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Artikel 13 / 38

SÜDTIROL Besser rot als deutsch

aus DER SPIEGEL 18/1953

Weil in Italien am 7. Juni ein neues Parlament gewählt wird, mußte sich der praktische Arzt Dr. Marius Piazza, 38, in Bozen auf Ernährungswissenschaft spezialisieren. Nach dem Studium der einschlägigen Literatur mixt er jetzt täglich einen hochprozentigen Kalorien-Cocktail.

Sein Rezept: ein viertel Liter Vollmilch wird mit einem viertel Liter konzentrierter Fleischbrühe gemischt, 50 Gramm Zucker beigegeben, zwei rohe Eier hineingeschlagen und das Ganze mit dem Saft von drei Orangen verrührt.

Mit diesem Gebräu von garantiert 2500 Kalorien begibt sich Dr. Piazza seit dem 8. April täglich in das Inferno des Bozener Gefängnisses in der Dantestraße.

Dort betritt er sofort die kleine Krankenzelle, um seinen Cocktail mit Hilfe einer Gummisonde dem Untersuchungshäftling Arturo Nicolodi, 36, in den leeren Magen zu pumpen. Dem will nämlich das demokratische Italien nicht gestatten, durch Verweigerung der Nahrung Selbstmord zu begehen.

Unpatriotisch und sehr taktlos hat Arturo Nicolodi den Hungerstreik am Ostersonntag, dem 5. April, erklärt, weil ihm kein anderes Mittel zur Verfügung stand, gegen die Brachialgewalt zu demonstrieren, mit der die Regierung de Gasperis in Südtirol der eigenen Verfassung spottet. Nicolodi: »Ich habe nicht den Hungerstreik begonnen, um meine Freilassung durchzusetzen, sondern nur, um gegen die vollständige Willkür meiner Verhaftung anzukämpfen.«

Der Bozener Gerichtspräsident Julio dall'Aira und sein Untersuchungsrichter

Adolfo Pombeni, die Arturo Nicolodi am 13. März verhaften ließen und ihn vorerst als Untersuchungshäftling mit gemeinen Kriminellen zusammen in eine Massenzelle steckten, stehen auf dem Standpunkt, daß der Grund der Verhaftung Staatsgeheimnis sei.

Präsident dall'Aira: »Bei uns in Italien darf das Gericht keine Auskunft geben, warum jemand in Untersuchungshaft genommen wurde.«

Richter Adolfo Pombeni: »Von offizieller Seite kann über die Gründe der Verhaftung von Arturo Nicolodi keine Erklärung abgegeben werden. Der Presse steht es natürlich frei, seine Angehörigen oder seinen Anwalt Dr. Claudio Rossi in der Leonardo-da-Vinci-Straße zu befragen. Aber einen Besuch bei dem Untersuchungshäftling kann ich nicht gestatten. Das kann nur seinen nächsten Angehörigen und seinem Anwalt gestattet werden.«

Die Verhaftung des fanatischen Europäers Nicolodi war nun so verlaufen: Am Freitag, dem 13. März, hatte die Polizei ihn telephonisch gebeten, »für einen Augenblick« auf die Quästur zu kommen. Unrasiert und unverzüglich ging er in sein Verderben. Von diesem »Besuch auf einen Augenblick« kehrte Nicolodi nicht mehr nach Hause zurück.

Einige Stunden später hielt es die Polizei für nötig, seine Mutter anzurufen und sie darüber aufzuklären, daß ihr Sohn Arturo mit dem § 278 des italienischen Strafgesetzbuches in Konflikt geraten sei.

Die juristisch ahnungslose Mutter Nicolodi lief unverzüglich zum Avocato Claudio Rossi. Der war zusammen mit ihrem Sohn Arturo im Mai 1945 aus der deutschen Kriegsgefangenschaft geflohen. Das marschierende Duo hatte einen Monat lang die Schuhe wetzen müssen, um das heimatliche Bozen per pedes zu erreichen. Über die politischen Gegensätze hinaus - der Rechtsanwalt ist vom Kommunismus angehaucht - verbindet die beiden seither große Freundschaft.

