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RUNDFUNK Beschämende Form

Die Rundfunkgewerkschaft fordert die Abberufung eines NDR-Direktors. Der Christdemokrat hatte Uwe Barschel beraten und bis zuletzt verteidigt. *
aus DER SPIEGEL 12/1988

Gegen Mitternacht traf die Einladung telephonisch bei dem leitenden Rundfunkangestellten Thomas Bernd Stehling im holsteinischen Aumühle ein. Der Holsteiner CDU-Bundestagsabgeordnete Rolf Olderog bat den Juristen, am nächsten Morgen um neun an einem Gespräch in der Möllner Villa des Ministerpräsidenten Uwe Barschel teilzunehmen. Stehling tat, wie ihm geheißen.

Barschel lud Stehling, 37, Funkhausdirektor des Norddeutschen Rundfunks in Hannover, zu einem Krisengespräch in die gute Stube. Schon tags zuvor hatte Stehling im Radio von der SPIEGEL-Veröffentlichung über »Barschels schmutzige Tricks« gehört; er war auch spontan, wie er versichert, von Aumühle zu einer Barschel-Pressekonferenz ins benachbarte Herrenhaus Steinhorst gefahren. Barschel erklärte dort, die Vorwürfe seien »erstunken und erlogen«.

Die Möllner Krisenrunde, an der neben Stehling und Olderog auch Barschel-Mitarbeiter Herwig Ahrendsen und der damalige Kieler CDU-Generalsekretär Rolf Rüdiger Reichardt teilnahmen, schafft dem NDR-Direktor, der vor Ahrendsen stellvertretender Regierungssprecher in Kiel war, heute Probleme.

Nach öffentlichen Hinweisen auf Stehlings Doppelrolle forderte der Gewerkschaftstag der Rundfunk-Fernseh-Film-Union (RFFU) in der IG Medien vorletzte Woche den NDR-Verwaltungsrat einstimmig auf, den Funkhauschef seines Amtes zu entheben. Die »nebenberufliche Tätigkeit« als »Barschels Krisenberater«, hieß es in einem Flugblatt des RFFU-Verbands Norddeutschland, sei »eine Perversion des Amtes«.

Stehling fragt dagegen, »was der für einen Charakter hat, der sich in einer solchen Situation als Ratgeber verweigert hätte«. Schließlich sei er von Barschels Unschuld überzeugt gewesen.

Seine Ahnungslosigkeit hat der einstige Barschel-Beamte allerdings unnötig verlängert. Noch am Todestag Uwe Barschels, als Ehrenwort und Unschuldsbeteuerungen längst schwer erschüttert waren, trat Stehling in einem NDR-Beitrag _(Am 12. September 1987 auf Gut ) _(Steinhorst. )

für seinen früheren Dienstherrn und Duzfreund ein: »Uwe Barschel selbst hatte bis zuletzt die Hoffnung, seine Unschuld nachweisen zu können.«

Die RFFU wies vorletzte Woche auf diesen Beitrag hin, in dem Stehling nicht informierte, sondern desinformierte. Selten wurde in einer öffentlich-rechtlichen Anstalt so offenbar, wie ein leitender Redakteur sich als heimlicher Fürsprecher und Apologet eines Regierungschefs betätigt. Kommentator Stehling am 12. Oktober 1987: _____« Noch fällt es schwer einzusehen, weshalb es angeblich » _____« einer anonymen Anzeige bedurfte, um behauptete » _____« Unregelmäßigkeiten bei der Steuererklärung von » _____« Oppositionsführer Engholm nachzuweisen ... Die CDU in » _____« Schleswig-Holstein muß sich fragen lassen, was sie » _____« eigentlich veranlaßt hat, den Mann, dem sie soviel zu » _____« verdanken hat, in dieser beschämenden Form » _____« fallenzulassen. »

Damit reihte sich CDU-Mann Stehling in den Reigen der Barschel-Berichterstatter ein, deren verharmlosende und vernebelnde Darstellungen dem NDR damals eine einmütige Rüge der ARD-Chefredakteure einbrachte - wegen »tendenziöser« und »parteilicher« Darstellungen. Der Hannoveraner fiel damit, abseits der Brennpunkte des Affärengeschehens, nur nicht so auf wie etwa sein Amtskollege und Parteifreund Henning Röhl in Kiel oder seine Parteifreundin Ulrike Wolf, Chefredakteurin des NDR-Fernsehens in Hamburg.

