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BÜRGERMEISTER / OBERHAUSEN Berühmter Tropfen

aus DER SPIEGEL 52/1970

Der Kaffee und Kuchen, auf einer Weihnachtsfeier der Arbeiterwohlfahrt am vorletzten Sonntag, sprach die alte Dame von Kam und Abel und klagte: »Man kann Menschen auch mit Worten umbringen.«

Dann verkündete Sozialdemokratin Luise Albertz, 69, Oberbürgermeister der nordrhein-westfälischen Stadt Oberhausen, 1200 Alt-Bürgern den in »zwei schlaflosen Nächten wohlüberlegten Entschluß » mit den feindlichen Partei-Brüdern im Oberhausener SPD-Unterbezirksvorstand nicht mehr zusammenzuarbeiten.

Einen Tag später unterrichtete die Alt-Genossin, seit 1915 SPD-Mitglied und Inhaberin des Oberhausener Parteibuchs Nummer eins, auch ihre Vorstandskollegen -- freilich ohne Erläuterung politischer Motive. In einem Sechs-Zeilen-Brief monierte sie »Äußerungen und Methoden bestimmter Personen und Gruppierungen.

Sorgen der Partei-Oberen, die Seniorin könne nun auf die Mitarbeit in der SPD überhaupt verzichten, zerstreute die Kommune-Chefin. Als Bundesgeschäftsführer Hans-Jürgen Wischnewski telephonisch anfragte: »Luise, was ist denn los?, beruhigte sie den Bonner Genossen: »Ich denke nicht daran, aus der Partei auszutreten.«

Für den lokalen Boykott allerdings lieferte Luise zwei Tage später auch politische Argumente. Sie prangerte die »Verwilderung der politischen Sitten« und die »zunehmende Linkstendenz in der Partei« an. »Ich wollte«, sprach Luise Albertz, »ein Zeichen für die schweigende Mehrheit setzen.«

Der Oberhausener Unterbezirks-Vorsitzende Erich Meinicke, 41, indessen sah den Albertz-Abgang in anderem Licht. »Das ist doch nur ein Generationsproblem.« Und in der Tat verbergen sich hinter dem ideologischen Konflikt machtpolitische Auseinandersetzungen zwischen der alten und jungen Parteigarde ebenso wie Rivalitäten zwischen Rathaus-Fraktion und Parteiführung der SPD.

Jahrzehntelang konnte die »ungekrönte Luise« (Günter Graß) in der Revierstadt uneingeschränkt regieren. Willi Meinicke, 64, führte Fraktion und Vorstand in Personalunion und entschied, so Jungsozialisten-Landesvorsitzender Manfred Dammeyer, wie Frau Albertz es wollte«.

Nach dem Wechsel an der Spitze des Unterbezirks von Vater Meinicke auf Sohn Erich aber war die Eintracht dahin, Der neue SPD-Ortschef beugte sich nicht länger dem Diktat des Vaters und der Fraktion. Er reklamierte »den Primat der Politik« für die Partei.

Die Unterbezirkskonferenz legte im Oktober dieses Jahres die Fraktion an die Kette und entschied, Beschlüsse der Delegiertenkonferenz seien für die SPD-Ratsvertreter bindend. Wahlbeamte hätten sich vor einer Fraktions-Entscheidung der Partei vorzustellen.

Damit spitzte sich in der Partei auch die Auseinandersetzung um Luise Albertz zu, deren ungewöhnliche politische Karriere 1946 mit dem Wahlerfolg der Sozialdemokraten in Oberhausen begann. Die damals 45jährige Sekretärin des Oberhausener Oberbürgermeisters wurde von Parteifreunden aufgefordert: »Luise, bleib gleich da« (Albertz). Sie blieb, als erstes weibliches Stadtoberhaupt, his 1948 und kehrte, inzwischen MdB, 1956 auf den Sessel des Oberbürgermeisters nach Oberhausen zurück.

Während nach der Kommunalwahl im November vergangenen Jahres in den roten Rathäusern rund um Oberhausen altgediente SPD-Stadtoberhäupter jüngeren Politikern ihren Platz räumten, kandidierte Luise Albertz erneut. Nach ihrem jüngsten Rücktritt aus dem Ortsvorstand erklärte sie: »Ich bleibe bis zum Ende der Legislaturperiode 1974.«

Jüngere Kräfte aber drängen darauf, einen zweiten SPD-Bürgermeister zu wählen, um den neuen Mann als Kronprinz von Frau Albertz aufzubauen. Der Parteivorstand hatte bereits beschlossen, auf der Unterbezirkskonferenz am Freitag vorletzter Woche die Nachfolge-Frage zu diskutieren. Doch Ende Oktober entdeckten Albertz-Getreue im Schaufenster des »K 14«, einem nach dem politischen Kommissariat der Polizei benannten Jugendklub, ein Plakat mit der Frage: »Wer wird neuer Oberbürgermeister?« Die Plakat-Autoren, nach Albertz-Überzeugung »Jungsozialisten«, führten fünf Kandidaten auf und vermerkten: »Wünsche und Anregungen werden hier entgegengenommen.«

Die Oberbürgermeisterin fand: »Das geht zu weit«, und ihre Fraktions-Gefolgschaft beeilte sich, ihr »einstimmig vorbehaltloses Vertrauen« auszusprechen. Willi Meinicke, Fraktions-Chef seit 24 Jahren. ließ eine Vertrauenserklärung in die SPD-nahe »NRZ« einrücken: Die Fraktion wünsche Frau Albertz »Kraft und Gesundheit, um auch mit einem solchen Pamphlet fertig zu werden«. Nach der Plakat-Affäre verschonten die Sozialdemokraten Frau Albertz vor einer Nachfolgediskussion und setzten das Thema von der Tagesordnung der Unterbezirks-Konferenz ab.

Statt dessen gab es neuen Parteihader um den Albertz-Mitstreiter Willi Meinicke. Junggenosse Helmut Hemmert hatte in der Jugendzeitschrift »Wanted« polemisiert, »mit Elementen wie WM, die auf« korrupte Art und Weise sich auf der Basis der Ämterhäufung der Mehrheit der Genossen versichern«, werde es zu einer echten Demokratie nicht kommen. Vor den Parteitags-Delegierten mußte sich Vater Meinicke gegen die »bösartigen Beleidigungen« verteidigen, und Frau Albertz war über die »fehlende Reaktion des Vorstandes tief enttäuscht«.

Ihre parteigetreue Linie wurde dagegen von einer großen Mehrheit unterstützt. In einer Entschließung forderten Oberhausens Sozialdemokraten den Einsatz aller juristischen und politischen Mittel im Kampf gegen die NPD und die »Aktion Widerstand«, untersagten Sozialdemokraten jedoch zugleich jede Zusammenarbeit mit den Kommunisten.

Trotz ihres eindeutigen politischen Sieges sah Frau Albertz in den »polemischen Auseinandersetzungen« den »berühmten Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt«

Nach 55jähriger »progressiver Parteiarbeit« hatte sie es »satt«, sich von einer »kleinen intoleranten Gruppe in die faschistische Ecke drängen zu lassen«. Unterbezirksvorsitzender Erich Meinike und Juso Dammeyer freilich vermuten hinter dem Albertz-Verzicht einen wohldurchdachten Plan: »Luise Albertz will den Rücktritt des gesamten Vorstands provozieren.«

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