Aber auch Claudio Rossi konnte ihr im ersten Augenblick nicht sagen, gegen welche furchtbaren Verbrecher der Staatsanwalt den § 278 drohend schwingt. Diesem Paragraphen war er trotz seiner langjährigen Praxis noch nie begegnet. Er mußte ihn deswegen erst in seinen Folianten suchen.

Als Rossi ihn endlich fand, war er sehr erstaunt, denn der Paragraph war mit »Offessa all'onore del Re - Majestätsbeleidigung« - betitelt und besagte, daß »chiunque offende l'onore o il prestigio del Re o del Reggente é punito con la reclusione da uno a cinque anni - wer auch immer gegen die Ehre oder das Ansehen des Königs oder des Regenten verstößt, mit Haft von 1 bis 5 Jahren bestraft wird«.

Um die Verteidigung des Freundes zu übernehmen, eilte Claudio Rossi unverzüglich zum Gericht und ließ sich durch den Untersuchungsrichter Adolfo Pombeni darüber belehren, daß das republikanische Italien dem Staatspräsidenten den Schutz gegen Majestätsbeleidigung gewährt. Solche sei von Arturo Nicolodi durch ein Telegramm begangen worden, das er am 11. Januar an Presidente Einaudi - Capo Stato - ROMA gerichtet hatte: »Sind ohne Antwort auf vorhergegangene Telegramme. Haben mit Bedauern zur Kenntnis genommen, daß das Staatsoberhaupt inkompetent ist, den verfassungsmäßigen Gesetzen und der Regierung Achtung zu verschaffen - Föderalistische Bewegung des neuen Europa - Arturo Nicolodi.«

Untersuchungsrichter Adolfo Pombeni meint nun, daß es seitens Nicolodis sehr

respektlos war, von Italiens Präsidenten zu behaupten, daß er »incompetente« sei. Arturo Nicolodi: »Dabei habe ich nur wiederholt, was mir ganz amtlich vom persönlichen Sekretär des Präsidenten zur Antwort gegeben wurde, als ich bei ihm vorsprach, um mich darüber zu beschweren, daß die italienische Polizei in Bozen den Artikel 21 der italienischen Verfassung nicht zur Kenntnis nehmen will.«

Die Erfahrung, daß der Artikel 21 der Verfassung von der italienischen Polizei in Südtirol schon längst gestrichen wurde, machte der begeisterte Europäer Arturo Nicolodi zum erstenmal im September 1949 und seit damals viele viele Male, bis ihm der Kragen platzte. Er eilte nach Rom, um sich zuerst vergeblich bei allen Ministerien und ebenso vergeblich beim Staatspräsidenten zu beklagen.

Artikel 21 der italienischen Verfassung soll garantieren: »Alle haben das Recht, die eigenen Gedanken durch Wort, Schrift und alle anderen Mittel der Verbreitung frei zum Ausdruck zu bringen.«

Artikel 21 der italienischen Verfassung sah aber in der Praxis Nicolodis so aus:

Bevor noch de Gasperi zum großen Europäer wurde, wollte der ganz kleine Europäer Arturo Nicolodi den Kongreß der europäischen Volksgruppen und Regionen vom 27. bis 30. September 1949 in Meran abhalten lassen.

Europas Schmerzenskinder, die unterdrückten Minderheiten, sollten dort zusammenkommen, um gemeinsam zu erklären, daß ihr eigenes Schicksal nur durch eine wahre europäische Lösung und damit die Abschaffung der Minderheiten gebessert werden kann.

Die Bewilligung für den Kongreß war bereits erteilt. Professor Hendrik Brugmans, Vizepräsident der Europa-Bewegung, der den Kongreß eröffnen sollte, hatte schon die Fahrkarte nach Meran in seiner Tasche, schöne Programme waren längst gedruckt und in ganz Europa unter die Delegierten, die ihr Kommen zugesagt hatten, verteilt, als die Polizei von Südtirol ganz plötzlich und ohne jede nähere Erklärung den Kongreß verbot, der dadurch erst vom 19. bis 20. November in Versailles in Frankreich abgehalten werden konnte.

Seit damals mußte der Italiener Arturo Nicolodi noch sehr häufig die Erfahrung machen, daß die italienische Polizei in Bozen die Europabegeisterung der italienischen Regierung in Straßburg nicht zur Kenntnis nehmen will, da in ihren Augen Südtirol weder deutsch noch europäisch, sondern rein italienisch war und bleiben sollte.

