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SCHULEN Besser halbiert

Hat in Bremen der bildungspolitische Ausverkauf begonnen? Der Senat will Schulen schließen und verhökern. Schüler und Lehrer wehren sich mit Schulbesetzungen. *
aus DER SPIEGEL 11/1984

Der Bremer CDU-Chef Bernd Neumann, der immer kandidiert, aber nie gewinnt, sieht diesmal die Massen hinter sich: »Wenn man hier alle Betroffenen zusammenbringt, dann gibt das eine Demonstration, die Bremen noch nicht gesehen hat. Wir stellen uns an die Spitze.«

Gemessen an der Proteststimmung im SPD-regierten Stadtstaat, könnte der Christdemokrat recht haben. In seltener Eintracht empören sich Linke wie Rechte. Was die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft »unsinnig«, »kurzsichtig« und »pädagogisch absurd« nennt, wertet auch die CDU als »Chaos«, »Ausverkauf« und »bildungspolitischen Offenbarungseid«.

Unter dem harmlos klingenden Titel »Die bremischen Schulen im Übergang zu den 90er Jahren« hat SPD-Bildungssenator Horst-Werner Franke einen Plan vorgelegt, der in seiner technokratischen Rigorosität einmalig in der Bundesrepublik sein dürfte: Zehn Schulen sollen dichtgemacht, 38 Schulgebäude geräumt und zum Teil verkauft, Hunderte von Lehrern und Schülern auf verschiedene Schulen im Bremer Stadtgebiet verteilt werden.

Was Gewerkschafter und die CDU empört, trieb letzte Woche auch Schüler, Eltern und Lehrer auf die Straße. Gymnasiasten der Schule »Kleine Helle« zogen mit Teufelshörnern durch die Stadt, andere rückten dem Bildungssenator mit Protestnoten auf die Amtsstube.

Acht Schulen wurden besetzt, die Pennäler malten Transparente, schleppten Schlafsäcke und Matratzen in die Aulen und nächtigten in ihren Klassensälen, manche eine Woche lang. Lehrer solidarisierten sich und organisierten gemeinsam mit den Jugendlichen den Widerstand gegen Frankes Pläne.

Selbst an der Fassade des »Alten Gymnasiums«, wo einst Bundespräsident Karl Carstens alte Sprachen paukte und Abitur machte, flatterte ein Spruchband, standesgemäß formuliert: »Haec schola occupata est«, zu deutsch: »Diese Schule ist besetzt.«

Besonders erbost sind Eltern, Lehrer und Schüler, weil manches an Frankes Schrumpf-Programm pädagogisch wenig sinnvoll erscheint und offensichtlich Geldnot die Reform diktiert. Auffällig viele Schulstandorte in attraktiven Innenstadtlagen werden aufgegeben und stehen, zur Aufbesserung der Staatskasse, zum Verkauf. »Ist Bremen schon so heruntergekommen«, fragt ein Lehrer, »daß Grundstücksmakler die Bildungspolitik bestimmen?«

Geduldig versucht der Bildungssenator die Schließung der Schulen plausibel zu machen. »Ein Schulsystem, das einmal 90 000 Schüler versorgt hat«, erklärt Franke, »kann nicht unverändert bleiben, wenn in ihm nur noch 45 000 verweilen.« Er will deshalb »erreichen, daß die so stark abgesunkene Schülerzahl sich in den besseren Gebäuden versammelt und hier den hohen sachlichen Ausstattungsstandard nutzt, den wir im bremischen Schulwesen in den letzten Jahren geschaffen haben«.

Franke setzt eine schulpolitische Linie fort, die der Stadtstaat seit Mitte der siebziger Jahre verfolgt: die Stufenschule. Bremen hat eigenständige Schulen in Jahrgangsstufen zerlegt und zusammengefaßt. Schüler der Sekundarstufe I (Klasse 7 bis 10) besuchen, ob sie nun Haupt-, Real- oder Gymnasialschüler sind, gemeinsam ein Stufenschulzentrum. Dort werden sie freilich nicht, wie an einer integrierten Gesamtschule, gemeinsam im Klassenverband unterrichtet; die Schulabteilungen laufen nebeneinanderher. Die gymnasiale Oberstufe (Klasse 11 bis 13) wiederum ist eine separate Stufe in eigenem Zentrum.

So kommt es, daß nur noch sechs durchgängige Gymnasien bestehen und sich deren Zahl nach dem Franke-Konzept auf zwei, darunter die Carstens-Schule, verringern soll.

Die Bremer SPD will an dem umstrittenen Bildungskonzept festhalten. Auch wenn Pädagogen kleinere und überschaubarere Schulen für sinnvoller halten, glauben Franke und seine Genossen an den pädagogischen Wert ihrer Idee: »Nach dem Willen des bremischen Schulgesetzes«, so der Senator, »ist die demokratische Leistungsschule im Schulzentrum zu sehen.«

Dies macht allerdings für Franke nur Sinn, wenn 800 bis 1000 Schüler die Mittelstufe besuchen und in der Oberstufe dann »die Jahrgangsbreite nicht unter 80 Schüler« absinkt. Die Elternvertreterin Jutta Steinmetz will Eltern und Lehrer zu Protestaktionen dagegen mobilisieren: »Zum erstenmal gibt es durch den Schülerrückgang keine Wanderklassen mehr. Die Lehrer haben Platz, im Physikunterricht zu differenzieren, und da sollen die Schüler in ein anderes Zentrum gepfercht werden?«

Doch im Bremer Haushalt wird jede Mark gebraucht. 1,2 Milliarden muß der Stadtstaat in den nächsten vier Jahren einsparen, davon 120 Millionen im Bildungsetat. Die Stillegung der Schulgebäude bringt zwar nur eine Betriebskostenersparnis von 6,9 Millionen Mark, dafür soll sich der Verkauf auszahlen.

Vergeblich beschwor der Senator letzten Mittwoch die Besetzer, sie sollten doch endlich einsehen, wie gut sie es in Bremen hätten. Franke: »Mit der Durchschnittskursgröße von 19,1 Schülern liegen wir schon heute an zweiter Stelle in der Bundesrepublik.« Die Schüler hielten dagegen, jetzt bereits sei es in den Räumen viel zu eng, Leistungskurse seien teilweise mit 40 Schülern besetzt.

Franke beharrt auf seiner Statistik: »Wenn ihr halbiert seid, dann geht es euch besser.« Der Technokraten-Satz, den die Schüler nicht verstanden, bezog sich auf die neunziger Jahre. Erst dann wird die Schülerzahl »halbiert« und keiner mehr von denen, die jetzt protestieren, an der Schule sein.

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