt!« Blockbaustelle »Lindenstraße«, Baustelle »Staatsoper«, Baustelle »Verwaltung Innen- und Außenhandel« - überall stießen weitere Arbeiter hinzu.

Erst waren es Hunderte, die mitmarschierten, dann Tausende, schließlich waren es über 10 000 lärmende, gestikulierende Arbeiter, die sich in den Mittagsstunden vor dem »Haus der Ministerien«, dem Regierungssitz, in der Leipziger Straße versammelten und in Sprechchören Ulbricht und Grotewohl herausriefen. Je länger es aber dauerte, bis sich ein Spitzenfunktionär vor die Menge wagte, desto aggressiver gebärdeten sich die Demonstranten.

Gleichwohl hatte es die SED-Führung noch in der Hand, die aufgeregte Menge mit einer konzilianten Geste wieder nach Hause zu schicken. Doch in ihrem blinden Machtwahn konnten sich die führenden Parteibürokraten nicht vorstellen, daß jemals Arbeiter gegen den »ersten Arbeiter-und-Bauern-Staat der deutschen Geschichte« (SED-Jargon) aufbegehren und ihm ihren Willen aufzwingen würden.

So lehnte Ulbricht anfangs jede Konzession ab - getreu dem Rat des arroganten Bezirkssekretärs Bruno Baum: »Auf keinen Fall klein beigeben! Wenn die Delegation erst über die roten Teppiche im Amtssitz Grotewohls geht, wird ihr so feierlich zumute, daß sie ganz zahm verhandeln wird.«

Selbst als Brandt das Politbüro bedrängte, die Normenerhöhung sofort zurückzunehmen (Brandt: »Alles andere bedeutet Bürgerkrieg, vielleicht Krieg"), rafften sich die Spitzengenossen nur zu einer halbherzigen Geste auf. Beschluß: Die »von den einzelnen Ministerien angeordnete obligatorische Erhöhung der Arbeitsnormen« sei aufzuheben, das Dekret des Ministerrats aber lediglich zu »überprüfen«.

Die Menschen vor dem Haus der Ministerien reagierten wütend auf die Entscheidung des Politbüros, und bald war unter ihren energischeren Wortführern der Entschluß gefaßt, durch einen Kraftakt ohnegleichen die Regierung auf die Knie zu zwingen.

Als die SED-Führung kurz darauf Lautsprecherwagen mit der Nachricht aussandte, das Normendekret des Ministerrats sei völlig aufgehoben, besetzten Demonstranten einen Wagen. Ein Streikführer riß das Mikrophon an sich und rief: »Morgen ist Generalstreik, kommt alle zum Strausberger Platz!«

Am nächsten Morgen prasselte dichter Regen auf Ost-Berlin nieder. Schon gegen neun Uhr waren Tausende auf den Straßen und strömten in großen Marschkolonnen in die Innenstadt; kaum ein Betrieb, der noch arbeitete, kaum ein Arbeiter, der nicht in den Sog des Proletarierprotests geriet.

Wer sich jetzt noch den Massen entgegenstellte, spielte mit seinem Leben. Ein Parteiabzeichen am Revers genügte schon, von Streikenden verprügelt zu werden, und in kürzester Zeit verriet eine breite Spur zerfetzter roter Fahnen, geplünderter SED-Aufklärungslokale und verbrannter Propagandamaterialien den Weg, den die Demonstrantenhaufen genommen hatten.

Die Postenketten der Volkspolizei wichen zurück, die Dampfwalze der Protestierer rollte weiter. Die Grenzmarkierungen an der Sektorengrenze wurden niedergerissen, das Columbushaus am Potsdamer Platz ging in Flammen auf, Arbeiter stürmten Verwaltungsgebäude und Parteizentralen.

Was sich in acht Jahren kommunistischer Herrschaft angesammelt hatte, entlud sich jetzt - in beklemmenden Gewaltakten, aber auch in Aktionen politisch-menschlicher Solidarität, die aus dem Generalstreik der Arbeiter einen Volksaufstand gegen das SED-Regime machten. Nun kamen auch politische Forderungen auf: Rücktritt der Regierung, freie und geheime Wahlen, _(Bei einer Parade in Moskau, 1953. )

konkrete Maßnahmen zur Vereinigung der beiden deutschen Staaten.

Und in jeder Stunde wuchsen ihnen neue Bundesgenossen zu: Demonstranten aus West-Berlin stürmten über die Sektorengrenze und schlossen sich der Streikbewegung an, während zugleich der Funke der Ost-Berliner Rebellion auf Städte und Industriezentren in den DDR-Provinzen übersprang - nicht zuletzt ermuntert von dem Appell des West-Berliner Gewerkschaftsvorsitzenden Ernst Scharnowski: »Geht auch ihr zu euren Strausberger Plätzen!«

Entsetzt beobachtete Semjonow, daß Ulbrichts Staat bis in die Grundfesten erschüttert war. Die Volkspolizei hatte praktisch vor den Aufrührern kapituliert, die SED-Elite saß verschreckt hinter den Barrikaden der Ministerien, nur die Kasernierte Volkspolizei war noch schlagbereit - und die Sowjetarmee.