So häufig aber auch die Polizei Arturo Nicolodi mit Rede- und Versammlungsverboten belegte, so konnte sie doch nicht verhindern, daß die Anzahl seiner Anhänger sowohl unter den Italienern als auch unter den Deutschen ständig wuchs. Bei den Gemeindewahlen im November 1952 gelang es Nicolodi, diese Tatsache mit überraschenden Beweisen zu belegen. In der kleinen halb italienisch, halb deutschgemischten Gemeinde von Bronzol stellte er unter der grünweißen Fahne von Europa eine eigene Liste auf und eroberte den Gemeinderat.

Nach dieser Überraschung begannen die hohen Polizeibehörden von Südtirol ernstlich zu befürchten, daß der kleine Arturo Nicolodi der großen italienischen Politik einen bösen Streich bei den kommenden Juniwahlen spielen könnte.

Die große italienische Politik bemüht sich nämlich schon seit vielen Jahren ganz vergeblich, den Senatssitz, den der Wahlbezirk von Bozen zu vergeben hat, den deutschen Händen zu entreißen. Um dieses

Kunststück auszuführen, haben die besten Wahlmathematiker Italiens den Wahlkreis Bozen in ein kompliziertes Korsett von Bezirksgrenzen gesteckt. Die verworrenen Grenzen schließen die rein deutschen Landgebiete aus dem Wahlbezirk aus und verschaffen dadurch dem Gewicht der italienischen Stimmen der Städte Bozen und Meran eine möglichst große Geltung.

Durch künstliches Hineinpumpen von italienischen Einwanderern nach Bozen war es der Regierung nach jahrelangen Mühen schon gelungen, die Gesamtbevölkerung von Bozen auf 77 000 hinaufzuschaukeln und gleichzeitig die früher rein deutsche Bevölkerung in eine »Minderheit« von 23½ Prozent zu verwandeln.

Allen diesen Bemühungen zum Trotz blieb aber bei den letzten Wahlen der Senatssitz

von Bozen weiter in den Südtiroler Händen, denn während alle deutschen Stimmen in den gemeinsamen Wahltopf der Südtiroler Volkspartei hineingeworfen wurden, haderte und zankte die italienische »Mehrheit« unter sich und zersplitterte ihre Stimmen auf Dutzende von Parteien.

Im Hinblick auf die kommenden Juniwahlen wurden schon seit langer Zeit Geheimbesprechungen aller italienischer Parteien abgehalten, um diesmal einen gemeinsamen italienischen Kandidaten aufzustellen, aber Nicolodi wollte von diesen Bemühungen nichts wissen. Er stand weiter auf dem Standpunkt, daß Südtirol weder deutsch noch italienisch, sondern allen Europäern zur beschämenden Belehrung europäisch wählen sollte.

Als alle Worte der gütigen Zurede versagten, teilte die Polizei Arturo Nicolodi in den ersten Tagen dieses Jahres mit, daß er bis auf weiteres kein Recht mehr habe:

* Versammlungen zu organisieren;

* öffentliche Reden zu halten, oder

* seine Gedanken auf irgendeine andere Art und Weise zu verbreiten.

Da alle Proteste vergeblich blieben, eilte der erzürnte Arturo Nicolodi nach Rom, um bei dem zuständigen Ministerium gegen den von der Polizei begangenen Verfassungsbruch Einspruch zu erheben.

Pontius und Pilatus in jeglichem Ministerium wuschen ihre Hände mit christlichdemokratischem Unschuldswasser und beteuerten auf Ehrenwort, daß sie nach der Verfassung für Verfassungsbrüche nicht kompetent seien.

Der also belehrte Staatsbürger Arturo Nicolodi beschloß, den letzten Versuch zu unternehmen und beim Staatpräsidenten vorzusprechen, um seinen Schutz für die mit Füßen getretene Verfassung zu erflehen. Vom Sekretär des Staatspräsidenten auf das freundlichste empfangen und zum Chef nicht vorgelassen, durfte Staatsbürger Arturo Nicolodi, voll aufgeklärt, aber durchaus nicht beruhigt, zurück nach Bozen reisen, denn er hatte aus dem Munde des Sekretärs den Urteilsspruch der höchsten Instanz vernommen:

* auch der Staatspräsident ist für Verfassungsbrüche in keiner Weise kompetent;

* einzig und allein kompetent dafür wird der Verfassungsgerichtshof sein, der sei aber bedauerlicherweise in Italien noch immer nicht konstituiert.