NDR-Intendant Peter Schiwy, Jurist und Christdemokrat, hatte zwar »die Professionalität« zum »ersten Kriterium aller Entscheidungen personalpolitischer Art« erklärt. Doch erst kürzlich drückte er, als ginge ihn sein Spruch nichts mehr an, den Gefälligkeitsjournalisten Röhl als Chef von »Tagesschau« und »Tagesthemen« gegen den Profi Fritz Pleitgen durch (SPIEGEL 6/1988).

Jurist Stehling war in ähnlichem Tempo wie Röhl und Frau Wolf auf der CDU-Leiter nach oben geklettert. Zunächst diente er dem Ostholsteiner CDU-Bundestagsabgeordneten und späteren Bundespräsidenten Karl Carstens als Assistent, dann rückte er 1983 als Regierungsrat in die Pressestelle der Kieler Staatskanzlei ein. Danach war er unter Schiwy-Vorgänger Friedrich Wilhelm Räuker 31 Monate Leiter des NDR-Intendantenbüros.

Der Blitzaufsteiger pendelte 1986 zurück in die Kieler Regierungspressestelle und avancierte zum engen Vertrauten Uwe Barschels, den er seit seinem 16. Lebensjahr aus der Jungen Union kannte. Bald nach Beginn der Barschel-Affäre kursierten in Kiel Gerüchte, Stehling sei auch an unsauberen politischen Manövern gegen die Opposition beteiligt gewesen, wie sie der spätere Medienreferent Reiner Pfeiffer dann verschärft habe. Doch Stehling erinnert sich »an keinen Fall, in dem in eklatanter Weise Grenzen überschritten worden sind«.

Nach acht Monaten an Barschels Seite verließ der Intimus den Regierungschef. Peter Schiwy, ein Stehling-Bekannter aus NDR-Zeiten, zog ihn bei seinem eigenen Aufstieg in leitende Positionen mit: als Programmdirektor zum Rias, dann als Funkhausdirektor zum NDR. Barschel, sagt Stehling, sei über den abrupten Weggang verstimmt gewesen. Er habe den Ministerpräsidenten deshalb erst nach über einem Jahr, am 12. September in Steinhorst, wiedergesehen.

Die schnelle Karriere, mal in der Staats-, mal in der Senderbürokratie, offenbart eine typische Schwachstelle des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Während unabhängige Redaktionen auf kritische Distanz zu den Regierenden bedacht sind, ist die Nähe zur Macht für Rundfunkjournalisten geradezu förderlich. Dies gilt besonders für neokonservative Aufsteiger in der Ära Helmut Kohls, der Medienpolitik als parteigesteuerte Karriereplanung für unionsgeneigte Leute versteht.

Stehling war allerdings geschickt genug, seinen Weg nach oben nicht nur nach rechts abzusichern. Sozialdemokraten gegenüber gab er sich so verbindlich, daß wohl schon deshalb seine Rolle in der Barschel-Affäre bislang kaum beachtet wurde.

Er selbst versichert, eine »so stark politische Tätigkeit« wie bei Barschel habe seiner »Unabhängigkeit im Denken und Handeln« widersprochen. Hannoversche SPD-Leute glauben beobachtet zu haben, »daß er nicht wie sein Vorgänger gewillt ist, vor der Staatskanzlei des Ministerpräsidenten Ernst Albrecht einfach strammzustehen«. Auf einer Mitarbeiterversammlung im Funkhaus Hannover fand die RFFU-Forderung nach Stehlings Ablösung letzte Woche denn auch wenig Resonanz.

In Kiel war schon der Barschel-Untersuchungsausschuß an dem früheren Pressebeamten nicht weiter interessiert gewesen. CDU-Generalsekretär Reichardt begründete Stehlings Teilnahme an Barschels Möllner Krisenrunde zur Erheiterung der Abgeordneten so: »Wir haben Freunde mit allen möglichen Berufen, und dazu zählt auch Herr Stehling.«

Am 12. September 1987 auf Gut Steinhorst.

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