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Berliner Modell

aus DER SPIEGEL 10/1966

Funkensprühend überschlug sich der weinrote Ford »Zodiac« auf der Autobahn bei Hof. Dem, gestauchten Blech entwand sich leicht blessiert der Professor Hans-Joachim Lieber, Rektor der Freien Universität zu West-Berlin.

Das Unheil ereilte die Magnifizenz auf der Fahrt in den sonnigen Süden, wo Lieber einen anderen Unfall verwinden wollte, den er kurz zuvor in seinem Amt erlitten hatte.

Der Rektor war in einen Proteststurm geraten, entfacht von der Berliner Studentenschaft, die ihre geistige Freiheit von dem liberalen Philosophen Lieber unterjocht wähnt. Lieber hatte, gedrängt von einer Mehrheit der FU-Professoren, alle Räume der Universität für politische Veranstaltungen gesperrt. Die Kommilitonen, in der Hauptstadt seit je aufmüpfiger als anderswo in Deutschland, erhoben daraufhin gegen Lieber Dienstaufsichtsbeschwerde beim Berliner Senator für Kunst und Wissenschaft, Werner Stein.

Kein Zweifel: Liebers Maulkorb-Erlaß ist ein Eingriff in die Verfassung der Freien Universität - das im deutschen Hochschulrecht einzigartige »Berliner Modell«.

Anders als in anderen Universitätsverfassungen, die sauber unterscheiden zwischen Lehre und Verwaltung und den überkommenen Patriarchen-Status der Professoren nicht antasten, räumt das Berliner Modell den Studierenden beträchtliche Mitbestimmung ein. Ein Studentenkonvent vertritt die Belange der Kommilitonen, und der vom Konvent gewählte Allgemeine Studenten-Ausschuß (Asta) hat ein Mitspracherecht bei Universitätsentscheidungen. Studentenvertreter sitzen auch im »Akademischen Senat«, der die FU-Geschäfte führt; sie haben Einfluß auf die Zulassung von Studierenden, und sie kontrollieren das für die soziale Betreuung der Studentenschaft zuständige »Studentenwerk«.

Unter dem Schirm dieses Grundgesetzes entfalteten Berliner Kommilitonen eine üppige politische Aktivität. Und sie stellten sich damit von Anfang an gegen die Mehrheit ihrer Lehrer, die nicht mehr wahrhaben wollte, daß schon die Geburt dieser Alma mater im Jahr 1948 eine politische Demonstration war: Die Freie Universität soll Gegenstück zur Ost-Berliner Humboldt-Universität sein, wo der akademischen Freiheit marxistisches Zaumzeug angelegt wurde.

Den FU-Professoren paßte keine Richtung. Als nach dem Mauerbau West-Berliner Studenten mit selbstgebastelten Bomben gegen den »antifaschistischen Schutzwall« vorgingen, als Studententrupps Fluchttunnel buddelten oder den eingeriegelten Ost-Nachbarn auf andere Weise in den Westen verhalfen, forderte der damalige Rektor Heinitz den Auszug der Befreier aus dem Studentendorf.

Als später die Kommilitonen nach links rückten, schritt der Akademische Senat ein. Er unterband eine Sammlung für die algerische Befreiungsfront, eine Vietnam-Ausstellung und eine Podiumsdiskussion mit dem Schriftsteller Erich Kuby.

FU-Professor und Verfassungsrechtler Bettermann drückte die Empfindungen des Lehrkörpers aus: »Die Entpolitisierung der Universität ist das Kernproblem, mit dem sich die FU auseinanderzusetzen hat.«

Nachdem jüngst 1500 Studenten gegen die amerikanische Vietnam-Politik demonstrierten, eine Minderheit sich zu Eier-Salven auf das Amerika-Haus hinreißen ließ und zuvor gar bei einem Vortrag des Kabarettisten Neuss eine Mini-Bombe zerbarst, schaffte Rektor Lieber Remedur. Er verbot die Politik in der Universität.

Die Folgen: Berlins Asta konstatierte einen Bruch der Hochschulverfassung und trat zurück. Der für das kommende Semester bereits gewählte Asta-Vorsitzende Knut Nevermann, Sohn des abgehalfterten Hamburger (SPD)-Bürgermeisters: »Ich sehe keine Möglichkeit, mein Amt anzutreten, wenn diese Beschlüsse beibehalten werden.«

Der Politologe Sontheimer, FU-Beauftragter für politische Bildungsarbeit, erwog den Rücktritt. Der Akademische Senat nahm ihm weitere Erwägungen ab und entband ihn von seinem Amt.

Das Asta-Organ »FU-Spiegel« verhöhnte die studentische Mitverwaltung: »Wozu bitte? Den Schlägen einer wildgewordenen Universitätsverwaltung weiterhin den Hintern hinzuhalten?« Das Blatt riet den Kommilitonen ab, »jene ewig angebrannte Suppe, die das Berliner Modell ihnen einbrockt, immer wieder auszulöffeln«.

Berlins Kultursenator Stein machte sich vergangene Woche daran, den Brand an der Freien Universität mit Tinte zu löschen: In Briefen mahnte er den Asta zur Mäßigung und den Rektor zur Rücknahme der Raumsperre.

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