Der nach Hause zurückgekehrte Staatsbürger Arturo Nicolodi ventilierte seinen Ärger mit jenem Telegramm, in dem er den vom Sekretär des Präsidenten gebrauchten Ausdruck »incompetente« wiederholte. Er begann Vorbereitungen zu treffen, um trotz des Rede- und Versammlungsverbotes seine Liste für die kommenden Wahlen aufzustellen.

Je weiter Nicolodis Vorbereitungen fortschritten, und je mehr die Polizei davon erfuhr, desto mehr kam sie zur Überzeugung, daß der kleine Nicolodi einen großen Strich durch die noch größere Rechnung italienischer Ambitionen in Südtirol ziehen könnte.

Sehr erleichtert erinnerte man sich daher am 13. März an das Telegramm, das Arturo Nicolodi zwei Monate und zwei Tage vorher an den Staatspräsidenten geschickt hatte, und dessen Abschrift seit damals in Arturos Polizeiakt ruhte. Auf die schwachen Beine dieses Telegramms wurde die schwere Last der sehr verspäteten Anklage wegen Majestätsbeleidigung gestellt und Nicolodi in Untersuchungshaft genommen.

Doch durch Nicolodis Verhaftung war man nur einen Zersplitterer der italienischen »Einigkeit« losgeworden; nun galt es, noch die übrigen zwanzig Zersplitterer unter einen Hut zu bringen, um vielleicht doch einen italienischen Senator aus Bozen nach Rom zu schicken.

Mit katholischer Fahne in der Hand, mit einem deutschen Familiennamen als Schild und zwei ehrwürdigen italienischen Padres als Begleiter stattete Lino Ziller, der italienisch-christlich-demokratische Bürgermeister von Bozen, einen sehr diskreten Besuch bei dem Südtiroler Geistlichen Nicolussi in Egna ab. Zwei Überlegungen waren für diesen Besuch entscheidend:

* Pater Nicolussi erfreut sich eines großen Ansehens bei den Südtiroler Katholiken;

* sein italienischer Name ließ den deutschnamigen Italienpatrioten Lino Ziller hoffen, bei ihm ein größeres Verständnis für gewisse Vorschläge vorzufinden.

Vom Pater Nicolussi sehr kühl empfangen, ließ das italienische Trio das kommunistische Schreckgespenst erscheinen. Sie meinten, alle guten Katholiken, selbst die Südtiroler, müßten für den Kandidaten der italienischen Democrazia Cristiani stimmen, da sonst die große Gefahr bestünde, daß der Kandidat der italienischen Kommunisten den Bozener Senatssitz erobern könnte.

Sie schlugen vor, Pater Nicolussi sollte den deutschen Katholiken nahelegen, ihre Stimmen dem italienischen Kandidaten der Democrazia Cristiani geben, um diese Gefahr aus der Welt zu schaffen.

Pater Nicolussi bedauerte: »In meinen Augen sind alle Italiener Kommunisten - selbst die Democrazia Cristiani«.

Als Pater Nicolussi einige Tage später von dem großen Lärm erfuhr, der am

Sonntag, dem 11. April, um 11 Uhr 30 nachts vor den Fenstern des kommunistischen Gemeinderates Silvio Bettini-Schettini, 65, im Hause 89, Corso Liberta, in Bozen gemacht worden war und alle Nachbarn um ihren friedlichen Schlummer brachte, da schmunzelte er sehr selbstzufrieden und meinte, daß damit der Beweis für seine Behauptung voll erbracht sei.

Der durch laute Rufe im Nachthemd zum Fenster geholte Kommunist Silvio Bettini-Schettini erblickte im fahlen Licht der Straßenlaterne unten auf der Straße einen seltsamen Querschnitt der italienischen Parteien von Südtirol:

* Den Führer der neufaschistischen Partei Avucato Mitolo;

* den Führer der Monarchisten Avucato Mario Guaita;

* einen Vertreter der Saragat-Sozialisten;

* in Vertretung der Democristiani den Lehrer Donati Podini, der im Hintergrund stand.

