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USA Besondere Freude

In Dallas, wo sonst, traf sich die Internationale der Antikommunisten. *
aus DER SPIEGEL 41/1985

Die Stimmung im Kristall-Saal des Registry-Hotels von Dallas war prächtig. 600 Gäste, fein gekleidet, wohlgenährt und überwiegend körperlich unversehrt, feierten ein erlesenes Abendessen lang die zuweilen blutigen Taten für den angeblich unaufhaltsamen Fortschritt der Freiheit: die Kriege antikommunistischer Guerillatruppen in aller Welt.

Ihre Begeisterung riß die Tafelnden immer wieder applaudierend von den Stühlen: etwa, als Wali Khan auftrat, ein Widerstandskämpfer aus Afghanistan, der für seinen erfolgreichen Anschlag auf die Stromversorgung des von den Sowjets besetzten Kabul geehrt wurde - mit stürmischem Jubel und der Auszeichnung »Freiheitskämpfer des Jahres«.

Ferner präsentierte sich ein Hubert Rodriguez, in seinen Kreisen besser als »Sierra Tres« bekannt, ein Contra-Führer, der sich vor ein MG der in Nicaragua herrschenden Sandinisten warf, um Kameraden seiner Einheit das Leben zu retten. Der Mann verlor dabei ein Bein und wurde ebenfalls zum »Freiheitskämpfer des Jahres« ernannt.

Schließlich Ellen Garwood, eine reiche Texanerin aus Austin. Die 82jährige, sie hatte weit über 100 000 Dollar für den Ankauf eines Contra-Hubschraubers gespendet, konnte »gar nicht abwarten, bis ich lerne, das Ding zu fliegen«, und wurde für solchen Einsatzwillen mit einem Adlerkopf aus Bronze geehrt. Beim Publikum, das schon wieder mal aufgesprungen war, bedankte sie sich mit den Worten: »Spendet, soviel ihr könnt. Es ist besser, jetzt Geld zu geben, als später das Leben unserer Kinder.«

Höhepunkt beim Abschluß-Dinner der Jahrestagung des US-Rates für die Freiheit der Welt und seiner Mutterorganisation, der »Antikommunistischen Welt-Liga« (WACL), war ein besonders symbolträchtiger Akt. Feierlich wurde eine Büste von Ronald Reagan enthüllt. Ein unbekannter Künstler hatte sie aus Tonerde des von Kommunisten beherrschten Kambodscha geformt, für den Präsidenten Ehrung und (Befreiungs-) Auftrag in einem.

Der übrigens hatte der Versammlung schon zuvor per Telegramm Beifall gezollt: »Ich applaudiere Ihrem Einsatz für das ehrenvolle Anliegen. Unsere gemeinsamen Bemühungen bewegen den Lauf der Geschichte auf das Ziel einer Welt in Freiheit zu.« Anderes war nicht erwartet worden.

Zwar gibt es auch außerhalb der USA Vereine mit menschheitserlösenden Satzungen. Doch das »U. S. Council for World Freedom« und die Antikommunistische Welt-Liga sind beileibe keine obskuren Vereine.

Chef beider Organisationen ist der von Präsident Carter aus dem aktiven Dienst entlassene Armee-General John Singlaub. Seine persönliche Lebensaufgabe,

jegliche antikommunistische Widerstandsgruppe in der Dritten Welt moralisch und finanziell zu fördern, ist mittlerweile als Reagan-Doktrin bekannt. Aus beiden Gruppen hat er nach dem Ausschluß allzu offensichtlicher Neo-Nazi-Cliquen schlagkräftige und vor allem einflußreiche Organisationen gemacht.

Als der amerikanische Kongreß im vergangenen Jahr vorübergehend die US-Hilfe für die Contras strich, organisierte Singlaub über seine beiden Gruppen private Finanzhilfen. Geistesverwandte Gesinnungstäter aus dem Nationalen Sicherheitsrat sollen ihm, behauptet er jedenfalls, dabei geholfen haben.

