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Berlin: Lummer läßt räumen

Krawalle der Chaoten, rücksichtsloser Polizeieinsatz, ein toter Demonstrant - eine Woche der Eskalation für Berlin. Acht von insgesamt 157 besetzten Häusern wurden auf Geheiß des christdemokratischen Senats von der Polizei geräumt. Verschärft sich der Konflikt noch? Die Protestszene gewinnt Zulauf.
aus DER SPIEGEL 40/1981

Die Blutspuren sind nicht mehr zu sehen, Blumen liegen da. Dort, an der Kreuzung Potsdamer Straße/Bülowstraße, wo der 18jährige Demonstrant von einem Bus zermalmt wurde, versammeln sie sich am Abend.

Der Schweigemarsch ist friedlich verlaufen. Nun sitzen sie, zu Tausenden, andächtig auf der Kreuzung wie in den angrenzenden Straßen und summen oder singen leise Lieder von Joan Baez.

Dann kracht es drüben bei »Foto-Henry« und gleich darauf auch im »Drogeriemarkt Korvett«. Wie aus dem Nichts sind Chaoten da und greifen durch die zerschlagenen Schaufenster, Photoapparate fliegen auf die Straße. »Aufhören, aufhören«, tönt es aus der Menge, »laßt den Scheiß«, doch es ist zu spät. Polizei rückt an.

Binnen Minuten wandelt sich die Szene wie so oft in Berlin und wie mittlerweile fast überall in deutschen Großstädten. Blaulicht, Sirenen, es hagelt Pflastersteine, in den Straßen lodern Flammen auf -- Bilder wie aus Nordirland, aber aus Berlin, die letzte Woche mit der »Tagesschau« den Deutschen ins Haus kamen.

In Tränengasschwaden, unterm Rauchvorhang der Barrikadenbrände, verwischen sich die Konturen von gewalttätigen Chaoten und friedlichen Demonstranten -- gleich ob Bundeswehrgelöbnis, Atomwerksbau oder Hausräumung Anlaß erst der Demo, dann der Krawalle ist.

Wenn die Polizei im Einsatzwagen, wie in Berlin geschehen, mit Tempo sechzig in die Demonstranten hineinkarriolt, greifen nicht nur die Anarchos zum Pflasterstein. Und das Echo, auch dies die Regel mittlerweile, ist bundesweit.

Nach der Räumung der ersten acht von insgesamt 157 »instandbesetzten« Sanierungshäusern, nach dem Demo-Tod des 18jährigen Klaus-Jürgen Rattay demonstrierten junge Protestscharen vielerorts. In München marschierten 2000, in Hamburg 3000, und knapp hundert waren es auch im heilen Baden-Baden. In Karlsruhe brannten Müllcontainer, in Hamburg-Altona wurden geparkte Autos demoliert.

Und die Protestszene gewinnt Zulauf -- von Aussteigern, jungen Arbeitslosen, resignierten Linken, die dem bundesdeutschen Gesellschaftssystem die Lösung der wichtigen Probleme nicht mehr zutrauen. »Wo ich heute 500 verhaue, protestieren morgen 5000 dagegen«, klagte Berlins Polizeichef Klaus Hübner, und beim Hauen bleibt es eben nicht. Haß lädt sich auf.

Was die Eskalation der Gewalt mittlerweile lebensbedrohlich macht, ist die auf Zusammenprall zielende Taktik eines Aktivistenkerns. Der ist in der Protestszene nahezu aller Städte zu Hause und hilft, höchst mobil, auch auswärts aus.

Vorwiegend kommt diese Chaoten-Elite aus den militanten Flügeln von Sponti-, Punk- und Hausbesetzerbewegung. Allen gemeinsam: Die Konfrontation zwischen Demonstrantenmasse und Polizei wird planvoll geschürt und wo nötig mit Pflasterbrocken und Benzinflaschen herbeigebombt.

Nur selten einmal, daß diese Gruppen etwa nach dem Tod einer RAF-Gefolgsperson auf eigene Faust losziehen. Noch seltener, daß sie sich wie beim Berliner Haig-Besuch erst nach der Demonstration zusammenrotten und somit von der Polizei isoliert bekämpfbar werden.

