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SCHWEDEN Besser als Bagdad

Millionen Iraker sind auf der Flucht aus ihrem Land, viele wollen nach Europa. Einfallstor ist Stockholm. Jetzt sucht die EU nach Abhilfe.
aus DER SPIEGEL 16/2007

Ridha Mohammed kam vor kurzem auf dem internationalen Flughafen Arlanda in Stockholm an. Er übergab seinen gefälschten Pass einem unbekannten Begleiter und wartete noch eine Weile in der Ankunftshalle. Dann erzählte er schwedischen Grenzbeamten, woher er komme, Probleme musste er nicht befürchten.

In Stockholm will Ridha, 40, noch einmal »neu anfangen« und dann so schnell wie möglich seine Ehefrau Tamathur, 36, samt der drei Kinder nachholen. »Alles ist besser als Bagdad«, sagt er. Auch wenn jedes Telefonat ihm »das Herz zerreißt«.

In Bagdad lebte er lange Zeit gar nicht schlecht. Mit seiner Familie wohnte er in einer ordentlichen Wohnung im Osten der Stadt, im Viertel Bagdad al-Dschadida. Doch das geregelte Leben zählte zuletzt nicht mehr. »Jeden Tag Bomben«, sagt Ridha, »morgens, mittags, abends und niemals Sicherheit.«

Das neue Leben findet er, wie Tausende seiner Landsleute, im Norden Europas. Auf Grund der liberalen Aufenthaltsbestimmungen ist den geflohenen Irakern in Schweden ein Bleiberecht garantiert. Über 9000 Iraker kamen im vorigen Jahr hierher, fast 50 Prozent aller Flüchtlinge aus dem Land am Tigris in Europa und viermal so viel wie im Vorjahr.

In die Schweiz flüchteten 800 Iraker, in Deutschland beantragten 2006 knapp 2000 Iraker Asyl, die Anerkennungsrate betrug aber nur 1,1 Prozent. Die USA, die den Feldzug gegen die »Achse des Bösen« mit dem Einmarsch im Irak begannen, ließen nicht einmal 600 Flüchtlinge aus Bagdad und anderen Städten ins Land.

Rund zwei Millionen Iraker haben nach Schätzungen des Uno-Flüchtlingshilfswerks UNHCR ihre Heimat seit dem Krieg 2003 verlassen, die meisten in Richtung Syrien (1,2 Millionen) und Jordanien (750 000), nahe der Heimat. Manche kehren zurück, sobald sich die Verhältnisse im Dorf oder in der Stadt bessern.

Zugleich nimmt auch der Flüchtlingsstrom nach Europa zu. In Schweden leben mittlerweile rund 80 000 Iraker. Regierung

und Kommunen finanzieren großzügig Sprachkurse und Ausbildung, Wohnungen und Sozialhilfe. Familien holen ihre Verwandten und Freunde nach.

70 000 Dollar hat Masin, 56, bezahlt, damit er samt Frau und fünf erwachsenen Kindern nach Schweden gelotst wurde. Er war Bauingenieur in Mossul im Nordirak, er stammt aus einer christlichen Familie: »Wir stehen zwischen allen Fronten«, sagt er. »Alle sind gegen uns, die Schiiten, die Sunniten und auch die Kurden.«

Es begann mit täglichen Drohungen. Seine Frau konnte bald nur noch mit Kopftuch auf die Straße, um in die Kirche zu gehen. Nachbarn mieden ihre Nähe. Dann sei der erste Anruf gekommen, erzählt er: »Sie verlangten 150 000 Dollar.« Oder sein Leben. »Ihr seid Kuffar, Ungläubige, ihr müsst sterben«, sagte die Stimme.

Das war genug. Anfang November fuhr ein Mittelsmann die Familie nach Amman. Dort erhielten sie gefälschte Pässe und Tickets in die Freiheit.

Die Schmuggler werden immer professioneller und die Flüchtlinge immer zahlreicher. Haben sie einen Fuß auf schwedischen Boden gesetzt, ob in der Ankunftsebene in Arlanda oder am Ende der Öresundbrücke vor Malmö, ist ihnen ein Bleiberecht nahezu sicher und auch das Reisen innerhalb der Schengen-Grenzen. »Wir machen das noch mit lachendem Herzen«, sagt Migrationsminister Tobias Billström von der neuen Mitte-rechts-Regierung in Stockholm. Noch. Denn die Stimmung kann leicht kippen, nicht nur in Schweden.

Auf einem Gipfeltreffen Ende dieser Woche in Luxemburg wollen die europäischen Innen- und Justizminister über die Flüchtlinge aus dem Irak beratschlagen. EU-Justizkommissar Franco Frattini soll der Runde einen Plan vorlegen. Parallel dazu will das Uno-Flüchtlingshilfswerk auf einer zweitägigen Geberkonferenz Geld sammeln, um die Situation der Irak-Flüchtlinge in den Nachbarstaaten zu verbessern. Mindestens 60 Millionen Dollar, so heißt es, sind dafür nötig.

Eine Alternative zur Flucht nach Europa bestünde darin, möglichst viele Iraker in Syrien und Jordanien zu halten, in jenen Ländern, die ohnehin schon das Gros der Flüchtlinge aus dem Nachbarland aufgenommen haben. »Die Regierungen in Damaskus und Amman sind besorgt und beunruhigt über die angespannte Lage«, sagt Billström. »Eine sehr kleine Zahl von Ländern zahlt einen sehr hohen Preis«, sagt auch der Uno-Flüchtlingsbeauftragte Antonio Guterres.

Dazu zählen sich auch die Schweden. Stockholms Sozialbehörden befürchten, dass dieses Jahr bis zu 40 000 Irak-Flüchtlinge ins Land einreisen werden. Die EU-Kommission und einzelne Mitgliedsländer sollen deshalb nicht nur Experten und Übersetzer nach Stockholm entsenden, um bei der bürokratischen Abwicklung des Andrangs zu helfen. Sie sollten auch mehr Verantwortung übernehmen und »die Last teilen«, meint Billström. Immerhin hat mittlerweile selbst Washington in Aussicht gestellt, 7000 Iraker aufzunehmen.

Der christliche Iraker Masin lebt nun in Södertälje, einer Stadt südwestlich von Stockholm. Fast 82 000 Menschen wohnen hier, gut 6000 kommen aus dem Irak. Viele von ihnen wohnen im Stadtteil Ronna in Mietskasernen. Das Viertel heißt jetzt »Little Bagdad«.

MANFRED ERTEL, HANS-JÜRGEN SCHLAMP

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