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Ost-West-Handel Besondere Beziehungen

Muß Erich Honeckers Westgeld-Beschaffer Schalck doch ins Gefängnis? Lange verschlossene Geheimdienstakten belasten ihn.
aus DER SPIEGEL 49/1993

Die Agenten vom Bundesnachrichtendienst (BND) in Pullach bei München verteilen Noten wie Lehrer und Buchstaben wie Eierhändler, wenn es um die Zuverlässigkeit eines Informanten und den Wahrheitsgehalt einer Nachricht geht.

Die Zensur 1, in der Schule »sehr gut«, bedeutet, daß die Meldung »von anderer Seite bestätigt« sei; 6 ist mies, »unbewertbar«. Wer den Stempel »A« bekommt, hat die Zuverlässigkeit auf der Stirn, »F« ist jeder Pennbruder, der nur Geld braucht.

»Schneewittchen« muß von der Güteklasse 1A gewesen sein. Fünf Wochen lang, vom 22. Januar bis zum 18. Februar 1990, plauderte die Quelle aus, was das Zeug hielt.

Hinter dem Decknamen verbarg sich der gewichtige Deviseneintreiber der DDR-Regenten, Alexander Schalck-Golodkowski, der sich beizeiten in den Westen abgesetzt hatte. Der Herr über ein weitverzweigtes Konglomerat undurchsichtiger Firmen im Ost-West-Geschäft, das Imperium Kommerzielle Koordinierung (KoKo), sah es nun als seine »staatsbürgerliche Pflicht«, sich zu offenbaren. Es war wohl auch Dankbarkeit, denn Schalck, heute 61, teilte das Schicksal der Märchenfigur: verstoßen, geflüchtet, versteckt, gerettet.

Schalck redete über die Struktur des ominösen Apparats, über internationalen Waffenhandel und illegalen Transfer von Hochtechnologie. »Schneewittchen«, resümierte ein BND-Anwerber, sei »äußerst kooperativ« und mache »präzise, wenn auch weitschweifende« Angaben. Fazit der Nachrichtendienstler: Die Auskünfte »waren, soweit sie überprüft werden konnten, richtig«.

Um Schalcks Erzählungen zu verifizieren, brauchten die Geheimdienstler sich nicht sonderlich anzustrengen: Ein Gang in den Archivkeller genügte.

Dort lagerten schon seit Jahren Leitz-Ordner mit den Aussagen zweier Überläufer aus der DDR. Doch erst seit Mittwoch voriger Woche liegen sie in ihrer Gesamtheit auch dem Bonner Untersuchungsausschuß vor, der die Machenschaften der KoKo seit zweieinhalb Jahren durchleuchtet.

Bislang hatten sich BND und Bundesregierung geweigert, das Material herauszurücken - offenbar, um Schalck zu schonen. Andere Gefolgsleute Erich Honeckers, wie etwa der Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, sitzen in Haft oder standen, wie Ex-Spionagechef Markus Wolf, vor Gericht. Schalck dagegen erfreut sich seines unbehelligten, von einem Fleisch- und Bier-Baron gesponserten Lebens im schönen Rottach-Egern.

Eine Zeitlang behauptete der Geheimdienst sogar gegenüber der Karlsruher Bundesanwaltschaft, die gegen Schalck wegen des Verdachts der Spionage ermittelt, »weitergehende Erkenntnisse«, etwa »über nachrichtendienstliche Aktivitäten«, gebe es nicht.

Genau das Gegenteil ist der Fall. Die jetzt komplett vorliegenden Protokolle der früheren KoKo-Mitarbeiter Günter Asbeck, 1989 verstorben, und Horst Schuster zerstören endgültig das Bildnis vom biederen Handelsmann. Vielmehr verdichtet sich der Verdacht, daß der Stasi-Oberst mit dem Generalssold und sein Bereich KoKo wichtiger Teil des DDR-Spionagenetzes waren.

Möglicherweise bringen die Akten auch die Berliner Staatsanwälte voran, die wegen des Verdachts der Steuerhinterziehung, des Embargobruchs und der Untreue im Zusammenhang mit der Versorgung des Bonzen-Ghettos Wandlitz ermitteln. Die Staatsanwaltschaft will, so ihre letzte Planung, spätestens im Frühjahr 1994 die Anklagen präsentieren.

Mitglieder des Bonner Untersuchungsausschusses, vor allem Abgeordnete der Opposition, fühlten sich vorige Woche auf den Arm genommen. »Mit diesen Unterlagen«, kritisierte der SPD-Obmann Andreas von Bülow, »hätten wir unsere Arbeit schneller und zielgerichteter erledigen können.«

Nun verlangt er von Union und FDP, die Beweisaufnahme zu verlängern. Eigentlich sollte am Freitag voriger Woche, am 170. Sitzungstag und Schalcks letzter Anhörung, Schluß sein.