In nahezu jeden Demo-Zug mischen sich die Vermummten mit Turnschuhen und Plastiktüten voller Wurfmaterial. Und wenn sie ausnahmsweise nicht mittendrin sind, wie beim Schweigemarsch am Dienstag vergangener Woche in Berlin, dann tauchen Randalierer am Rande auf.

Von dort oder aus der Mitte eben schlagen die Turnschuh-Freaks zu, wenn der große Radau auf sich warten läßt. Um die Gewalttäter zu fassen, müßte die Polizei schon mitten durch das bis dahin friedfertige Volk preschen.

In diesem Fall, er tritt über kurz oder lang regelmäßig ein, ist der Kreis geschlossen -- nun machen in großer Zahl auch die passiven Demonstrationsteilnehmer Front gegen Grün.

Wenn die Polizei die Chaoten gar links liegenläßt und rücksichtslos auf den erkennbar friedlichen Kern der Demonstranten loszieht, so entsteht die Stimmung für Straßenschlachten, wie sie am Dienstag vergangener Woche bis in die späte Nacht in Berlin tobten -- mit 20 Brandstiftungen, 93 verletzten Polizisten, 143 beschädigten Polizeifahrzeugen, über hundert verletzten Demonstranten.

Die Berliner Besetzerparole »Wer räumt, wirft den ersten Stein« (Schlagzeile des Szenenblattes »Tageszeitung") wurde prompt eingelöst. Die ersten hundert Tage der CDU-Minderheitsregierung wurden mit einem Pflasterhagel quittiert, und passe war fürs erste die Hoffnung, dem Hausbesetzer-Problem -- derzeit wichtigstes Politikum S.27 der Stadt -- mit Besonnenheit beizukommen.

Räumungen und Krawalle verschütten die Ansätze für den behutsamen Umgang mit Hausbesetzern, der einmal »Berliner Linie« genannt wurde. Wo sich regierende Sozialdemokraten wie Hans-Jochen Vogel und sein Innensenator Frank Dahrendorf um politische Feinabwägung von Nutzen und Risiko polizeilicher Aktionen bemüht hatten, langen nun ihre christdemokratischen Nachfolger, Richard von Weizsäcker und Heinrich Lummer, ohne viel zu fackeln hin.

Der von Vogel eröffnete und mühselig geführte Dialog mit der Szene, von Instandbesetzern schon mal mit freiwilligem Auszug honoriert, ist abgerissen. »Alles, was wir erreicht hatten«, sagt der Kreuzberger Horst Schattner, einer von vier »Vermittlern« zwischen Senat und Hausbesetzern, »ist jetzt kaputt.«

Zwar bestand und besteht unter Berliner Politikern nach wie vor Einigkeit darüber, daß Hausbesetzungen Unrecht sind. Im Kern unumstritten ist auch, daß irgendwann geräumt werden muß -- Frage nur, wann und, bei komplizierter Rechtslage (siehe Seite 32), unter welchen konkreten Umständen.

Den Christdemokraten und manchen Lokalblättern ging es nicht schnell genug. Der CDU-Abgeordnete Ingo Schmitt forderte »sofortige Räumung«, alles andere sei »Augenwischerei und Verwirrung der Bevölkerung«. Die »Berliner Morgenpost« drängte, wer die Besetzer nicht zwinge, beweise »Schwäche und Ratlosigkeit«. Und Elmar Pieroth, neuer Wirtschaftssenator, steuerte Visionen aus Vietnam bei: In Berlin gehe es zu »wie in Saigon«.

Lummer rechnete vor, von den Hausbesetzern sei gerade jeder dritte ein Berliner, das Gros der Bewegung bestehe aus Zugereisten. Die gesamte Problematik habe folglich »mit Berlin gar nichts zu tun« -- als ob die verfehlte Baupolitik nicht von den Berliner Regierungen mit Hilfe aller Parteien betrieben worden wäre.

Der neue Bausenator Ulrich Rastemborski versprach gleich nach Amtsantritt der Stadt, deren Verfassung »das Recht auf Wohnraum« für »jedermann« postuliert, in der aber 80 000 Bürger welchen suchen, bis 1985 würden 50 000 neue Wohnungen erstellt. Aber daß das nicht zu schaffen ist, wurde nach kurzer Zeit offensichtlich. Diesen Monat räumte Finanzsenator Gerhard Kunz ein, allein von den für dieses Jahr geplanten 7000 Wohnungen seien allenfalls 2000 fertigzustellen.

