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SPIEGEL ESSAY Berlin ist keine Hauptstadt

Joachim Braun, 48, bis 1986 Chefredakteur beim SFB, lebt als Journalist in West-Berlin
aus DER SPIEGEL 52/1987

Es wurde Zeit, daß der Rummel zu Ende ging. Monatelang hatten die Berliner den 750. Geburtstag ihrer Stadt gefeiert, auf beiden Seiten der Mauer. Hier wie dort hielt eine mit üppigen Staatsgeldern geölte Festmaschinerie das Publikum gnadenlos in Trab. Jetzt macht sich Ermüdung breit.

Oberflächlich betrachtet wirkten die Festprogramme in Ost und West, als habe einer vom anderen abgeschrieben. Im Frühjahr der Aufmarsch der Bündnispartner: Ost-Berlin war Gastgeber für ein Gipfeltreffen des Warschauer Pakts, in West-Berlin gaben nacheinander die Staatsoberhäupter der Schutzmächte die erwünschten Treueschwüre zu Protokoll.

Den beiden mächtigsten Männern der Welt, Reagan und Gorbatschow, wurde der Kontakt mit ihren jeweiligen Berlinern, soweit es ging, verwehrt. Im einen Fall führte die Angst vor unerwünschten Protesten Regie, im anderen die Angst vor unerwünschtem Beifall.

Der Sommer galt dem Volkstümlichen: hier wie dort historische Jahrmärkte, Stadtteilfeste, Feuerwerke, Wasserkorsos, Rockkonzerte. Der Herbst dann fürs Feine; beiderseits der Mauer glanzvolle Gastspiele von Opernbühnen, Theatern, Orchestern aus West- und Osteuropa, dazu Ausstellungen, Symposien, Kongresse. Und alles im Übermaß. Weit über tausend Veranstaltungen nennt das »Buch zum Fest« für Ost-Berlin, in West-Berlin mögen es noch mehr gewesen sein.

Mit natürlicher Konkurrenz der feiernden Halbstädte ist dieser Aufwand nicht hinreichend zu erklären. Hinter dem Spektakel verbirgt sich auf beiden Seiten der Versuch durch Imponiergehabe einen Mangel an Selbstbewußtsein zu überspielen. Es handelt sich gewissermaßen um eine Minderwertigkeitskomplex mit umgekehrtem Vorzeichen.

Ost-Berlin hat zwar, als Hauptstadt der DDR, eine politische Funktion. Aber ihm fehlt, zumal im unmittelbaren mit dem Glitzerding jenseits der Mauer, Atmosphäre und Ruf einer Weltstadt. West-Berlin läßt sich zwar gern den Rang einer Weltstadt bestätigen, aber ihm fehlt die politische Rolle.

Tatsächlich nahmen beide Stadthälften das Jubiläum nur als Vorwand für den Trubel. In Wirklichkeit feierten sie Verschiedenes.

Ost-Berlin bejubelte das Erreichte. Es präsentierte sich als Hauptstadt des sozialistischen deutschen Staates. Mit ehrgeiziger Kraftanstrengung hatte die staatliche Führung den Vorteil genutzt, daß das historische Zentrum Berlins auf der östlichen Seite der Mauer liegt.

Die Innenstadt wurde zu Lasten und zum Ärger der übrigen DDR so urban herausgeputzt, daß der Besucher sich an manchen Plätzen verwundert fragt, ob er sich wirklich noch im Arbeiter-und-Bauern-Staat befinde.

West-Berlin nutzte den Stadtgeburtstag teils zu tourismusförderndem Rummel, teils zu etwas ganz Unfestlichem: nämlich als Anlaß zu kritischem Nachdenken über die schwierige Geschichte und die schwierige Zukunft der Stadt. Daß die alljährlichen Berliner Festwochen ausgerechnet im Jubeljahr einen Schwerpunkt der Musik aus dem Exil widmeten, ist kein Zufall.

Von einigen widerstrebend geduldet, von anderen hartnäckig durchgesetzt, solle so an die lange verdrängten zwölf Jahre der Stadtgeschichte erinnert werden, in denen Berlin die Hauptstadt des NS-Staates war: an die Schrecken, die von Berlin ausgingen, an die Verluste, welche die Stadt sich selbst zufügte, und an die politischen Folgen, die ihren Zustand bis heute bestimmen.

