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Briefe

BESTANDSAUFNAHME
aus DER SPIEGEL 19/1965

BESTANDSAUFNAHME

Ich möchte Ihnen danken für die Aufnahme des »Monat«-Aufsatzes von Peter Grubbe, obgleich doch der SPIEGEL - undankbarerweise - darin keine Erwähnung unter den hinterbliebenen liberalen oder zumindest non-konformistischen Publikationen in Deutschland findet. Bis auf diese Unterlassungssünde empfinde ich Grubbes »Bestandsaufnahme gegenwärtiger deutscher Publizistik« als sachlich und zutreffend.

Freiburg

ULRICH HALFMANN

cand. phil.

Der wilhelminische Obrigkeitsstaat, die Weimarer Kampfzeit, zwölf Jahre Goebbels und die kapitalistische Restauration in Form des Gottes Lebensstandard haben in Interdependenz unpolitische Konsumenten, eine Tradition des manipulierbaren Journalismus und vor allem, was von dem gemütlich-liberalen Ton Ihres Artikelschreibers weggeleugnet wird, die direkte Abhängigkeit von den Kapitalgebern der institutionalisierten Meinungen gebracht.

Tübingen

JORK PETER JATHO

Den Artikel von Peter Grubbe über die Zustände in der deutschen Presse habe ich sehr aufmerksam gelesen. Ich habe aber ein großes Unbehagen empfunden, als ich meinen Namen darin entdeckte. Er steht zusammen mit den Namen anderer Journalisten, zu denen ich nicht passe. Ich bewundere die Brillanz ihrer Feder, ich ziehe den Hut vor ihrer Lauterkeit und Charakterfestigkeit, aber ich gehöre leider nicht zu ihnen. Ich bin nicht »links«.

Ich werfe der offiziellen bundesrepublikanischen Außenpolitik vor, daß sie sich zum Werkzeug einer ideologischen Auseinandersetzung macht. Wer sie betreibt, tut Dienst an der politischen Ersatzreligion, am Antikommunismus, der die nationale und die sozialistische Ideologie abgelöst hat. Im 18. Jahrhundert war nichts als die Staatsräson das Hauptmotiv der Diplomaten. Mit der Französischen Revolution ist in der Außenpolitik Europas die ideologische Leidenschaft eingedrungen, die seitdem die staatspolitischen Erwägungen vergiftet hat. Aber die Französische Revolution ist die Mutter aller »linken« Umwälzung geworden. Wer es ablehnt, sich zu ihren außenpolitischen Erben zu machen, wie kann der »links« sein?

Bin ich also ein Reaktionär? Nun, die Staatsräson als Haupttriebfeder der Außenpolitik hat zeitlose Bedeutung und hat sich erfreulicherweise gelegentlich auch seit der Französischen Revolution durchgesetzt. Meine Vorbilder sind nicht nur Bismarck, der bei Nikolsburg seinen König zwang, auf die Rolle des strafenden Richters zu verzichten, um des Staatswohls willen; nicht nur Stresemann, der ein »Westler« war, sein Volk in die Zusammenarbeit mit Frankreich führte, aber es auch verhinderte, daß Deutschland zum Aufmarschgelände antikommunistischer Generalstäbe wurde, und der den Freundschaftsvertrag mit Rußland schloß, sondern auch der Demokrat Kennedy, der den Bolschewismus haßte und doch, um seines Landes willen, die Entspannung mit Rußland suchte; und schließlich, erschrecken Sie nicht, Nikita Chruschtschow, der um Rußlands willen um die kanadische Freundschaft warb und dem kanadischen Ministerpräsidenten auf dessen Klage über die Wühlarbeit der kanadischen Kommunnisten nur verärgert antwortete: »Sperren Sie sie doch ein!«