Mindestens die Perspektive des knappen Wohnraums hätte es geboten erscheinen lassen, die seit Frühjahr unter Vogel betriebene Politik nicht einfach aufzukündigen. Denn als Vogel ging, lag so etwas wie eine Gesamtkonzeption vor, das Hausbesetzerproblem en gros und friedlich zu lösen.

Besetzer, Besitzer und Berliner Regierung hatten eine aussichtsreiche Konstruktion gefunden, die einerseits den Unrechtszustand beenden, andererseits Räumungen und die damit verbundenen Risiken vermeiden sollte. Vor der Gründung stand eine »Treuhand-GmbH«, die, getragen von unabhängigen Berliner Bürgern, besetzte Häuser verwalten sollte. Ein Rahmenvertrag zwischen dem Land Berlin und der Treuhandgesellschaft formulierte die Aufgaben.

Die Gesellschaft, so der Plan, sollte sich gegenüber den Gebäude-Eigentümern in Nutzungsverträgen verpflichten, S.28 »die weitere Beschädigung der Bausubstanz durch bauliche Sicherungsmaßnahmen« zu verhindern. Die von den Besitzern unentgeltlich zur Verfügung gestellten Häuser sollten dann bis zu bestimmten Terminen von den Besetzern instandgesetzt und danach bewohnt werden.

Im »Zusammenwirken mit rechtsfähigen Vereinen«, zu denen sich Besetzer zusammenschließen sollten, wären dann »nach einer Übergangsphase vertragliche Vereinbarungen« abgeschlossen worden, die aus Rechtsbrechern ordentliche Mieter gemacht hätten.

Die Musterverträge waren schon formuliert, Senat und Besetzerrat »nach wochenlangen, nervigen Diskussionen« einig, da verlor Vogel die Wahl. Die CDU-Minderheitsregierung, angetreten mit dem Versprechen, die Häuser wieder freizukämpfen, verwarf die Pläne. Lummer: »Unrealistisch und unpraktikabel.«

Die Position des SPD-Oppositionsführers Hans-Jochen Vogel -- im Zweifel lieber mal auf Räumung zu verzichten und eine Rechtsverletzung vorübergehend hinzunehmen, als womöglich folgenschwere Straßenschlachten zu riskieren -- hält Lummer für eine »kräftige Überziehung des Opportunitätsprinzips«.

Liegen die formalen Voraussetzungen für eine Räumung vor, genehmigte Abriß- und Bauanträge, neues Nutzungskonzept und Räumungsanträge des Eigentümers, ist für den CDU-Innensenator der Aufmarsch der Polizei »zwingend geboten« -- eine Konstellation, die für jene acht Altbauten zutraf, die dann letzte Woche als erste zur Räumung bestimmt wurden.

Es waren durchweg Häuser, deren Besetzer durch Friedfertigkeit aufgefallen waren (siehe Seite 42). Es waren durchweg Häuser, deren Besetzer zusammen mit Architekten an eigenen Sanierungsplänen arbeiteten. Und es waren sechs Häuser des gewerkschaftseigenen Wohnungsbaukonzerns »Neue Heimat« darunter, in dessen Aufsichtsrat jene Sozialdemokraten sitzen, denen schon die Vogel-Linie nicht gepaßt hat.

Dem neuen Senat und der Neuen Heimat, kritisiert Vermittler Gustav Roth, Superintendent in Kreuzberg, aber fehle die »Einsichtsfähigkeit dafür, daß Instandbesetzer Konzeptionen im Kopf haben, die besser sein könnten, als alles, was auf dem Tisch liegt«. So wollten beispielsweise Besetzer, wie Roth weiß, für 758 000 Mark das Haus Knobelsdorffstraße 40 instandsetzen, die Neue Heimat habe für dasselbe Objekt 1,5 Millionen eingeplant.

Es waren zudem Häuser mit Milieu: Gebäude, in denen Alternative im »Bobby Sands-Pub« (Bülowstraße 89) und im »Cafe Knüppel« (Knobelsdorffstraße 40) rund um die Uhr die Gegengesellschaft beredeten, wo der FU-Professor Wolf-Dieter Narr über »Hausbesetzung und Rechtsstaat« doziert hatte (Winterfeldtstraße 22) und wo Strafentlassene und Junkies von hilfsbereiten Besetzern aufgefangen wurden (Bülowstraße 89).