Kritische Selbstbefragung hier, kritiklose Selbstdarstellung dort. In Ost-Berlin endeten die Feierlichkeiten mit einem pompösen Staatsakt im Palast der Republik. Den West-Berliner Abschluß bildete eine Serie von Konferenzen. Deren wichtigste beschäftigte sich mit »Perspektiven für das 21. Jahrhundert«. Ihr Auftrag ist die Suche nach einer Rolle für Berlin.

Andere Städte haben ihre Rolle und Funktion und reden nicht davon. Das gilt nicht nur für die alten europäischen Metropolen. Auch in München, Göttinggen oder Kaiserslautern kommt kein Mensch auf die Idee nach der Rolle seiner Stadt zu fragen. Die ist einfach da, vorgegeben, selbstverständlich.

Berlin fragt unentwegt nach seiner Rolle. Keine andere vergleichbare Stadt hat ihre Entwicklung in solchem Tempo, mit solchen Wachstumsschüben und solchen Brüchen erlebt, keine andere in diesem Jahrhundert einen ähnlichen Verschleiß an politischen Idealen und eine ähnlichen Funktionsverlust verkraften müssen.

Eben noch die prosperierende Hauptstadt des wilhelmischen Kaiserreichs, wird Berlin zum krisengeschüttelten Experimentierfeld der ersten Republik. Eben noch Schauplatz einer von der Welt bestaunten deutsch-jüdischen Kultursymbiose, wird es zur Befehlszentrale des organisierten Mordes am europäischen Judentum. Eben noch plant Hitlers Baumeister Albert Speer seinen Ausbau zur faschistischen Welthauptstadt »Germania«, da ist es das größte zuammenhängende Ruinengebiet Europas.

Kurz darauf die Spaltung. Der Ostteil stilisiert sich umstandslos als Zentrum eines neuen antifaschistischen Deutschland, der Westteil ebenso umstandslos als Symbol der Freiheit und des demokratischen Widerstands gegen die kommunistische Bedrohung. Hier wie dort verdrängen die neuen Identitäten und die neuen Rollen rasch und gründlich die Erinnerung an die gemeinsame Nazi-Vergangenheit.

West-Berlin hat eine neue Rolle: Frontstadt im Kalten Krieg, Schaufenster der freien Welt. Aber diese Rolle trägt nur, solange die äußere Bedrohung anhält. Im Grunde ist sie mit dem Bau der Mauer bereits ausgespielt. Um das Ausbluten der DDR zu verhindern, nimmt die Sowjet-Union den Fortbestand West-Berlins in Kauf.

Vollends bewußt wird der Funktionsverlust der Teilstadt, nachdem mit Grundlagenvertrag und Vier-Mächte-Abkommen ihr Überleben vertraglich abgesichert ist. Die Hoffnung, West-Berlin könne nun endlich eine Stadt wie jede andere werden, erweist sich schnell als trügerisch.

Nichts ist normal. Politisch bleibt die Stadt angewiesen auf fortdauernden Besatzungsstatus, der Spielraum ihrer gewählten Politiker reduziert auf Kommunalpolitik unter erschwerten Umständen. Ökonomisch bleibt sie angewiesen auf immerwährende Alimentation aus der Bonner Staatskasse.

Gewiß: Auf dem Gebiete der Kultur ist West-Berlin mit Hilfe reicher Subventionen immer noch eine Stadt von internationalem Rang. Aber Kultur taugt nicht als Politik-Ersatz. Gewiß ist es vernünftig, die Stadt zum modernen Zentrum für Wissenschaft, Wirtschaft und Technik auszubauen. Das hilft ihrer Lebenskraft. Aber eine politische Funktion verschafft es ihr nicht. Selbst in der Deutschland- und Entspannungspolitik gibt es für West-Berlin keine eigenständige Rolle. Das Jubiläumsjahr hat es drastisch vor Augen geführt.

Zu Beginn dieses Jahres hoffte Eberhard Diepgen, mit der Einladung Erich Honeckers einen spektakulären Durchbruch zu erzielen. Die jahrelange Erstarrung im Verhältnis der beiden Halbstädte sollte aufgebrochen, West-Berlin mit einem Schlage zum passiven Objekt der Deutschlandpolitik zu ihrem aktiven Vorreiter werde. Die Hoffnung blieb unerfüllt. Als Honecker schließlich nach Bonn kam, stand Diepgens Name nicht auf seiner Gästeliste.

