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KURTAXE Beschwer am Meer

Mit sprunghaften Erhöhungen der Kurtaxe machten sich Kurorte bei ihren Gästen unbeliebt. In Schleswig-Holsteins Seebädern, ergab ein Gutachten, treibt maßlose Verschwendung die Tax-Sätze nach oben.
aus DER SPIEGEL 32/1978

Ein Hamburger Kleinrentner, in die Sommerfrische nach Norderney gereist, erregte sich über »echten Wucher« und jammerte: »Wir können das Geld nicht von den Bäumen pflücken.« Weit es so ist, kann er sich mit seiner Frau nun nur »jeden zweiten Tag ein Mittagessen« auf der Insel leisten.

Eine Hausfrau aus dem fränkischen Coburg, die sich von jeher als »Nord- und Ostsee-Fan« fühlt, will ihren drei Kindern den Appetit nicht verderben und kann sich deshalb die Ferienreise an die deutsche Küste »nicht mehr leisten« -- die Familie fährt neuerdings nach Dänemark.

Die Klagebriefe über Verzehr- und Verweilnöte an norddeutschen Gestaden gelten einem Zahlzwang für Urlauber, der neben Reise-, Speise- und Logiskosten pauschal zu erfüllen ist und wegen sprunghaft steigender Pro-Kopf-Sätze seit Jahren immer mehr ins Geld geht: der Kurtaxe.

Adressiert waren die Protestschreiben gegen den »Nepp mit der Natur« an den Kieler Oppositionsführer Klaus Matthiesen -- erste Reaktionen auf eine Umfrageaktion« mit der die schleswig-holsteinische SPD das Echo auf eine seit langem von ihr erhobene Forderung erkunden will: Abschaffung der »unsozialen und familienfeindlichen Abgabe« (Matthiesen).

Letzte Woche brachte die Partei 30 000 Rückantwortkarten (mit einer Antwortskala von »unbedingt wichtig« bis »sollte bleiben, wie es ist") an der See in Umlauf. Und gleich gab es von Rentnern wie Hausfrauen ersten Applaus fürs Abschaffen.

Zum Reizthema der Touristennation haben die westdeutschen See- und Kneippbäder« luft- und heilklimatischen Kurorte die ihnen gesetzlich genehmigte Aufwandsentschädigung selbst hochgeschaukelt. Denn die kommunalen Kurpolitiker langten fortwährend mit Zuschlägen hin, deren Ungeniertheit an die diversen Diätenerhöhungen der Landtags- und Bundestagskollegen erinnert.

So erhöhten den Taxpreis pro Person und Tag (seit Sommer letzten Jahres): Schönberg an der Ostsee von 1,10 auf 1,90 Mark, Grömitz von drei auf 3,50 Mark, Westerland/Sylt -- als Spitzenreiter -- von 3,80 auf volle vier Mark. Macht für Eltern mit zwei Kindern in zwei Wochen 126 Mark.

Doch nicht allein die Großzügigkeit mit fremdem Geld sorgt für Beschwer am Meer, sondern auch die unverfrorene Art der Beitreiberei. Damit sich nur ja kein Drückeberger über die Düne ans Meer schleicht, ließen Gemeinden wie Scharbeutz, Norderney und Timmendorfer Strand ihre Badeufer mit Drahtzäunen umzingeln und an den Durchgängen von Kassierern (Gästespott: »Vopos") bewachen.

Der besonders umstrittene fünf Kilometer lange Timmendorf-Zaun dient, wie Bürgermeister Karl-Heinz Langreen (CDU) versichert, vor allem dem Pflanzenschutz auf der Vordüne -- obwohl ausgerechnet dort im Frühjahr beiderseits des Maschengitters erst einmal auf einem meterbreiten Dünenstreifen die Pflanzen von der Baukolonne herausgerissen wurden. Eine mitbestellte Stacheldrahtkrone ließ Langreen nach Bevölkerungsprotesten ("DDR-Grenze") dann doch wieder abmontieren. Aber, sagt einer von der »Bürgeraktion Timmendorfer Strand«, »vielleicht kriegen wir ja bald Selbstschußanlagen«.

Der Hamburger Pädagogik-Professor Horst Opaschowski, Leiter des Deutschen Instituts für Freizeitforschung, war beim Anblick des Zauns schockiert: »Ein Urlaubsgetto.« Die »kontaktfeindliche« Zasterschranke widerspreche »allen Erkenntnissen der modernen Urlaubsforschung«.