Hätte es jene Altbauten getroffen, in denen Krawallmacher untergeschlüpft sind, wie sie aus Bremen und Hamburg zum Anti-Haig-Terror angereist waren -- eine so breite Widerstandsfront aus linken Gewerkschaftern, Liberalen, Alternativen und Kirchenleuten gegen die Räumung wäre kaum zustande gekommen. Es hätte nicht so etwas wie bürgerliche »Paten« für Hausbesetzer gegeben.

Zu dieser Opposition trug auch der Zeitpunkt bei, den Lummer für die Räumung gewählt hatte: Am 29. September wollten, was Lummer wußte, die Besetzer ihre eigenen Nutzungsmodelle veröffentlichen.

Der Räumungstermin war es auch, der SPD, FDP und Alternative im Berliner Parlament gegen Lummer einnahm: Für Donnerstag vergangener Woche war im Abgeordnetenhaus die Debatte zum Thema angesetzt -- die Polizei kam früher.

Der Senator Lummer hätte einkalkulieren müssen, daß Häuser, deren Zwangsräumung angekündigt ist, erst dadurch zu Symbolen der Bewegung werden. Die Szene empfindet den Rauswurf auch als Attacke auf neue Wohn- und Lebensformen, deren äußerer Ausdruck die Besetzung ist.

Und provozierend wirkte obendrein, daß, wie ein Besetzer es umschreibt, »Lummi uns linken wollte«. Lummer hatte seine ultimative Aufforderung zur Aufgabe auch damit begründet, einigen Besetzern sei »Ersatzwohnraum konkret angeboten worden«, die Umworbenen hätten aber abgelehnt.

Der Kreuzberger Vermittler und Stadtbaurat Werner Orlowsky weigerte sich wegen dieser Begründung, die Aufforderung Lummers zum freiwilligen Abzug den Besetzern zuzustellen; sein Kollege Schattner kommentierte, der Vorgang sei »absolut unseriös«.

Denn die angebotenen Wohnungen standen gar nicht leer: Häuser in der S.31 Schöneberger Bülowstraße etwa waren teils von ordentlichen Mietern, teils von anderen Besetzern belegt -- oder aber schon, wie in der Danckelmannstraße 43/45 a, zum alsbaldigen Abriß vorgesehen. »Wozu soll man denn instandsetzen«, fragt Vermittler Schattner, »wenn hinterher doch abgerissen wird?«

Die Situation war so verfahren, die Vorzeichen einer Eskalation waren so klar erkennbar, daß die Räumung nur noch auf eine Bestätigung schlimmer Ahnungen hinauslaufen konnte. Gewiß, Krawalle hätte es auch gegeben, wenn irgendein anderer Innensenator hätte räumen lassen.

Der Innensenator Lummer aber fügte dem Anlaß die Provokation hinzu, als er das soeben geräumte Haus Bülowstraße 89 zum Auftritt wählte, um sich zu informieren, »ob hier Instandbesetzer oder Kaputtbesetzer gehaust« hätten, und die Antwort war anderntags in Springerblättern unter Überschriften zu lesen wie: »In einem Raum stank es fürchterlich« ("BZ").

Während Lummer in dem geräumten Haus ein Pressegespräch abhielt, gab es draußen Zulauf vom nahegelegenen Winterfeldtplatz, an dem gerade drei weitere Häuser frei gemacht wurden. Als die Versammelten »Lummer raus aus unserm Haus« zu rufen begannen, ging die Polizei vor.

»Ich stand«, so schilderte später der Pfarrer Christian Müller seinem Berliner Bischof Martin Kruse die Situation, »recht dicht von der Polizeikette entfernt (circa zwei Meter), als plötzlich ohne jede Vorwarnung, ohne daß ein Grund ersichtlich war, die Polizei mit Schlagstöcken auf uns zustürmte und uns auf die nicht abgesperrte Gegenfahrbahn trieb. Die Folge war, daß eine kleine Panik ausbrach, die Menschen teilweise übereinanderstürzten und vor den anstürmenden Polizisten in Richtung Potsdamer Straße flohen.«

»Da der Fahrzeugverkehr nicht gestoppt worden war, sahen sich plötzlich Hunderte von Menschen zwischen fahrenden Autos. Ein BVG-Bus, der anfangs noch jenseits der Kreuzung in der Potsdamer Straße gestanden hatte, versuchte noch durch die Menschenmenge auf die andere Seite zu kommen.«

Alle kamen unversehrt rüber oder konnten seitwärts ausweichen -- bis auf einen, Klaus-Jürgen Rattay, 18. Er wurde von dem BVG-Bus mit dem Kennzeichen B-V 2270 erfaßt. Um 14.25 Uhr stellten Ärzte im Elisabeth-Krankenhaus den »bereits eingetretenen Tod« des jungen Westdeutschen fest.