Jede Meldung, die Oberst Ilnitzky, der MGB-Beauftragte in der Hochkommission, vorlegte, offenbarte Semjonow, wie rasant sich der Aufstand ausbreitete. 272 Städte und Ortschaften waren schon von den Unruhen erfaßt, in 167 der 217 Stadt- und Landkreise blieb fraglich, ob die Staatsorgane noch die Lage beherrschten oder die Macht bereits an die Aufrührer übergegangen war.

Semjonow wußte natürlich wie jeder andere, daß nur noch die Sowjetarmee das Regime retten konnte. Für ihn war es eine fatale Lage: Eine Niederschlagung des Aufstandes durch die Rote Armee würde zugleich das Ende von Semjonows Deutschlandpolitik bedeuten, denn nach diesem Aufstand würde keine Führung in Moskau es mehr wagen, die DDR zur Disposition zu stellen.

So schob er die Entscheidung von Stunde zu Stunde vor sich her. Die deutschen Genossen begannen schon zu murren, allen voran der Volkspolizei-Chef Waldemar Schmidt, der kecke Reden gegen die »knieweichen Freunde« hielt und das Politbüro bestürmte, die Russen »endlich umzustimmen«. Er konnte nicht verwinden, daß die Hochkommission seinen bereits am 16. Juni gestellten Antrag, die Volkspolizei mit der Waffe gegen die Demonstranten einschreiten zu lassen, abgelehnt hatte.

Doch der Generaloberst Gretschko mochte nicht länger warten, er sah die Sicherheit seiner Truppe gefährdet. Schon in der Nacht hatte er die Panzerverbände alarmieren lassen, am Morgen waren die ersten Panzer in ihre Ausgangsstellungen gerollt. Kurz darauf marschierten 15 Divisionen los.

Ab 13 Uhr herrschte Ausnahmezustand in Ost-Berlin, bald darauf auch in großen Teilen der DDR. Ein paar Stunden genügten, den Aufstand der schlecht organisierten, von keiner zentralen Leitung gesteuerten und von keinem konkreten Programm zusammengehaltenen Massen niederzuschlagen. 18 Demonstranten wurden von sowjetischen Hinrichtungskommandos erschossen, 25 weitere Menschen fanden bei den Auseinandersetzungen den Tod.

Den Aufstand aber nutzten die Berija-Feinde im fernen Moskau, um den Polizeichef zu Fall zu bringen. Ihnen galt er als der eigentliche Schuldige der Katastrophe in der DDR: Seine »Kapitulantenpolitik« hatte die Aufrührer erst ermutigt, sein Staatssicherheitsdienst hatte völlig versagt und dann der Armee die ganze Arbeit überlassen.

Am Morgen des 18. Juni rasselten die Panzer der Gardedivision »Kantemir« durch die Straßen Moskaus und umstellten den Kreml, in dem gerade das ZK-Präsidium tagte. Generaloberst Moskalenko erschien, um im Einverständnis mit den meisten Präsidiumsmitgliedern Berija zu verhaften. Offiziere führten ihn in den Keller des Stabsquartiers des Moskauer Wehrkreises ab.

»Berija«, schimpfte die »Prawda« hinter ihm her, »zeigte sein wahres Gesicht, als die Feinde des Sowjetstaates außerhalb der Grenzen unseres Landes ihre antisowjetische Zersetzungsarbeit aktivierten. Die Entlarvung Berijas bestätigt erneut, daß jede feindliche antisowjetische Tätigkeit in der UdSSR zugleich auch in die kapitalistischen Staaten hineinreicht, die uns einkreisen.«

Kurz darauf griffen sich die Häscher auch die übrigen Mitglieder der georgischen Mafia. Ein halbes Jahr später sahen sich Berija, Dekanosow, Kobulow, Merkulow und drei andere Ex-Polizisten vor dem Sondertribunal des Obersten Gerichts wieder, angeklagt »des Landesverrats und der Organisierung einer antisowjetischen Verschwörergruppe, die das Ziel verfolgte, die Macht an sich zu reißen und die Herrschaft der Bourgeoisie wieder herzustellen«.

Am 23. Dezember 1953 fällte das Gericht sein Urteil: Tod durch ein Exekutionskommando. Die sieben wurden noch am gleichen Tag erschossen.

Die deutschen Ulbricht-Gegner kamen glimpflicher davon. Herrnstadt und Zaisser, der auch seinen Ministerposten verlor, wurden aus dem Politbüro und später auch aus der Partei ausgeschlossen, während sich manche ihrer Sympathisanten wie Jendretzky wenigstens im ZK halten konnten - im Gegensatz zu den 20 000 SED-Funktionären, die als »Provokateure« abgesetzt wurden.

Von der Berija-Gruppe aber überlebte nur einer, der alte müde Mann, der heute in der Bonner Sowjetbotschaft residiert. Doch selbst die so radikal gewandelten Zeitläufe können Wladimir Semjonow nicht daran hindern, darüber zu meditieren, welche Chancen Europa im Juni-Aufstand von 1953 unwiederbringlich verlorengingen.

Rechts: DDR-Ministerpräsident Grotewohl.Beim Verlassen der Reichskanzlei in Berlin, Dezember 1940.Bei einer Parade in Moskau, 1953.

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 72
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel