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NACHRUF BERNARD BARUCH 19. VIII. 1870 - 20. VI. 1965

aus DER SPIEGEL 27/1965

Neun US-Präsidenten schrieben an ihn 1200 Briefe. Winston Churchill sandte ihm 700. Er kannte fast alle bedeutenden Staatsmänner und Wirtschaftsführer dieses Jahrhunderts in Amerika, England und Frankreich - von Woodrow Wilson, Lloyd George und Georges Clemenceau bis zu John F. Kennedy.

Sein Reichtum, den er an der Börse gewann, beruhte nicht zuletzt darauf, daß er sehen und hören konnte. Er selbst rühmte sich, ein »Spekulant« zu sein: ein Mann, der »beobachten« (speculari) kann.

Sein Einfluß beruhte vor allem darauf, daß er gesehen, gehört und »beobachtet« hatte. Er wußte über die finanziellen Intimitäten der westlichen Welt mehr als jeder andere. Präsident Wilson nannte ihn »Mister Facts«.

Doch nur die westliche Welt war ihm wirklich vertraut. Deutschland und Rußland blieben ihm fremd, so wie er ihnen fremd blieb. Lenin und Stalin baten ihn je einmal um Rat. Beide Male lehnte er ab.

Hindenburg sah in Baruch, der Amerikas Rüstungswirtschaft während des Ersten Weltkriegs mitorganisiert hatte, den eigentlichen Besieger des kaiserlichen Deutschland. Hitler ließ ihn als die Personifikation der »jüdischen Weltverschwörung gegen Deutschland« abmalen. Unter Stalin galt er 1950 als »der alte Gauner«, der »die Kriegshysterie schürt, damit die Kanonenfabrikanten wieder ihre Geldsäcke füllen können«.

Angesichts der vielen Fehlgriffe amerikanischer Präsidenten, die er beriet, meinte ein amerikanischer Journalist: »Entweder gibt Baruch lausige Ratschläge oder niemand nimmt sie ernst« - und Baruch antwortete: »Dem ersten Teil möchte ich nicht zustimmen, den zweiten kann ich nicht leugnen.«

Zweimal in seinem Leben riet er zum Krieg gegen Deutschland - mit Erfolg: von 1914 und von 1934 an.

Zweimal mahnte er zu Versöhnlichkeit gegenüber Deutschland - beide Male vergebens. In Versailles 1919 warnte er vor zu hohen deutschen Reparationen, nach 1945 trat er für die deutsche Wiedervereinigung ein, ohne die es keinen Weltfrieden geben könne.

Er liebte Geld und Einfluß, aber er war weder geizig noch machtlüstern. Für die Rolle eines Politikers war er zu eigensinnig. »Ein politischer Führer«, sagte er, »muß immer über die Schulter sehen, ob die Jungs auch noch hinter ihm sind. Sind sie es nicht, ist er keiner mehr.«

In South Carolina geboren, kultivierte er die chevalereske Haltung

und den aristokratischen Lebensstil des reichen Südstaaten-Amerikaners.

Über 1,90 Meter groß, von athletischer Figur, ein Meister lakonischer Bonmots, ein Skeptiker mit einer Schwäche für große Ideale, ein passionierter Kartenspieler (er verlor einmal beim Bakkarat zehntausend Dollar) und Sportsmann, umgab er sich gern mit einem Hofstaat von Künstlern und schönen Frauen, betrieb die Jagd und das Reiten und liebte das Landleben auf seinem Gut im Süden.

Er war ein Pferde-Narr. »Noch nie hat einer, der ein Pferd besitzt, Selbstmord begangen«, meinte er. Clemenceau nannte ihn »Prince d'Israel«, Fürst Israel.

Er entstammte einer wohlsituierten Familie. Als 21jährigen stellte ihn ein New Yorker Börsenmakler ein. Zehn Jahre später war er dreifacher Dollarmillionär. Der Sieg der amerikanischen Flotte über die spanische am 3. Juli 1898 bei Santiago de Cuba brachte ihm - wie einst der preußisch-englische Sieg bei Waterloo dem

Amschel Meyer Rothschild - ein Vermögen ein.

Doch mit vierzig begann er zu zeigen, daß er mehr war als ein geschickter Börsenmakler. 1912 begegnete er dem späteren Kriegs-Präsidenten der USA, Woodrow Wilson. Der unpraktische Idealismus des damaligen Professors rührte und faszinierte den gerissenen Finanzmann. Baruch wurde zum Freund Wilsons und zum lebenslangen Anhänger des Wilsonschen Ideals einer erdumfassenden Völkerorganisation.

Noch 1946, als 76jähriger, lie er sich von Präsident Truman, den er nicht schätzte, zum US-Vertreter in der Uno-Atomenergie-Kommission ernennen. Dort legte er den sogenannten Baruch-Plan vor: den Entwurf eines Welt-Gesetzes, das einer Menschheits-Verfassung gleichkam.

Baruch schlug vor, die Herstellung von Atomwaffen zu verbieten und die Befolgung dieses Verbots durch eine Art Weltpolizei überwachen zu lassen. Gegen die Inspektion sollte kein Veto zulässig sein. Die Sowjets lehnten ab.

Sein Reichtum (nahezu eine Milliarde Dollar, schätzt man) und sein wohltemperierter Idealismus, sein Gemeinsinn und seine aristokratische Selbstironie machten ihn zu einer Lieblingsfigur der angelsächsischen Welt. »Viele Menschen«, sagte er einmal, »erkennen die Fehler anderer bloß deswegen so gut, weil sie blind für ihre eigenen sind. Ich bin einer von ihnen.«

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