Wie es im einzelnen zu dem Unglück kam, wurde von der Polizei so erklärt: Der junge Mann sei »auf die vordere Stoßstange« gesprungen. Er habe die bereits durch Steine demolierte Frontscheibe des Fahrzeugs »weiterhin zerstören« wollen, sei dabei abgerutscht, unter »ein Vorderrad des Busses« geraten und dann »ca. 80 m mitgeschleift worden«.

Es gibt Zeugen, die das ganz oder teilweise anders beschreiben. Einer, der unmittelbar dabei stand, ein 38jähriger Industriekaufmann, der den Fahrer schließlich zum Bremsen »eranlassen konnte, schilderte dem SPIEGEL den Hergang so: Die » » Kreuzung war noch nicht total geräumt, und es rollten noch » » ein oder zwei Pkw und ein BVG-Bus langsam über die Kreuzung. » » Als der BVG-Bus fast den Anfang der Hochbahnbrücke erreicht » » hatte, wurde ihm auf der Fahrerseite die Frontscheibe » » eingeschmissen und der Fahrer wurde auf jeden Fall von einem » » oder mehreren Steinen getroffen. Der den Kreuzungsverkehr » » regelnde Polizist winkte den BVG-Fahrer langsam weiter. Der » » saß hinter dem Steuer und schützte sich das Gesicht und den » Körper, er war schon ziemlich konfus.

» In diesem Moment, als die Polizei dann mitkriegte, daß der » » BVG-Bus bombardiert wurde, liefen die Polizisten auf die » » Kreuzung zu, um den Bus zu schützen. Die Einzelperson, die » » vorher mitten auf der Kreuzung gestanden hatte, drehte sich » » in dem Moment, als die Polizisten rausliefen, um, » » wahrscheinlich, um nicht als einzige gefangen oder verprügelt » » zu werden, und lief genau auf die Ecke des BVG-Busses und » » geriet sofort unter die Räder, unter das linke Vorderrad. Der » » BVG-Fahrer kriegte überhaupt nichts davon mit ... Er fuhr » » langsam weiter und schleifte den Mann mit. »

Der Zeuge lief auf den Bus zu: »Mensch, da hängt einer drunter, halt doch mal an.« Zu retten war der 18jährige nicht mehr.

Was sich dann in der Stadt ereignete, und bald darauf auch in westdeutschen Städten, war abzusehen und entsprach den schon festgefügten Mustern der Gewalt: In der Potsdamer Straße beantwortete die Polizei die Gewalttätigkeiten der Chaotentrupps mit Aktionen gegen die Menge -- so unvermeidlich wie der erste Steinwurf auch die Rigorosität der Polizei.

Kaum halten sich Polizeiführer noch damit auf, Softtechniken zu ersinnen oder wenigstens zu erproben, ob nicht gemächlichere Gangart vielleicht doch die Isolation der Vermummten bewirkt. Und ganz unnötigerweise setzte die Berliner Polizei in dieser Nacht nach.

Nach Mitternacht, als sich die Massen längst verlaufen hatten, vertrieben die Polizisten, die an diesem Tag auch Steine zurückgeworfen hatten, mit Tränengas und Knüppel gut hundert junge Leute, die sich noch einmal am Todesort versammelt hatten.

Solche polizeiliche Räumung ist für die Betroffenen dann zwangsläufig nichts anderes als eine grünberockte Machtdemonstration, die Ängste und Demütigung stiftet. »Keine Angst, wir kommen wieder«, tönte es aus dem Lautsprecher eines Polizeiwagens, der an den letzten Demonstranten in der Bülowstraße vorüberfuhr.