Deutschlandpolitik wird von den Siegermächten gemacht und von der Bundesregierung,

aber nicht vom West-Berliner Senat. Was aber dann?

Seit dem Krieg lebt die Stadt unter der Oberhoheit der Siegermächte. Dieser Vier-Mächte-Status gilt für ganz Berlin. West-Berlin, auf den Schutz der Alliierten, vor allem der Amerikaner, angewiesen, muß die Beschränkungen, die der Status auferlegt, strikt einhalten. Ost-Berlin hat sich von ihnen nach und nach befreit. Es agiert nahezu unbehindert als Hauptstadt eines europäischen Mittelstaates. Die Zeit arbeitet nicht für West-Berlin.

Politiker aller Parteien im Abgeordnetenhaus denken darüber nach, ob der schleichende Statusverlust gegenüber Ost-Berlin durch eine juristische Aufwertung der Bindungen West-Berlins an den Bund auszugleichen sei, etwa durch volles Stimmrecht der Berliner in Bundestag und Bundesrat. Aber juristische Nachbesserungen am Status würden nicht nur die Sowjet-Union auf den Plan rufen; auch die westlichen Schutzmächte sind dafür nicht zu haben.

Am Status zu drehen, bringt nur Ärger, keinen Nutzen. Viel wichtiger als das volle Stimmrecht in Bonn oder verstärkte Präsenz des Bundes in Berlin wäre für West-Berlin, daß es künftig automatisch und ohne Einschränkungen in Verträge einbezogen wird, welche die Bundesregierung mit Staaten des Ostblocks schließt.

Aber der Osten hat bisher kein Interesse daran, sein Verhältnis zu West-Berlin zu normalisieren. Es liegt an West-Berlin, dieses Interesse zu wecken. Dafür ist allerdings eine grundsätzliche Umorientierung notwendig. Peter Bender, der wie kein anderer seit Jahren über deutsche Fragen nachgedacht hat bringt diese Umorientierung auf eine präzise Formel: »Eine Politik, die nicht nur den Bestand, sondern die Zukunft des westlichen Berlin sichern soll, steht vor einer gänzlich ungewohnten Aufgabe: Sie muß sich für den Osten nützlich machen.«

Jahrzehntelang hat West-Berlin aus der entschlossenen Negation seiner geographischen Lage gelebt. Das läßt sich an wirtschaftlichen Zahlen ablesen. Nur ein Prozent der West-Berliner Industrieexporte geht bisher in die DDR, nur sechs Prozent der Einfuhren kommen aus der DDR. Die Inselstadt, die sich immer als Außenposten des Westens gefühlt hat, muß jetzt ihr Umland entdecken. Der Standortnachteil könnte sich dann allmählich in einen Standortvorteil verwandeln.

Hätte West-Berlin nicht viel zu bieten, wenn es um die Entwicklung energiesparender Techniken für die DDR, die Erneuerung von Industrien, die Lösung von Umweltproblemen, die Verbesserung der Verkehrswege geht? Müßte West-Berlin nicht seinen Ehrgeiz darauf richten, bei solchen Geschäften für Ost-Berlin die erste Adresse zu werden - als eine Art Dienstleistungszentrum für die Modernisierung der DDR?

Es mag sein, daß das Volumen des wirtschaftlichen Austauschs mit der DDR sich auf absehbare Zeit nur begrenzt steigern läßt. Der politische Wert West-Berlins für die DDR könnte sich dennoch beträchtlich erhöhen. Erst dann hätte Ost-Berlin ein Motiv, seine Blockadepolitik aufzugeben. Erst durch die Normalisierung des Verhältnisses zu seinem Umfeld würde West-Berlin frei eine Rolle zu übernehmen, die über den deutsch-deutschen Alltag hinausweist.

Nichts ist übrig von dem, was einst die Metropole Berlin ausmachte: verschwunden die Machteliten, abgewandert die Spitzen von Banken und Industrie, die Juden vertrieben oder umgebracht. Was der Stadt blieb, ist ihre geographische Lage und die Last ihrer Geschichte. Die Geographie hat sie zur europäischen Mitte bestimmt, die Geschichte zur Grenze zwischen den Weltsystemen .