Denn physisch und psychisch schränke die Absperrung den Aktionsradius der Badegäste ein, bewirke »eine Inaktivität, eine Immobilität der Urlauber«. Statt deutsche Touristen auf die »frei zugänglichen Strände in Skandinavien« zu vertreiben, meint der Autor einer »Freizeitstudie« für die Bonner Regierung, solle man auf die Kurtaxe lieber ganz verzichten und sich Extraleistungen im Kurbetrieb auch extra bezahlen lassen.

Bürgermeister Langreen allerdings macht, wie viele seiner Bäderkollegen von Waterkant und Binnenland, für die Eintreibung gewichtige Gründe geltend: rote Zahlen der Kurverwaltung, Jahr für Jahr. Und zu deren Deckung, »für Herstellung, Anschaffung, Erweiterung und Unterhaltung der zu Heil- oder Kurzwecken im Kurgebiet bereitgestellten Einrichtungen und Anlagen sowie für die zu diesem Zweck durchgeführten Veranstaltungen«, ist die Kurtaxe in Gesetzen aller Bundesländer in der Tat vorgesehen.

Der »öffentlich-rechtliche Zwangsbeitrag«, erläutert Ministerialrat Ekkehard Link vom Düsseldorfer Innenministerium, dürfe »als Gegenleistung für die Möglichkeit der Nutzung« von Kureinrichtungen erhoben werden -- egal, ob sie tatsächlich genutzt werden oder nicht. Von solchem Lastenausgleich für diejenigen, »die von dem Angebot Gebrauch machen« (Link), durch alle anderen Gäste am Ort sollen vor wohl 500 Jahren erstmals die Trinkhallen und Badehäuser von Bad Pyrmont, Baden-Baden und Karlsbad profitiert haben.

Heute trägt die Kurtaxe, wie ein Bäder-Gutachten der Düsseldorfer »Wirtschaftsberatung AG« (Wibera) bestätigt, mit Millionenbeträgen zum Auf- und Ausbau der »aus sozial- und gesundheitspolitischer Sicht zu schaffenden Einrichtungen« in Sec- und Heilbädern bei -- als da sind: Kurmittelhäuser und Kliniken, Strandanlagen und Schwimmbäder, Kurparks, Lesezimmer und Vortragssäle. Und die Kosten, bilanziert Wibera-Gutachter Professor Eberhard Laux seine Etat-Untersuchungen in vierzehn schleswig-holsteinischen Bädern, haben binnen zehn Jahren »kräftig zugenommen«.

Das allerdings kam, wie die im Auftrag des Kreises Ostholstein erarbeitete Studie ausweist, nicht nur von selbst. Das interne, bislang sorgsam gehütete Papier, finanziell unterstützt vom Kieler Innenministerium und vom Fremdenverkehrsverband Schleswig-Holstein, enthüllt am Modell der untersuchten fünf Nordsee-, fünf Ostsee- und vier Binnenlandbäder das Ergebnis eines planerischen, fiskalischen und fremdenverkehrspolitischen Fiaskos.

In völliger Verkennung des erreichbaren Fremdenverkehrs- und Haushaltsaufkommens, betriebswirtschaftlich ahnungslos und ohne Rücksicht auf die Folgelasten wirtschafteten Kurdirektoren und Bürgermeister mit Prestigeobjekten und vermeintlichen Touristenattraktionen blindlings drauflos. »So ist zumeist«, ergab das Gutachten, »wegen einer fehlenden Kostenstellenrechnung (Betriebsabrechnung) nicht bekannt, bei welchen Einrichtungen und in welcher Höhe der Verlust entsteht.«

Kurzerhand versuchen die Gemeindeväter nun, die Erlöse aus der Kurtaxe zu steigern -- mit geringer Aussicht auf Besserung. Denn, so die Wibera-Gutachter: »Die bestehenden Überkapazitäten in den bereits geschaffenen Einrichtungen und die fixen Folgelasten hierfür lassen sich nachträglich auch nicht mehr beseitigen.« Statt dessen riskieren die Kurorte nun auch noch, bei der Kurtaxe zu überziehen und die Gäste, die sie so dringend brauchen, zu verprellen; im nahen Dänemark etwa gibt es das Zwangsgeld nicht.

