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JAPAN Bestaunte Exotin

Erstmals in der Geschichte Japans wurde eine Frau Vorsitzende einer politischen Partei. *
aus DER SPIEGEL 40/1986

Es war ein für Japan beispielloser Auftritt: Im Plenarsaal des Parlaments zu Tokio ging eine Frau ans Rednerpult und rechnete in einem längeren Vortrag mit der Regierungsarbeit des Ministerpräsidenten Nakasone ab, der regungslos dabeisaß.

Mit ihrer Rede vom 16. September machte Takako Doi Geschichte. Zehn Tage zuvor war sie zur Vorsitzenden der Sozialistischen Partei Japans (SPJ) gewählt worden: Erstmals übernahm damit eine Frau die Führung einer politischen Partei in Japan, erstmals also auch hielt eine Frau eine politische Grundsatzrede im Parlament.

»Die Leute hier sind nicht daran gewöhnt, Frauen in Machtpositionen zu sehen«, sagte Takako Doi, 57, nach ihrer spektakulären Rede, »aber heute schon wird sich die Einstellung vieler junger Menschen ändern, wenn sie nur das Fernsehen anschauen.«

Tatsächlich brachten sämtliche TV-Stationen zu bester Sendezeit ausführliche Berichte über Frau Dois Parlamentsauftritt: ihr Photo erschien am nächsten Tag auf der ersten Seite fast aller Zeitungen.

Die ledige Rechtsdozentin Doi ist eine vielbestaunte Exotin. Denn Japan ist immer noch eine reine Männergesellschaft. Ob in der Industrie, ob in der Politik: Männer beherrschen die Szene. Frauen haben »Einen halben Schritt zurück« (so der Titel eines US-Buchs über die japanische Frau) zu stehen. Obgleich Frauen 40 Prozent der japanischen Erwerbstätigen ausmachen, spielen sie in den Führungsetagen privater wie öffentlicher Unternehmen kaum eine Rolle. Von den 27000 Topmanagern der an der Tokioer Börse zugelassenen Firmen sind lediglich zwölf Frauen. Bei den selbständigen Berufen sieht es kaum besser aus.

Das gleiche Bild in der Politik: Keiner der 47 Provinzgouverneure, keiner der 652 Bürgermeister größerer Städte ist weiblich. Frauen machen mehr als die Hälfte der Wählerschaft aus: aber im Unterhaus des Parlaments sitzen 505 männliche und nur sieben weibliche Abgeordnete - darunter auch Takako Doi, die dem Parlament seit 17 Jahren angehört. In Ministerpräsident Nakasones konservativer Regierung gibt es keinen weiblichen Minister. Und nur sehr wenige Frauen auch finden sich in gehobener Stellung in Behörden und Verwaltung.

Vor diesem Hintergrund ist die Wahl einer Frau zur Vorsitzenden der SPJ sicherlich »der Anfang eines neuen Trends«, wie Takako Doi meint. Ihr Aufstieg in der japanischen Politszene ändert bestimmt nicht Japans Politik; sicher aber ist ihre Karriere ein ermutigendes Beispiel für ihre über 60 Millionen Geschlechtsgenossinnen.

Höchst zweifelhaft ist, ob Takako Doi den fortschreitenden Verfall ihrer Partei wird aufhalten können. 1947 waren die Sozialisten so stark, daß sie den Regierungschef stellten; danach konnten sie sich noch einmal an einer Koalitionsregierung beteiligen. Noch 1960 war die SPJ so mächtig, daß die Regierung Kishi über ihre Opposition stürzte.

Heute ist die Sozialistische Partei zwar immer noch die wichtigste Oppositionspartei in Japan, aber ihr Wähleranteil fiel auf 17 Prozent. Seit zehn Jahren schleppt sie sich von einer Wahlniederlage zur nächsten; der Verschleiß an Parteivorsitzenden, die jeweils die Verantwortung für den erneuten Rückschlag übernahmen, war entsprechend groß.

Wichtigster Grund für den Niedergang der Partei ist ihre ideologische Zersplitterung in einen marxistischen und einen sozialdemokratischen Flügel. Weitere Gründe für den Niedergang: Die SPJ ist finanziell völlig abhängig von den Gewerkschaften; die SPJ hat zu lange Nachwuchs- und Mitgliederarbeit allgemein vernachlässigt - sie zählt lediglich noch 68000 Mitglieder.

»Die Menschen kommen dort zusammen, wo ein helles Licht strahlt und wo sie sich wohl fühlen«, sagt Takako Doi, »aber unsere Partei ist dunkel und ungemütlich.«

Takako Doi möchte der Sozialistischen Partei das strahlende Licht sein. So sei es vordringlich, die Jugend zu gewinnen und an die Partei zu binden. Und natürlich will sie stärker als bisher Frauen ansprechen.

Doi: »Die Leute meinen im allgemeinen, Frauen seien konservativ. Aber das ist völlig falsch, besonders in Japan.«

Bislang wurde Takako Doi von Nippons Presse recht wohlwollend betrachtet, noch überwiegt der Reiz des Neuen die Kritik. Selbst an großem Vorschußlob fehlt es nicht: Schon nannte eine Zeitung Frau Doi die »Thatcher des Ostens«.

Dergleichen Spitznamen »stören mich nicht«, sagt Takako Doi, »egal wie man mich nennt - es darf nie der Zusatz fehlen 'made in Japan'«.

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