Aus dem kollektiven Mund der Delegation erfuhr der verschlafene Silvio Bettini-Schettini, daß die Abordnung direkt aus dem Bozener Stadthotel komme, wo die Vertreter der vor seinen Fenstern erschienenen Parteien plus Kommunisten schon seit vielen Stunden tagten, um zu untersuchen, ob sich alle italienischen Parteien auf einen gemeinsamen Kandidaten für den begehrten Senatssitz einigen könnten.

Der Vorschlag, dem Kommunisten Silvio Bettini-Schettini die große Ehre zu erweisen, war der verblüfften Versammlung durch den Neufaschisten Avucato Mitolo vorgelegt worden. Begründung:

* Die kommunistischen Stimmen wären ihm ganz sicher;

* bei allen italienischen Patrioten steht er in hohem Ansehen als ein zum Tode verurteilter Freiheitskämpfer gegen die österreichisch-ungarische Monarchie;

* die Neofaschisten und die Monarchisten respektieren seine Verletzungen aus dem ersten Weltkrieg sowie die beiden Tapferkeitsorden, die er besitzt; und

* die Katholiken müssen ihm zugute halten, daß er niemals gegen die katholische Kirche schimpfte.

Bettini-Schettini wurde hellwach, dankte für die hohe Ehre, meinte aber vorsichtshalber, daß er sich zuerst mit seinen Parteigenossen beraten müsse. Die waren ja sonderbarerweie nicht mit der Delegation gekommen, obwohl sie an der Versammlung im Stadthotel teilgenommen hatten. Aber auch sie hatten zum neofaschistischen Vorschlag weder ja noch nein gesagt, da auch ihnen eine vorherige Entscheidung der Parteileitung nötig erschien.

Nach einer langen Debatte zwischen dem Fenster und der Straße verzog sich die Delegation um 1 Uhr 35 früh, und die Nachbarn durften wieder schlafen gehen. Nur der Kommunist Bettini-Schettini machte in dieser Nacht kein Auge zu, denn er mußte sehr viele schwierige Probleme in seinem Kopfe wälzen.

Als allererstes war es äußerst peinlich, daß er gerade am Vortag und dazu noch

schriftlich auf die ihm von seiner Partei allein angebotene Kandidatur verzichtet hatte. Erwägungen rein praktischer Natur hatten ihn dazu bewogen.

In sehr bescheidenen, geradezu ärmlichen Verhältnissen lebend, hatte Bettini-Schettini gleichzeitig mit dem Angebot der Kommunistischen Partei, für den Senatorsitz zu kandidieren, eine ganz andersartige Offerte erhalten. Die italienische Handelskammer von Bozen hatte ihm vorgeschlagen, gegen sehr anständige Bezahlung ihr wöchentliches Mitteilungsblatt zu redigieren.

Senator zu werden, wäre natürlich noch viel verlockender, aber Bettini-Schettini machte sich darüber keine Illusionen, daß seine Aussichten als Kandidat der Kommunisten allein gleich Null waren. Annehmen hieße aber, auf den Handelskammer-Job verzichten müssen.

Als Einheitskandidat hingegen wäre er seiner Sache sicher. Bettini-Schettini: »Wenn sich tatsächlich alle italienischen Parteien geeinigt hätten, wäre eine Niederlage gänzlich ausgeschlossen.«

Obmann der Südtiroler Volkspartei, Dr. von Guggenberg: »Schon bei den vorigen Wahlen hätten wir den Senatssitz von Bozen kaum behalten können, wenn sich die Italiener auf einen Kandidaten geeinigt hätten.«

Seines Sieges und des lukrativen Senatorsitzes sicher, war Bettini-Schettini am frühen Morgen des 12. April fest entschlossen, das lockende Gebot anzunehmen. Bettini-Schettini: »Als Italiener und österreichischer Untertan hatte ich gegen die Monarchie gekämpft, und ich habe schon aus diesem Grunde volles Verständnis für

die feindliche Einstellung der Südtiroler Italien gegenüber.