Auch Karl-Heinz Langreen, mittlerweile als »Zaunkönig« von Timmendorfer Strand verspottet, sucht durch die verschärfte Tax-Kontrolle am Draht das jährliche Defizit einer dreiviertel Million hereinzuholen. Doch schon denkt er an neue kostspielige Projekte -- eine Eislaufbahn, ein Kurzentrum für den Ortsteil Niendorf, ein Vorsorgezentrum, einen Landschaftspark.

Der Grundgedanke -- und Grundfehler -- der ehrgeizigen Küstenstrategen war es, den Ganzjahresbädern von Ems bis Badenweiler Wintergäste in ihr rauhes Seeklima abwerben, jedenfalls aber mit ihren teuren Kurzentren zusätzliche Besucher außerhalb der Hauptsaison gewinnen zu wollen.

»Vertretbare wirtschaftliche Ergebnisse« (Gutachten) erreichten damit allenfalls die Nordseebäder, die sich für Vertragsabschlüsse mit Versicherungen über die Zuweisung von Sozialversicherten nicht zu schade waren. Die Ostseebäder, wiewohl großenteils nah beieinander gelegen, konnten sich nicht einmal zu koordiniertem Miteinander entschließen. Es gibt keinen kostensparenden Spielplan gemeinsamer Kurorchester, keine Absprachen etwa über den Bau teurer Hallenbäder, die nun dicht an dicht -- und vielfach unrentabel -- an der Küstenstraße stehen. In einem neugebauten Bad in Niendorf sollen wegen Besuchermangels die Öffnungszeiten verkürzt werden.

Wenigstens die Strandkorbvermietung, bislang nahezu leistungslose Erwerbsquelle für privilegierte Konzessionäre, sollten die Ostsee-Kurorte künftig »in eigene Regie« übernehmen, empfehlen die Gutachter. Denn die Nordseebäder können mit den »beträchtlichen Überschüssen« ihrer kommunalen Strandkörbe »nahezu die Fehlbeträge der übrigen Betriebsbereiche abdecken«.

Das nämlich hat sich bei der ganzen monströsen Wurstelei eindeutig herausgestellt: In erster Linie sind die Seebäder und Luftkurorte im Nordstaat wie eh und je als ebensolche und »erst in zweiter Linie wegen ihrer übrigen Kureinrichtungen« (Gutachten) gefragt. Mithin lassen sich »die Belastungen aus dem Kurbetrieb«, soweit er nicht sorgfältig auf örtliche Gegebenheiten und vorhandenen Bedarf abgestimmt ist, durch zahlendes Publikum auch nicht genügend ausgleichen.

Zur Kasse aber wird nun die große Mehrheit all jener Kurtaxenzahler gebeten, die der neue, teure Schnickschnack gar nicht interessiert, sondern allein Sand und See -- also jenes Stück Natur, das nun auch noch hinter Zäunen verschwindet.

Dem Oppositionschef Matthiesen kommt dabei zustatten, daß sein Parteifreund Kurt Schulz, Bürgermeister im sparsamer wirtschaftenden Eckernförde, kürzlich gegen Proteste anderer Seebäder und Kritik von der CDU die Abschaffung der Kurtaxe verkündete. Von den Einnahmen, 145 000 Mark, hatten der Verwaltungsaufwand und die Personalkosten für die Strandwächter ohnehin mehr als 90 Prozent aufgefressen.« Ein Beibehalten«, meint Schulz daher, lohne sich »wirtschaftlich einfach nicht«.

Auch für die Landtagswahl im April bietet das Wibera-Gutachten dem Spitzenkandidaten Matthiesen Argumente zur Genüge. Die CDU-Regierung von Landeschef Gerhard Stoltenberg hat es nämlich an »Entscheidungshilfen aus überörtlicher Sicht« fehlen lassen. Die Verschwendungssucht, von Kiel großzügig finanziert, »hätte bei der Zuschußgewährung ausreichend berücksichtigt werden müssen« -- durch Verweigerung der Mittel.

Nun bleibt den verschuldeten Gemeinden nur, durch eine von den Gutachtern »dringend« empfohlene Kooperation -- von gemeinsamen Arbeitskolonnen bis zur Betriebsgesellschaft überörtlich geplanter Kureinrichtungen -- die Fortsetzung der kostspieligen Eigenbrötelei zu vermeiden.

Für die bisherigen irreparablen Defizite aber muß abermals die Kieler Regierung einspringen. Denn auch durch ständig steigende Kurtaxen, resümiert das Gutachten, sind die notwendigen »Erlösverbesserungen ... nicht zu erreichen«.

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