Von Berlin ging einst die Politik aus, die zum Zweiten Weltkrieg und in seiner Folge zur Spaltung Europas führte. Berlin ist heute Symbol und Opfer dieser Spaltung. Könnte es in Zukunft nicht Anwalt, Vordenker, Ideengeber für das allmähliche Zusammenwachsen der gespaltenen Teile Europas werden?

Stockholm hat ein Internationales Institut für Friedensforschung, London ein Internationales Institut für Strategische Studien. Wie, wenn Berlin ein international besetztes Institut erhielte, an dem die politischen, militärischen, wirtschaftlichen und kulturellen Bedingungen für das Zusammenwachsen des geteilten Europa in ihrer Wechselwirkung erforscht und politische Modelle entworfen würden?

Der Senat hat soeben die Gründung eines »Berliner Instituts für deutsche und internationale Politik« beschlossen. Seine Aufgabenstellung ist bisher unscharf, seine Notwendigkeit umstritten. Wie, wenn es gelänge, an diesem Institut die besten Köpfe aus Ost und West zu gemeinsamer Forschung und zu öffentlicher Debatte zusammenzubringen? Wie, wenn in Berlin Gorbatschows verführerisches Schlagwort vom »gemeinsamen europäischen Haus« konstruktiv aufgenommen und inhaltlich gefüllt würde?

Wer soll der Hausherr sein, wer die Mieter? Welcher Platz ist den Vereinigten Staaten zugedacht, welcher der Europäischen Gemeinschaft? Wie lassen sich blockübergreifende politische Strukturen entwickeln, ohne daß die Bipolarität der militärischen Bündnisse aufs Spiel gesetzt wird, auf der die Sicherheit Europas ruht? Gibt es einen stufenweisen, kontrollierbaren Weg der Abrüstung von der nuklearen Abschreckung bis zu struktureller Nichtangriffsfähigkeit? Wie kann der Westen die Reform des östlichen Systems fördern, ohne die Machtbalance in Europa zu destabilisieren?

Wenn es West-Berlin gelänge, sich in dieser Rolle als Ort eines politikvorbereitenden gesamteuropäischen Dialogs unentbehrlich zu machen, dann könnten in einer zweiten Stufe beide Teile der Stadt zum Schauplatz internationaler Verhandlungen werden. Warum soll über Abrüstung, über Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa nicht dort verhandelt werden, wo ihre Notwendigkeit am deutlichsten zu erfahren ist? In einer dritten Stufe könnten West- und Ost-Berlin schließlich internationale Institutionen aufnehmen, von ständigen Vertretungen der EG und des Comecon bis zu Kontrollbehörden für konventionelle Abrüstung.

Ein solches Konzept scheint mir vier Vorteile zu bieten. Es definiert die Rolle West-Berlins nicht von der Erhaltung des Bestands her, sondern auf Zukunft hin. Es stellt die Westbindung nicht zur Disposition, sondern macht sie zur Voraussetzung für die angestrebte Aufgabe. Es akzeptiert die durch die Geschichte erzwungene Machtlosigkeit West-Berlins als Chance für eine auf das ganze Europa zielende geistige Rolle. Und es erstrebt eine Funktion für West-Berlin nicht auf Kosten und zum Schaden Ost-Berlins, sondern mit ihm gemeinsam und zu seinem Nutzen.

Nur zusammen kann aus der Stadt der Konfrontation an der Trennlinie zwischen den Blöcken die Doppelstadt in der Mitte werden, das Scharnier für die beiden Hälften des geteilten Europa.

Und was ist mit der deutschen Frage? Die ist offen wie alle Geschichte - aber nicht nach rückwärts. Nichts spricht dafür, daß in der Mitte Europas noch einmal ein Deutsches Reich entsteht. Europa hat damit keine guten Erfahrungen gemacht. Es gibt keinen europäischen Staat in Ost und West, der die Wiedervereinigung zulassen könnte. Die Präambel des Grundgesetzes wird daran nichts ändern.

Berlin kann deshalb nicht Hauptstadt im Wartestand sein. Es ist Zeit, daß wir ehrlich werden und die alten Träume begraben. Die deutsche Nation wird fortbestehen, aber für alle politisch planbare Zukunft in zwei Staaten.

Die Mauer quer durch Berlin kann dennoch keinen Bestand haben. Aber sie wird nicht verschwinden, weil der andere deutsche Staat sich irgendwann selbst aufgibt, sondern an dem Tage, an dem die DDR sich eine offene Grenze zum Westen leisten kann.

Joachim Braun
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