Trotzdem darf man aber einen Unterschied nicht vergessen. Ich will nicht sagen, daß die italienische Demokratie - siehe Fall Nicolodi, über den ich sehr entrüstet bin, obwohl Nicolodi keine Gelegenheit versäumte, um in seinen Versammlungen die Kommunisten und vor allem mich sehr zu beschimpfen - volle Freiheit bietet, aber sie bietet immerhin viel mehr Freiheit als die österreichische Monarchie geboten hatte. Sie bietet sogar viel mehr Freiheit als die Sowjetunion, wobei ich allerdings betonen möchte, daß es eine Sache gibt, die noch edler als Freiheit ist - Brot. Was ich da sage, könnte mir bei meiner Partei schaden, aber ich habe immer Mut gehabt, was ich dachte, auch auszusprechen.«

Fest entschlossen, die italienische Freiheit gegen die Südtiroler zu verteidigen, zog Bettini-Schettini Sonntag früh in größter Eile zum Parteihaus, um das Einverständnis seiner Partei zu erbitten.

Auf die Sonntagsruhe voll verzichtend, tagten die Kommunisten bis zum späten Abend des 12. April, dann aber hatten sie einen für Bettini-Schettini sehr unwillkommenen Beschluß gefaßt. Provinzparteisekretär Ettore-Nardin: »Die kommunistische Partei muß sich von den Bestrebungen, einen Einheitskandidaten aufzustellen, distanzieren, da sie niemals eine Initiative unterstützen könnte, die nur darauf abzielt, Haß, Verdacht und Verwirrung unter den Arbeitern beider Volksgruppen zu säen. Genosse Bettini-Schettini hat mit eigenem Schreiben vom 10. April auf die ihm von seiner Partei angebotene Kandidatur verzichtet. Es ist somit klar, daß er den Vorschlag, sich als Einheitskandidaten aufstellen zu lassen, ebenfalls ablehnt.«

Bettini-Schettini: »Es bedeutete für mich ein sehr großes Opfer, auf die gemeinsame Kandidatur und den damit ganz sicheren Senatorensitz zu verzichten. Ich hätte natürlich auch ohne Einwilligung meiner Partei kandidieren können, und ich wurde von vielen Seiten darum gebeten. Selbst zwei Don Camillos hatten bei mir vorgesprochen und mir zugeredet, ich soll als ein Unabhängiger kandidieren. Ich habe auch das abgelehnt und meiner Partei ein großes Opfer gebracht, aber ich glaube, ich habe gut gehandelt ...«

Dank Bettini-Schettinis guter Tat fielen die italienischen Ambitionen mit lautem Klatschen in die trüben Gewässer italienischer Volkstums-Politik. Der bisherige Südtiroler Senator Dr. Karl von Braitenberg, der nach dem Beschluß der Landesversammlung der Südtiroler Volkspartei wieder kandidieren wird, kann seines Sieges so gut wie sicher sein.

Die hoffnungslos gewordenen italienischen Ambitionen wurden für dieses Mal in einen schlichten Sarg gelegt, aber durchaus nicht begraben. Die dieses Mal noch nicht gelungene Verwandlung der Südtiroler in eine Minderheit von Südtirol wurde nur um einen Wahltermin verschoben.

In das Südtiroler Landesgebiet fest verbissen, wendet die hohe italienische Politik für diesen Zweck gleichzeitig zwei verschiedene Mittel an:

* Sie verhindert die Rückwanderung der 50 000 unter Hitler zwangsabgewanderten Südtiroler;

* sie pumpt Monat für Monat einige tausend Italiener in die Städte von Bozen, Meran und Brixen.

Um für die verhinderte Rückwanderung ein Mäntelchen der moralischen Berechtigung zu schneidern, bemüht sie sich, die Sage am Leben zu erhalten, daß 70 000 Südtiroler unter Hitler gänzlich freiwillig ausgewandert sind und daß das großzügige

Italien ohnedies 20 000 unter ihnen bereits gestattet hat, zurückzukommen. Über diese »Freiwilligkeit« vertraute allerdings Ciano nach einem Besuch Bozens am 1. November 1939 einige aufschlußreiche Zeilen seinem Tagebuch an. Ciano: »Der Anblick der Stadt wandelt sich vom Nordischen zum Mittelmeerischen. Die Hand des Präfekten Mastromatei ist vielleicht etwas schwer, aber sehr wirksam. In zehn Jahren oder noch weniger wird es schwer sein, in Bolzano das Bozen von einst zu erkennen.«

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