Unmittelbar nach dessen Flucht aus der DDR im Dezember 1989 hatte die Bundesanwaltschaft, Aktenzeichen 3 ARP 310/89-3, einen sogenannten Beobachtungsvorgang angelegt. Ein »Anfangsverdacht«, der die Einleitung eines förmlichen Ermittlungsverfahrens gerechtfertigt hätte, existierte nicht.

Trotz Anfragen wollten weder der BND noch das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz (BfV) irgend etwas Erhellendes über Schalck beitragen. Erst Ende August 1991 konnten die Karlsruher Bundesanwälte das Verfahren offiziell beginnen - ihnen war, eher zufällig und aus privater Hand, eine Schalck-Notiz aus dem Jahr 1985 zugesteckt worden. Darin hatte er dem Stasi-Chef Erich Mielke über den Aufbau eines Agenten- und Helfernetzes im Westen Deutschlands berichtet.

Wieder nur durch Zufall erhielt ein Jahr später die Bundesanwaltschaft Kenntnis von der Aussage eines Mannes, der vor seiner Flucht über Ungarn einer der engsten Mitarbeiter Schalcks gewesen war: Günter Asbeck, Chef der Außenhandelsfirma Asimex und selbst ein Mann der Stasi-Hauptverwaltung Aufklärung (HVA).

Der KoKo-Boß, berichtete Überläufer Asbeck bereits 1981 dem BND, habe als hauptamtlicher Stasi-Mitarbeiter direkten Zugang zu Mielke gehabt und »besondere Beziehungen« zum Spionage-Chef Markus Wolf gepflegt. Persönlich habe Schalck eigene Mitarbeiter und westliche Geschäftspartner den HVA-Spähern empfohlen - was er kategorisch abstreitet.

Asbeck konnten die Karlsruher Ermittler nicht mehr vernehmen. Statt seiner hörten sie den ehemaligen BND-Befrager als Zeugen. Danach stand für die Bundesanwaltschaft fest: _____« Der Beschuldigte Dr. Schalck hielt einmal jährlich in » _____« der KoKo-Zentrale eine Versammlung mit den leitenden » _____« KoKo-Mitarbeitern ab, in der er in Anwesenheit eines » _____« HVA-Offiziers die Jahresaufgabenstellung des Leiters der » _____« HVA, Markus Wolf, bekanntgab. » _____« An erster Stelle der von Schalck bekanntgegebenen » _____« Schwerpunktziele standen . . . Personeninformationen, an » _____« zweiter Stelle Informationen über Dienststellen und » _____« Organisationen der Bundesrepublik Deutschland » _____« einschließlich gegnerischer Nachrichtendienste, an » _____« dritter Stelle politische Informationen, an vierter » _____« Stelle wirtschaftliches »Knowhow« und gleichrangig damit » _____« Informationen auf dem Gebiet Technik und Wissenschaft. »

Der BND-Mitarbeiter erklärte zudem von sich aus, ein weiterer Deserteur könne Asbecks Angaben erhärten: Horst Schuster, 1983 vom BND ausgeschleuster Chef der KoKo-Firmen Kunst & Antiquitäten und Berag.

Karlsruhe zog die Akte in Pullach und wurde fündig: Schuster komplettierte mit Liebe zum Detail und gutem Gedächtnis Asbecks Angaben über west-östliche Müllgeschäfte, Geldschiebereien und Waffendeals, lieferte gleich im Dutzend die Namen inoffizieller HVA-Mitarbeiter und Angaben über westliche Firmen, die auf halbseidenem Weg mit KoKo Geschäfte machten.

Schuster, das belegen die Unterlagen, war glänzend im Bild. So wußte er beispielsweise, daß 1983 der »vom MfS kontrollierte Bereich Kommerzielle Koordinierung . . . im ersten Halbjahr sinkende Einnahmen in der Devisenkasse zu verkraften« habe - sehr zum Unwillen von Manfred Seidel, Stellvertreter Schalcks und KoKo-Kassenwart.

Der Finanzjongleur unterhielt, wie der Chef selbst, im Ausland eigene Konten, auf die schwarze Gelder aus Provisionsdeals geflossen seien. Schuster erinnerte sich an zwei - Nummer 81.202 P.F. beim Schweizer Bankverein in Genf und Nummer 05-702 779.1 bei der gleichen Bank in Lugano.

Mit seinen Konten, auf denen sogenanntes Bewegungsgeld gebunkert war, hatte Schalck Pech. Nach der Flucht soll Asbeck, der eine Vollmacht besaß, kräftig abgeräumt haben - eine Stasi-Quelle spricht von 20 Millionen Mark. Y

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