Der Staatssekretär im Pentagon, Fred Ikle, bestellte den Ex-General 1984 an die Spitze eines Ausschusses, der untersuchen sollte, welche Möglichkeiten den USA im El-Salvador-Konflikt offenstehen. Die Empfehlungen dieses Ausschusses, bis heute vom Verteidigungsministerium geheimgehalten, versuchte Singlaub sofort in die Tat umzusetzen. In Boulder, Bundesstaat Colorado, gründete er mit ehemaligen Armeeoffizieren eine private Organisation, die den salvadorianischen Streitkräften taktischen Rat erteilt - wenn nötig, vor Ort und, so Singlaub, mit vollem Wissen des Pentagon.

Aus den Reihen amerikanischer WACL-Mitglieder ernannte Reagan US-Botschafter für die Bahamas, für Costa Rica und Guatemala.

So geriet die diesjährige Versammlung auch zu einem Fest erstarkten Selbstbewußtseins. Leonard Connor, Ehrenpoet der U. S. Army, trug Selbstgedichtetes vor: »Stand up to bullies, who enjoy picking fights ... and destroy darkness with God''s light.« _(Etwa: »Tretet den Rowdys entgegen, die ) _(auf Kampf aus sind. Zerstört die ) _(Dunkelheit mit Gottes Licht.« )

Dallas, ließ Antikommunist Singlaub erkennen, sei nicht zufällig als Tagungsort der amerikanischen Freiheitskämpfer und ihrer Gäste aus 100 Nationen gewählt worden. Das oftmals erprobte konservative Klima der Stadt garantiere die Sicherheit der Veranstaltung, und zudem sei man zahlungskräftigen örtlichen Mäzenen zu besonderem Dank verpflichtet.

Schließlich habe Texas die längste Grenze von allen amerikanischen Staaten mit Mexiko. Was er nicht aussprach, nicht auszusprechen brauchte angesichts der ideologischen Konformität seiner Zuhörer: Sie alle sind der Überzeugung, daß Amerika an dieser Grenze gegen den Kommunismus verteidigt werden muß, wenn der roten Expansion nicht schon in Mittelamerika Einhalt geboten wird.

Dafür aber sorgt bereits der Contra-Chef Adolfo Calero. »Innerhalb eines Jahres«, sagte er in Dallas voraus, »werden die Sandinisten aufgeben, und dann fällt alles zusammen.« Seine amerikanischen Zuhörer, unter ihnen die Dallas-Millionäre Nelson Bunker Hunt und Burt Hurlbut, aber auch »Freiheitskämpfer« aus Vietnam, Angola, Afghanistan, Laos, Äthiopien und Mosambik bedachten die phantastische Voraussage mit Beifall.

Das Welttreffen der Kommunistenfresser macht den rechten Rand jenes politischen Spektrums deutlich, dem der Ideologe Reagan selber entstammt und den er nun als Präsident zumindest rhetorisch hoffähig macht. Den Rednern in Dallas waren noch die tiefen Verletzungen anzumerken, die ihnen jahrelange Verachtung als »rechte Spinner« angetan hat.

Mehrheitsfähig geworden, durch präsidentiellen Zuspruch legitimiert, zahlen sie nun den Liberalen mit gleicher Münze heim. Wer nicht ihrer Meinung ist, wird als »Verrückter« oder Kommunist abgetan. Singlaub: »Jedesmal, wenn ich mit Kommunisten diskutiere, und sie verlieren, nennen sie mich einen Faschisten und verdrücken sich.«

Zur Terminologie: In Dallas beginnt der Kommunismus gleich links von Außenminister George Shultz. Vorbilder tapferen Antikommunismus sind für Singlaub in Südamerika zu finden, der chilenische Diktator Pinochet beispielsweise, dem die Weltliga Glückwünsche entbot. Denn daß die Tagung der »Freiheitskämpfer« genau am 12. Jahrestag des Sturzes von Salvador Allende endete, war für Singlaub Anlaß zu besonderer Freude.

»Im Augenblick jedenfalls«, darin ist sich der Ex-General mit seinem jetzigen Präsidenten einig, »läuft alles in unserer Richtung.«

Etwa: »Tretet den Rowdys entgegen, die auf Kampf aus sind. Zerstörtdie Dunkelheit mit Gottes Licht.«

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