Staatsräson statt Ideologie, was hat das mit »rechts« oder »links«, »konservativ« oder »liberal« zu tun? Die Gefahr für uns Presseleute besteht nicht eigentlich in der Verdrängung der Liberalen durch die Konservativen. Auch die konservative Weltanschauung hat ein Recht darauf, publizistisch vertreten zu werden. Das Verhängnis sitzt tiefer. Es besteht darin, daß die Besitzer der Zeitungen den Redaktionen immer weniger Freiheit lassen, daß sie ihnen immer mehr ihren Willen aufzwingen. Da aber die Herstellung von Zeitungen und Zeitschriften immer größeres Kapital erfordert« wird der Kreis der Personen, die Presseorgane herausgeben können, immer kleiner. Damit wird unsere Abhängigkeit immer größer und immer gefährlicher. Auch scheint es ein soziologisches Gesetz zu sein, daß mit steigendem Reichtum der Respekt der Wohlhabenden vor der Individualität ihrer Mitarbeiter immer geringer wird. Schließlich halten sie es für selbstverständlich, daß Journalisten nicht ihre Bundesgenossen, sondern ihre willenlosen Gefolgsleute sind.

Ich weiß, daß es im deutschen Pressewesen Oasen gibt, in denen noch die Luft der Freiheit weht. Ich bin glücklich, in einer solchen Oase zu leben. Aber wie viele von meinen Kollegen können das von sich sagen? Durch den deutschen Journalismus geht eine tiefe Melancholie. Sie ist gerade unter fähigen Kollegen mit ausgeprägtem eigenem Profil am häufigsten. Diese Kollegen wissen und unterschätzen es nicht, daß die deutschen Journalisten mehr Geld verdienen, als es jemals in der Geschichte der deutschen Presse der Fall war. Aber sie fühlen sich stranguliert.

Im Grundgesetz stehen wunderschöne Bestimmungen über die Freiheit der Presse. Wie so häufig, ist die Verfassungswirklichkeit ganz anders als die geschriebene Verfassung. Pressefreiheit ist die Freiheit von zweihundert reichen Leuten, ihre Meinung zu verbreiten. Journalisten, die diese Meinung teilen, finden sie immer. Ich kenne in der Bundesrepublik keinen Kollegen, der sich oder seine Meinung verkauft hätte. Aber wer nun anders denkt, hat der nicht auch das Recht, seine Meinung auszudrücken? Die Verfassung gibt ihm das Recht, die ökonomische Wirklichkeit zerstört es. Frei ist, wer reich ist. Das ist nicht von Karl Marx, sondern von Paul Sethe. Aber richtig ist es trotzdem. Und da Journalisten nicht reich sind, sind sie auch nicht frei (jene wenigen Oasenbewohner ausgenommen).

Hamburg

PAUL SETHE

Sie haben sich mit der Übernahme der hochaktuellen Untersuchung von Peter Grubbe im Aprilheft des »Monat« das zusätzliche Verdienst erworben, diesem Röntgenbild unserer publizistischen Situation eine noch größere Publizität zu verschaffen. Was meinen eigenen »Fall« In diesem Zusammenhang betrifft, so möchte ich eine orientierende Bemerkung dazu machen. Es stimmt nicht ganz, daß Helmut Lindemann, seit Jahren ein fester und von mir geschätzter Mitarbeiter der »Stuttgarter Zeitung«, von der politischen auf die Buchseite des Blattes verbannt worden sei. Tatsächlich mußte er nur auf die erste Seite, das heißt, auf die Leitartikelspalte, verzichten, weil ich der Meinung war, daß der Leitartikel nur von Angehörigen der Redaktion (und des festen Korrespondentenstabes), nicht aber von Pfarrern, Professoren und Publizisten außerhalb der Redaktion geschrieben werden solle. Daneben stand Lindemann außer der Buchseite auch die »Dritte Seite« zur Verfügung, also die politische Artikelseite, die nicht für die Redaktion allein reserviert war.

Ich selbst würde mich wohl nicht, wie es in dem Aufsatz geschehen ist, als »Sozialist« etikettieren, was immer man heute auch darunter verstehen mag, sondern eher als einen Linksliberalen, der mit der SPD sympathisiert und mit Peter Grubbe einen gelegentlichen Führungswechsel, eine »Wachablösung« an Haupt und Gliedern, als wesentliche Voraussetzung einer funktionierenden Demokratie betrachtet. Aber Peter Grubbe wollte wohl mit einem einzigen Wort kennzeichnen, daß denen, die mich abgehalftert haben, die ganze Richtung nicht paßte, obwohl sie mich, wie er richtig bemerkt, vor sechs Jahren in voller

Kenntnis meiner politischen Ansichten geholt hatten.