Zwei Tage später sprachen alle Fraktionen im Berliner Abgeordnetenhaus, Alternative ausgenommen, der Polizei ihren Dank aus. In ihrer aller Namen rühmte der Vorsitzende des Parlamentarischen Ausschusses für Sicherheit und Ordnung, der Sozialdemokrat Alfred Kippschütz, »wirklich umsichtiges und insgesamt besonnenes Verhalten« der Polizei.

Für die Christdemokraten war die Hymne auf Hübners Räumungskommando selbstverständlich. Sie setzen, trotz aller Bekundungen zu »Gesprächsbereitschaft« und »Dialogfähigkeit«, ersichtlich auf die Ordnungskräfte, um die Hausbesetzer-Problematik zu lösen. Aber beides, Dialog und Polizeieinsatz, geht nicht.

Die Sozialdemokraten schienen zu Beginn der vergangenen Woche noch durchaus auf ihrer alten Linie. Nach der Räumungsaktion beschlossen sie, ebenso wie die Alternativen, einen Mißtrauensantrag gegen Innensenator S.32 Lummer und Bausenator Rastemborski einzubringen. Drei ganz rechte Fraktionsmitglieder stimmten allerdings dagegen: der Berliner DGB-Chef Walter Sickert, der frühere Tiergartener Bezirksbürgermeister Gottfried Wurche und der Weddinger Genosse Hans Mertsch.

Daß die drei ihre Basis hatten, war dann am Donnerstag zu sehen, als 3000 Bauarbeiter mit Slogans wie »Hausbesetzungen dürfen keine Arbeitsplätze vernichten« durch die Straßen zogen. Die Sozialdemokraten im Berliner Abgeordnetenhaus vergaßen ihr Mißtrauen.

Oppositionschef Vogel kam, nach Beratung mit Genossen, zu dem Schluß, den Mißtrauensantrag zurückzustellen. Er revidierte sich offensichtlich in dem Bemühen, die CDU doch noch dafür gewinnen zu können, den einst von ihm betriebenen Dialog mit der Hausbesetzer-Szene wiederaufzunehmen: »Wir erbringen im Interesse des Ziels eine Vorleistung und bitten und werben, diese zu honorieren.«

Der parlamentarisch bekundete Wille zur Gemeinsamkeit soll nun auf ganz breiter Basis vollstreckt werden. Bürgermeister von Weizsäcker rief alle gesellschaftlich relevanten Kräfte auf, den Konflikt vereint beizulegen -- »das neue große Datum in der Berliner Geschichte«, wie das Boulevardblatt »BZ« schrieb.

Nur: Die Betroffenen, die Hausbesetzer, sind nicht dabei. Ihre parlamentarischen Fürsprecher, die Abgeordneten der »Alternativen Liste«, sagten der fürs Wochenende terminierten Konsens-Veranstaltung ab: »Nein, danke.«

S.31

Die Kreuzung war noch nicht total geräumt, und es rollten noch ein

oder zwei Pkw und ein BVG-Bus langsam über die Kreuzung. Als der

BVG-Bus fast den Anfang der Hochbahnbrücke erreicht hatte, wurde ihm

auf der Fahrerseite die Frontscheibe eingeschmissen und der Fahrer

wurde auf jeden Fall von einem oder mehreren Steinen getroffen. Der

den Kreuzungsverkehr regelnde Polizist winkte den BVG-Fahrer langsam

weiter. Der saß hinter dem Steuer und schützte sich das Gesicht und

den Körper, er war schon ziemlich konfus.

In diesem Moment, als die Polizei dann mitkriegte, daß der BVG-Bus

bombardiert wurde, liefen die Polizisten auf die Kreuzung zu, um den

Bus zu schützen. Die Einzelperson, die vorher mitten auf der

Kreuzung gestanden hatte, drehte sich in dem Moment, als die

Polizisten rausliefen, um, wahrscheinlich, um nicht als einzige

gefangen oder verprügelt zu werden, und lief genau auf die Ecke des

BVG-Busses und geriet sofort unter die Räder, unter das linke

Vorderrad. Der BVG-Fahrer kriegte überhaupt nichts davon mit ... Er

fuhr langsam weiter und schleifte den Mann mit.

*

S.26Am Dienstag vergangener Woche in der Potsdamer Straße.*S.27Am Dienstag vergangener Woche in einem geräumten Haus.*

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