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Briefe

Best-Sellers in rauhen Mengen
aus DER SPIEGEL 6/1949

Best-Sellers in rauhen Mengen

Mit großem Interesse las ich in Ihrem dritten Januar-Heft den ausgezeichneten Bericht über die Fremdenlegion. Besonderes Vergnügen bereitete mir der Seitenhieb auf die Verfasser von Büchern à la »Die Legion der verlorenen Seelen«.

Im Januar 1943 lagen Einheiten des deutschen Afrika-Korps in den Bergen Mittel-Tunesiens einigen Regimentern der Fremdenlegion gegenüber. Bei einem deutschen Angriff in der Gegend des Djebel Mansour wurden dabei das 1. und 3. Regiment der Fremdenlegion fast aufgerieben. Die Legionäre, als Kolonialtruppe kaum mit schweren Waffen ausgerüstet, kämpften mit großer Tapferkeit und zwangen uns höchste Achtung ab. Ich beobachtete, wie sie unter schwerem Beschuß eigene und auch deutsche Verwundete aus dem Niemandsland bargen. Nach den Kämpfen sammelten sich in Pont du Fahs etwa tausend Gefangene der Legion, und ich hatte Gelegenheit, mit ihnen zu sprechen. Ein »Adjutant-Chef« (Hauptfeldwebel), der einen militärischen Ausweis mit dem Namen Jean Estiot vorwies, erklärte mir plötzlich zu meiner größten Ueberraschung in unverfälschtem Rheinisch: »Dat ist ja Blödsinn; ich heißen Johann Stappen un bin aus Krefeld am Rhein!«

Ich erfuhr, daß die französische Vichy-Regierung bei den Waffenstillstandsverhandlungen 1940 eingewilligt hatte, alle deutschen Legionäre auszuliefern. Da aber fast das gesamte Unteroffizier-Korps der Legion aus ehemaligen Deutschen zusammengesetzt war, hätte dies das Ende der Truppe bedeutet. So wurden die Deutschen mit neuen Papieren ausgestattet und meistens zu geborenen Franzosen erklärt. Ich traf unter den Legionären Westfalen, die schon 1920 während der Ruhr-Aufstände in die Legion geflüchtet waren. Fast 60 Prozent der Legionäre waren Deutsche; etwa 30 Prozent waren Rotspanier, die mit der Brigade Lister 1939 Katalonien verließen, in Südfrankreich interniert wurden, und sich dann nach Afrika meldeten. Die deutschen Legionäre in Pont du Fahs hatten große Angst, als Landesverräter vor deutsche Militärgerichte gestellt zu werden. Dem war bei den deutschen Fronttruppen jedoch nicht so; im Gegenteil. Zwei Wochen später war ein Teil von ihnen wieder in Uniform; diesmal in deutschen. Sie kommandierten, in nur wenig herabgesetzten Dienstgraden, arabische Freiwillige in Hammamet auf der Halbinsel Bon, die für die Deutschen kämpfen wollten. Was später aus ihnen wurde, ist mir unbekannt.

Nebenbei: die Deutschen konnten in der Legion, auch bei den besten Leistungen, niemals Offiziere werden; dies blieb den wenigen Franzosen vorbehalten, die sich zur Legion meldeten. Die Legionäre, die ich sprach. machten auf mich einen ausgezeichneten Eindruck. auch ihre Offiziere, die in den meisten Fällen wahrlich wie Väter zu ihren Soldaten waren. Diese Legionäre waren ehrliche Realisten. Sie gaben sich weder als Glaubensstreiter einer Welt-Heilsarmee, noch als die Wegbereiter des irdischen Paradieses aus: sie fühlten sich als Angehörige eines schweren, unentbehrlichen Handwerks, das von ihnen selbst nicht erfunden worden war. Ihre Einzel-Schicksale hätten Stoff für rauhe Mengen von literarischen Best-Sellers gegeben ....

Tegernsee

HEINRICH BENEDIKT

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