Stuttgart

DR. ROBERT HAERDTER

Links immer leiser? Was das Fernsehen angeht, so beweisen betont zeitkritische Sendereihen wie »Panorama« und »Report« und nicht nur »Hallo, Nachbarn!«, sondern eine regelrechte Schwemme kritischer Kabarettprogramme genau das Gegenteil. Neue Stimmen in diesem Konzert sind die abendlichen Fernsehkommentare von Journalisten wie Bölling, Pross, Gütt, Schulz, Sommer, Ahlers, Flach und anderen.

Der WDR beginnt gerade jetzt mit dem »Monitor«, einer wöchentlichen Magazinsendung, die nach Ankündigung der Verantwortlichen noch härter werden soll als »Panorama«.

Ist die Gedankenfreiheit bedroht? Von rechts wohl kaum, schon gar nicht in Rundfunk und Fernsehen. Was soll also dieser Aufruf eines Mannes, der es besser wissen müßte? Wie 1961 werden auch im Wahljahr 1965 Alternativen beschworen. Schade nur, daß sie mehr und mehr zu Alternativen in der Qualität werden. Das zeigt auch der Artikel Grubbes, den der journalistische Nachwuchs in die Illustrierten abgedrängt hat.

Meindorf (Sieg)

OTTFRIED HENNIG

Der Jammer über den schwindenden Einfluß der Linksintellektuellen, den Sie jetzt feststellen zu können glauben, erinnert an einen Satz, den man der Katholischen Kirche jahrzehntelang ins Stammbuch geschrieben hat: Sie glaubt sich überall dort verfolgt, wo sie nicht herrscht.

Zwanzig Jahre nach 1945 haben es eben viele Leser satt, Ansichten als sogenannte »öffentliche Meinung« vorgesetzt zu

bekommen, die in Wahrheit nur »interne fachpolitische Diskussion« war. Man hat zu lange die veröffentlichte Meinung mit der öffentlichen Meinung verwechselt. Und man hat zu lange für eine Verhaltensweise das Wort »liberal« für sich in Anspruch genommen, während man alles, was nicht in die zunächst von den Besatzungsmächten, dann von den Lizenzblättern eingeschlagene Richtung der Vergangenheitsbewältigung paßte, in sehr unliberaler Weise verdächtigte, verhöhnte oder wenigstens totschwieg. Eine ganze Reihe von Tabus wurde aufgestellt, jede gegenteilige Ansicht wurde mit exzellenter Stilkunst bis zur Existenzbedrohung geradezu niedergeknüppelt.

Sehen Sie, und das alles haben die meisten Leute jetzt satt. Sie haben sich zwanzig Jahre lang in überheblichen Formen, im penetranten gouvernantenhaften Ton beschimpfen, verhöhnen und verdächtigen lassen.

Gewiß, Demokratie ist die Möglichkeit einer politischen Alternative. In den vergangenen zwanzig. Jahren gab es jedoch keine ernst zu nehmende Alternative, weil die Linksintellektuellen ihr Meinungsmonopol, das sie von den Besatzungsmächten erhalten hatten und das sie in den Lizenzblättern bewahren konnten, zu rücksichtslos ausgenutzt haben und weil sie das Leservolk für zu kritiklos gehalten haben.

Mühlacker (Württ.)

DR. E. MORGENSTERN

Daß einigen dieser Bedauernswertigen auf ihren Stoßseufzer »Wohin sollen wir bloß, um noch gehört zu werden«, nicht die natürliche Antwort einfällt: in die DDR natürlich. Für Neven-du Mont, Kogon, Paczensky, Proske und andere wäre sogar Rußland zu edel.

Stuttgart

ALBERT BOGER

Sethe

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»Ich glaube, wir brauchen noch ein paar Intellektuelle, um einen besseren Überblick zu gewinnen«

Haerdter

Grubbe

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